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Porträt: Tilman Brück

Von Carsten Bösel

Der Ökonom Tilman Brück ist Leiter der Abteilung Weltwirtschaft am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung und untersucht Armut, Krieg und Konflikte in Entwicklungsländern. In der Wissenschaft bevorzugt er Flexibilität, Teamarbeit und flache Hierarchien.

Porträt: Tilman BrückTilman Brück
Als im Frühjahr 2000 die Bilder von der Flutkatastrophe in Mosambik um die Welt gingen, verfolgte Tilman Brück, damals Doktorand an der Universität Oxford, gebannt die Berichterstattung auf BBC. Heute bezeichnet der Wirtschaftswissenschaftler diese Eindrücke als einen Schlüsselmoment in seiner Karriere: "Ich dachte mir: Dazu könnte ich jetzt auch etwas sagen, denn ich hatte selbst zu den Auswirkungen des Bürgerkriegs in Mosambik geforscht." Der Gedanke illustriert sehr gut, was dem 38-Jährigen in seiner Arbeit wichtig ist: Forschung zu relevanten Themen und Rückkopplung der Erkenntnisse in die Gesellschaft.

Dass es bei der universitären Forschung häufig mehr um den reinen Erkenntnisgewinn geht als darum, Wissen gesellschaftlich wirken zu lassen, erlebte Brück während seiner Zeit an Oxford. Nach der Promotion war deshalb unklar, ob es mit einer Karriere in der Forschung weitergehen sollte.

Oxford bot zwar ein überaus anregendes Umfeld, aber auch ausgeprägtes Einzelkämpferdasein mit oft wochenlanger Isolation am Schreibtisch. "Das fand ich ziemlich abschreckend. Ich bin jemand, der gerne mit Menschen zusammenarbeitet und über die gemeinsame Forschung redet. Und den Bezug zur Politik und zur Realität fand ich auch sehr wichtig."

Der Einstieg als wissenschaftlicher Referent am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) erwies sich als Glücksfall, denn die außeruniversitäre Forschung mit ihrer starken Betonung auf Teamarbeit und anwendungsorientierten Fragestellungen war genau das, wonach Brück gesucht hatte. Als kurzfristig eine Abteilungsleitung kommissarisch zu besetzen war, bekam er mehr durch Zufall als durch Karriereplanung die Chance, nach zwei Jahren Forschungspause sofort eine Abteilung mit rund 25 Mitarbeiter/innen zu führen. Brück nahm die schwierige Herausforderung an - und gewann. Nach drei Jahren wurde er zum Leiter der Abteilung Weltwirtschaft bestimmt und ist seit 2006 außerdem Juniorprofessor für Entwicklungsökonomie an der Humboldt Universität Berlin.

"Für mich ist das die beste von beiden Welten", schwärmt Brück. "Ich habe die universitäre Anbindung an die Humboldt-Universität und kann dort selber Doktoranden betreuen. Gleichzeitig habe ich hier am Institut eine relativ flexible, effektive Institution, die es mir ermöglicht, Politikberatung zu machen." Ideale Arbeitsbedingungen für jemanden, der sich gleichermaßen für Forschung und Beratung begeistert und nichts von einem ritualisierten Arbeitsalltag hält. Brück sieht sich als Macher, als Wissenschaftsunternehmer, der Projekte auf die Beine stellt, Arbeitsgruppen aufbaut und Themen entwickelt. "Als Unternehmer für so ein schönes Produkt tätig zu sein", sagt er ganz ohne Ironie, "das finde ich klasse."
Seine Forschung kreist um die Themen Armut, Krieg und Konflikte in Entwicklungsländern wie Mosambik oder Uganda, aber auch um die ökonomischen Folgen des neuen globalen Terrorismus. Als Entwicklungsökonom interessiert Brück die kleinteilige Ebene der Privathaushalte und die Art und Weise, wie sie mit Extremsituationen wie Krisen, Kriegen und Naturkatastrophen umgehen. Phänomene, mit denen sich sonst eher Historiker, Soziologen oder auch Psychologen beschäftigen, untersucht er mit dem Rüstzeug des Ökonomen: Warum werden Menschen gewalttätig? Wie wirkt Gewalt auf die Gesellschaft?

Das sind Fragen, die Tilman Brück schon seit der Schulzeit umtreiben. Weil er mit dem deutschen Gymnasium unzufrieden war, verbrachte er die letzten beiden Schuljahre an einer kanadischen Privatschule, die das soziale Engagement ihrer Schüler förderte. Es folgten ein Studium in Schottland sowie Master und Promotion in Oxford. Nach zehn Jahren in Großbritannien entschied sich Brück dennoch für eine Rückkehr nach Deutschland, vorwiegend aus persönlichen Gründen und im Glauben, als Politikberater im eigenen Land eventuell besser aufgehoben zu sein.

Mit der Attraktivität des Forschungsstandortes Deutschland hatte die Heimkehr des Bildungsflüchtlings Brück also nichts zu tun. Im Gegenteil: Der Juniorprofessor spart nicht mit Kritik am deutschen Wissenschaftssystem. Zu schwerfällig sei der Reformprozess, zu starr und hierarchisch die Strukturen, der ganze Sektor massiv unterfinanziert und nach wie vor überwiegend wettbewerbs- und leistungsfeindlich. Vorbildhaft dagegen die Verhältnisse in Großbritannien: "Ich bin immer noch sehr britisch geprägt", bekennt Brück. "Ich denke, dass die Briten viele Vorteile haben in ihrer Flexibilität und ihrem Pragmatismus."

Nachwuchswissenschaftlern rät Brück, sich eine produktive Nische im System zu suchen, wo sie international wettbewerbsfähig sein können und das alte Hierarchiedenken keine große Rolle mehr spielt. Um eine solche Nische zu finden, müsse man bereits früh gut informierte Entscheidungen treffen und Ortswechsel in Kauf nehmen. Allerdings sollten es die richtigen Orte sein: "Ich sehe bei vielen Bewerbern, dass sie zwar an Orte wechseln, die sehr exotisch sind, aber wo ich sage: Das ist für dein Fach kein guter Ort."

Dass Tilman Brück beim DIW der richtige Mann am richtigen Ort ist, wird schnell jedem klar, der ihm begegnet.


Quelle: academics

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