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Not macht erfinderisch - aber nicht in der Wissenschaft

von Thomas Loer

Über die Situation der Privatdozenten und zwei Modelle von Universität.

Not macht erfinderisch – aber nicht in der Wissenschaft© clu - iStockphoto.comDie Qualifikation von Privatdozenten in Deutschland ist mühsam, eine Chance auf Festanstellung gibt es selten. Demgegenüber stehen zwei Modelle von Universität
In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 22. Februar beschrieb Stefan Laube die Situation von 5 000 Privatdozenten an deutschen Universitäten, ohne die die Lehre wenn nicht zusammenbrechen, so doch deutlich mehr Lücken aufweisen würde, als es so schon der Fall ist, und er verwies darauf, dass diese Privatdozenten wo nicht unentgeltlich - sie müssen gar die Fahrtkosten vom Wohn- zum Lehrort noch selbst tragen - so gegen ein Salär tätig sind, das Honorar zu nennen schon ein Euphemismus ist und für das, wie eine Professorin einmal sagte, sie keinen Gärtner bekäme. Laube plädierte dafür, das Verdienst dieser Privatdozenten dadurch zu würdigen, dass sie in eine Festanstellung übernommen würden, nach gewisser Zeit den Professorentitel erhielten und so, aus der prekären Lage befreit, ein halbwegs normales Leben, etwa mit Familiengründung, führen könnten. Dem antwortete am 29. Februar Volker Rieble mit der Forderung, den Privatdozenten früher auszusortieren, damit das Versorgungsproblem, auf das er die Darstellung von Laube reduzierte, gar nicht erst entstehe.

Beiden Beiträgen nun ist gemeinsam, dass sie das in ihnen jeweils zugrundegelegte Modell von Universität, das die Voraussetzung ihrer jeweiligen Argumentation ist, nicht explizieren, womit sich eine verengte Problemsicht ergibt, die einen trefflichen Streit zwischen Vertretern einer überkommenen Versorgungsmentalität und toughen Neoliberalen nicht nur zulässt, sondern befördert und damit das Thema, um dass es angesichts der Entwicklung der Wissenschaft und Universität in Deutschland eigentlich geht, hinter einem Schleier von Sozial- und Arbeitspolitik verbirgt. Wir stehen an einem Scheideweg zwischen zwei Modellen von Universität. Für das eine Modell, das vielen als überholt gilt und das selbst seine Verfechter schon aufgegeben haben, seit die Hochschulreformer sich seiner angenommen haben, ist Universität die Heimat von Wissenschaft, der Ort, an dem Wissenschaft um ihrer selbst willen betrieben wird; das andere ist das Modell der Universität als Unternehmen, out-put-orientiert, das durch die Formalisierungen in Bachelor und Master, durch die Besoldungsreform etc. eine effiziente Universität hervorgebracht hat bzw. hätte, gäbe es nicht die Reformverhinderer mit ihrer Versorgungsmentalität.

Zur Situation der Privatdozenten

Die Situation vieler Privatdozenten in Deutschland ist prekär. Nach langem, mühevollem Qualifikationsweg bleibt ein hohes Risiko, trotz herausragender Leistungen die erhoffte Professur doch nicht zu erlangen. Jenseits naheliegender Ursachenzuschreibung stellt sich die Frage nach den Modellen von Universität, die in der Debatte eine Rolle spielen.

Wissenschaft um ihrer selbst willen

Betrachtet man das Schicksal der Privatdozenten aus der Perspektive dieser beiden Modelle, so ist in der Perspektive des zweiten Modells der Privatdozent jemand, der in dem effizienten Betrieb der Leistungsauslese gescheitert ist, ohne aber - das sind die Mängel, die der modernen Universität noch anhaften, weil sie nicht genügend nüchtern mit der Versorgungsmentalität aufgeräumt hat - rechtzeitig aussortiert worden zu sein. Die entsprechende Forderung hat Volker Rieble seinem Artikel als Titel gegeben. Aus der Perspektive des ersten Modells hingegen ist der Privatdozent jemand, der an der vordersten Front der Forschung steht, dort wo die wissenschaftliche Innovation stattfindet und wo im Prinzip - wie es im 19. Jahrhundert der Fall war - mit jeder Habilitation eine neue Disziplin, eine neue Wissenschaft entstehen könnte. Wenn man nun, wie Stefan Laube fordert, diesem Frontkämpfer einen Ehrensold verleihen soll, um ein akademisches Prekariat zu vermeiden, so stützt sich diese Forderung zwar auf die Logik der Wissenschaft als unvoreingenommener und zweckfreier Forschung, schüttet aber, indem sie tendenziell gewerkschaftlich argumentiert und sich damit dem von Rieble treffsicher erhobenen Vorwurf der Besitzstandswahrung aussetzt, den strukturlogischen Kern der Forderung nach Alimentation zu. Universität in dem ersten Modell braucht, um die unüberholte Formulierung Max Webers vom ersten deutschen Soziologentag 1910 zu zitierten, ein "Mäzenatentum, welches die Geduld hat, abzuwarten, daß die um ihrer selbst willen betriebene Wissenschaft schließlich irgendwann auch »dem Leben diene«". Man kann begründen, dass Wissenschaft - und nur Wissenschaft -, die um ihrer selbst willen betrieben wird, irgendwann auch dem Leben dient, denn nur sie ist wirklich erfinderisch: aus einer durch Alimentation abgesicherten Muße heraus. Wenn der Volksmund sagt: "Not macht erfinderisch", so hat er insoweit - und nur insoweit - recht, als die Not dazu antreibt, Lösungen zu finden für das akut drängende Problem. Wissenschaft aber findet, wenn ihr nur die Zeit gelassen wird, Lösungen für Probleme, von denen die Praxis noch gar nicht ahnt, dass sie ihr begegnen könnten. Aber auch wenn wir den Blick von der praktischen Problemlösung abwenden, so dient um ihrer selbst willen betriebene Wissenschaft, die Erkenntnis und nichts als Erkenntnis hervorbringt, dem Leben, sofern wir es nicht als bloßes Überleben, sondern als Leben der Gattung Mensch begreifen, die in ihrem kurzen Dasein auch verstehen will, was die Welt im Innersten zusammenhält.

Die Universität als Ort effizienter Wissensproduktion

Das zweite Modell begreift hingegen Universität als den Ort der effizienten Wissensproduktion und mehr noch: Wissensvermittlung. Die Effizienz muss gemessen werden können, wofür es der Kennzahlen bedarf, anhand derer sich der Output bewerten lässt. Die Finanzierung der Wissenschaft durch die Gesellschaft wird hier nicht als Alimentation, als Eröffnung und Zur-Verfügung-Stellen eines Raumes der Muße begriffen, sondern als Investition, die sich in einem Return-on-investment auszahlen muss: für den Bachelor-Absolventen am Arbeitsmarkt, für die Gesellschaft in der Arbeitskraft des Absolventen und in der Wissensproduktion der Wissenschaft. Dass das Unternehmen Universität diesen Return-of-investment tatsächlich erbringt, darüber wachen dann konsequenter Weise nicht Wissenschaftler, sondern Hochschul- bzw. Aufsichtsräte. Das gleiche Modell liegt der im Gestus des abgeklärten Realisten von Remigius Bunia in der FAZ vom 14. März vertretenen These zugrunde, dass Universität längst zur Unterrichtsanstalt wurde und man anerkennen solle, dass Wissenschaftler an der Universität "auch nur ein Job" sei (ein Blick in Webers Aufsatz "Wissenschaft als Beruf" hätte davor bewahren können, Job und Beruf zu verwechseln). Die Aufgabe der Universität wird in "Massenfertigung" gesehen. Unbeantwortet bleibt die Frage, wie ohne Wissenschaft als sachlichen Kern der Universität - der seine "aristokratische und sakrale" Herkunft längst hinter sich gelassen hat, ohne seine konstitutive Funktion zu verlieren - etwas hervorgebracht würde, das unterrichtet werden könnte. Der Privatdozent ist in beiden Modellen nicht unabdingbar. Im zweiten Modell ist eine effiziente Organisation der Nachwuchsausbildung in auf formalisierte Graduiertenkollegs und auf strukturierte Promotionsprogramme aufbauenden strukturierten Forschungs- und Lehrweiterbildungprogrammen, vielleicht mit zeitlich befristeter evaluierter Tätigkeit in der Lehre und in der antragsgeleiteten Forschung denkbar; im ersten Modell eine Verabschiedung des zweiten Buches, eine Ausstattung mit entsprechenden Forschungs- und Lehrmöglichkeiten, die je nach Disziplin mehr oder weniger kollegiale Elemente enthalten können. Natürlich ist dabei die tatsächliche Möglichkeit der Arbeit in Forschung und Lehre zu berücksichtigen; klare Aussagen über Chancen müssen mit die Grundlage für die Entscheidung auch wissenschaftliche Karriere sein, eine Entscheidung für die Wissenschaft, die aber niemals allein auf der Basis der Einschätzung dieser Chancen getroffen wird, sondern maßgeblich aus der Leidenschaft für die Sache. Aber das Bedenken eines Plan B muss ermöglicht und ermuntert werden - innerhalb der Wissenschaft in von unsinnigen bürokratischen Beschränkungen (12-Jahres-Regel) befreiten Verhältnissen wie auch außerhalb. Nicht um den Privatdozenten also geht es (oder wie an anderer Stelle um die Versorgung bei C- vs. W-Besoldung), sondern um die Klärung und Beantwortung der Frage: Was für eine Wissenschaft wollen wir? Wo wollen wir sie stattfinden lassen? Soll sie an der Universität einen Ort haben? Wo sollen die berechtigten Zwecke der Wissensvermittlung und Ausbildung ihren Ort haben (warum etwa nicht die starken Fachhochschulen stärken - als Fachhochschulen, nicht als Universitäten)?

Eine neue Debatte?

Nun könnte man sagen, dass mit der Bologna-Reform die Entscheidung längst getroffen ist und die Ewiggestrigen der alten Universität, wo sie sich überhaupt zu Wort melden, nur noch Rückzugsgefechte um Versorgungsinteressen liefern und den Erfolg des zweiten Modells behindern, verzögern, aber nicht verhindern können. Es scheint aber doch auch andere Einschätzungen zu geben. So ist neuerdings in der verantwortlichen Politik die Rede davon, dass die Wissenschaft - so etwa unlängst der baden-württembergische Ministerpräsident - ein eigenes Leitbild brauche, "das sich nicht einfach an Unternehmen orientiert, die bekanntlich in der Marktwirtschaft vornehmlich nach Rentabilitätsgesichtspunkten arbeiten", und Bildungsministerin Schavan konstatierte kürzlich: "Es ist an der Zeit, eine neue gesellschaftliche Debatte über den Wert und das Wesen von Bildung zu beginnen, und zwar unabhängig von ihrer Verwertbarkeit auf dem Arbeitsmarkt." Eine späte Einsicht, fürwahr: Der beste Zeitpunkt für diese Debatte wäre vor 'Bologna' gewesen; der zweitbeste Zeitpunkt ist jetzt.


Über den Autor
Thomas Loer ist Privatdozent an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftl. Fakultät der TU Dortmund, Gastdozent an der Fakultät für Kulturreflexion der Privaten Universität Witten/Herdecke.

Aus Forschung & Lehre :: April 2012

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