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Offene Rechnungen

VON CHRISTINE BRINCK

Strapazieren ausländische Studenten die Schweizer Hochschulen?

Offene Rechnungen© Chris Schmidt - iStockphoto.com
In zehn Jahren wird, Prognosen des Schweizer Bundesamts für Statistik zufolge, jeder vierte Student in der Schweiz ein Ausländer sein. Die Zahl der internationalen Studenten im Alpenstaat hat sich seit 1997 mehr als verdoppelt - von 12 400 auf 30 300. Die Hochschulen sind besorgt. Grund für die öffentliche Aufregung ist nicht etwa eine grassierende Fremdenfeindlichkeit, sondern es sind die explodierenden Kosten. Die Ausländer zahlen zu niedrige Studienbeiträge, die hier Kollegiengelder heißen.

Wie bei den Einheimischen beläuft sich auch ihre Gebührenrechnung auf 1000 bis 2000 Schweizer Franken pro Jahr. Lediglich die Universität in der italienischen Schweiz in Lugano knöpft den Ausländern doppelt so viel wie den Inländern ab: 8000 Schweizer Franken. Innerhalb der Schweiz sorgt indes ein ausgeklügelter Finanzausgleich dafür, dass die Hochschulen nicht auf ihren tatsächlichen Kosten sitzen bleiben. Besucht etwa eine Studentin aus dem Kanton Graubünden die Universität Zürich, dann ersetzt der Kanton Graubünden dem Kanton Zürich einen großen Teil der Studienfinanzierung.

Anders bei den Ausländern: Studiert zum Beispiel ein Deutscher in Zürich, Fribourg oder St. Gallen, gibt es aus Deutschland keinen Cent. Der Kanton muss zahlen. Schon jetzt stellen die Deutschen mit fast 30 Prozent die größte Gruppe der ausländischen Studenten, gefolgt von Franzosen und Italienern. Und es dürften noch mehr werden, droht doch durch die doppelten Abiturjahrgänge in Deutschland mancherorts ein noch stärkerer Mangel an Studienplätzen. Die NZZ am Sonntag zitierte bereits in dicken Lettern den Leiter des Rektorats der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich, Dieter Wüest: »Wir sind nicht daran interessiert, für halb Europa die Grundausbildung zu leisten.« Sein Kollege von der Uni Zürich haute in dieselbe Kerbe. Tatsächlich ist die Schweiz für Europäer ein beliebtes Ziel. Als Bologna-Staat hat sie die europaweit vergleichbaren Abschlüsse Bachelor und Master eingeführt, sie hat ein paar Weltklassehochschulen - und niedrige Studiengebühren. Schweizer Studenten gehen dagegen kaum ins Ausland. Sie genießen lieber die Exzellenz ihrer eigenen Universitäten - zu Recht: Die ETH ist nach dem einflussreichen Shanghaier Hochschulranking die Nummer 4 in Europa, direkt hinter drei englischen Universitäten. Die Universität Zürich steht mit Platz 13 in Europa immer noch vor den beiden besten deutschen Unis, der Ludwig-Maximilians-Universität und der Technischen Universität, beide in München.

Die Universität St. Gallen (HSG) wiederum ist schon seit Jahren eine so beliebte Adresse für Wirtschaftler, Juristen und Politologen, dass sie eine Quote für Ausländer festgelegt hat. Nicht mehr als ein Viertel der Studenten darf aus dem Ausland kommen. Da aber weit mehr Bewerbungen vorliegen, müssen die Ausländer eine strenge Aufnahmeprüfung bestehen. Die Schweizer brauchen keine solche Prüfung abzulegen. Auch nach dem Examen herrschen vergleichsweise rigide Vorschriften: In der Schweiz bleiben darf nur, wer eine seiner Qualifikation gemäße Arbeit nachweist. Bei der ETH in Zürich wird die Zahl der Bleibenden entsprechend als eher gering eingeschätzt. Umso offensiver werben die Hochschulen um ausländische Promovenden, denn die einheimischen Studenten interessieren sich immer weniger für ein Doktorstudium. So stammt unter den Doktoranden schon jeder zweite von außerhalb der Schweiz. In den Wirtschaftswissenschaften in St. Gallen liegt der Ausländeranteil sogar bei fast 70 Prozent, in den Naturwissenschaften an der ETH Lausanne bei 68 Prozent. Die italienischsprachige Uni Tessin berichtet von bis zu 90 Prozent ausländischen Doktoranden in den Naturwissenschaften. Eine Zahl, die vermutlich der mangelnden Qualität italienischer Hochschulen geschuldet ist. So wird die Forschungsleistung der Ausländer zum Unterfutter der Universitäten. Auch wenn sie die Vorzüge der ausländischen Promovenden zu schätzen wissen, wird die De batte um die Flut der ausländischen Bachelorstudenten und die Frage, wie man sie eindämmen könnte, unter Schweizern heftig geführt. Großbritannien etwa erhebt höhere Studiengebühren für (Nicht- EU-)Ausländer. Eine andere Lösung für die Schweizer Hochschulen wäre, weitere Aufnahmeprüfungen nach dem Vorbild St. Gallens einzuführen.

Aus DIE ZEIT :: 29.07.2010

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