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Operation Unsterblichkeit

Von Ulrich Bahnsen

Die Stammzellforscher feiern sensationelle Fortschritte - aber die Öffentlichkeit schaut nicht mehr hin.

Operation Unsterblichkeit: Stammzellenforschung© Andrei Tchernov - iStockphoto.com
Erinnert sich noch jemand an die Stammzelldebatte? Den erbitterten Streit um die Deutungshoheit, den Grundwertediskurs in den Feuilletons, als Philosophen, Kirchenfürsten, Ethiker mit Juristen und Wissenschaftlern rangen? An eine Bundestagsdebatte, die als Sternstunde des Parlaments gefeiert wurde? Gleich nach der Jahrtausendwende ging es um große Fragen: Wie viel Menschenwürde können die weniger als 300 Zellen eines frühen Embryos beanspruchen? Darf man diese für Zellzüchtungen benutzen, für die Forschung, für Therapien? Ist es wenigstens statthaft, solche »embryonalen Stammzellen« (von den Kombattanten bald nur noch als »ES-Zellen« abgekürzt) aus dem Ausland zu importieren? Oder verstößt die Embryonenforschung gegen ein menschliches Sittengesetz, ist ein Frevel wider die Schöpfungsordnung? Manche Kommentatoren sahen die Fundamente des christlichen Abendlandes wanken. 2001 musste der Bonner Stammzellforscher Oliver Brüstle samt Familie sogar unter Polizeischutz gestellt werden - nachdem eine Zeitung seine Privatadresse abgedruckt hatte. Die Empörung ist verrauscht; den Erkenntnisprozess hat sie ohnehin nicht aufgehalten. Die professionellen Wertewahrer unter den Kritikern sind längst weitergezogen, um andere Missstände zu geißeln - so wie im Moment, angesichts des Fiaskos der Finanzmärkte, der Auswüchse des Rendite- Kapitalismus. Und die beteiligten Wissenschaftler? Verhandeln längst andere Dinge, denn ES-Zellen - das scheint inzwischen ziemlich sicher - werden künftig kaum noch gebraucht. Sie haben ihren Dienst getan, mit Erfolg.

Die Erforschung von ES-Zellen hat eins der letzten fundamentalen Rätsel der Biologie gelöst: das Rezept ewiger Jugend (Zellbiologen sprechen von »Pluripotenz«). Denn ES-Zellen sind gleichsam ein Schnappschuss aus dem frühen Embryo, just in jenem Moment, in dem aus ihm noch alle Gewebearten des Körpers entstehen können. Jenem Augenblick, an dem die Zellen noch unbegrenzt teilungsfähig sind - prinzipiell also unsterblich. Nach nur einem Jahrzehnt heiß umstrittener Forschung haben die ES-Zellen ihr Geheimnis preisgegeben. Es schlummerte in den biochemischen Signalen.

Die Formel ist überraschend einfach. Im Sommer 2006 entdeckten japanische Forscher das entscheidende Elixier: Vier Anlagen im Menschenerbgut werfen eine biochemische Maschinerie an, die die Zellen im Prinzip unsterblich macht. Doch ES-Zellen sind Retortenwesen, sie leben nur in den Kulturschalen der zellbiologischen Labors. Im entstehenden Menschen endet die Unsterblichkeit schon bald nach der Zeugung. Die Zellen des frühen Embryos müssen sich verwandeln, bilden schließlich die unterschiedlichen Zelltypen für rund 240 verschiedene Gewebearten. In denen ist das Quartett fürs Jugendelixier längst verstummt.

Was aber würde passieren, wenn man die vier wieder weckte? Kehrte dann auch die Pluripotenz zurück? Die Japaner machten das entscheidende Experiment, schlossen die schlummernde Maschinerie einfach kurz: Mithilfe von Viren verfrachteten sie ein zweites Quartett in erwachsene Zellen. Der Effekt war dramatisch - nach kurzer Zeit wuchs in den Kulturschalen ein Zelltyp heran, den es noch nie gegeben hatte, genannt »induzierte pluripotente Stammzellen« (iPS), von herkömmlichen ES-Zellen praktisch nicht zu unterscheiden. Der Trick funktionierte mit Zellen von Mäusen - und auch von Menschen. Er lüftete nicht nur das Jungbrunnen-Geheimnis, sondern überwand zugleich jene Hürde, an der der Koreaner Hwang Woo-suk so lange gescheitert war, bis er sein Heil in der Fälschung suchte: das Klonen von ES-Zellen. Es wurde durch die iPSTechnik überflüssig. Denn plötzlich konnten pluripotente Zellen von jedem beliebigen Menschen hergestellt werden. Abstoßungsprobleme sind bei Material aus solchen persönlichen iPS-Kulturen nicht zu befürchten.

Noch barg das Kurzschlussverfahren Risiken: Der Einschleusung des Genquartetts mit viralen Vehikeln beschwört die Gefahr einer Entgleisung im Erbgut der Zielzelle herauf - mit Krebs als möglicher Folge. Just dieser genetischen Manipulation bedarf es jetzt aber nicht mehr. Für die Rückverwandlung zur jugendlich-vielseitigen Embryonalzelle genügt seit 2009 ein kurzes Bad in einem Eiweißcocktail. Dieser Jugendtrunk besteht aus jenen Proteinen, deren Bau das Quartett beschreibt. In der Logik der Fachterminologie spricht man hier von piPS (protein-induced pluripotent stem cells). Ihr Erbgut bleibt bei der wundersamen Verwandlung unangetastet. Gerade erst gelang einem US-koreanischen Team dieses Kunststück auch mit Menschenzellen. In rasanter Geschwindigkeit veröffentlichen die führenden Forscherteams neue Aufsätze: 2009 - das Jahr des Durchbruchs?

Bislang belegen die Experimente die Machbarkeit der Strategie, sie verwandeln piPS in das heißeste Akronym der biomedizinischen Grundlagenforschung. Wie eines Tages der Weg in die Kliniken aussehen könnte, demonstrierten kalifornische Forscher am vergangenen Sonntag: Sie verwandelten Zellen von Patienten mit einer erblichen Knochenmarkserkrankung in iPS-Kulturen (allerdings noch nicht per Proteincocktail). In diesen wurde der krankmachende Gendefekt behoben, und aus ihnen wurden Vorläuferzellen gezüchtet, wie sie im Knochenmark für die Neubildung von Blut- und Immunzellen zuständig sind. Heilung aus dem körpereigenen Jungbrunnen. Erlangte dieses Verfahren Anwendungsreife, böte es Therapien für erbliche Leiden und könnte auch den chronischen Mangel bei Knochenmarkspenden beenden. Natürlich betonen Grundlagenforscher, dass bis zur Therapie noch viele Detailfragen zu klären seien. Aber schon heute zeichnet sich ab, dass es eben nicht aus Embryonen gewonnene Zellen, sondern durch Rückverwandlung gewonnene Stammzellen sein werden, die bald als neuartige Behandlungen in die Kliniken Einzug halten werden. Auch vor zehn Jahren befanden schon alle Fachleute, dass eine Technik zur Reprogrammierung von Körperzellen die beste Lösung darstellen würde. Nur erschien das utopisch. ES-Zellen galten daher als die einzige realistische Option für künftige Zellersatz-Therapien. Darum - und um die Akzeptanz der Bürger, ihre Unterstützung in Form von Steuergeldern - tobte damals der erbitterte Streit um die Embryonenforschung. Haben die Wissenschaftler und die Verteidiger ihrer Freiheit sich damals umsonst in die aufgeheizte Debatte geworfen? Waren die ES-Experimente vergeblich oder gar unnötig?

Nein. Der Durchbruch zur iPS- und piPSTechnik wurde durch die Erkenntnisse aus der ESZellforschung erst ermöglicht. Und paradoxerweise machen sie diese dadurch nun überflüssig. Was heute in den Labors passiert, wird in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Das könnte sich bald rächen. Die neuen Erkenntnisse bedeuten Macht. Sie werden der Spezies Mensch Kontrolle über seine eigene Biologie verschaffen - und weit mehr Hoffnung, aber auch Missbrauchspotenzial, als man vor zehn Jahren der Erforschung der Embryonalen Stammzellen zuwies. Ein Punktsieg im ewigen Ringen mit den Zwängen, die manche »Schicksal« nennen und die andere nicht akzeptieren wollen.

Aus DIE ZEIT :: 04.06.2009

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