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Pragmatismus statt Euphorie - Virtuelle Lernwelten in der Universität

von BERNHARD KEMPEN

Für die Einen ist es ein vielversprechendes Zukunftsmodell, für die Anderen ein "Hype", der bald wieder vorüber geht. Was ist dran an den Massive Online Courses (MOOCs)? Was bedeutet eine verstärkte Nutzung der virtuellen Online-Welten für die Beziehung von Lehrenden und Lernenden an der Universität? Eine Positionsbestimmung.

Pragmatismus statt Euphorie - Virtuelle Lernwelten in der Universität© complize - photocase.deDer "Hype" um die MOOCs lässt nach und erlaubt einen Blick auf die Vor- und Nachteile virtueller Lernwelten
Als vor Jahren in den USA - wo sonst - die ersten massive open online courses an den Start gingen, war die Euphorie groß. Von einer neuen Qualität des Lehrens und Lernens war die Rede, von besseren Bildungschancen für sozial Benachteiligte, von hunderttausenden und Millionen Studienteilnehmern in aller Welt, kurzum: von einer neuen Epoche.

Einige Präsidenten von US-Spitzenuniversitäten glaubten und glauben, dass kostenpflichtige MOOCs eine lukrative Einnahmequelle bilden, einige von der Digitalisierung gebeutelte Wissenschaftsverlage hofften und hoffen auf ein neues Geschäftsfeld, und die Finanzminister witterten schon, dass in den neuen Formaten riesige Einsparpotentiale schlummern. Warum soll die Vorlesung "Statistik" für Erstsemester in jeder Universität von jeweils einem Professor gelesen werden, wenn das doch genau so gut, wenn nicht besser ein einziger Professor einer hochgerankten Spitzen-Elite-Forschungsuniversität online für alle Studierenden erledigen kann? Es dauerte nicht lange, da fühlten sich die ersten Professorinnen und Professoren wie die Droschkengäule bei der Erfindung des Automobils.

Heute ist in den USA, wenn ich verschiedene Beiträge im amerikanischen Chronicle of Higher Education lese, eine gewisse Ermattung eingetreten. Nicht, dass die MOOCs tot wären, aber es ist ruhiger um sie geworden. Und das bietet uns eine gute Gelegenheit, sich mit den Chancen und Risiken virtueller Lernwelten auseinander zu setzen.

Virtualität, Realität und Materialität

Viele meinen, das Gegenstück zu Virtualität sei Realität. Aber das ist wohl nicht richtig. Wenn wir unter Virtualität die funktional äquivalente Entfaltung von Möglichkeiten verstehen, die den Eigenschaften einer Sache innewohnen, dann ist das Gegenstück zu Virtualität nicht Realität, sondern Materialität.

Tatsächlich sind virtuelle Welten in ihrer Virtualität ganz real: Wir erleben die virtuelle Welt der täglichen E-Mail-Flut als reale Heimsuchung, die virtuelle Welt eines Romans als reale Leseoase und die virtuelle Welt von Börsenkursen als reales Glück oder Unglück, je nachdem. Wenn ich unterwegs bin, telefoniert mein fast zweijähriges Söhnlein manchmal via Skype mit mir. Diese virtuelle Begegnung ist dann auf ihre Art sehr real, wobei zu dieser Realität auch die Enttäuschung meines Sohnes gehört, mich nicht berühren zu können, wenn er nach dem Bildschirm greift.

Unsere Alltagswelt ist voller Virtualitäten, die wir in pragmatischer Abwägung der Vor- und Nachteile gutheißen. Wir unternehmen am heimischen PC einen virtuellen Video-Rundgang durch die von einem Makler angebotene Mietwohnung und nehmen dabei in Kauf, dass uns gewisse Mängel der Mietsache - die streitsüchtigen Wohnungsnachbarn, der strenge Katzengeruch - verborgen bleiben, weil wir den Vorteil genießen, den weiten Weg zum Mietobjekt nicht antreten zu müssen.

Wir glauben, dass in der virtuellen Diskurswelt eines Parlaments die politischen Ansichten der Bürger abgebildet sind, und akzeptieren dabei, dass es in der maßstabsgerechten Abbildung der Meinungsvielfalt zu erheblichen Verzerrungen und Verkürzungen kommt, weil wir in der Alternative einer plebiszitären Demokratie, nicht zuletzt mit Blick auf die Schweiz, noch größere Nachteile ahnen.

Vor- und Nachteile

Virtualität - das ist die Schlussfolgerung zu meinem ersten Gedanken - ist also nur mit Pragmatismus zu meistern. Das erfordert ein sorgfältiges Abwägen aller Vor- und Nachteile.

Auf der Nachteilsseite steht dabei unter anderem, dass in virtuellen Lernwelten die interkommunikativen verbalen und non-verbalen Lernerlebnisse, die nun einmal nur die individuelle, persönliche Begegnung von Lernendem und Lehrendem vermittelt, zu einem erheblichen Teil auf der Strecke bleiben.

Auf der Vorteilsseite dürfte neben vielem anderen stehen, dass in virtuellen Lernwelten der Lernhunger auch von solchen Lernhungrigen jedenfalls ansatzweise gestillt werden kann, denen eine persönliche Präsenz im Hörsaal nicht möglich ist.

Wie das Gesamtsaldo bei Abwägung aller Vor- und Nachteile aussieht, kann ich noch gar nicht sagen. Und der zweite Gedanke ist: Es gibt nicht-virtualisierbare Kategorien. Schönheit und Gerechtigkeit sind als Kategorien nicht virtualisierbar, Wahrheit auch nicht. Eine virtuelle Wahrheit gibt es nicht einmal im Strafprozess. Auch dort gibt es nur eine Wahrheit. Oft genug kennt sie nur der Angeklagte. In seinem Bemühen um Wahrheitserkenntnis bleibt das Gericht manchmal und nicht nur in bayerischen Steuerstrafverfahren hinter der Wahrheit zurück, aber das bedeutet nicht, dass im Gerichtssaal eine virtuelle Wahrheit entstünde.

Genau so wenig gibt es eine virtuelle wissenschaftliche Erkenntnis. Es gibt nur das ewige, mal erfreuliche, mal ermüdende Streben nach der einen Wahrheit. Virtuelle Wahrheit wäre nichts anderes als ein Geschwister der Halbwahrheit, des Irrtums und der Ideologie, die mit vollem Namen Unwahrheit heißen.

Darin liegt für unseren Berufsstand etwas ungemein Beruhigendes: Jetzt und in ferner Zukunft wird wissenschaftliche Erkenntnis ein nicht virtualisierbarer, authentischer, nicht verfälschbarer Prozess bleiben, der auf Personen angewiesen ist, die dazu in der Lage sind, einen solchen Prozess erfolgreich durchzuführen. Der "virtuelle Forscher" gehört ins Reich der nicht lesenswerten Drei-Groschen, pardon, 15 Cent-Science-Fiction-Romane. Sprechen wir uns einmal auf dem 164. Hochschulverbandstag wieder. Dann allerdings werden uns die 10er Jahre des 21. Jahrhunderts mit ihrem politischen Auf und Ab von Qualitätssicherung, Evaluation, Zielvereinbarungen und Akkreditierungen, mit ihrem Hin und Her von Kooperationsverbot, Bundes- und Landeszuschüssen, Drittmitteln und Studienbeiträgen möglicherweise irgendwie klein und unbedeutend vorkommen.

Was nicht heißen soll, dass alles dies nicht in heutiger Sicht dringend einer politischen Antwort bedürfte. Christian Morgenstern hat übrigens als erster und einziger erkannt, dass die Droschkengäule die wahren Wissenschaftler unter den Tieren sind, wenn er den Droschkengaul in dem gleichnamigen Gedicht sagen lässt: "... es frisst im Weisheitsfuttersack wohl jeglich Maul ein Weilchen, doch nie erreichts - o Schabernack - die letzten Bodenteilchen."


Über den Autor
Bernhard Kempen lehrt Völkerrecht und ausländisches öffentliches Recht an der Universität zu Köln und ist Präsident des Deutschen Hochschulverbandes. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Völkerrecht, Europarecht, öffentlichen Recht und Wissenschaftsrecht.

Aus Forschung & Lehre :: Mai 2014

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