Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Passt der Doktorhut zur Fachhochschule?

Von BORIS RHEIN und BERNHARD KEMPEN

Ja! - Denn das Promotionsrecht stärkt die Forschung in Disziplinen, die an den Unis nur am Rande vertreten sind, sagt Boris Rhein.
Nein! - Denn das Promotionsrecht führt zu einem Wettbewerb, den die Fachhochschulen nur verlieren können, sagt Bernhard Kempen.

Passt der Doktorhut zur Fachhochschule?© FemmeCurieuse - photocase.deZwei Meinungen zur Promotion an FHs

JA!

Bereit, Neuland zu betreten? In Hessen haben wir das gerade gewagt. Die Zeit war reif. Seit Kurzem haben hier Fachhochschulen (FHs) ein eigenständiges Promotionsrecht für forschungsstarke Fachrichtungen. Begleitet wurde die zugrunde liegende Gesetzesänderung von erwartbaren Kontroversen, die mit den altbekannten Argumenten ausgetragen wurden: Es sei nicht im System angelegt, dass Absolventen von FHs promovieren, eine Flut von Doktortiteln und Einbußen bei der wissenschaftlichen Qualität der Dissertationen seien die Folge. Diese Punkte mögen vor 20, 30 Jahren noch zutreffend gewesen sein. Inzwischen aber ist jedes einzelne Argument längst widerlegt.

Wer sich darauf beruft, dass allein aus Systemgründen Promotionen an FHs nicht vorgesehen sind, der will die Veränderungen der letzten Jahrzehnte nicht wahrhaben. Seit ihrer Gründung in den 1970er Jahren haben die FHs eine rasante und tief greifende Fortentwicklung erfahren und sich hart erarbeitet. Die Rollenverteilung, in der die einen schlicht lehren und die anderen lehren und forschen, ist passé. Das bedeutet aber nicht, dass die sinnvollen Unterschiede verschwinden. Hochschulen für Angewandte Wissenschaften (wie sie in Hessen seit der Novelle des Hochschulgesetzes heißen) wollen auch mit Promotionsrecht keine kleinen Universitäten werden. Sie wollen ihre bekannten Stärken im Studium behalten und durch das Promotionsrecht die Qualität ihrer anwendungsorientierten Forschung weiter stärken. Das ist nicht weniger als ihr gesetzlicher Auftrag: anwendungsorientierte Forschung und Wissenstransfer zu betreiben.

Ist nun eine Flut von Promovierenden zu erwarten? Mitnichten. An FHs jedenfalls werden nur wenige Studierende eine Promotion anstreben - ebenjene, die nicht aus beruflich-pekuniären Gründen den Titel anstreben, sondern weil sie eine akademische Laufbahn wählen und tatsächlich forschen wollen. Und dafür, dass das Promotionsrecht nicht mit der Gießkanne ausgeschüttet wird, sorgen die hohen Qualitätsansprüche in Hessen. Das Promotionsrecht erhält nur, wer eine besondere Forschungsstärke nachgewiesen hat. Wir messen das an den wissenschaftlich üblichen Kriterien wie Publikationen und Drittmittel-Einwerbungen. An hessischen FHs werden Betreuung und Begutachtung der Promotion auch von unterschiedlichen Personen vorgenommen. Das klingt selbstverständlich und ist international Usus - aber ausgerechnet an deutschen Universitäten ist diese Praxis noch kein Standard. Beim Promotionsrecht für Fachhochschulen geht es also nicht um den Untergang des Abendlandes. Nicht darum, als Privilegien empfundene Rechte von Universitäten zu beschneiden, auch nicht um den Erwerb oder Verlust von Prestige.

Es geht letztlich darum, starken FH-Absolventen - die übrigens die gleichen Voraussetzungen erfüllen und Leistungen erbringen wie ihre Kommilitonen an den Universitäten - die ihnen zustehenden Berufs- und Karrierechancen zu eröffnen. Für den Standort Deutschland aber geht es um noch viel mehr. Mit dem Promotionsrecht für Hochschulen für Angewandte Wissenschaften erhalten wir wichtige neue Impulse für gesellschaftspolitische Fragestellungen gerade in den Fachdisziplinen, die an Universitäten nicht oder nur am Rande vertreten sind, so etwa die in Zeiten des demografischen Wandels immer bedeutender werdenden Bereiche Soziale Arbeit und Gesundheitswissenschaften. Das neue hessische Promotionsrecht hat einen wichtigen Stimulus im Wissenschaftssystem gesetzt - schon heute spüren wir in Berufungsverfahren für Professuren an Fachhochschulen eine neue Dynamik, die dazu führt, dass die klügsten Köpfe nach Hessen wollen. So ähnlich war es wohl auch um das Jahr 1900, als die Technischen Hochschulen gegen den Widerstand der Universitäten den Dr.-Ing., der heute weltweit eine exzellente Reputation genießt, erstritten haben.

Nein!

Fast fünfzig Jahre nach ihrer Gründung wollen Fachhochschulen nun mehr sein als Hochschulen mit einem eigenständigen und höchst attraktiven Profil. Sie wollen Universitäten sein, an denen sich auch promovieren lässt. Dafür finden sie nun auch Unterstützung in der Politik: Hessen hat als erstes Bundesland einer Fachhochschule, der Hochschule Fulda, das Promotionsrecht im Bereich Sozialwissenschaften gewährt. Zuvor war es ausschließlich Universitäten vorbehalten, den Doktorgrad zu vergeben. Aber wird an den Fachhochschulen genauso geforscht wie an den Universitäten? Die Fakten sehen anders aus: FH-Professoren haben mit 18 Semesterwochenstunden ein in der Regel doppelt so hohes Lehrdeputat wie Universitätsprofessoren. Über 0,6 wissenschaftliche Mitarbeiterstellen verfügt ein FH-Professor, sein Universitätskollege über sieben; und auch bei der Einwerbung von Drittmitteln hinken FH-Profs deutlich hinterher: Während im Jahr 2014 auf eine Fachhochschulprofessur im Schnitt 33.300 Euro an Drittmitteln entfielen, waren es bei einer Uni-Professur im Schnitt 256.400 Euro.

Eine Notwendigkeit, den Fachhochschulen ein institutionelles Promotionsrecht zu verleihen, besteht nicht. Die Zahl der promovierten FH-Absolventen ist zwar in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen, bewegt sich aber nach wie vor im Promillebereich. Dabei sind die Strukturen, die Fachhochschulabsolventen eine Promotion ermöglichen, längst geschaffen: Kooperative Promotionsverfahren, wie sie in den Hochschulgesetzen aller Bundesländer vorgesehen sind, stellen sicher, dass die Zugangsmöglichkeiten für geeignete FH-Absolventen zur Promotion an Universitäten offen sind. Natürlich liegt es an den Universitäten und Fakultäten selbst, von diesem Königsweg für die Promotion von FH-Absolventen stärker als bisher Gebrauch zu machen. Wer den Fachhochschulen das Promotionsrecht zugesteht, wird es den außeruniversitären Forschungseinrichtungen nicht verweigern können. Denn wissenschaftliche Forschung wird auch an ihnen betrieben. Im Unterschied zu den Universitäten haben die außeruniversitären Forschungseinrichtungen allerdings von der Föderalismusreform profitiert. Der »Pakt für Forschung und Innovation« hat ihnen seit dem Jahr 2005 Haushaltszuwächse von bis zu fünf Prozent beschert. Die Universitäten, die sich ihre Forschungsgelder in harter Konkurrenz bei der Exzellenzinitiative erst erkämpfen mussten, können davon nur träumen. Bislang ist es insbesondere das Promotionsrecht der Universitäten, das die immer stärker werdenden außeruniversitären Einrichtungen noch auf Kooperationen mit ihnen angewiesen sein lässt. Ein Umfeld, in dem sich Forschung und Lehre gegenseitig durchdringen, können weder Helmholtz-, Leibniz- oder Max-Planck-Institute noch Fachhochschulen bieten.

Und so birgt ein Promotionsrecht für Fachhochschulen nicht zuletzt das Risiko, die gesamte Architektur des Hochschul- und Wissenschaftssystems zu zerstören. Universitäten und Fachhochschulen haben darin verschiedene, sich ergänzende Aufgaben: Die einen kümmern sich um Grundlagenforschung und Ausbildung durch Wissenschaft; die anderen um eine anwendungsorientierte und praxisnahe Ausbildung. Diese bewährte Aufteilung sollte fortgeführt werden. Mit der Nivellierung der Hochschularten und der Verwässerung ihrer unterschiedlichen Profile ist niemandem gedient - am wenigsten den Fachhochschulen selbst. Sie stürzen sich in einen Wettbewerb, den sie nicht gewinnen können. Ein Promotionsrecht würde sie zudem in Fachhochschulen erster und zweiter Klasse aufspalten. Langfristig wird das Besoldungsdruck erzeugen und die Forderung nach besserer Ausstattung und weiterer Angleichung der Lehrdeputate befördern. Aus politischer Sicht verliert die Fachhochschule damit ihren Vorzug, zu relativ geringen Kosten vom Arbeitsmarkt gut angenommene Absolventen zu generieren. Die staatliche Hochschulpolitik ist gut beraten, sich nicht auf diese schiefe Bahn zu begeben.

Über die Autoren
Boris Rhein ist seit 2014 Minister für Wissenschaft und Kunst in Hessen.
Bernhard Kempen ist Präsident des Deutschen Hochschulverbandes.

Aus DIE ZEIT 17.11.16