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Es gibt nicht nur Plagiate! - Eine Systematik wissenschaftlicher Fälschungen

VON HEIKO K. CAMMENGA

Die großen Plagiatsfälle der letzten Jahre haben in den Hintergrund gerückt, dass es in der Wissenschaft sehr vielgestaltige Möglichkeiten der Fälschung gibt. Der Versuch einer Systematik.

Es gibt nicht nur Plagiate! - Eine Systematik wissenschaftlicher Fälschungen© kantver - Fotolia.comEs gibt viele Möglichkeiten geistiges Eigentum zu stehlen
Die wissenschaftlichen Fälschungsskandale von Publikationen (Zeitschriftenartikel, Dissertationen, Examensarbeiten, ...), die in den letzten drei Jahren von Kennern aus der IT-Szene und nicht aus den Reihen der Wissenschaft aufgedeckt und verfolgt wurden, haben die deutschen Universitäten in der Öffentlichkeit erheblich beschädigt. Dabei hat nicht nur die Leichtigkeit irritiert, mit der solche Fälschungen durchgingen, sondern vor allem, dass außer den Verursachern (Fälschern) in der Regel keine weiteren Beteiligten benannt oder gar mitverantwortlich gemacht wurden.

Ferner war in der Fülle der Presseartikel immer nur von einer "Machart" der wissenschaftlichen Fälschung die Rede, nämlich vom Abschreiben, Collagieren und Umschreiben fremder Texte: dem Plagiat. Das hat seinen Grund vornehmlich darin, dass bisher vor allem Textarbeiten aus den Geistes- und Sozialwissenschaften auf Fälschungsabsicht hin untersucht wurden, zum einen, weil das über rechnergesteuerte Textanalysen recht einfach möglich ist, und zum anderen, weil die Verfasser dieser Arbeiten als Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens sich ohnehin häufig berechtigter (und auch unberechtigter) Kritik stellen müssen.

Bei all' dieser Detektivarbeit, der Schadenfreude über deren Erfolge und der ausufernden Diskussion in der Öffentlichkeit ist aber gänzlich unbeachtet geblieben, dass die Möglichkeiten der Publikationsfälschung erheblich vielfältiger sind und sich nicht auf die primitivste Art einer mehr oder weniger vollständigen Übernahme fremder Texte, Gedanken und Interpretationen beschränken.

Hier soll, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, die Vielfalt der Fälschungsarten vorgestellt werden, die in nicht geringem Maße in der Wissenschafts-Szene zum Tragen kommt, und zwar viel häufiger, als von Insidern und Öffentlichkeit wahrgenommen! Auch wenn dies nicht immer streng möglich ist, habe ich versucht, die verschiedenen Fälschungsarten und -absichten unter möglichst eingängige Kapiteltitel zu ordnen.

Das Plagiat

Diese Art der wissenschaftlichen Publikationsfälschung ist aufgrund der sehr weit entwickelten IT-Technologie heutzutage am einfachsten und schnellsten zu bewerkstelligen aber auch am leichtesten wiederum als solche zu erkennen, z.B. mittels des eTBLAST-Progamms déjà vu. Das Plagiat kann durch den Erstellenden selbst ("Autor" wäre hier ja schon ein sehr beschönigender Begriff) erfolgen oder in Vergabe als Auftragsarbeit an eine Einzelperson, ein Personenkollektiv oder ein auf kommerzieller Basis arbeitendes Fälschungsbüro (etliche Angebote solcher "Dienstleister" liegen dem Verfasser vor).

Beim Plagiat wird eine mehr oder weniger große Zahl von zum gewählten oder gestellten Thema passender Texte fremder Verfasser recherchiert, geordnet, collagiert, ggf. etwas umformuliert und mit verbindenden Textpassa-gen versehen und schließlich formalisiert (Fußnoten, echte und falsche Zitate, ...). Die primitivste Form des Plagiats ist natürlich das Selbst-Plagiat, also die Mehrfachverwendung eigener gleicher Ideen, Befunde oder gar ganzer Texte.

Die vergebene Auftragsarbeit

Hierbei kann es sich durchaus um eine wissenschaftliche Arbeit handeln, nur ist eben nicht der auf der Publikation ausgewiesene Autor der wirkliche Verfasser, sondern eine Person ("Ghostwriter"), die aus Gefälligkeit, aufgrund einer beruflich abhängigen Position oder schlicht gegen Bezahlung die gesamte Erstellung der Arbeit übernimmt, sei diese nun zudem noch ein Plagiat oder eine wirklich vom Ghostwriter aufgrund profunder Kenntnis der Thematik verfasste wissenschaftliche Arbeit, bei der das wesentlichste Fälschungselement der vorgebliche (nicht der tatsächliche!) Name des Verfassers ist. Solche fremdverfassten Auftragsarbeiten (z.B. im Fach Jura) sind nur dann aufzudecken, wenn es zu einem längeren und intensiven wissenschaftlichen Diskurs zwischen dem Betreuer und dem (wirklichen oder vorgeblichen) Verfasser einer Arbeit kommt.

Der Pfusch

Solche Arbeiten sind besonders leicht in den Geistes- und Sozialwissenschaften möglich, aber nicht immer eindeutig nachzuweisen: Der Sachverhalt in einer Arbeit wird nachlässig und ungenau erarbeitet und abgefasst. Wenig eigenes und viel fremdes, entlehntes oder übernommenes Gedankengut, ggf. leicht umformuliert, wird miteinander vermischt dargestellt. Textübernahmen werden entweder nicht korrekt oder auch gar nicht gekennzeichnet und ausgewiesen (Fußnoten, Bibliographie, Literaturverzeichnis).

Es sind dies nicht selten Arbeiten, denen nicht unbedingt eine konkrete Fälschungsabsicht zugrunde gelegen haben muss, aber auch weder auf Seiten des Verfassers noch des Beurteilers ein wirkliches Bemühen vorlag, ordentliche Standards wissenschaftlichen Arbeitens, Publizierens und Beurteilens einzuhalten bzw. einzufordern.

Das Duplikat und das Exportprodukt

Erkenntnisse und/oder Theorien, die bereits veröffentlicht wurden, jedoch in der Literatur eines bestimmten Fachgebiets (z.B. in der Chemie), werden in die Literatur eines anderen Fachgebiets (z.B. der Pharmazie) "exportiert" und dort als "neue" Ergebnisse veröffentlicht. Da die einschlägige Literatur schon eines Fachgebiets bereits einen kaum überschaubaren Umfang hat, gibt es nur sehr wenige Leser, denen der "Wissensexport" auffallen kann. Er wird meist erst dann offenbar, wenn man mit entsprechenden Suchmaschinen engmaschig Begriffe und Fakten ohne Einschränkung auf bestimmte Fachgebiete aufsucht. Dabei stößt man nicht selten auf Duplikate oder Exportprodukte, die den Erkenntnissen in der Erstpublikation erstaunlich ähneln oder sogar gleichen.

Mir sind sogar zwei Fälle bekannt, in denen Autoren einen wissenschaftlichen Preis (!) für ein Duplikat von uns bereits ca. fünfzehn Jahre zuvor in einem verwandten Fachgebiet publizierter bzw. patentierter Forschungsergebnisse erhielten. Dabei ist allerdings oft schwer nachzuweisen, ob in solchen Fällen eine konkrete Export- oder Duplizierungsabsicht bestand oder ob der Verfasser im Verlauf der eigenen Arbeiten die einschlägige, bereits vorliegende Literatur entweder nur oberflächlich oder gar nicht recherchiert hatte.

Nicht selten anzutreffen sind auch Exporte aus einer "exotischen" Wissenschaftssprache (also nicht Englisch!) in eine andere, d.h. etwa: in einer argentinischen Zeitschrift publizierte Ergebnisse werden in einer deutschen Zeitschrift als "neu" veröffentlicht.

Die absichtliche Verfälschung

In diesem Falle werden Erkenntnisse und deren Publikation aufgrund politischer, ideologischer oder religiöser Einflussnahme, Vorgaben, Denkvorschriften oder sogar Verbote unterdrückt, zurückgehalten, umgedeutet, absichtlich falsch interpretiert oder widerrufen. Die Geschichte der Weltreligionen und der totalitären Staaten liefert hier eine unübersehbare Fülle von Fällen, von denen die Galileo Galileis und Trofim D. Lyssenkos wohl die am häufigsten zitierten sind.

Die Sensationsmache

Hier wird ein wissenschaftlicher Sachverhalt, etwa weil er von großem öffentlichen Interesse, besonders fördermittelträchtig oder publizitätswirksam ist, unverhältnismäßig und manchmal bis ins Irrationale aufgebauscht. Ein bekannter, schon mehr als drei Jahrzehnte zurückliegender Fall ist der des "Polywasser", bei dem unsauber durchgeführte chemische Laborexperimente einer russischen Forschergruppe in einem Hype von Hunderten von Folgepublikationen bis zum potentiellen Weltuntergang aufgebauscht wurden. Und das ohne jede rationale Basis! Ein aktueller Fall ist das "Forschungs"endlager ASSE II für schwach- und mittelradioaktive Abfälle in der Nähe von Wolfenbüttel, für das von unterschiedlichsten Interessentengruppen ein völlig unrealistisches Gefahrenszenario konstruiert und publiziert wird, das mit der (sicher nicht einfachen) Wirklichkeit fast nichts mehr gemein hat.

Science-Fiction oder der schnöde Betrug

Hier beruhen die in einer wissenschaftlichen Publikation (oder einer ganzen Reihe davon) mitgeteilten Ergebnisse auf schlichter Einbildung oder schnöder Erfindung. So wurde die Alchemie, die ja eigentlich eine sich auf geistiger Ebene abspielende "Meta-Chemie" ist, die durch materielle Handlungen versinnbildlicht wird, von geldgierigen Adepten dazu missbraucht, vorgeblich Gold für goldgierige Machthaber oder Geldgeber erschaffen zu wollen, wozu es eine Fülle völlig unsinniger Publikationen gibt.

Im medizinischen Bereich gehören zu dieser Kategorie etwa die Publikationen zu vorgeblichen Heilwirkungen durch Homöopathie, durch Edelsteinkristalle und durch Bach-Blüten oder Schüßler-Salze. Aus der jüngsten Vergangenheit sind ganz analoge Publikationen bekannt: So wollte etwa eine Arbeitsgruppe der Chemie in starken Magnetfeldern optisch aktive (chirale) Stoffe selektiv synthetisch hergestellt haben, was schon von der Theorie her völlig unmöglich ist. Es stellte sich schließlich heraus, dass der Doktorand und Co-autor die vorgeblich auf diesem Wege erzeugten Stoffe dem Synthesegemisch heimlich und in betrügerischer Absicht bereits von vornherein beigefügt hatte. Ein ähnlicher Fall war in der Physik die "kalte Fusion", also die Kernumwandlung quasi im Reagenzglas.

Vor einigen Jahren erregte auch der Fall des jungen Physikers J.H. Schön großes Aufsehen, der eine große Zahl von Veröffentlichungen bis hin zu SCIENCE und Nature gedruckt bekam, bis sich herausstellte, dass allesamt auf völlig erfundenen Befunden beruhten. Und im "Ulmer Medizinskandal" um F. Herrmann vor einem Jahrzehnt war eine große Zahl bekannter und renommierter Forscherpersönlichkeiten als Coautoren an den Publikationen rundum gefälschter bzw. erfundener Ergebnisse beteiligt.

Das Einwerbungspaper

Die jüngere Vergangenheit hat uns diese neue Art von eigentlich nicht-wissenschaftlichen Publikationen beschert: In Ermangelung von zu investierender Zeit oder ausreichender Expertise oder beidem wird zur Beurteilung einer wissenschaftlich tätigen Person oder Gruppe ("Scientometrie") nicht mehr allein die absolute wissenschaftliche Leistung (herausragend? originell? neu? umwälzend? zukunftsweisend?, ...) herangezogen, sondern zunehmend auch die Höhe der eingeworbenen Drittmittel ("Drittmittelaufkommen"), die in wesentlich kürzerer Zeit und mit sehr wenig intellektuellem Aufwand addiert sind.

Das ist ähnlich absurd, wie wenn man die Qualität der erzeugten Spitzenweine eines Winzers nicht aufgrund einer Doppel-Blindverkostung durch Experten, sondern anhand der Höhe der von ihm eingeworbenen EU-Agrarfördermittel sowie des Pestizid-Verbrauchs des Weingutes bewerten würde! Ein solcher geradezu aberwitziger Zustand hat naturgemäß zur Folge, dass viele Vorhaben nicht allein durch die Suche nach neuer wissenschaftlicher Erkenntnis, sondern vor allem durch die Jagd nach möglichst hohen Fördermitteln motiviert werden. So kommt es in der Folge oft zu vielen Veröffentlichungen mit wohlfeilen Ergebnissen und mit Mainstream-Charakter. Meist keine wirklichen Fälschungen - aber enorm viel falsch investiertes Geld!

Was sollte geschehen?

Ein wissenschaftlicher Betrug sollte nicht mehr als eine Bagatelle oder verzeihliche Sünde betrachtet werden, die durch spätere "gute" Taten des Verursachers weitgehend geheilt werden kann. Eine wissenschaftliche Fälschung ist klar als ein schwerer Verstoß gegen das fundamentale Prinzip jeder Wissenschaft - nämlich die Suche nach Wahrheit - anzusehen und zu brandmarken. Eine unzweifelhaft nachgewiesene wissenschaftliche Fälschung wäre klar zivilrechtlich als eine Straftat zu ahnden ("Betrug"): Titel der Veröffentlichung, Autor(en) und Betreuer/Beurteiler der Arbeit sollten publik gemacht werden, z.B. in einem kontrollierten Internetforum. Bei einem eindeutigen Fälschungscharakter einer Veröffentlichung sollte nicht nur ein eventuell damit erworbener Titel/Abschluss aberkannt werden, sondern der Verfasser der gefälschten Arbeit sollte die der Allgemeinheit ungerechtfertigt entstandenen Kosten - zumindest teilweise - erstatten müssen (etwa ein Stipendium, zu Unrecht erhaltene Fördermittel, eine Bezahlung während der Durchführung der gefälschten Arbeit, die Kosten für die Prüfung der inkriminierten Arbeit und einen damit zu Unrecht erworbenen Titel, Gerichtskosten etc.). Die USA haben schon vor ca. 20 Jahren mit der Institution des Office of Research Integrity (ORI) an den National Institutes of Health eine Stelle geschaffen, bei der auch Whistleblower einen gut begründeten Verdacht auf wissenschaftlichen Betrug melden können, ohne sich der Verfolgung durch die oft mächtigen Fälscher aussetzen zu müssen.

Vor allem aber sollten die wissenschaftlichen Institutionen selbst, allen voran die Universitäten, auf der Einhaltung hoher ethischer Standards in der Wissenschaft bestehen und Betrugsabsichten schon im Vorfeld einer Publikation zu verhindern suchen. Die Hochschulen müssen ihre Qualitätsanforderungen und -standards selbst konsequent durchsetzen und sollten sich nicht von einer nachrichtenhungrigen Presse "vorführen" lassen!


Über den Autor
Heiko K. Cammenga ist Professor und lehrte Physikalische Chemie an der Technischen Universität Braunschweig.

Aus Forschung & Lehre :: April 2014

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