Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Pejorative Konnotation

VON ROLAND KAEHLBRANDT

Deutsch ist einfach und genial. Umso fataler, dass die Hochschulen es verdrängen. Ein Weckruf.

Pejorative Konnotation© kichigin19 - Fotolia.comRoland Kaehlbrandt erklärt warum sich die deutsche Sprache als Wissenschaftssprache eignet
Das Erlernen eines möglichst unverständlichen Jargons gehört zu den Initiationsritualen der Wissenschaft. Als Studenten der Philologie lernten wir als Erstes Fachbegriffe und warfen damit im Alltag um uns. Es galt, die Zugehörigkeit zu einer Kaste unter Beweis zu stellen - nach außen durch Unverständlichkeit, nach innen durch Fachlichkeit. Besonders oft sprach ich von einer »pejorativen Konnotation«. Erst als mir eine resolute ältere Oberschullehrerin entgegenhielt, das sei doch nichts anderes als »negativer Beigeschmack« - warum ich denn so geschraubt spräche! -, setzte ein heilsamer Ernüchterungsprozess ein. Mein schwer verständlicher Jargon lenkte mich davon ab, wie einfach, schön und genial das Deutsche eigentlich ist.

Mark Twain war zwar der Meinung, das Leben sei zu kurz, um Deutsch zu lernen; in Wirklichkeit hat Deutsch aber viele Vorzüge. Etwa der elastische Satzbau. Wir können die Wörter im Satz leicht umstellen und gewinnen jedes Mal eine neue Bedeutungsnuance: Ich habe ihr mein Wort gegeben; ihr habe ich mein Wort gegeben; mein Wort habe ich ihr gegeben. Außergewöhnlich ist auch die Genauigkeit im Raum (angehen, ausgehen, weggehen, entgegengehen, abgehen, untergehen) - das vermeidet Missverständnisse. Und wer hätte es gedacht: Das Deutsche fördert Beziehungen! Es hat viele kleine Wörter, die den Kontakt zu anderen färben helfen: Mach's halt! Gib mir das mal! Wie heißt du denn?

Auch Vokabeln zu lernen ist im Deutschen nicht schwer. Nehmen wir den Arzt. Kennt man das Wort und ein paar andere, findet man sich zurecht: Kinderarzt, Zahnarzt, Hautarzt. Eben weil sich Wörter so leicht kombinieren lassen, hat Deutsch einen riesigen Wortschatz von fünf Millionen Wörtern. Das ist ein großer Vorzug für wissenschaftliche Terminologien.

Das Deutsche macht es uns leicht, sich klar und verständlich auszudrücken und dabei auf den anderen einzugehen. Das könnte auch den Wissenschaften nützen. Fünf Entwicklungen haben indes dazu geführt, dass die Hochschulen die deutsche Sprache verdrängt und vernachlässigt haben.

1. Die Tradition der Schwerverständlichkeit

Dass Wissenschaft unverständlich ist, ist eine deutsche Tradition. In der Geschichte der deutschen Wissenschaftssprachen gab es immer wieder die Neigung, Klarheit, Stil und Rhetorik geringzuschätzen; der Inhalt sei ja viel wichtiger! Der Sprachbeobachter Carl Gustav Jochmann wetterte schon 1828: »Anderswo erfordert ein philosophisches Werk die angestrengte Aufmerksamkeit seiner Leser doch nur für den Gegenstand; in Deutschland gibt es fast keines, dessen Verfasser nicht unverschämt genug wäre, ihnen auch noch die Mühe des Erlernens einer neuen Sprache zuzumuten, seiner eigenen nemlich.« Daran hat sich nichts geändert. Ausgerechnet revolutionär oder emanzipatorisch gesinnte Theoretiker der 1970er Jahre trieben die sprachliche Unzugänglichkeit bis zum Exzess und erfanden Blähwörter wie Strukturierungszusammenhang, Metastruktur, Interaktionsproblematik, die die Hochschulen bis heute prägen.

2. Das Imponierdeutsch von Bologna

Nicht besser als der Jargon der Revoluzzer ist der Bologna Jargon, den die Hochschulen aus der Sprache der Unternehmensberater übernommen haben. Schlüsselwörter des akademischen Betriebs sind heute Modularisierung, Zertifizierung, Akkreditierung und Evaluation; jedes Leitbild einer Hochschule handelt von Vision, Innovation und Transparenz; Creditpoints, Assessment, Rankings, Peer Review gehören zum Alltagswortschatz von Studenten und Wissenschaftlern. Hat dieses Imponierdeutsch oder Imponierenglisch eigentlich etwas mit Bildung und Wissenschaft zu tun? Wohl eher mit einer verwalteten Welt in neuem Gewand.

3. Die Übermacht des Englischen

Dazu passt, dass es an den Hochschulen immer stärkere Neigungen gibt, Deutsch als Sprache zu verbannen. In nur noch wenigen Fächern publizieren Forscher in nennenswertem Umfang auf Deutsch. In den Naturwissenschaften wird in deutscher Sprache kaum noch etwas von Bedeutung veröffentlicht; die deutsche Fachterminologie verschwindet. Auch das Studium ist von der Übermacht des Englischen durchdrungen: Die Fachhochschulen nennen sich schon länger »Universities of Applied Sciences«; das Zentralinstitut für Lehrerbildung der Humboldt Universität heißt »Professional School of Education«. In manchen Exzellenzclustern wird auf Englisch kommuniziert, sobald auch nur ein Teilnehmer des Deutschen nicht mächtig ist.

»Wir Deutschen sprechen dann alle mehr oder weniger gut Englisch«, berichtete mir eine Seminarteilnehmerin, in deren Programm auf eine Studentin aus Asien Rücksicht genommen wurde. »Allerdings konnten wir ihr Englisch leider nicht verstehen.« Ein Sprachdozent berichtete mir, dass an seiner Hochschule jetzt Englischkurse für ausländische Masterstudenten angeboten werden; ihr Englisch reiche nicht für ein Studium in Deutschland. Aus Hochschulen mit englisch sprachigen Programmen ist zu hören, dass ausländische Absolventen, die in ihrer Studienzeit kein Deutsch gelernt haben, erstaunt erkennen müssen, dass sie ohne Deutsch auf dem hiesigen Arbeitsmarkt keine Chancen haben. Auch die Geisteswissenschaften möchten mit im Strom schwimmen. Die Teilnehmer einer Philosophie-Tagung in Deutschland werden von allen deutschen Würdenträgern auf Englisch begrüßt. Romanisten werden aufgefordert, auch Seminare auf Englisch zu geben. Wenn das so weitergeht, studiert man bald Germanistik auf Englisch!

4. Die Fehleinschätzung von Sprache

Dass ausgerechnet Sozialwissenschaftler dafür plädieren, Englisch nicht nur als Wissenschaftssprache, sondern als allgemeine Verkehrssprache einzuführen, lässt mich die Augen reiben. Sie müssten wissen, dass Sprachen »kognitive Modelle sozialen Denkens« sind, wie der Sprachwissenschaftler Nicholas Evans schrieb. Sprache und Kultur sind miteinander verflochten und nicht voneinander trennbar. Natürlich ist eine Sprache kein Gefängnis. Aber sie prägt uns doch durch die Gewohnheit, Dinge auf eine bestimmte Weise auszudrücken. Das dürfte zumindest für Geistes- und Gesellschaftswissenschaften von Belang sein. Letztlich verbirgt sich hinter diesen Erscheinungen des Wissenschaftsbetriebes eine Fehleinschätzung der Sprache. Sie wird als beliebig austauschbares Instrumentarium für sprachunabhängiges Denken angesehen. Das ist aber falsch. Unsere alten Hochsprachen sind feinste Werkzeuge des Ausdrucks, des Denkens und des Handelns, die wiederum unser Denken und Handeln stark beeinflussen.

5. Die schwache Sprache des Nachwuchses

Die Folgen der vernachlässigten Sprache zeigen sich dummerweise bei vielen Angehörigen des wissenschaftlichen Nachwuchses, deren Sprache unpräzise und nachbesserungswürdig ist. Den Hochschulen macht das keine Freude. Ein Naturwissenschaftler sagte mir, dass seine Studenten Sachverhalte nicht mehr genau beschreiben könnten - und das auch nicht als erforderlich ansähen. Ein anderer berichtete, dass ihm Studenten bei Hinweisen auf fehlerhaften Ausdruck in Seminararbeiten entrüstet entgegneten: »Es kommt doch auf den Inhalt an!«

Ein gegenteiliges Erweckungserlebnis hatte ich als Student in Frankreich. Die Eingewöhnung in den Pariser Wissenschaftsbetrieb verlief zu meiner Verblüffung nicht über Bekenntnisse zu bestimmten »Schulen« mit ihrem besonderen Vokabular, sondern über das Training der Verständlichkeit: Zuallererst lernten wir, kompliziert geschriebene Texte in mühevoller Kleinarbeit in allgemeinverständliches Französisch zu übertragen, unter strenger Einhaltung einer geringen Wortanzahl. Eine prägende Übung, zur Nachahmung an deutschen Hochschulen empfohlen! Wer die Folgen umständlicher Sprache einmal selbst hat ausbaden müssen, bringt sprachlicher Klarheit anschließend größeren Respekt entgegen.


Über den Autor
Roland Kaehlbrandt schrieb das »Logbuch Deutsch - Wie wir sprechen, wie wir schreiben«, das in diesen Tagen im Verlag Vittorio Klostermann erscheint.

Aus DIE ZEIT :: 07.11.2015