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Plädoyer für den weiten Horizont - Zukunftsperspektiven der Universität

Von Wulf Diepenbrock

Ab dem Jahr 2020 wird ein deutlicher Rückgang der Studentenzahlen erwartet. Könnte dies Anlass für die Universitäten sein, statt des quantitativen Ausbaus wieder stärker ihre eigentliche Kernaufgabe in den Blick zu nehmen?

Plädoyer für den weiten Horizont - Zukunftsperspektiven der Universität© BigBetty - Photocase.com
Ein neuer Aufbruch der deutschen Universität steht vor der Tür. Er sollte auf jeden Fall mit einer Projektion auf das Jahr 2020 beginnen. Der demographische Wandel leuchtet wie ein Menetekel an der Wand. Ab 2020 wird ein deutlicher Rückgang der Studierendenzahlen erwartet (KMK-Dokument Nr. 176 - Oktober 2005). Folglich werden sich Massenuniversität und die quantitative Ausgestaltung der Hochschulen wandeln, überfüllte Hörsäle hoffentlich der Vergangenheit angehören. Die Analysen von Gegenwart und Vergangenheit machen den Weg frei für den Blick auf den weiten Horizont des Jahres 2020 und auf das Rollenverständnis, in dem sich die deutsche Universität danach weiterentwickeln kann.

Das Plädoyer gründet sich auf drei Thesen. Die gegenwärtige Selbstblockade entsteht durch unklare Zielvorstellungen in der Gesellschaft und der Universität selbst. Man kann aber aus Erfolgsmodellen der eigenen Tradition lernen und auf dieser Grundlage schließlich eine Prognose mit Handlungsimpulsen wagen.

These 1

Die deutsche Universität wird in ihrem Potenzial blockiert, weil sie sehr komplexen und teils widersprüchlichen Erwartungen ausgesetzt ist.

Die allgemeinen Erwartungen an die Universität sind groß. Sie möge durch angewandte Forschung und praxisnahe Lehre Impulsgeber für die wirtschaftliche Entwicklung einer Region sein, den Kulturraum durchdringen und beflügeln, den exzellenten wissenschaftlichen Nachwuchs fördern, welcher zugleich praxisnah und in regionalen Unternehmen verwendbar ist, sich durch exzellente Grundlagenforschung national im kompetitiv organisierten Forschungsraum durchsetzen, im europäischen Hochschulraum entlang der Bologna- und Lissabon-Prozesse etablieren und als weit sichtbarer "Leuchtturm" im globalen Wettbewerb wahrnehmbar sein. Diese breit gefächerten Erwartungen, die meist als "Legitimation" der Universität gegenüber der Gesellschaft definiert werden, schaffen Unsicherheit in Bezug auf die eigentlichen Aufgaben der Universität und deren Erfüllbarkeit.

In diesem Punkt ist sich die Universität auch selbst vollkommen unschlüssig im eigenen Selbstverständnis. Wesen und Geist einer Universität werden hauptsächlich geprägt durch die Einstellung der Universitätslehrer. Bei diesen wiederum gehen die Auffassungen zu Universalisierung versus Spezialisierung, Disziplinarität versus Interdisziplinarität und Bildung versus Ausbildung weit auseinander.

These 2

Die prekäre Lage der deutschen Universität lässt sich nur zum Teil mit der Unterfinanzierung erklären. Vielmehr fehlt es an Vorstellungen über die genuinen Aufgaben der Universität. Die Universitätsgeschichte zeigt, dass bedeutende Bildungsreformen unter absoluter Finanznot verwirklicht worden sind.

So führte Wilhelm v. Humboldt seine Reform des Universitätswesens in den Jahren 1809/10 durch, in einer Zeit also, in der alle Gelder in den Militärhaushalt gesteckt wurden und die Niederlage gegen das napoleonische Frankreich zur Zerstörung aller Institutionen geführt hatte. Gerade in dieser Situation sah v. Humboldt die Chance für die Gesellschaft, ein neues Bildungskonzept zu entwickeln und durchzusetzen. Im Mittelpunkt der Reform stand "Bildung durch Wissenschaft". Die Ironie der Geschichte will es, dass heute dieses Leitbild gerade an den traditionsreichen amerikanischen Universitäten mit besonderer Entschiedenheit gelebt wird, während man sich in Deutschland weitgehend davon verabschiedet hat. Während Begriffe wie Bereicherung des Geistes, Rolle des Menschen im Universum, Förderung der intellektuellen und kreativen Fähigkeiten sowie des ästhetischen und ethischen Bewusstseins im Selbstverständnis der US-amerikanischen Top-Universitäten eine große Rolle spielen, begnügt man sich hierzulande mit beruflichen Fertigkeiten, Anwendung von Methoden und wissenschaftsbezogener Ausbildung.

Der berühmte hallesche Theologe, Daniel Friedrich Ernst Schleiermacher (1768-1834), hat mit seinem Werk "Gelegentliche Gedanken über Universitäten in deutschem Sinn (1808)" an der preußischen Universitätsreform entscheidend mitgewirkt. Das "Lernen des Lernens" gehörte bei ihm zu den Kernaufgaben der Universität. Dabei fürchtete er keineswegs die Binnendifferenzierung, also auch diejenigen nicht, die "zur Universität kommen, die eigentlich untauglich sind für die Wissenschaft im höchsten Sinne". Der Bologna-Prozess heutiger Tage lässt grüßen. Auf jeden Fall zeigt sich durch die damalige Universitätsreform, wie unsinnig etwa die aktuelle Diskussion über Priorität von Bildung versus Ausbildung ist. Beides hatte schon immer Platz und Notwendigkeit an der deutschen Universität.

These 3

Ab dem Jahr 2020 werden die Studierendenzahlen massiv zurückgehen und damit auch die Forderung nach hauptsächlich quantitativer Ausgestaltung des Bildungssystems. Bei gegebener Struktur der Universitätslandschaft besteht die einmalige Chance, dass sich die Universität auf ihre Kernaufgabe besinnen kann: Die Pflege der Wissenschaft in Forschung, Studium und Lehre.

Im Zeichen knapper Kassen wird es im Kern darum gehen, nicht den geistigen Bankrott aufgrund finanzieller Restriktionen zu erklären, sondern erst einmal das geistige Spielfeld zu betreten, auf dem Politik und Universität gemeinsam spielen wollen. Im Zentrum wird dabei der Bildungsbegriff stehen, der in der Vergangenheit schon so viele Wandlungen erfahren hat. Dann werden wir wieder erkennen, dass Bildung sich nicht mit Wissensvermittlung und -aneignung deckt, es schon immer ein kulturgebundenes Bildungsideal gegeben hat und der "Bildungskanon" weniger quantitativen als qualitativen Spuren folgt.

Im Jahre 2020 sollte sich die Universität wieder stärker ihren eigentlichen Aufgaben stellen. Die Motive zum Betreiben von Wissenschaft werden im Vordergrund des Bildungsauftrages stehen. Dazu gehören Lust am problemlösenden Denken, Neugier in der Beobachtung der umgebenden Welt, Wundern und Staunen über noch rätselhafte Zusammenhänge in Natur und Gesellschaft, Faszination konzentrierter Beobachtung, Freude, Suche nach dem Schönen, Aspekte des Spiels und des Spielens. Dies schließt die Anwendbarkeit und Nützlichkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse nicht aus - denn untersucht wird die Realität -, sondern bietet im Gegenteil gerade erst die Gewähr für eine Wissenschaft, die mit ihren Erkenntnissen das Fundament für gesellschaftliche Veränderungen legt. Damit ist auch gesagt, dass Wissenschaft schon länger zu einer öffentlichen und damit zu einer politischen Angelegenheit geworden ist.

In organisatorischer Hinsicht lassen sich die neuen Herausforderungen der Steuerung von Universitäten mit nur fünf Handlungsmaximen meistern: Freiheit und Verantwortung statt Bürokratie und Regelungsneigung; das Leitbild der Universität bestimmt deren Struktur; Strukturpolitik ist Berufungspolitik; externe und interne Zielvereinbarungen steuern die Ressourcenallokation; Verwaltungsaufgabe und akademische Aufgabe sind klar getrennt. Im Ergebnis ist die Universität 2020 wieder in der Lage, sich der Forschung, der Lehre, der Bildung zu widmen, so wie wir es über dem Haupteingang der Hamburger Universität lesen können.


Über den Autor
Wulf Diepenbrock ist Professor für Speziellen Pflanzenbau und war von 2006 bis 2010 Rektor der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Er ist Ehrendoktor an der Gregor-Mendel-Universität zu Brünn.


Aus Forschung und Lehre :: Oktober 2010

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