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Nur halb Elite

Von Jan-Martin Wiarda

Neun Universitäten dürfen sich "exzellent" nennen - wegen ihrer Forschung. Doch die Studienbedingungen sind genauso schlecht wie anderswo.

Nur halb Elite: Studienbedingngen Exzellenz-HochschulenDieter Lenzen, Präsident der Freien Universität Berlin
Normalerweise neigt Dieter Lenzen nicht zu Haarspaltereien. Als etwa die Berliner Freie Universität (FU) am 19. Oktober 2007 zu einer von deutschlandweit neun Elite-Hochschulen gekürt wurde, jubelte ihr Präsident: "Ich wusste immer, dass wir gut sind." Ein halbes Jahr später allerdings nimmt es Lenzen auffällig genau. Der Exzellenzwettbewerb habe einzig und allein im Bereich der Forschung stattgefunden, betont der FU-Präsident, außerdem sage der Sieg weniger aus über die Qualität der Hochschule in der Gegenwart als über das Potenzial, das ihr die Gutachter zutrauten. "Der Exzellenz-Status ist ein Rabatt in die Zukunft."

Dieter Lenzens Vorsicht hat einen Grund. Während die Freie Universität auf vielen Forschungsfeldern längst zur internationalen Spitze zählt, bleibt die Qualität der Lehre oft im Morast der Mittelmäßigkeit stecken.

Dabei handelt es sich keineswegs um ein FU-typisches Phänomen: Von Heidelberg bis München, von Freiburg bis Aachen, eine Sonderauswertung des CHE-Hochschulrankings ergibt an den neun Elite-Universitäten eine besorgniserregende Kluft zwischen den häufig brillanten Forschungsleistungen ganzer Fachbereiche und eklatanten Missständen bei der Studiensituation. Ausschließlich grüne Punkte bei den Forschungsindikatoren, ganze Batterien roter in der Spalte mit den Lehrbewertungen, wobei Grün im Ranking für "Spitzengruppe" steht und Rot für "Schlussgruppe" - kein seltenes Bild an den Hochschulen, die sich spätestens seit der Ex zellenzinitiative zu Deutschlands besten zählen. Wolfgang Herrmann, Präsident der TU München, sagt: "Die Annahme, ein exzellenter Forscher sei automatisch ein exzellenter Lehrer, ist natürlich Unsinn."

Dass die neun Elite-Unis in Sachen Studierqualität kaum einen Deut besser sind als die Masse der deutschen Hochschulen, ist ein weiterer alarmierender Beleg für die jahrzehntelange Vernachlässigung der Lehre durch Politik und einen Teil der Wissenschaft. Doch jetzt schlägt das Pendel zurück.

"Mir stinkt nichts mehr als Hochschulen, die sich seit der Exzellenzinitiative stolzgeschwellt Forschungsuniversitäten nennen", sagt Wolfgang Herrmann.

Bislang hat die Politik alle ihre Hoffnungen auf die große Bologna-Studienreform gesetzt, die Umstellung aller Studienabschlüsse auf die europaweit vergleichbaren Abschlüsse Bachelor und Master. Bei Bologna steht der Student, zumindest in der Theorie, im Mittelpunkt, sein Lernerfolg soll durch mehr Leistungstransparenz und eine bessere Studienorganisation garantiert werden. Doch spätestens in den vergangenen Monaten haben Meldungen über erhöhte Abbrecherquoten und hoffnungslos überlastete Studenten klargemacht, dass eine Reform der Studienstruktur alleine nicht reicht - mehr Geld und ein ganz neuer Ansatz in der Lehre müssen her, damit die Reform zu einem vollen Erfolg wird.
Alle Macht dem Präsidenten

Wolfgang Herrmann, Präsident der TU München


Die neue Richtung vorgegeben hat ausgerechnet der einflussreiche Wissenschaftsrat, ein Gremium, in dem Politiker und Wissenschaftler an einem Tisch sitzen. Seine "Empfehlungen zur Qualität von Lehre und Studium", die in dieser Woche verabschiedet werden sollen, sind ambitionierter Forderungskatalog und Versprechen zugleich: Nichts weniger als eine neue "Kultur der Lehre" ist das Ziel, in der die Reputation eines Hochschullehrers in gleicher Weise durch Leistungen in Lehre und Forschung entsteht. Konkretere Maßnahmen, wie dieses Ziel zu erreichen sei, will der Wissenschaftsrat vorab nicht nennen, viele davon seien bereits bekannt, würden aber bislang weder systematisch noch flächendeckend eingesetzt. Am meisten Sprengkraft dürfte jedoch eine Zahl entwickeln: 1,2 Milliarden Euro. Einen solchen Aufschlag für die Universitäten hatte der Wissenschaftsrat schon 2006 für nötig befunden - ein Plus von jährlich 15 Prozent für alle lehrbezogenen Ausgaben, um die Lehrqualität zu erhöhen, über Neueinstellungen die Betreuungsrelationen zu verbessern und so Anschluss an die in anderen Ländern üblichen Standards zu finden. Was die 1,2 Milliarden so bemerkenswert macht: Sie sind eben auch von den Wissenschaftsministern der Länder abgesegnet, die im Wissenschaftsrat mitentscheiden. Sollte diese Summe durch die aktuellen Empfehlungen an prominenter Stelle erneut bestätigt werden, könnte eine spürbare Verbesserung der desolaten Finanzlage vieler Hochschulen nach Jahren der Sonntagsreden erstmals in greifbare Nähe rücken.
Wenn es einen Ort an der FU gibt, an dem Anspruch und Wirklichkeit einer Elite-Universität bereits eins sind, dann im "Brain", der neuen, vom Reichstag-Umbauer Norman Foster entworfenen Philologischen Bibliothek, die die Form eines riesigen menschlichen Gehirns hat. Der Blick von den geschwungenen Lese-Emporen hinunter zu dem Teppich mit dem FU-Bärenlogo ist innerhalb von nur drei Jahren zum wohl meistfotografierten Uni-Motiv geworden. Die Studenten lieben es, auf den Emporen zu hocken, die sich wie Terrassen hin zur Decke stufen, von hier kann man perfekt die Drehtür im Auge behalten: ein ständiges Sehen und Gesehenwerden. Ein schickes Stückchen Uni.

Vom Brain zum Zimmer von Stefan Petri sind es nur ein paar Meter Luftlinie, ein Spaziergang durch schlecht beleuchtete, immergleiche Gänge. Auch hier, im Fachbereich Psychologie, ist die Wirklichkeit der FU zu Hause - in allen studienrelevanten Kategorien, von der Studienorganisation bis zur Betreuung der Studenten, liegt die FU-Psychologie im Schlussfeld aller deutschen Universitäten, einzige Ausnahme: die Bibliotheksausstattung, da reicht es im CHE-Ranking für die Mittelgruppe. Besonders pikant: Gleichzeitig ist der Fachbereich dank seiner hervorragenden Forschungsleistung an einem im Rahmen des Elite-Wettbewerbs geförderten Exzellenzcluster beteiligt. "Die Situation der Lehre ist in einigen Bereichen verbesserungswürdig ", sagt Petri, Leiter des Studienbüros, wolkig, nachdem er sich an einem Besprechungstisch niedergelassen hat, der genauso grau ist wie die Betonwände in seinem Zimmer. "Darum hat der Fachbereich ja dieses Büro eingerichtet."

Wer mit Studenten redet, dem wird ziemlich schnell klar, dass "verbesserungswürdig" lange Zeit eine nette Untertreibung für "katastrophal" war. Das Psychologie- Diplom, so erzählen sie hinter vorgehaltener Hand, sei ein Paradebeispiel für ein schlecht organisiertes, abschreckendes Massenstudium gewesen, in dem der Einzelne leicht verloren gehen konnte, mit Professoren, denen ihr zur Schau gestelltes Des inte resse an den Studenten teilweise nicht einmal mehr peinlich war. Wobei dies offenbar vor allem für die unteren Semester galt. "Seit ich im Hauptstudium bin, geht es besser", sagt Susanne Hartung, 26. "Jetzt fließen endlich auch konkrete Forschungsergebnisse in unsere Arbeit ein, die Gruppen sind kleiner, das macht Spaß." Insgesamt, so findet sie, könne man sicherlich vieles besser machen, aber "so grottenschlecht ist die Lehre bei uns auch wieder nicht".

Es ist einer dieser Sätze, die typisch sind für die Studenten der FU-Problemfächer. Aus ihm spricht ein wenig Schicksalsergebenheit, ein wenig Trotz. "Ich war nur an dieser Uni, woher soll ich wissen, ob es woanders besser ist", sagt Christian Zimmermann, der Pharmazie studiert, noch so ein Fach, das ganz tief in den roten Punkten steckt. Dann bemängelt er aber doch sehr zielsicher die schlechte Laborausstattung, die miese Betreuungsrelation und die "zum Teil sehr bescheidene didaktische Qualität der Vorlesungen". Statistiken zeigen zudem, dass die Abbrecher- und Durchfallquote in der FU-Pharmazie teilweise exorbitant sind. Auch Zimmermann berichtet fast beiläufig, dass von den 90 Studienkollegen, mit denen er im ersten Semester begonnen habe, jetzt im siebten noch 16 übrig seien. Die meisten bleiben in der Organikprüfung nach dem ersten Studienjahr hängen. "Es ist halt ein hartes Fach, was soll man machen", sagt Shvabskyy Rostyslav, der vor dem In sti tut für Pharmazie in der Sonne hockt. Der 24-Jährige hat die Organik-Hürde erst beim zweiten Mal geschafft, doch auch er will deshalb nicht in eine Professorenbeschimpfung verfallen. Nach Jahrzehnten schlechter Lehre, so scheint es, haben sich viele Studenten mit ihr arrangiert.
Bislang blieb ihnen auch wenig anderes übrig. Erst seit Uni-Präsidenten Rankings ernst nehmen müssen, bleiben schlechte Lehrleistungen immer seltener ungeahndet. "Natürlich ist der Erwartungsdruck vonseiten der Hochschulleitung gestiegen, weil wir so enttäuschend abgeschnitten haben", sagt Matthias Melzig, Professor für Pharmazeutische Biologie. Nach dem letzten Ranking hat er sich mit seinen Kollegen hingesetzt, und sie haben Ursachenforschung betrieben. "Druck von außen kann dabei manchmal sehr heilsam sein", sagt Melzig. Im Ergebnis haben sie unter anderem ein Mentorenprogramm aufgelegt, durch das sich die Studenten erstmals regelmäßig mit ihren Professoren treffen können. "Statt nur abzufragen, müssen wir den Studenten dabei helfen, ihre Lernmethoden zu verbessern und durch die Unmengen an Wissen zu navigieren, die unser Fach ausmachen", sagt Melzig - was bereits ziemlich genau nach dem klingt, was der Wissenschaftsrat den deutschen Hochschullehrern ins Stammbuch schreiben will. Auch die FU-Psychologie geht neue Wege: Studienbüroleiter Petri und seine Kollegen haben den neuen Bachelorabschluss so gestaltet, dass er endlich jene Struktur vermittelt, die im Diplom gefehlt hat. Von der Bologna- Reform erwartet er sich viel: "Ich glaube, dass die Bachelorstudenten zufriedener sein werden und dass sich das auch im Ranking auswirken wird." Dank des Erfolgs in der Exzellenzinitiative kämen zudem zwei zusätzliche Professoren in den Fachbereich. "Das ist eine spürbare Verbesserung, und ganz bestimmt profitieren die Studenten von dieser Dynamik."

So zeichnet sich allmählich auch in den Problemfächern ein Mentalitätswandel hin zu einer neuen Wertschätzung für die Lehre ab, an der Freien Universität zusätzlich verstärkt durch ein Zwölf-Punkte- Programm "Qualitätsoffensive Lehre", das Dieter Lenzen durchgedrückt hat: Die Einrichtung zentraler Studien- und Prüfungsbüros gehört zu den Maßnahmen, ebenso wie eine einheitliche Form der Lehrevalua tion, mehr Einführungsveranstaltungen oder flächendeckende Mentoringprogramme für Erstsemester. "Das kostet richtig Geld, und das werden wir auch ausgeben", kündigt Lenzen an. Elf Millionen Euro zusätzlich in den nächsten zwei Jahren macht die FU für die Initiative locker.

Auch die anderen Elite-Universitäten machen jetzt Nägel mit Köpfen. Die TU München will bis 2009 ein verpflichtendes Qualitätsmanagementsystem für die Lehre einrichten, ähnlich wie es der Wissenschaftsrat fordert. "Noch sind wir in der Hinsicht an den Universitäten sehr vorsintflutlich", sagt Wolfgang Herrmann. "Wir müssen die ausschlaggebenden Indikatoren erst definieren, es gibt da ja bislang so gut wie nichts Belastbares." Das neue Präsidium der Universität Freiburg wiederum, gerade seit einem Monat im Amt, hat gleich eine Stabsstelle eingerichtet, die alle Bemühungen um "Exzellenz in der Lehre" koordinieren soll. "Natürlich hat die Exzellenzinitiative eine Strapaze für die Universität bedeutet, auch zulasten der Lehre. Das wird sich jetzt ändern", sagt Vizepräsident Hans- Jochen Schiewer. Eine Entschuldigung will er dabei nicht mehr gelten lassen: das knappe Geld. "Das ist ein Totschlagargument und letztendlich ein Gemeinplatz. Mit dem gewaltigen Strukturdefizit leben wir seit Jahrzehnten, jetzt kommt es darauf an, unter den widrigen Umständen neue Ideen zu entwickeln. Da gibt es genug Möglichkeiten."

Aus DIE ZEIT :: 08.05.2008

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