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Ohne Dozenten geht es nicht

von Ralf Lankau

Online-Kurse produzieren Lernsklaven und höchste Abbrecherquoten.

Ohne Dozenten geht es nicht© AVAVA - iStockphoto.comDie Teilnahme an Online Kursen (MOOCs) führt zur Isolation der Studenten und hohen Abbrecherquoten
»Bildung gibt es wie Anzüge von der Stange: als Massenware«, schrieb der Bildungsvorstand der Bertelsmann Stiftung, Jörg Dräger, im November an dieser Stelle. Studierende an deutschen Universitäten würden mit einem im Prinzip seit Jahrhunderten unveränderten System von Einheitsvorlesungen abgespeist. Das Angebot sei für alle gleich. Online-Unis hingegen böten die freie Wahl aus einem ständig wachsenden Angebot an Massive Open Online Courses, kurz MOOCs. Statt ein paar Hundert Studenten im Hörsaal folgen mittlerweile Hunderttausende den einzelnen Internetseminaren. Für Dräger ist es eine »faszinierende Vorstellung«, dass sie so bei den besten und engagiertesten Professoren kostenlos und gemeinsam mit vielen anderen aus aller Welt studieren können. Und wie bei iTunes, wo sich jeder aus dem weltweiten Angebot persönliche Hitlisten zusammenstellen kann, könne man sich bei Online-Unis ein individuell passendes Curriculum zusammenklicken. Das sei das personalisierte Studieren der Zukunft.

Das klingt fantastisch. Doch die Praxis sieht gänzlich anders aus. Konkret werden den Hunderttausenden auf YouTube oder anderen Plattformen lediglich Videos von Vorlesungen vorgesetzt, die ihre Kommilitonen an Präsenzhochschulen besuchen. Statt in Seminaren und Übungen den gelernten Stoff mit Dozenten zu vertiefen, besteht die Betreuung online aus Multiple-Choice-Fragen oder einem Quiz. Jeder schaut für sich allein, begleitet von einer Software, die alle Handlungen aufzeichnet, damit ein Algorithmus die nächsten Lernaufgaben berechnen kann. Individualisiert steht somit für sozial isoliert, denn weder Chats oder Tweets noch Online-Freunde ersetzen reale Sozialkontakte.

Man kann Vorlesungen als Veranstaltungsform infrage stellen, sollte aber nicht Videoaufzeichnungen davon als Alternative preisen. Schließlich sind sie nichts anderes als eine technische Variante des Frontalunterrichts, bei der sogar die möglichen Reaktionen der Nutzer technisch vorgegeben und damit normiert sind. Video to Brain heißt diese Instruktion per Video. Jeder kann sie so oft anschauen, wie er oder sie es will, und sich durch die Aufgaben klicken. Doch das ist trivial: Jede Lektüre eines Lehrbuchs ist mindestens genauso individuell. In einem Buch kann man im eigenen Rhythmus vor- und zurückblättern, lesen, Passagen überspringen ...

Immanuel Kant erkannte das Prinzip der individuell empfundenen und genutzten Zeit schon vor über 200 Jahren. Der vorgegebene technische Takt bei einem Video oder Film ist das Gegenteil von einem eigenen Rhythmus. Es gibt nichts Entindividualisierteres als Programme. Der Software ist es egal, wer vor dem Bildschirm sitzt. Alle werden von ihr gleich behandelt. Entscheidend ist jedoch etwas anderes: Während analoges Lesen nicht protokolliert wird, werden beim Lesen und Lernen mit digitalen Medien sämtliche Aktivitäten gespeichert und daraus Nutzer- und Lernprofile erstellt. Der Zugewinn für die Anbieter von Plattformen wie Coursera oder iversity, auf denen MOOCs zur Verfügung gestellt werden, sind automatisch generierte Lernprofile, die sie verkaufen können. Digital steht damit als Synonym für die zunehmende Transparenz der Nutzer, die durch ihre Daten und Profile selbst zur Ware werden.

Die Automatisierung von Lernprozessen ist bislang gescheitert

Die MOOCs sind vor etwa zwei Jahren in den USA entstanden als eine Reaktion auf die dort explodierenden Studiengebühren. Solche hohen Beiträge gab und gibt es in Deutschland nicht. Wohl gibt es überfüllte Hochschulen und Universitäten, da inzwischen mehr als 50 Prozent eines Jahrgangs studieren. Doch das als Argument für die technische Aufrüstung des Studiums zu nehmen führt in die Irre. Jegliche Versuche der Automatisierung von Lernprozessen sind bislang gescheitert. Stattdessen sollten die Hochschulen besser mit mehr Personal ausgestattet werden.

Propagandisten der Online-Lehre argumentieren weder inhaltlich noch lernpsychologisch oder gar historisch, sondern rein quantitativ. Die Hochschulen seien überfüllt, die Lehrangebote als Präsenzlehre personell aufwendig, teuer und ineffizient. Statt Veranstaltungen an Hochschulen anzubieten, sollte man Online-Kurse produzieren. Lizenziere man Einführungs- und Grundlagen-MOOCs wechselseitig, käme man mit wenigen standardisierten Kursen aus. Die Folgen: Personalkosten ließen sich reduzieren, Dozenten könnten durch Mentoren und mittelfristig sogar durch intelligente Software ersetzt werden, durch Avatare und Spracherkennung. Und das wäre nur der Anfang. Da Wissenschaftler selten gute Entertainer sind, liefern sie nur den Content für die Kurse. Die Produktion der Lehrmedien übernehmen spezialisierte Dienstleister, mit kameratauglichen Schauspielern. Selbst Prüfungen könnten Externe besser abnehmen, da für Online-Prüfungen ein Identitätsmanagement wie etwa biometrische Gesichtserkennung erforderlich ist. Langfristig könnten so Hochschulen entstehen, die selbst gar keine eigenen Lehrangebote mehr offerieren, sondern nur noch private Angebote zertifizieren. Öffentliche Bildungseinrichtungen würden zu einer Art Bildungs-TÜV degradiert.

Dazu müssten die rechtlichen Rahmenbedingungen an den technologischen Fortschritt angepasst werden, fordert Jörg Dräger, das sei Aufgabe der Politik. Er verdeutlicht damit einmal mehr, dass neben der Standardisierung von Lehrinhalten und der Privatisierung der Lehrmittelproduktion auch die Curricula privatwirtschaftlich bestimmt werden sollen. Diesen Ansatz vertreten die Kybernetiker bereits seit den 1960er Jahren. Sie gehen davon aus, dass sich alles maschinell steuern und regeln lässt, auch Lernprozesse. Die Digitalisierung und Automatisierung würde sogar die Qualität des Lernens verbessern. Das passt zu den betriebswirtschaftlichen Thesen des US-Ökonomen Milton Friedman, wonach Prozessoptimierung und Effizienzsteigerungen auch in der Lehre möglich sind. Lehren und Lernen sind nach diesen Prämissen steuer- und regelbare Prozesse. Produziert wird Humankapital, gemessen werden Drop-out (Abbrecher) und Output (Absolventen mit zertifizierten Kompetenzen). Die immer gleiche Frage der Lernmaschinisten lautet, angelehnt an den Medientheoretiker Claus Pias: »Wie bekommt man mit möglichst wenig Ressourcen möglichst viel Stoff möglichst schnell in die Köpfe?«

Der Mensch ist und bleibt des Menschen Lehrer

Fragt man statt der Vertreter der Bildungsindustrie Praktiker, ist die Euphorie längst verflogen. Sebastian Thrun, Professor für Künstliche Intelligenz an der Stanford University, war einer der Ersten, die einen MOOC ins Netz stellten, später gründete er die Online-Plattform Udacity. Seine Erfahrungen sind mittlerweile ernüchternd. Er habe festgestellt, so Thrun, dass mit den MOOCs die Leute nicht so ausgebildet werden, »wie andere sich das wünschen oder wie ich mir das wünsche. Wir haben ein schlechtes Produkt.« Das zeigen auch die hohen Abbrecherquoten in den Kursen.

Die Gegenmaßnahme heißt für Thrun aber nicht, aus den MOOCs nun POOCs (Personalized Massive Online Courses) zu machen, wie Jörg Dräger es fordert. Thrun schreibt den Teilnehmern seiner Online-Kurse jetzt vielmehr verbindlich drei Stunden »face-time« pro Kurs vor. Das zwar auch im Netz, aber immerhin nicht algorithmisch gesteuert, sondern mit einem echten Menschen vor der Kamera. Für eine solche persönliche Betreuung braucht man Lehrpersonal, deshalb sind Udacity-Kurse mittlerweile kostenpflichtig. Aber im Vergleich zum Studium an einer US-Uni sind sie natürlich immer noch sehr günstig.

MOOCs dienen in den USA bereits als Argument für Budgetkürzungen, Professuren werden nicht neu besetzt, weshalb selbst ursprüngliche Befürworter ihre Mitarbeit an ihrer Selbstabwicklung verweigern. Man möge sich ergänzend an das erinnern, was die Ökonomin Shoshana Zuboff von der Harvard University in ihren drei Gesetzen formuliert hat. Erstens: Was automatisiert werden kann, wird automatisiert. Zweitens: Was in digitalisierte Information verwandelt werden kann, wird in digitalisierte Information verwandelt. Und drittens: Jede Technologie, die für Überwachung und Kontrolle genutzt werden kann, wird, sofern dem keine Einschränkungen und Verbote entgegenstehen, für Überwachung und Kontrolle genutzt, unabhängig von ihrer ursprünglichen Zweckbestimmung.

Auf die akademische Bildung bezogen, heißt das: Online-Kurse sind Unterrichtsmaschinen, die zu Kontrollapparaten, zur algorithmisch automatisierten Steuerung von Lernsklaven werden. Die NSA lässt grüßen. Zumal die bisherigen Erfahrungen mit MOOCs und POOCs das Erwartbare zeigen: Nur die Verbindung von Lehrmedien und Präsenzveranstaltungen, von persönlicher Betreuung und Diskurs führt zu validen Lernergebnissen. Daher trägt selbst das Argument nicht, Online-Kurse dienten der Demokratisierung von Bildungsmöglichkeiten. Typische Abbrecherquoten von über 97 Prozent bei Online-Kursen zeigen: Digitale Medien nutzen allenfalls denjenigen, die sich ein begleitendes Mentoring leisten können, und grenzen die aus, die diese Betreuung nicht bezahlen können. Nur wird so getan, als seien die Abbrecher selbst schuld an ihrem Versagen - und nicht der Professor.

»Der Glaube, dass Bildung durch ein Computerprogramm ersetzt werden kann, ist ein Mythos. Der menschliche Kontakt und das Mentoring machen den entscheidenden Unterschied bei den Lernergebnissen aus«, sagt Sebastian Thrun. Recht hat er. Damit schließt er sowohl an pädagogische Traditionen an, die Vertrauen als Basis des Lernens sehen, als auch an die Ergebnisse empirischer Lernforschung. Auch für digitale Technik und neue Medien gilt der didaktische Primat: Der Mensch ist und bleibt des Menschen Lehrer.


Über den Autor
Ralf Lankau ist Professor für Mediengestaltung und Medientheorie an der Hochschule Offenburg.

Aus DIE ZEIT :: 09.01.2014

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