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Privathochschulen als Nischenanbieter

Von Alexander Dilger

Privathochschulen sind in Deutschland nach wie vor Nischenanbieter, weil die staatlichen Hochschulen finanziell besser ausgestattet sind und in der Regel die besseren Studierenden und Professoren gewinnen können. Für private Elitehochschulen fehlen die Voraussetzungen, doch Hybridlösungen könnten eine auch akademisch interessante Nische bieten.

Privathochschulen als Nischenanbieter© Universitäten Witten/Herdecke
Nach Angaben der Hochschulrektorenkonferenz (Stand 2. September 2009) gibt es in Deutschland 88 staatlich anerkannte Privathochschulen, nicht gerechnet 40 kirchliche Hochschulen, die eher den 236 staatlichen Hochschulen vergleichbar sind und im Folgenden nicht näher betrachtet werden sollen. Damit liegt der Anteil der Privathochschulen an der Anzahl aller Hochschulen bei beachtlichen 24 Prozent und das mit steigender Tendenz trotz einiger spektakulärer Schließungen. Beim Anteil an den 1 980 626 Studierenden sieht es allerdings ganz anders aus, denn davon stellen die 82 975 Studenten an Privathochschulen nur 4 Prozent. Die Privathochschulen sind jedoch nicht nur kleiner, sondern auch seltener mit Promotionsrecht ausgestattet. Häufig umfassen sie nur ein oder wenige Fächer, die in der Regel auch nicht teuer sind. Private Volluniversitäten gibt es nicht. Die Universität Witten/ Herdecke ist mit Medizin und Zahnmedizin schon eine große Ausnahme, hat daneben jedoch nur noch Fakultäten für Wirtschaft, was bei Privathochschulen sehr beliebt ist, und Kulturreflexion. Insgesamt sind die Privathochschulen in Deutschland zumindest bislang eher als Nischenanbieter zu betrachten, wobei sich in manchen Nischen natürlich besonders gut existieren lässt. Doch die Masse der Studierenden wie auch der Gelder und der Forschung findet sich im öffentlichen Hochschulbereich. Das ist weder Zufall noch Schuld der Privathochschulen, sondern liegt an den Rahmenbedingungen in Deutschland, die zumindest bislang die staatlichen Hochschulen deutlich begünstigen, so dass Privathochschulen auf verbleibende Nischen ausweichen müssen.

Staatliche Finanzierung

Der wohl größte Vorteil der staatlichen Hochschulen gegenüber den privaten liegt darin, dass sie zu großen Teilen vom Staat finanziert werden, während Privathochschulen faktisch auch öffentliche Förderung erhalten können, diese aber in der Regel weniger hoch und vor allem weniger sicher ist. Umgekehrt dürfen Privathochschulen höhere Studiengebühren nehmen, die für staatliche Hochschulen je nach Bundesland entweder ausgeschlossen oder auf maximal 500 Euro pro Semester begrenzt sind. Dies hat jedoch zur Folge, dass aus Studierendensicht die staatlichen Angebote kostenlos oder zumindest sehr billig sind. Gegen solche Konkurrenz können die Privathochschulen eigentlich nur in entsprechend billigen Fächern bestehen, auf die sich die meisten dementsprechend beschränken. Doch selbst dort sind die staatlich finanzierten Wettbewerber im Vorteil, so dass den Privathochschulen nur die angesprochenen Nischen bleiben. Eine recht große Nische kann die Aufnahme der an staatlichen Hochschulen abgewiesenen Studienplatzbewerber sein. Denn die Begrenztheit auch der staatlichen Mittel führt mangels marktlicher Koordination über Preise bzw. Studiengebühren zur Rationierung des Angebots. Das knappe staatliche Angebot gerade in besonders nachgefragten Fächern kann dementsprechend von Privathochschulen ergänzt werden, obwohl sie teurer sind und nicht unbedingt von höherer Qualität.

In einigen Bundesländern wie z.B. Nordrhein-Westfalen können nicht nur private, sondern auch staatliche Hochschulen zumindest dem Gesetz nach insolvent werden. Doch das ist nicht nur faktisch äußerst unwahrscheinlich, sondern für die meisten Gläubiger auch nicht so dramatisch. Insbesondere die auf Lebenszeit verbeamteten Professoren haben wenig zu befürchten, da sie nicht nur vor personen- und verhaltensbedingten Kündigungen, wenn keine ganz gravierenden Verfehlungen vorliegen, sondern auch vor betriebsbedingten Kündigungen und sogar dem Insolvenzfall einer Hochschule geschützt sind. Dem kann keine Privathochschule etwas Vergleichbares entgegensetzen. Es kommen weitere Vorteile des Beamtenstatus hinzu wie die Befreiung von der Sozialversicherungspflicht, so dass Privathochschulen selbst bei deutlich höheren Gehaltszahlungen nicht wirklich konkurrenzfähig sind. Es lässt sich nicht einmal sinnvoll berechnen, wie hoch eine angemessene Kompensation für den Verzicht auf den Beamtenstatus sein müsste, zumal die staatlich abgesicherten Professoren gerade in den wirtschaftsnahen Fächern großzügig hinzuverdienen können. Dementsprechend wechseln gestandene Professoren kaum von staatlichen an private Hochschulen. Wie bei den Studierenden findet auch bei den Professoren adverse Selektion zu Lasten der Privathochschulen statt, die sich mit den nicht an staatlichen Hochschulen untergekommenen Personen begnügen müssen. Da ist es nur ein schwacher Trost, dass zu schlechte Professoren entlassen werden können. Das ist bei verbeamteten Professoren nicht möglich, doch diese sind in der Regel vorher hinreichend geprüft worden und im Amt mit solchen Anreizen versehen, dass sie ihre für die lange und hohe Qualifikation ohnehin geringen Arbeitskosten wert sind.

Akademischer Anspruch

Eine Privathochschule mit hohen wissenschaftlichen Ansprüchen muss darauf setzen, hervorragende Nachwuchswissenschaftler rechtzeitig zu erkennen und als erste zu berufen. Sie sind dann immerhin dort tätig bis zum ersten Ruf einer staatlichen Hochschule, der gegebenenfalls durch hohe Zahlungen auch noch abgewehrt werden kann, da die staatlichen Hochschulen jüngeren Professoren eher weniger bezahlen und hervorragende Wissenschaftler später noch dahin wechseln können. Durch Zahlungsversprechen für die Zukunft und erhöhte Arbeitsplatzsicherheit lassen sich Professoren dagegen kaum halten, weil in dieser Hinsicht die staatlichen Hochschulen eindeutig überlegen sind. Dagegen sind auch ausländische Wissenschaftler interessant, die gar nicht auf Dauer bleiben wollen. Ein möglicher Pluspunkt, den Privathochschulen auf jeden Fall ausspielen sollten, sind unbürokratische Lösungen. Die meisten Privathochschulen setzen deutlich stärker auf die Lehre, mit der sie auch höhere Einnahmen erzielen können, als auf die Forschung. Damit werden sie jedoch für die forschungsstärksten Wissenschaftler ohnehin uninteressant, die ihrerseits vermutlich für höchstrangige Lehre nötig wären. Konsequenterweise erscheinen dann alle Professoren als recht teuer, so dass ihre Zahl begrenzt und lieber mit Lehraufträgen und billigeren Kräften gearbeitet wird. Führungsaufgaben in Privathochschulen müssen auch nicht selbstverwaltend von Professoren übernommen werden, sondern können angestellten Managern übertragen werden, die höchstens als steuerfreien geldwerten Vorteil den Professorentitel ohne entsprechende wissenschaftliche Leistungen verliehen bekommen. Überhaupt ist die Vergabe von Titeln nahezu ohne direkte Kosten möglich, so dass entsprechend großzügig damit umgegangen wird, auch gegenüber Studierenden und Doktoranden. Im Ergebnis leidet natürlich die akademische Qualität, die sich oft erst am unteren zulässigen Rand stabilisieren wird. Höhere Qualität bzw. Reputation hätte zwar einen höheren Wert, der sich jedoch nur schlecht in eine höhere Zahlungsbereitschaft überführen lässt. Erstens dauert der Reputationsaufbau sehr lange, zweitens ist im mittleren und höheren Qualitätsbereich die Konkurrenz der staatlichen Hochschulen viel größer, drittens fürchtet die von den staatlichen Hochschulen bereits abgewiesene Klientel zu hohe Leistungsanforderungen und viertens besteht in jedem Einzelfall eine Präferenz und damit die höchste Zahlungsbereitschaft für die Verleihung des angestrebten Titels mit sehr guten Noten. Das bedeutet natürlich nicht, dass jede einzelne Privathochschule oder gar jeder ihrer Studenten einen geringeren akademischen Anspruch erfüllt als staatliche Hochschulen bzw. deren Studierende. Es gibt andere Nischen als die guter Noten bei geringen Anforderungen. In manchen Fällen bzw. Fächern mag dieses Segment sogar von den staatlichen Hochschulen bereits besetzt sein. Bei den Studierenden schließen sehr gute Abschlüsse für fast alle entsprechende Leistungen Einzelner nicht aus, sie zeigen diese nur nicht mehr an, weshalb gerade die besseren Abiturienten selektivere Hochschulen bevorzugen dürften. Privathochschulen können dagegen stärker sozial als akademisch mittels hoher Studiengebühren selektieren.

Elitehochschulen

Im Ausland, insbesondere den USA, gibt es ganz anders aufgestellte Privathochschulen. Die besten Universitäten der Welt mit dem größten wissenschaftlichen Renommee sind größtenteils privat. Das führt zu der naheliegenden Frage, warum nicht auch in Deutschland Privathochschulen akademisch exzellent sein können. Dies ist natürlich nicht ausgeschlossen, jedoch an Bedingungen geknüpft, die bislang nicht erfüllt sind. So besitzen Harvard, Stanford und Yale Stiftungsvermögen in zweistelliger Milliardenhöhe und geben sehr viel Geld für Spitzenforschung aus, während ihre hohen Studiengebühren trotzdem nicht kostendeckend sind und die Vergabe von ebenfalls fast nur Bestnoten durch die äußerst selektive Auswahl der Studierenden gerechtfertigt werden kann. Hier liegt eine sich selbst verstärkende Verbindung von Geld und Geist vor mit höchster Reputation der Institution, der Professoren und auch der Studierenden. Daneben gibt es auch in den USA private und z.T. sogar kommerzielle Hochschulen, die das andere Ende des Qualitätsspektrums besetzen, welches mangels staatlicher Regulierung sogar weit niedriger liegt als in Deutschland.

Trotz der Exzellenzinitiative wäre in der Nische echter Elitehochschulen in Deutschland noch Platz. Um diesen Platz zu füllen, müssten jedoch langfristig viele Milliarden Euro ausgegeben oder besser noch in dauerhafte Stiftungen eingebracht werden. Zumindest auf mittlere Sicht ist dafür jedoch kein Geldgeber zu sehen. Die Wirtschaft insgesamt könnte ein Interesse daran haben, doch für jedes einzelne Unternehmen handelt es sich bestenfalls um ein Kollektivgut. Der Staat tut sich bereits schwer, die staatlichen Hochschulen auf dem gegebenen Niveau zu finanzieren. Selbst die Exzellenzinitiative reicht rein volumenmäßig nicht an auch nur eine internationale Spitzenuniversität heran und fördert ohnehin eher staatliche als private Hochschulen.

Hybridlösungen

Würde der Staat Privathochschulen direkt massiv unterstützen, würden sie dadurch quasi-staatlich. Sinnvoller könnte ein System sein, bei dem der Staat im Hochschulbereich von der Objekt- zur Subjektförderung übergeht und alle Hochschulen für definierte Leistungen bezahlt, z.B. Absolventen bestimmter Qualität, wobei die Qualitätsmessung ein großes Problem darstellt. Trotzdem müsste der Staat noch viele Jahre die (heute) staatlichen Hochschulen grundfinanzieren. Zumindest die verbeamteten Professoren könnten nicht entlassen, sondern höchstens an private bzw. privatisierte Hochschulen ausgeliehen werden. Doch nach der oben skizzierten Argumentation ist die Verbeamtung von Professoren gar nicht so schlecht, um die besten Wissenschaftler anzulocken, langfristig zu binden und dann frei forschen und lehren sowie benoten zu lassen. Solange die staatlichen Hochschulen ihre Wettbewerbsvorteile nicht verlieren, lassen sich akademisch anspruchsvolle Privathochschulen am ehesten als Hybridlösungen etablieren, nämlich mit verbeamteten Professoren, die nebenamtlich oder beurlaubt an Privathochschulen tätig sind. Dabei kann es sich auch um Ausgründungen staatlicher Hochschulen handeln, was ebenfalls eine Nischenposition darstellt. Doch ohne irgendeine Nische, die im Einzelfall sehr attraktiv sein mag, etwa in der wegen des Kapazitätsrechts von den staatlichen Hochschulen bislang vernachlässigten Weiterbildung, können Privathochschulen in Deutschland gegenüber der staatlich alimentierten Konkurrenz ohnehin nicht bestehen.


Über den Autor
Alexander Dilger ist Professor für Betriebswirtschaftslehre am Institut für Ökonomische Bildung sowie am Centrum für Management an der Universität Münster.


Aus Forschung und Lehre :: Oktober 2009

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