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Plagiatsverdacht - Schavan wehrt sich

VON MARTIN SPIEWAK

Annette Schavan wehrt sich vehement gegen die Plagiatsvorwürfe - auch im Gespräch mit der ZEIT. Die Wissenschaft streitet derweil über ihre eigenen Maßstäbe.

Plagiatsverdacht - Schavan wehrt sich© BMBFWährend sich die Wissenschaft uneinig ist, verteidigt Annette Schavan ihren Doktortitel
Vor einigen Wochen erzählt Annette Schavan von der Zukunft. Es ist eine schöne Zukunft. Gerade hat die Ministerin überraschend verkündet, nicht mehr als stellvertretende CDU-Vorsitzende kandidieren zu wollen. Eine Niederlage? Schavan sagt, sie habe Ballast abgeworfen, um sich künftig ganz darauf konzentrieren zu können, was ihr wichtig sei: die Bildung, die Wissenschaft. Vier weitere Jahre als Ministerin malt Schavan sich aus oder ein reputierliches Dasein als Expertin im Parlament. Und wenn die Zeit der Politik einmal vorüber sei, dann wolle sie Bücher schreiben, Vorträge halten und sich verstärkt ihrem Amt als Honorarprofessorin der Theologie an der Freien Universität Berlin widmen. »Ich habe noch viel vor!«, ruft sie gut gelaunt in die Runde.

Seit Freitag vergangener Woche sieht Annette Schavan ihre Lebensperspektive in Gefahr. Die Bundesbildungsministerin erfährt, dass der Düsseldorfer Professor der Judaistik, Stefan Rohrbacher, ein vernichtendes Urteil über ihre Dissertation gefällt hat. Nach den Vorwürfen eines anonymen Plagiatsjägers im Internet hatte die Universität den Promotionsausschuss im Mai mit der Prüfung der Arbeit beauftragt. In einer »Sachverhaltsermittlung« kommt der Vorsitzende des Gremiums zu dem Schluss, dass Schavan sich in beträchtlichem Umfang fremden geistigen Eigentums bemächtigt habe, ohne dies ausreichend zu kennzeichnen. Die Häufigkeit der unzulässigen Übernahmen aus Werken fremder Autoren beweist für Rohrbacher eine »leitende Täuschungsabsicht«. Diesen Vorwurf hatte nicht einmal die Universität Bayreuth dem Promotionsbetrüger Guttenberg gemacht.

Die Doktorarbeit ein Plagiat, Schavan eine Täuscherin - setzt sich diese Interpretation durch, dann liegt das Bild der CDU-Frau in Scherben: als Politikerin, Wissenschaftlerin und öffentliche Person mit einem Gewissen. Der Fall der Annette Schavan könnte tiefer ausfallen als der anderer Politiker, die über die akademischen Sünden der Vergangenheit gestolpert sind. Denn erkennt die Fakultät auf Plagiat, dann ist sie nicht nur ihren Titel los, sondern auch ihren Studienabschluss, weil sie damals ohne Diplom gleich die Promotion ansteuerte.

Doch so weit ist es noch lange nicht. Gute Argumente sprechen gegen die Schlussfolgerung aus Rohrbachers Gutachten, ebenso gute aber auch dafür. Die Überlebenschancen Annette Schavans als öffentliche Person stehen fifty-fifty. Denn die Wissenschaft ist sich keineswegs einig über die wichtigen Fragen, die am Ende Schavans Schicksal entscheiden: Wann wird aus einer Nachlässigkeit ein Fehler und schließlich ein akademischer Regelverstoß? Wie viele kleine Plagiate braucht es, um eine ganze Arbeit zu einem großen Betrug werden zu lassen? Und gelten die Regeln korrekten wissenschaftlichen Arbeitens unabhängig von Zeit und Fachkultur?

Annette Schavan wird alles unternehmen, damit sich die Waage zu ihren Gunsten neigt. Politisch tendiert sie mitunter zu Unentschiedenheit. Wer jetzt mit ihr spricht, erlebt eine ungewöhnlich entschlossene und durchaus überzeugende Schavan. »Jeder, der mich kennt, weiß: Ich bin zu dem, was mir vorgeworfen wird, nicht fähig«, sagt sie und nimmt einen zu einer Reise in ihre Vergangenheit mit. 23 Jahre alt ist sie, als sie ihre Promotion über die Gewissensbildung beginnt. Das Thema »Gewissen und Person« verbindet nicht nur ihre Studienfächer Theologie, Erziehungswissenschaften und Philosophie miteinander. Es ist der Studentin geradezu eine Herzensangelegenheit. »Die Pädagogik befand sich in ihrer größten Krise«, erinnert sich Schavan. Darf man noch erziehen, fragten akademische Denker. Gegen diesen Zeitgeist will die junge Konservative in ihrer Promotion an schreiben. »Es ging mir damals nicht um den Titel, sondern um das Thema«, sagt Schavan.

Doch das behaupten alle - auch alle offiziell überführten Täuscher. Von ihnen unterscheidet sich Schavan aber in wesentlichen Punkten. Ihre Promotion entsteht damals nicht als Nebentätigkeit, in den knappen Stunden im ICE auf dem Weg zwischen Amtssitz und Wahlkreis. Sie sucht auch keinen Beschleuniger für ihre Karriere, die noch gar nicht begonnen hat. Zum Schummeln aus Zeitnot oder Langeweile - neben intellektueller Armut die Hauptmotive des Plagiierens - dürfte es für Schavan wenig Anlass gegeben haben.

Noch heute, das merkt man, ist die Ministerin Schavan zufrieden mit der Studentin gleichen Namens. Die Gewissensbildung und persönliche Moral hätten sie auch später in Aufsätzen und Vorträgen immer wieder beschäftigt. Die Essenz der Arbeit - der Mensch hat ein Gewissen, und er ist dafür verantwortlich - sei ihre Grundüberzeugung. Das meint sie, wenn sie sagt, die Vorwürfe des Düsseldorfer Gutachters träfen den Kern von dem, was ihr wichtig sei. »Ich müsste doch schizophren sein, wenn ich über das Gewissen schreibe und gleichzeitig täusche«, sagt Schavan.

Darüber, ob sie am Ende mit der Entschuldigung durchkommt, ihre damaligen Verstöße gegen die guten akademischen Sitten seien auf Schludrigkeit oder Unwissen zurückzuführen, entscheidet auch ihre Glaubwürdigkeit heute. In der Guttenberg-Affäre war sie es, die dem Minister - zum Ärger mancher Parteikollegen - den ersten entscheidenden Stoß gab. »Als jemand, der selbst vor 31 Jahren promoviert hat und in seinem Berufsleben viele Doktoranden begleiten durfte, schäme ich mich nicht nur heimlich«, sagte sie damals. Es stimmt: An dieser Aussage muss sie sich heute messen lassen. Andererseits: Spricht so jemand, der ahnt, dass er selbst eine Leiche im Keller hat?

Schludrig, unwissend - das ist Annette Schavans Version der Wahrheit. Die andere Version besteht aus Tabellen und Listen, Fußnoten und Literaturangaben. Sie hat einen Umfang von 82 Seiten und eine eigene kalte Kraft. Robert Schmidt nennt sich der Verfasser. Hinter dem Pseudonym steckt der Mann, der die Website schavanplag ins Internet gestellt und damit die offiziellen Ermittlungen der Düsseldorfer Universität in Gang gesetzt hat.

Niemand außer der Bildungsministerin selbst dürfte die Arbeit so gründlich gelesen haben wie er. Zeile für Zeile hat er Schavans Sätze mit den Werken der damaligen Zeit zum Forschungsgegenstand abgeglichen. Nicht nur die wenigen digital erfassten Bücher bezieht er in die Analyse ein, das ist einfach. Auch alle anderen verwendeten Titel kontrolliert er auf Übereinstimmungen, selbst Bücher, die nicht im Literaturverzeichnis vorkommen. Eine Arbeit, die Fleiß und Akribie erfordert, wie sie sich ein Doktorvater nur wünschen kann.

Was Robert Schmidt bis Anfang Oktober zusammengetragen hat, summiert sich zu einer verstörend großen Anzahl von kleineren wie größeren Verstößen gegen die akademischen Zitierregeln - wie sie heute jeder Student spätestens im Examen kennen sollte. Danach gilt: Jeder fremde Gedanke muss mit einer Fußnote gekennzeichnet werden, je origineller und länger die Übernahme ist, desto dringlicher. Die Grundregel alles Zitierens formuliert der Bonner Juraprofessor und Promotionsexperte Wolfgang Löwer: »Der Leser der Publikation muss immer wissen, wer zu ihm spricht: Ist es der Doktorand selbst oder ein anderer Wissenschaftler durch den Doktoranden?«

Auf immerhin 92 Seiten sind Annette Schavan die Stimmen laut der Analyse von schavanplag durcheinandergeraten, hat sie Übernahmen nicht oder nicht ausreichend kenntlich gemacht. Der Düsseldorfer Prüfer Rohrbacher kommt auf etwas weniger inkriminierte Stellen. Häufig kopiert sie nur Fragmente eines Satzes ohne Quellenangabe. Dann wiederum nennt sie den Stichwortgeber in einer Fußnote an einer Stelle, ohne jedoch klarzumachen, dass sie im folgenden Text weitere Gedanken diesem Autor schuldet.

»Bauernopfer« nennt man dieses Verfahren, fremdes geistiges Eigentum nicht als solches eindeutig auszuweisen. So fasst die Autorin auf Seite 311 und 312 die Ausführungen verschiedener Autoren, unter anderem Freuds, zur Normbildung zusammen. Die Übersicht ähnelt - in den Formulierungen wie in den Literaturangaben - frappierend der Arbeit eines anderen Wissenschaftlers, des Kriminologen Lutz Hupperschwiller. Dieser Autor kommt zwar vor, doch nur in einer einzigen Fußnote auf der Seite, sodass der Leser den Eindruck haben muss, die Fleißarbeit stamme fast ausschließlich von Annette Schavan.

Große Teile Originalliteratur hat Annette Schavan, wie es scheint, nicht selbst gelesen. Sie rezipiert sie über sekundäre Quellen. Der Plagiatsjäger kommt der Autorin meist durch charakteristische Fehler auf die Spur. Wenn es also bei Schavan wie beim (nicht an Ort und Stelle zitierten) Sekundärautor »emotionale Symbiose« heißt statt wie richtig im Original »emotionelle Symbiose«, liegt es nahe, dass die junge Wissenschaftlerin das Original nicht gelesen hat. An einigen Stellen übernimmt Schavan ganze Satzgruppen beziehungsweise verändert nur ein paar Füllwörter. Aus »mit der Zeit« wird »im Laufe ihrer Entwicklung«. In der Arbeit des niedersächsischen Kultusministers Bernd Althusmann, die ebenfalls unter Plagiatsverdacht stand, gab es solche ungekennzeichneten Übernahmen nicht. Der CDU-Politiker sicherte sich stets mit dem schwammigen Verweis »vergleiche« (vgl.) in der Fußnote ab. Auch deshalb sprach die Prüfungskommission der Universität Potsdam Althusmann frei, trotz einer großen Zahl von »Verstößen gegen die gute wissenschaftliche Praxis«.

Eine ungekennzeichnete Übernahme - diese größte Sünde begeht die junge Annette Schavan beim Verfassen ihrer Promotion nicht häufig. Bis auf drei Autoren werden zudem alle Wissenschaftler, denen die Promovendin etwas inhaltlich schuldet, im Literaturverzeichnis oder in einer Fußnote genannt, wenn auch nicht immer dort, wo es notwendig wäre. Vom dreisten Abkupfern ganzer Dokumente, wie es der Doktorand Guttenberg betrieb, ist Schavan weit entfernt. Um ein Bild zu wiederholen (siehe "Die Nachprüfung"): Während man bei Guttenberg gewissermaßen die Beute eines Bankraubs entdeckte, hat man bei Schavan nur eine Bibel und Handtücher aus mehreren Hotels gefunden.

Doch Karl-Theodor zu Guttenberg ist in der Diskussion um die Prominentenplagiate nur in einer Hinsicht ein guter Maßstab: dass ein Minister zurücktreten muss, wenn er sich seinen Doktortitel erschwindelt hat. Das Ausmaß seines intellektuellen Diebstahls jedoch sprengt alle Dimensionen. Selbst ein Viertel der Guttenbergschen Beute reicht für die Aberkennung eines Doktortitels.

Im jüngsten Fall ist für den Münchner Rechtsprofessor Volker Rieble die Sache klar: »Schavans Doktorarbeit ist ein klares Plagiat.« Rieble, Autor des Standardwerkes zum Thema, ist ein Purist. Die Wissenschaft hat ihre Regeln, wer sie bricht, wird sanktioniert. Punkt. »Wie soll ich jemandem, der heute promoviert, sonst erklären, dass Schwindler wie Althusmann und Schavan davonkommen?«, fragt Rieble. Schon 20 Seiten, auf denen fehlerhaft zitiert wird, reichen Rieble - »und vielen Gerichten«, wie er sagt - für eine Aberkennung der Doktorwürde. Das »Ist doch nicht so schlimm wie Guttenberg«-Argument betrachtet er als Ausflucht. Das Gleiche gelte für den Einwand, dass die Maßstäbe heute andere seien als damals. »Das ist eine Uraltausrede«, sagt Rieble.

Doch dieses zeitliche Argument könnte erklären, warum es in Schavans Dissertation zu den Unregelmäßigkeiten gekommen ist, und Ehre wie Amt der Bildungsministerin retten. Für Heinz-Elmar Tenorth argumentieren Rieble wie auch der Düsseldorfer Gutachter Rohrbacher »ahistorisch« und damit unfair. Einen berufeneren Zeugen ihrer Verteidigung kann sich Annette Schavan nicht wünschen. Tenorth ist nicht nur Deutschlands bekanntester Bildungshistoriker, sondern auch emeritierter Erziehungswissenschaftler. Wie kaum ein anderer kennt er die (Un-)Kulturen seines Faches.

Tenorth charakterisiert Schavans Dissertation als typische Arbeit ihrer Zeit. Gerade in der Pädagogik sei es damals üblich gewesen, in Dissertationen große Mengen an Literatur zusammenzufassen. Das endlose Paraphrasieren anderer Autoren gehörte gleichsam zum »Gattungsmerkmal« erziehungswissenschaftlicher Promotionen, sagt Tenorth. Wenn der Düsseldorfer Gutachter Rohrbacher beklage, im Hauptkapitel der Dissertation so gut wie keine eigenen Gedanken der Autorin zu finden, sei dies ein Missverständnis. »Das ist bei solchen Arbeiten nicht vorgesehen«, sagt Tenorth. Wichtig sei vielmehr das Schlusskapitel, wo die Autoren dann - aufbauend auf dem Forschungsstand - eigene Gedanken entwickeln. Die meisten Nachwuchswissenschaftler kämen nur auf ein Dutzend Seiten. Schavans Beitrag zur Forschung sei da etwas substanzieller.

Was bei Guttenberg nur Spott auslöste (»Disketten verwechselt, Textbausteine durcheinandergebracht«), könnte bei Annette Schavan vor 30 Jahren tatsächlich so geschehen sein. Nach dem Bezwingen der Primär- und Sekundärliteratur mithilfe von Karteikarten und Zettelkästen ließ sich manche handschriftliche Notiz beim Verfassen der Dissertation nicht mehr richtig zuordnen.

Welche Lesart sich am Ende durchsetzt, bleibt offen. Selbst unter den Plagiatsjägern ist man sich uneins. Während der Dresdner Stefan Weber (»mittlerweile«) für eine Aberkennung des Doktortitels plädiert, hält der VroniPlag-Administrator »Hindemith« eine solche Sanktion für überzogen. Die Plagiatsfundstellen in der Dissertation seien für eine Bildungsministerin und Professorin sehr peinlich. Die Zahl der »glasklaren Fundstellen« liege für ihn jedoch noch unter einer gewissen Toleranzschwelle.

Die Hängepartie wird sich noch hinziehen. Erst einmal wird die Universität ihre ehemalige Promovendin anhören müssen, dann - so ist zu vermuten - ein zweites Gutachten einholen. Vor Anfang nächsten Jahres dürfte mit keiner Entscheidung zu rechnen sein, vielleicht sogar noch später. Für den Wahlkampf ist Annette Schavan als oberste konservative Bildungspolitikerin nur noch eingeschränkt tauglich. Wenn das Plagiatsverfahren gegen sie eingestellt wird, bleibt sie bis zur Wahl im Amt. Die Nachfolgerin wird sicherlich anders heißen, selbst wenn sie aus der CDU stammt.

Die Wissenschaft steht schon heute ebenso als Verliererin da, erscheint sie doch zerstritten über die eigenen Regeln und Qualitätsstandards. Können die sich mit der Zeit ändern (siehe "Wie genial muss es denn sein?") ? Sind die Maßstäbe, wie manche meinen, mit den Fällen von Guttenberg und Co. zu streng geworden? Oder können sie gar nicht streng genug sein? Auch die Universität Düsseldorf kann bei dem Verfahren nicht mehr gewinnen. Erkennt sie die Promotion ab, heißt es: Sie musste es tun, um einen ihrer Dekane nicht öffentlich bloßzustellen. Tut sie es nicht, wird die Hochschule mit dem Vorwurf leben müssen, vor Politik und Prominenz gekuscht zu haben.

Aus DIE ZEIT :: 18.10.2012

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