Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Patente und Forschungsprogramme - im internationalen Vergleich kommt an den USA keiner vorbei

Von Anke Wilde

In der Biotechnologie-Branche sind die Vereinigten Staaten im internationalen Vergleich das absolute Schwergewicht. Was als Feststellung bei kaum jemandem Zweifel erregen dürfte, wird durch die statistischen Daten der OECD eindrucksvoll bestätigt. Das betrifft sowohl die Patentanmeldungen als auch die Anzahl der Biotech-Firmen: Die über 6.200 US-amerikanischen Biotechnologie-Unternehmen übersteigen sogar noch die Summe dessen, was die zahlenmäßig nachfolgenden Länder Spanien, Frankreich, Korea, Deutschland, Australien, Japan und Großbritannien gemeinsam auf die Waage bringen.

Patente und Forschungsprogramme - im internationalen Vergleich kommt an den USA keiner vorbei© Tryfonov Ievgenii - iStockphoto.comIn der Biotechnologie sind die USA in puncto Patentanmeldungen und Anzahl der Biotech-Firmen führend
In ähnlicher Weise liest sich die OECD-Statistik fort. Fast die Hälfte (42 %) aller zwischen 2007 und 2009 angemeldeten Patente sind US-amerikanischen Ursprungs. Der überwiegende Teil der seit 1989 zugelassenen Biopharmazeutika stammt aus den Vereinigten Staaten. Auch bei den Unternehmensausgaben für Forschung & Entwicklung sind die USA mit 22 Milliarden Dollar im Jahr 2010 Spitzenreiter. An diesem Punkt allerdings beginnt das Bild sich zu trüben. Denn gegenüber 2006 sind die F&E-Mittel um drei Milliarden Dollar geschrumpft.

Die sehr kostenaufwändige Biotechnologie ist in der Krisenzeit offenbar nicht das einzige Zugpferd, auf das die US-amerikanischen Unternehmen setzen wollen. Während zwischen 2006 und 2010 die Zahl der zumindest teilweise mit Biotechnologien arbeitenden Firmen sprunghaft angestiegen ist (von 3.301 auf 6.213), ist die Untergruppe der Firmen, die sich mit kaum etwas anderem befassen, geschrumpft (von 2.744 auf 2.370).

Nord- und Südamerika dominieren in grüner Gentechnik

In den meisten Ländern ist die rote, das heißt die in der Medizin eingesetzte Biotechnologie, gut etabliert. Ebenso ist vielerorts die weiße Biotechnologie auf dem Vormarsch, bei der es vor allem darum geht, beispielsweise in der chemischen Industrie weniger abhängig vom Erdöl zu werden. Große Unterschiede gibt es im internationalen Vergleich jedoch bei der grünen Biotechnologie. Genmanipulierte Pflanzen sind europaweit ein heiß diskutiertes Thema. Bei der Anzahl von Feldversuchen stand zwar Spanien laut OECD im Jahr 2008 an dritter Stelle nach den USA und Kanada. Doch bei der Gesamtanbaufläche rangierten ausnahmslos alle europäischen Länder weit unten in der Tabelle.

Es sind vor allem die Länder Nord- und Südamerikas, wo gentechnisch veränderte Pflanzen die Landwirtschaft dominieren. Angebaut werden sie in den USA auf mehr als 62 Millionen Hektar, gefolgt von Argentinien mit 21 Millionen Hektar und Brasilien mit knapp 16 Millionen Hektar im Jahr 2008. In Paraguay sind neun von zehn Hektar derartig bepflanzt, in Argentinien drei Viertel.

Ralf Reski warnt davor, sich in Deutschland und Europa weiter der grünen Gentechnik zu verschließen. "In zehn, fünfzehn Jahren wird genverändertes Saatgut auch hier normal sein, aber dann ist der Markt für nachziehende deutsche Firmen nicht mehr offen", meint der Professor für Pflanzenbiotechnologie von der Universität Freiburg. Dabei stecke in genveränderten Pflanzen auch die Chance, die Landwirtschaft umweltfreundlicher zu gestalten, weil damit ein geringerer Verbrauch an Düngemitteln und Pestiziden möglich sei. Sicherheitsbedenken hat er keine - bislang seien in keiner noch so kritischen Studie gefährliche Auswirkungen für den menschlichen Organismus oder die Umwelt bestätigt worden, unterstreicht Reski, der bereits als wissenschaftlicher Berater für die baden-württembergische Landesregierung und für das Bundesforschungsministerium tätig war.

Patente und Forschungsprogramme - im internationalen Vergleich kommt an den USA keiner vorbei Ralf Reski ist Professor für Pflanzenbiotechnologie von der Universität Freiburg

Förderkultur international sehr verschieden

Bei den öffentlichen Aufwendungen für die Biotechnologie rangiert laut OECD-Statistik Deutschland an erster Stelle: 21,2 Prozent aller F&E-Ausgaben gehen allein in diesen Forschungssektor. Eine ähnliche Priorität setzt Südkorea in seiner staatlichen Forschungsförderung (19,8 %). Allerdings sind in diesem Punkt die Daten nur eingeschränkt aussagekräftig, da für Forschungsschwergewichte wie die USA, Japan und Frankreich keine vergleichbaren Zahlen vorliegen.

Gerade was die Forschungsförderung angeht, bestehen zwischen den einzelnen Ländern sehr große Unterschiede. "Hier in Deutschland haben wir beispielsweise ein Sammelsurium an vergleichsweise kleinen Programmen und Förderungen vom Bund, von den Ländern, der EU und von Stiftungen", erläutert Ralf Reski. "Wenn Sie aber in die Vereinigten Staaten gehen oder nach Japan, dann haben Sie dort richtig große Antragsrunden, bei denen es um sehr viel mehr Geld geht." Beides hat seine Vor- und Nachteile, findet der Freiburger Universitätsprofessor. Wer mit seinem Antrag in den USA oder Japan leer ausgeht, müsse um die Fortexistenz seiner Arbeitsgruppe fürchten. Hierzulande seien die Universitäten durch die staatliche Grundfinanzierung gut abgesichert, so dass eine kontinuierliche Forschung möglich sei. Auf der anderen Seite jedoch müsse man für die vielen kleinen Programme einiges an Verwaltungsaufwand einplanen.

Reskis wissenschaftliche Spezialität sind Moose. "Die sind genial, sie überbrücken etwa eine Milliarde Jahre Evolutionsgeschichte und stehen in der Mitte zwischen den Algen und den heutigen Nutzpflanzen." Wer an Moosen zu forschen beginnt, betreibt in der Regel Grundlagenforschung. Für die sei Deutschland ein sehr guter Ort, sagt Reski, vor allem durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) werde diese gut gefördert. Als er aber das Moosgenom entschlüsseln lassen wollte, sei er zwei Jahre lang in Deutschland und Europa Klinken putzen gegangen - ohne Aussicht auf eine Finanzierung seines Forschungsvorhabens, denn dafür hätte er zehn Millionen Euro gebraucht. Schließlich habe er beschlossen, in den USA mit dem Joint Genome Institute zusammenzuarbeiten. Gemeinsam mit amerikanischen Kollegen hätten sie einen fünfseitigen Antrag geschrieben, und zwei Monate später sei die Bewilligung dagewesen. "Jetzt hat das Moosgenom eben eine amerikanische Flagge, und das, obwohl wir alle Vorarbeiten und die Auswertung hier in Deutschland gemacht haben. Aber die DFG hat im Vergleich zu den USA auch nur etwa fünf Prozent bezahlt."

Forschungsrechtlich ist Europa noch lange nicht eins

Darüber hinaus wünscht sich Reski europaweit mehr Einheitlichkeit in rechtlichen Fragen. Die gentechnische Forschung ist in jedem Land anders geregelt, und was in dem einen erlaubt ist, kann in einem anderen wiederum gegen das Gesetz verstoßen. "Zwar wird der Forschungsraum Europa immer wieder beschworen und es werden Millionen Euro an Fördermitteln hineingesteckt, aber wenn es an die rechtliche Umsetzung geht, wollen die Nationalstaaten oft keine Kompetenzen abgeben", beklagt Reski. Dazu brauche es ein einheitliches Europapatent, denn auch in diesem Punkt sei Europa zersplittert.

Auf ein solches wartet man auch beim Europäischen Patentamt (EPA) in München. Zwar werde das bereits bestehende europäische Patent von 38 Mitgliedsstaaten getragen, und für die Patenterteilung gebe es ein einheitliches Verfahren, sagt der stellvertretende Pressesprecher Rainer Osterwalder. "Aber danach zerfällt alles wieder in ein Bündel nationaler Patente, die vor den Patentämtern der jeweiligen Staaten noch gültig erklärt werden müssen." Insofern gelte das europäische Patent eben nicht einheitlich in allen Staaten. Mit Spannung verfolgt das EPA deshalb die Entwicklung in der EU, die derzeit an einem einheitlichen Patent für die Mitgliedsstaaten arbeitet. Eine Entscheidung des europäischen Gesetzgebers sei noch diesen Herbst möglich, meint Osterwalder. Dann jedoch sei es an den Mitgliedsstaaten, die Regelung in nationales Recht zu überführen.

academics :: Oktober 2012

Jobs im Bereich Biotechnologie
Ausgewählte Artikel