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Prekariat mit Doktorgrad

VON ANANT AGARWALA

Promovenden und Postdocs rebellieren gegen schlechte Bezahlung und Kurzzeitverträge. Die Politik bewegt sich.

Prekariat mit Doktorgrad© Bacho Foto - Fotolia.comDoktoranden und Postdocs fordern deutlich bessere Rahmenbedingungen
Ihr Studium haben sie mit Bestnote abgeschlossen, Glückwünsche vom Dekan bekommen, vielleicht eine Blume zum Zeugnis. Dann beginnt für aufstrebende Wissenschaftler eine harte Zeit. Doktoranden arbeiten bis zu fünfzig Stunden in der Woche, bekommen aber oft nur zwanzig bezahlt. Sie haben vor lauter Lehrtätigkeiten kaum Zeit zum Promovieren, die Dissertation wird zum Wochenendvergnügen. Ihr Arbeitsvertrag ist auf wenige Jahre befristet.

Und auch nach der Promotion kommt es an deutschen Hochschulen zu postdoctraumatischen Belastungsstörungen: viel Arbeit, ständige Unsicherheit. Kinder? Lieber nicht, wer weiß schon, wie es weitergeht. Und dann, am Ende der maximal auf zwölf Jahre befristeten Anstellungen - endlich Professor? Wahrscheinlich nicht. Viel zu viele Kandidaten für viel zu wenige Lehrstühle.

Das Verhältnis von Promotionen und frei werdenden Professorenstellen beträgt durchschnittlich 20 zu 1. Wer den Absprung nicht schafft, wird mit Anfang vierzig zum akademischen Tagelöhner. Lehraufträge zu 25 Euro die Stunde, die Vor- und Nachbereitung unbezahlt, keine Sozialversicherung und in den Semesterferien: kein Geld.

Ins Prekariat mit Doktorgrad - eine typische Karriere an deutschen Universitäten. Fast neunzig Prozent aller wissenschaftlichen Mitarbeiter sind befristet angestellt, die Hälfte von ihnen mit einer Vertragslaufzeit von weniger als einem Jahr. Sie hangeln sich von Stelle zu Stelle. Man kann sagen, der wissenschaftliche Nachwuchs wird in Deutschland systematisch ausgebeutet, bis er am Ende in einer Sackgasse landet. Eine düstere Perspektive auch für den Wissenschaftsstandort Deutschland: Viele der besten Leute gehen lieber in die Wirtschaft oder ins Ausland.

Das Problem ist seit 1917 bekannt. Damals hielt Max Weber seinen Vortrag Wissenschaft als Beruf und stellte fest: »Es ist außerordentlich gewagt für einen jungen Gelehrten, der keinerlei Vermögen hat, überhaupt den Bedingungen der akademischen Laufbahn sich auszusetzen. Er muss es mindestens eine Anzahl Jahre aushalten können, ohne irgendwie zu wissen, ob er nachher die Chance hat, einzurücken in eine Stellung, die für den Unterhalt ausreicht.«

Die Gewerkschaft fordert Karrierewege wie in Amerika

In fast hundert Jahren hat sich nicht viel getan. Obwohl das Problem ein Dauerthema ist, sind Hochschulen und Forschungseinrichtungen für den Mittelbau noch immer Work-Life-Balancefreie Zonen. Die Möglichkeit zur Ausbeutung junger Wissenschaftler ist im Wissenschaftszeitvertragsgesetz rechtlich abgesichert, weil weder Mindestvertragslaufzeiten festgelegt noch unbefristete Verträge für Daueraufgaben vorgeschrieben sind.

Nun endlich kommt Bewegung in die Sache. Die Onlinepetition einer Initiative junger Politikwissenschaftler, die sich in Anknüpfung an Webers Vortrag »Wissenschaft als Beruf« nennt, hat bereits 4.600 Unterzeichner. »Wir machen Druck von unten und zeigen, dass wir uns nicht alles gefallen lassen«, sagt Andreas Kruck, wissenschaftlicher Assistent am Politikinstitut der LMU München und einer der Initiatoren der Petition.

Druck kommt auch von der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW), die schon 2010 im »Templiner Manifest« grundlegende Reformen gefordert hatte. Vor drei Wochen legte die GEW konkrete Vorschläge zur Anpassung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes vor. Die Forderungen: Mindestvertragslaufzeiten für Doktoranden von drei Jahren, mindestens 50 Prozent der Arbeitszeit für die Dissertation und ein sogenannter Tenure-Track als klare Perspektive für Postdocs.

Im Tenure-Track, in den USA akademischer Standard, vereinbaren Hochschule und Wissenschaftler klare Zielvorgaben für den Zeitraum des Vertrages. Erfüllt der Wissenschaftler die Vorgaben, stellt ihn die Universität anschließend unbefristet ein. Er sei »verhalten zuversichtlich«, dass sich die Situation der Doktoranden und Postdocs bald verbessere, sagt Andreas Keller, stellvertretender Vorsitzender der GEW. »Immerhin sind wir schon so weit, dass niemand mehr die Probleme leugnet.«

Die Hochschulrektorenkonferenz hat sich schon bewegt, und nun bewegt sich auch die Politik. Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) hat der Süddeutschen Zeitung gesagt, es sei »indiskutabel«, dass mehr als die Hälfte der Wissenschaftler bei ihrem ersten Vertrag kürzer als ein Jahr beschäftigt würden. Das Thema steht auch im Koalitionsvertrag. Im Dezember 2014 trafen sich die Arbeitsgruppen »Bildung und Forschung« der Regierungsfraktionen zu einem Fachgespräch.

»Bis zum Sommer muss vom Bund etwas kommen«

Noch herrscht ein Dissens zwischen den Fraktionen, wie dem Nachwuchs und Mittelbau konkret geholfen werden soll. Von der SPD heißt es, sie wolle das Thema lieber heute als morgen angehen, aber die CDU trete auf die Bremse. Die Union wiederum sieht die Sozialdemokraten unüberlegt vorpreschen, statt die Situation vernünftig zu analysieren.

Spätestens um Ostern herum wollen beide Fraktionen die Eckpunkte eines Maßnahmenpakets erarbeitet haben. Die Novellierung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes soll, so ist zu hören, zum 1. Januar 2016 in Kraft treten und fortan die kurzläufigen Verträge verhindern. Die Hochschulen sollen künftighin den Doktoranden Laufzeiten anbieten, die sich an der Dauer einer Promotion orientieren. Wissenschaftliche Mitarbeiter in Drittmittelprojekten sollen Verträge bekommen, die so lange laufen wie das Projekt. Auch das war bislang nicht der Fall.

Die mangelnde Vereinbarkeit von Familie und Beruf, momentan ein Ausstiegsgrund für viele fähige Leute aus der Wissenschaft, soll ebenfalls angegangen werden, um die akademische Karriere attraktiver zu machen. Vorstellbar ist zudem, dass der Bund die Verteilung von Fördergeldern an Bedingungen knüpft - dass die Hochschulen zum Beispiel nur dann Geld bekommen, wenn sie die Befristungsquoten senken.

Auch die Länder werden gefordert: Bildungsministerin Wanka rechnet vor, dass die Länder durch die Befreiung von der Bafög-Zahlung durch den Bund genug Geld hätten, um 10.000 neue Stellen zu schaffen. So wird der Druck fleißig umverteilt. Andreas Keller von der GEW sieht Bildungsministerin Wanka gefordert. »Bis zum Sommer muss vom Bund etwas kommen. Ansonsten ziehen wir alle Register: bundesweite Demonstrationen, Streiks. Die Chance, dass sich etwas ändert, war noch nie so groß wie jetzt.«

Aus DIE ZEIT :: 05.02.2015


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