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Ortloser Logos - Kann Wissenschaft eine Heimat haben?

Von Thomas Loer

Wissenschaft und Heimat, die eine Produkt und Ausweis von Modernität, die andere geprägt von Traditionalismus: wie kann das zusammengehen?

Ortloser Logos - Kann Wissenschaft eine Heimat haben?© UlrikeA - Photocase.com"Wissenschaft braucht vor allem einen Ort ihres unverstellten Aufenthalts, wo sie, frei von praktischen Zwängen und Kompromissen, sie selbst sein kann"
Wissenschaft ist eine späte Errungenschaft der Menschheit. Wie jede Institution antwortet auch die Institution Wissenschaft auf ein gesellschaftliches Handlungsproblem, das Aufgabe jeder Lebenspraxis ist: das der kulturellen Reproduktion mit den Aspekten Tradierung und Erneuerung. Die Praxis hat im Zuge der Bewältigung ihrer Handlungsprobleme Wissenschaft als eine Sphäre hervorgebracht, in der ein spezifischer Aspekt dieses Problems methodisiert bearbeitet wird. Wissenschaft entwirft hypothetische Welten eines Andersseins, indem sie Geltungskrisen zugleich hervorbringt und bearbeitet.

Was in der primären Praxis meist erst dadurch geschieht, dass bewährte Lösungen scheitern und somit neue erzeugt werden müssen, führt die Wissenschaft handlungsentlastet gezielt herbei. Mit der Etablierung der Erfahrungswissenschaften transformierte sich die universelle Aufgabe der kulturellen Reproduktion und differenzierte sich aus zur Tradierung bewährten Wissens einerseits, zur methodischen Überprüfung der Geltung dieses bewährten Wissens und seiner Erneuerung andererseits. Diese Geltungsüberprüfung ohne Not, zu der die Praxis mit Recht und treffend sagt: "Darüber nachzudenken ist doch müßig", bedarf von Anfang an einer Haltung der Kritik. Deren Entfaltung wiederum benötigt einen Freiraum, in dem Kritik ungeschützt geäußert und bestritten werden kann, eben einen Raum der Muße. Die Befestigung dieser Haltung ruht in der kollegialen Praxis der Community of scientists, in welcher durch das Ernstnehmen der Argumente, das sich durch Kritik in der Sache ausdrückt, der Person als Kollegen Anerkennung zuteil wird. Ihre Legitimation kann diese Haltung, da sie vor keinen Werten der Praxis halt macht, nicht in von der Praxis selbst vorgegebenen Zwecken finden. Gerade weil Wissenschaft auch das Selbstverständliche zum Erklärungsbedürftigen erhebt und seine Geltung überprüft, weil also die Zwecke der Praxis selbst - für diese so selbstverständlich und wertvoll - für die Wissenschaft erklärungsbedürftig sind, können sie nicht Legitimationsgrund der Erfahrungswissenschaften sein.

Nicht also von der Praxis gesetzte Zwecke oder Verwertungshoffnungen geben den Legitimationsgrund der Wissenschaft ab, sondern nur, dass die Praxis qua Praxis, qua Vergemeinschaftung, generell Probleme lösen und zugleich ein Anderssein stets entwerfen können will. Deswegen muss die Wissenschaft die Chance zu einer maximal radikalen und unvoreingenommen Geltungsüberprüfung haben; hierzu bedarf es einer Alimentierung, die das Gemeinwesen, in dem Wissenschaft betrieben wird, erbringen muss. Das Gemeinwesen entwickelt und entfaltet stets ein praktisches Selbstverständnis, ein Verständnis davon, woher es kommt, wohin es geht und wer es ist. Wenn unser Gemeinwesen sich als modernes begreifen will, so gehören die Errungenschaften der Moderne, eben auch die Wissenschaft, zu seiner Identität.

Unpraktische Wissenschaft

Die Wissenschaft demgegenüber ist unpraktisch, sie muss diese mythischen Fragen nicht beantworten, sie ist dem Logos verpflichtet. Ihre Sphäre ist die der Begriffe, ihr Medium ist die Argumentation, sie lebt im Streit von Proponent und Opponent, die in der Haltung der Kritik ihre konkrete lebendige Erfahrung in diesen Streit einbringen und sie durch ihn in Erkenntnis transformieren. Heimat ist der Ort, an dem eine Praxis ihre Herkunft und ihren dauerhaften Aufenthalt hat, wo sie sich sicher fühlen und unverstellt sie selbst sein kann und wo sie schließlich auch ihre Zukunft hat und sichern kann. Nun haben wir aber gesehen, dass Wissenschaft unpraktisch ist, keine Praxis wie etwa ein Gemeinwesen darstellt. Wie also kann Wissenschaft eine Heimat haben? Die Heimat der Wissenschaft ist doch der Logos, der für sich genommen zunächst einmal ortlos ist: Der Geist weht, wo er will. "Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist" (Joh. 3,8).

Aber zur Realisierung bedarf der Logos der Wissenschaft doch der Pragmatik wissenschaftlichen Handelns, also des Handelns der Wissenschaftler - und diese brauchen, um ihrer eigentümlichen, unpraktischen Praxis unvoreingenommen und unbedingt nachgehen zu können, sehr wohl einen Ort, eine Heimat. Auch Wissenschaft muss sich ihrer Herkunft versichern können - nicht im Sinne eines Ursprungsmythos, sondern um anhand der Genese und Transformation ihrer Erklärungsmodelle immer wieder deren Erkenntnisgehalt argumentativ prüfen zu können. Die Kenntnis der Genesis von Argumenten ersetzt nicht die Prüfung ihrer Geltung; aber die Weiterentwicklung der Argumente lässt bei ihrer Genese Übersehenes erkennen und umgekehrt deckt der Blick auf die Geschichte der Argumente in ihrer Entwicklung Verlorenes auf. Für diese müßige Selbstvergewisserung bedarf es eines entsprechenden Schonraums, der eine geduldige Auseinandersetzung mit der Geschichte der Disziplinen um ihrer selbst willen erlaubt.

Die Austreibung des Geistes

Wissenschaft braucht vor allem einen Ort ihres unverstellten Aufenthalts, wo sie, frei von praktischen Zwängen und Kompromissen, sie selbst sein kann. - Aber: "Die Beschäftigung mit geistigen Dingen ist mittlerweile selber 'praktisch', zu einem Geschäft mit strenger Arbeitsteilung, mit Branchen und numerus clausus [und, füge ich hinzu: mit Bachelor- und Master-Modulen] geworden. [...] Die Departementalisierung des Geistes ist ein Mittel, diesen [...] abzuschaffen" (Theodor W. Adorno). Diese Bemerkung wurde vor über einem halben Jahrhundert verfasst, aber sie ist hochaktuell. Die Austreibung des Geistes aus den Universitäten lässt sich auch dort beobachten, wo mithilfe spezieller Einführungen der "Erwerb der Fähigkeit zu wissenschaftlicher Arbeit und methodischer Sorgfalt" gefördert und "wissenschaftliches Denken und Arbeiten" eingeübt werden soll, dies aber so geschieht, dass - mit der wohlwollenden Absicht, den Studenten Orientierung zu geben - eine Standardisierung der Seminarabläufe erfolgt, die nicht nur einen Eingriff in die Lehrfreiheit bedeutet, sondern die Studenten auch wie nicht erwachsene Schüler behandelt - wen wundert's, wenn sie sich dann auch so verhalten?

Da die realen Abläufe, wenn man sich auf die Offenheit des wissenschaftlichen Prozesses, auf das Wehen des Geistes einlässt, nicht in die Schubladen passen, werden die Studenten implizit aufgefordert, die Standards, denen Prüfungsrelevanz, aber eben nur Prüfungsrelevanz zukommt, nicht so ernst zu nehmen. In einem hidden curriculum wird so vermittelt, dass Ernsthaftigkeit wissenschaftlichen Strebens und Sorgfalt, die vordergründig gefördert werden sollen, letztlich nicht seriös gemeint sind. Wie hier systematisch die Ausbildung eines wissenschaftlichen Habitus unterlaufen wird, ist in seiner Unscheinbarkeit fast unsichtbar und wird gerade deshalb erst in seinen Wirkungen erkannt werden, wenn großer Schaden angerichtet ist.

Universität als Ort der Zukunft

Was der Ort der Heimat für Wissenschaft sein kann, muss auch Ort ihrer Zukunft sein, wo sie sich fortpflanzt, um weiterzuleben. Wie kann Wissenschaft dies? Oben wurden die beiden Aspekte der kulturellen Reproduktion erwähnt, die die Institution Wissenschaft bearbeitet: Tradierung und Erneuerung. Bei der Tradierung geht es um die Übermittlung von Wissen, also von in ihrer Geltung gesicherten und bewährten Problemlösungen, bei der Erneuerung aber geht es um das Erlangen neuer Erkenntnisse; das Erlangen neuer Erkenntnisse jedoch setzt, wie bereits angedeutet, Erfahrungsbildung in der Haltung der Kritik voraus. Fragt man nach dem Verhältnis der beiden Aspekte, so liegt eine konstitutionstheoretisch begründete Folge einerseits, eine empirische Abfolge andererseits auf der Hand. Um letztere kurz zu beleuchten: Wir gestalten unseren Alltag gemäß der Bis-auf-weiteres-Regel pragmatisch und routiniert mit Hilfe bewährten Wissens. Wenn dieses aber praktisch scheitert, sind wir gezwungen, es zu überprüfen und zu erneuern. 'Not macht erfinderisch', sagt der Volksmund dazu, aber in diesem Falle hat er nur begrenzt Recht, da die erfinderische Unruhe sich in einer praktischen Lösung, wenn diese sich bewährt, sofort beruhigt.

Es scheint hier so, als ginge die Routine, die Anwendung bewährten Wissens, seiner Infrage-Stellung voran. Konstitutionstheoretisch betrachtet aber muss das bewährte Wissen, bevor es sich überhaupt bewähren kann, ja erst einmal hervorgebracht worden sein. Dies geschieht in der Praxis zufällig, ausgelöst durch praktische Krisen, und nur in dem Maße, bis sie behoben ist. Systematisch aber geschieht dies dort, wo in Muße, das heißt: ohne Blick auf die sofortige Verwertung, Geltungskrisen um ihrer selbst willen generiert und bearbeitet werden. Die Voraussetzung, diesen Raum der Muße zur Erkenntniserneuerung zu nutzen: die Haltung der Kritik, der wissenschaftliche Habitus, muss in der Person des Wissenschaftlers gebildet und seinerseits tradiert werden. Der Ort, wo Wissenschaft so Zukunft haben kann, muss also nicht nur der müßigen Erzeugung und Lösung von Geltungskrisen Raum geben und "die Geduld [zulassen], abzuwarten, daß die um ihrer selbst willen betriebene Wissenschaft schließlich irgendwann auch 'dem Leben diene'" (Max Weber ), vielmehr muss er auch die entsprechende Erfahrungs- und Habitusbildung ermöglichen.

Universität kann dieser Ort sein - wieso? Im Hinblick auf die ersten Universitäten, Paris und Bologna, die auch für Deutschland das Modell abgaben, galt: "Obwohl bereits früh eine Gliederung in niedere Fakultäten (artes liberales) und höhere Fakultäten (Theologie, Medizin, Jura) erfolgte, umfasste die Ausbildung der Studierenden das gesamte verfügbare Wissen der jeweiligen Zeit." (Barbara Kehm) Dies ist eine der Rechtfertigungen für den Namen 'Universität', und man sieht, dass hier noch der Akzent auf der Reproduktion des Wissens lag. Das "gesamte verfügbare Wissen der jeweiligen Zeit" zu vermitteln, beansprucht heute niemand mehr. 'Universität' wäre demnach also ein überkommener Begriff. Aber wenn wir das konstitutionstheoretische Verhältnis von Erfahrung, Erkenntnis und Wissen nochmals betrachten, so zeigt sich, dass im Laufe der Entwicklung der in den Universitäten beheimateten Wissenschaften der grundlegendere Aspekt der kulturellen Reproduktion: die Überprüfung und Erneuerung der Erkenntnis, immer reiner als ihr eigentliches Feld hervorgetreten ist. Die Aufgabe der Universität als Heimat der Wissenschaft im Hinblick auf deren Zukunft kann und darf also nicht sein: Unterricht; die Aufgabe, die nachwachsenden Generationen vom 'verfügbaren Wissen der jeweiligen Zeit' zu unterrichten, ist nachrangig - zumal in einer Zeit, in der dieses Wissen sich in ständigem Wandel befindet.

Die Universität muss vielmehr Lehre ermöglichen. 'Lehren' nämlich ist, wenn wir uns etymologisch am Grimmschen Wörterbuch orientieren, das Kausativ zu 'erfahren'. Lehren heißt also, erfahren machen. Wer aber dies: Erfahrungsbildung, erfährt und wer dies in der unpraktischen Praxis des wissenschaftlichen Streits erfährt, in der die Erfahrung argumentativ auf den Begriff gebracht werden muss und somit zur Erkenntnis raffiniert und verdichtet werden kann, der eröffnet sich zwar nicht 'das gesamte verfügbare Wissen seiner Zeit', aber er bildet eine Haltung aus, die ihm die Möglichkeit eröffnet, im Prinzip in allen Wissensbereichen Erkenntnis, also neues Wissen zu generieren. Damit ist der Name Universität für die Heimat der Wissenschaft neu und grundlegender gerechtfertigt, als es bei seiner Begründung im Umfang des Wissens der Fall war. Universität ist also Heimat der Wissenschaft, da und insofern sie ihre Herkunft darstellt und es ermöglicht, sich dieser in der oben angedeuteten Weise zu vergewissern; dies geschieht im Feld der Geschichte der einzelnen Disziplinen, in der Beschäftigung mit den Klassikern usw. Universität ist Heimat der Wissenschaft, da und insofern sie ihr einen Ort dauerhaften Aufenthalts bietet, wo sie sich, frei von praktischen, ihren Logos zerstörenden Zwängen, sicher fühlen kann und unverstellt der unpraktischen Praxis der Erzeugung und Bearbeitung von Geltungskrisen nachgehen kann. Und Universität ist Heimat der Wissenschaft da und insofern sie ihre Zukunft ermöglicht und sichert, indem sie auch den Novizen einen Ort der Erfahrungs- und Habitusbildung als Basis der Erkenntnisgewinnung zur Verfügung stellt.

Der vorliegende Text beruht auf einem Beitrag zur Podiumsdiskussion anlässlich der Emeritierung des Dortmunder Philosophen Werner Post.


Über den Autor
Dr. Thomas Loer ist Privatdozent an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Dortmund und Gastdozent an der Fakultät für Kulturreflexion der Privaten Universität Witten/Herdecke.


Aus Forschung und Lehre :: Februar 2011

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