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Plädoyer für die Abschaffung des ECTS-Systems


von Stefan Kühl

Um die Studienleistungen auch international vergleichbar zu machen, wurde das ECTS-Kreditpunktesystem eingeführt. Es sollte der Objektivierung dienen und helfen, ein Kernanliegen der Bologna-Reform, die internationale Mobilität, zum Erfolg zu führen. Doch hat sich dieses vermeintliche Transfersystem mittlerweile als Mobilitätshindernis herausgestellt. Was sind die Gründe?

Plädoyer für die Abschaffung des ECTS-Systems© Scott Griessel - Fotolia.comDas ECTS-Kreditpunktesystem wurde auch eingeführt um die Mobilität im Studium zu steigern. Doch das Gegenteil ist der Fall
Die Steigerung der Mobilität der Studierenden war eines der großen Versprechen der Bologna-Reform. Studierenden soll, so das Versprechen, durch die Schaffung eines einheitlichen "Europäischen Hochschulraumes" ein höheres Maß an "Mobilität" ermöglicht werden - zwischen Fachbereichen ihrer eigenen Hochschule, zwischen Hochschulen ihres Heimatlandes und ganz besonders zwischen Hochschulen in verschiedenen europäischen Staaten.

An diesem Anspruch der Mobilitätssteigerung ist die Bildungspolitik grandios gescheitert. Studierende klagen, dass die Studienpläne in den Bachelor- und Masterstudiengängen inzwischen so genau spezifiziert und getaktet sind, dass es ein Glücksfall ist, wenn ihnen die Leistungen aus einer ausländischen Hochschule angerechnet werden. Selbst der Wechsel zwischen Hochschulen in einer Stadt ist häufig unmöglich, weil die an anderen Universitäten erbrachten Leistungen nicht anerkannt werden. Kritiker verweisen darauf, dass es angesichts neuer bürokratischer Hindernisse im Rahmen der Bologna-Reform nicht überraschend ist, dass die Mobilität der Studierenden zwischen Hochschulen während eines Bachelor- oder Masterstudiums eher gesunken als gestiegen ist.

ECTS als bildungspolitische Innovation

Die Ursache für diese Schwierigkeiten, auch nur für ein Semester an eine andere Universität zu wechseln, liegt in einer bildungspolitischen Innovation, die die Mobilität der Studierenden gerade erhöhen sollte - dem "European Credit Transfer and Accumulation System" oder kurz ECTS. Kreditpunkte für jede Prüfung, jedes Seminar oder jede Selbstprüfungsphase sollten es ermöglichen, Studienleistungen, die beispielsweise an der Université Paris-X-Nanterre erbracht wurden, problemlos mit Studienleistungen an der Universität Bielefeld und der Oxford University zu vergleichen - und weitergehend dann auch gegenseitig zu verrechnen.

Jede einzelne Studienleistung sollte in Zeiteinheiten - den ECTS-Punkten - gemessen werden und so die stundengenaue Erhebung und Speicherung der Leistung von Studierenden ermöglichen. Die ECTS-Punkte können von Studierenden in kleinen, bei den Prüfungsämtern angesiedelten elektronischen Schließfächern gesammelt werden, sie können - Stichwort "lebenslanges Lernen" - auch über einen längeren Zeitraum gespeichert werden, um sie später einmal als Element für Qualifikationen nutzen zu können. Sie können transferiert werden, um sich Leistungen, die man an einer Universität erworben hat, an einer anderen Universität anrechnen zu lassen. Und sie können gegen ein definiertes Produkt - einen Bachelor- oder Masterabschluss - getauscht werden.

Aber genau dieses vermeintliche Transfersystem hat sich letztlich als das Mobilitätshindernis schlechthin im europäischen Bildungsraum herausgestellt. Leistungen, die an einer ausländischen Universität erbracht werden, können nur unter großen Schwierigkeiten angerechnet werden. Mal hat eine im Ausland belegte Veranstaltung einen Leistungspunkt zu wenig, ein andermal entspricht die Modulbeschreibung an der ausländischen Uni nicht genau der Modulbeschreibung an der Heimatuniversität. Inzwischen berichten sogar Studierende in Studiengängen für internationale Betriebswirtschaftslehre oder internationales Recht, dass sie die Leistungspunkte der ausländischen Uni nur unter großen Schwierigkeiten angerechnet bekommen. Das auf Kreditpunkten basierende europäische Transfer- und Akkumulationssystem entpuppt sich in den letzten Jahren immer mehr als ein Hochschulwechselverhinderungsprogramm.

Der Kobra-Effekt

Das europäische Transfersystem ähnelt dem sogenannten Kobra-Effekt. Eine Kobra-Plage in Indien veranlasste den Gouverneur der britischen Kronkolonie zu der Entscheidung, eine Prämie für jeden abgelieferten Schlangenkopf auszuloben. Statt die frei lebenden Schlangen zu töten, gingen die Inder jedoch schon bald dazu über, Kobras zu züchten, weil sie so mit deutlich weniger Aufwand ihre Prämien kassieren konnten. Als der Gouverneur davon erfuhr, schaffte er das Kopfgeld ab, worauf die Kobras für die Züchter wertlos wurden und von ihnen in die Freiheit entlassen wurden. Genauso wie man durch das Kobra-Tötungs-Förderungsprogramm am Ende mehr Kobras hatte, hat man durch das europäische Mobilitätsförderungsprogramm am Ende mehr Immobilität der Studierenden.

Ein Aufenthalt im Ausland während des Studiums funktioniert seit der Bologna-Reform nur noch, weil inzwischen die Prüfungsämter angehalten werden, die Studienleistungen aus dem Ausland "großzügigst anzurechnen". Wenn eine Veranstaltung zwei Leistungspunkte zu wenig hat, dann werden die fehlenden Leistungspunkte in einem magischen Verwaltungsakt einfach mit hinzugezählt. Wenn ein Seminar inhaltlich nicht dem Seminar an der Heimatuniversität entspricht, dann wird dies in den Prüfungsämtern kurzerhand angeglichen. Wenn man das Kreditpunktesystem auch nur halbwegs ernst nimmt, dann ist die von einigen Rektoraten und Präsidenten auch offiziell geäußerte Aufforderung zur "flexiblen Anrechnung" von im Ausland erbrachten Leistungen letztlich nichts anderes als eine Aufforderung an die Prüfungsämter, "brauchbare Illegalität" walten zu lassen.

Die Rolle der Politik

Weswegen hält die Bildungspolitik an diesem ECTS-Punkte-System fest, obwohl es sich letztlich als Mobilitätsverhinderungsprogramm entpuppt hat? Weswegen wird das Leistungspunktesystem, das an den Hochschulen zu kafkaesken Bürokratisierungserscheinungen geführt hat, nicht einfach eingestellt? Kein Bildungs- oder Wissenschaftsminister wagt es noch, die ECTS-Punkte aktiv zu verteidigen - zu offensichtlich sind die negativen Effekte des Punktesystems. Die abstrakten Zeiteinheiten der Kreditpunkte sind noch nicht einmal zwischen europäischen Staaten standardisiert. Für den Erwerb eines Leistungspunktes sollen Studierende in Deutschland, Rumänien oder auch der Schweiz 30 Stunden benötigen, in Portugal und Dänemark 28 Stunden, in Finnland 27 Stunden, in Estland 26 Stunden und in Österreich, Italien oder Spanien 25 Stunden. Für ein formal gleichrangiges Bachelorstudium mit 180 ECTS-Punkten müssen nach diesen Berechnungsvorgaben der Bildungsminister Studierende in Österreich also paradoxerweise 900 Stunden weniger aufbringen als ihre Kommilitonen in Deutschland. Diese auf eine übereilte Einführung zurückzuführende Regelung ist letztlich aber egal, weil Studien gezeigt haben, dass zwischen den für Veranstaltungen, Prüfungen und Selbststudium in ECTS-Punkten kalkulierten Zeiteinheiten und den real von den Studierenden verwendeten Zeiten kaum Übereinstimmungen bestehen. Angesichts des hohen Fiktionsgehalts der bildungspolitischen Planzahlen für jeden einzelnen Studiengang wirken die Kalkulationen in den sozialistischen Planwirtschaften der UdSSR, der DDR oder Albanien im Nachhinein fast schon realitätsnah. Aber trotz dieses Fiktionsgehalts hat sich bisher kein Bildungspolitiker - weder von der CDU noch von der SPD, weder von der FDP noch von den Grünen, weder von den Linken noch von den Piraten - an die Zurücknahme dieses bildungspolitischen Planungsinstruments herangewagt.

Der Grund hierfür ist nicht eine inhaltliche Überzeugung, sondern eine inhaltliche Verhakung der europäischen Bildungspolitiker. Die Einführung der ECTS-Punkte mag - so das inzwischen nicht selten zu hörende Zugeständnis - ein Fehler gewesen sein, aber als einzelnes Bundesland, einzelner Kanton oder einzelne Region könne man aus dem europäischen Konzert der Bildungspolitiker nicht ausscheren. Zu viele europäische Staaten, so das Argument, hätten sich bereits auf eine gemeinsame Vorgehensweise geeinigt. Selbst Staaten wie Moldawien, Russland oder Kasachstan, die normalerweise nicht unbedingt zu den Kernstaaten der Europäischen Union gerechnet werden, würden sich inzwischen zu den Prinzipien eines gemeinsamen europäischen Hochschulraums bekennen und hätten das Leistungspunktesystem mühsam eingeführt. "Bolognaropa" erstrecke sich, so die Argumentation, jetzt schon von Tromso in Norwegen bis Nikosia auf Zypern, von Reykjavik in Island bis Wladiwostok in Russland, da gebe es bei aller berechtigten Kritik an den bürokratischen Auswirkungen des Leistungspunktesystems einfach keinen Weg mehr zurück.

Die Verriegelung

In der Organisationsforschung wird eine solche "Verriegelung" von ineffizienten, teilweise auch kontraproduktiven Prozessen aufgrund einer sich weltweit durchsetzenden Standardisierung als "lock in" bezeichnet. Das bekannteste Beispiel für ein solches "lock in" ist das sogenannte QWERTY-Tastaturlayout. Die QWERTY Tastatur, benannt nach den ersten sechs Buchstaben auf der obersten Reihe der US-amerikanischen Schreibmaschinentastaturen, dominiert heute - mit minimalen länderspezifischen Modifikationen - die Gestaltung von Schreibmaschinen und Computern. Das QWERTY-Layout, mit dem sich heute jeder mehr oder minder intensiv herumquält, ist jedoch ein ineffizientes und benutzerunfreundliches System, weil die am häufigsten benutzten Tasten vergleichsweise schwer zu erreichen sind. Der Grund für diese Benutzerunfreundlichkeit ist, dass das heute noch dominierende Tastaturlayout 1873 entwickelt wurde, um die Sekretärinnen in ihrer Tippgeschwindigkeit abzubremsen. Die Typenhebel der damals in Mode kommenden mechanischen Schreibmaschinen drohten sich zu verhaken, wenn die Schreibkräfte zu schnell wurden, und man brauchte deswegen eine Tastaturanordnung, die die Schreibgeschwindigkeit reduzierte. Als die Remington Sewing Machine Company in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts mit der Massenproduktion von Schreibmaschinen mit der QWERTY Tastatur begann, eigneten sich aber immer mehr Schreibkräfte dieses System an. Andere Schreibmaschinenhersteller waren deswegen gezwungen, sich dem QWERTY Modell anzupassen. Nach und nach verschwanden andere, höhere Tippgeschwindigkeiten zulassende Modelle vom Markt, und heute, da die technischen Möglichkeiten von Computern keine Begrenzung mehr für ein effektiveres System darstellen würden, ist aufgrund dieser Verriegelung durch Standardisierung die QWERTY-Tastatur wohl für immer Teil der westlichen Tippkultur geworden.

Die Initiative zur Zurücknahme des ECTS-Punktesystems scheint letztlich nur von den Hochschulen selbst ausgehen zu können. Genauso wie sich immer mehr Hochschulen inzwischen weigern, sich jeden Studiengang durch ein aufwendiges, kostspieliges und letztlich ineffizientes Akkreditierungswesen anerkennen zu lassen, wird in den ersten Hochschulen darüber diskutiert, ob man auf die Darstellung von Bachelor- und Masterstudiengängen in ECTS-Punkten nicht einfach verzichten kann. Die Anrechnung von Studienleistungen aus anderen Hochschulen würde dies sicherlich erleichtern.

Leicht überarbeitete Fassung eines Beitrages aus der Süddeutschen Zeitung vom 17. August 2012.


Über den Autor
Stefan Kühl ist Professor für Soziologie an der Universität Bielefeld. Von ihm ist unlängst das Buch "Der Sudoku-Effekt. Hochschulen im Teufelskreis der Bürokratie" (transcript-Verlag 2012) erschienen.

Forschung & Lehre :: September 2012

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