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"Open Access ist nur ein erster Schritt" - Pro Open Access


von Peter Seeberger

Da die Verlage von sich aus ihr lukratives Geschäftsmodell nicht ändern werden, liegt es an den Autoren und Lesern, einen Wandel herbeizuführen, sagt Peter Seeberger.

Open Access ist nur ein erster Schritt© Peter SeebergerDas Beilstein Journal of Organic Chemistry zeigt, dass eine kostenfreie Bereitstellung durchaus funktionieren kann
Die Frage, ob die wissenschaftliche Gemeinschaft freien Zugang zu Forschungsdaten (Open Access) braucht, ist bereits beantwortet. Alle führenden Wissenschaftsorganisationen haben sich dafür ausgesprochen, die Forschungsergebnisse den Bürgern - die mit ihren Steuern die Forschung bezahlen - frei zugänglich zu machen. Darüber hinaus werden kostenlos zugängliche Artikel öfter zitiert. Bereits jetzt sind in der Chemie fast ein Drittel und in anderen Wissenschaftsbereichen bereits über die Hälfte der Artikel frei zugänglich.

Die Kernfrage ist jedoch nicht, ob die Leser freien Zugang wollen. Vielmehr geht es darum, wie Forschungsresultate in Zukunft verbreitet werden und wie dieser Prozess finanziert wird. Vor dem Internetzeitalter war die Situation relativ einfach: Wissenschaftler reichten Manuskripte bei Fachverlagen ein, die weder Autoren noch Gutachter für ihre Tätigkeit bezahlen. Die Verlage streckten die Kosten für Editoren, logistische Aufwendungen sowie für Druck und Vertrieb der Zeitschriften vor und holten sich das Geld über die Abonnenten zurück. Daneben bezahlten die Autoren auch Publikationsgebühren und Kosten für Farbabbildungen oder Titelseiten.

Das Internet hat diese traditionelle Art der Informationsverbreitung in Frage gestellt. Viele Abläufe sind einfacher und schneller geworden - wobei die Autoren weitere Aufgaben übernehmen. Der Kunde wechselte vom Besitz der Informationen (gedruckte Zeitschrift) zur Nutzung der Informationen (pdf auf Server). Gleichzeitig wurde das Verlegen von Fachzeitschriften lukrativer. Elsevier steigerte seinen Gewinn von 510 Mio. Euro (1.539 Mio. Euro Umsatz) im Jahr 2002 auf 912 Mio. Euro (2.445 Mio. Euro Umsatz) im Jahr 2011. Die Gewinnspanne von 37 % ähnelt dem anderer Verlagshäuser: John Wiley & Sons erzielten 42 % im gleichen Jahr.1) Die höheren Umsätze speisen sich aus neuen Märkten in Asien, neuen Zeitschriften - und deutlich gestiegenen Preisen. Bündelung von Journalen ist dabei ein besonderes Problem für viele Bibliotheken.

Die traumhaften Renditen sind die Folge eines gut funktionierenden Geschäftsmodells, das mit wenig Aufwand den Informationsproduzenten diese Informationen wieder verkauft. Sich als Akademiker über Zeitschriftenpreise und Gewinnmargen aufzuregen ist naiv: In einer Marktwirtschaft ist Gewinnmaximierung ein legitimes Ziel.

Wissenschaftler publizieren in angesehenen Journalen, weil diese größte Sichtbarkeit und Anerkennung garantieren. Damit kommt diesen Zeitschriften eine wichtige Bewertungsfunktion zu, die über die Vergabe von Forschungsgeldern sowie Anstellungen und Beförderungen von Wissenschaftlern entscheidet. Eine Metrik, die sich auf Impaktfaktoren, Zitationen und Co stützt, hat de facto die Aufgabe, über wissenschaftliche Qualität zu befinden an Editoren übertragen. Zeitschriften, die eine solche Aufgabe gewissenhaft ausführen, erfüllen eine wichtige Funktion, alle anderen sind überflüssig.

Wie werden in Zukunft Informationen verbreitet? Die Beilstein-Stiftung zeigt, dass ein qualitativ hochwertiges Produkt wie das Beilstein Journal of Organic Chemistry für Autoren und Leser kostenlos angeboten werden kann, wenn die Kosten durch den Publikationsprozess anderweitig aufgefangen werden. Auch Wissenschaftsorganisationen oder -gesellschaften können diese Aufgabe übernehmen, damit Preise niedrig bleiben und die Renditen den Fachgesellschaften zu Gute kommen - ein Modell, wie es die American Chemical Society erfolgreich praktiziert. Neben relativ wenigen qualitativ hochwertigen kommerziellen Journalen und den Fachzeitungen der Gesellschaften und Stiftungen werden alle anderen Forschungsergebnisse im Internet verbreitet.

Literatur und Anmerkungen
1) The Economist, May 26th 2011
"Of goats and headaches: One of the best media businesses is also one of the most resented"


Über den Autor
Peter H. Seeberger ist Direktor am MPI für Kolloidund Grenzflächenforschung in Potsdam sowie Professor an der FU Berlin und der Universität Potsdam. Er ist Herausgeber des Beilstein Journals for Organic Chemistry, einer komplett freien Openaccess-Zeitschrift.

Aus Nachrichten aus der Chemie» :: Juli 2014

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