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Mit Unvernunft wird die grüne Gentechnik politisch bekämpft

Von Christiane Nüsslein-Volhard

Freisetzungsverbote, Haftungsregeln und aufwendige Genehmigungsverfahren schränken in der grünen Gentechnik die Forschungsfreiheit gravierend ein, findet Christiane Nüsslein-Volhard.

Mit Unvernunft wird die grüne Gentechnik politisch bekämpft© Monika Wisniewska - Fotolia.comDie grüne Gentechnik stößt trotz zahlreicher Vorteile auf Inakzeptanz
Warum setze ich mich für die Akzeptanz der grünen Gentechnik ein, die doch die Züchtung von neuen leistungsfähigen, schmackhaften, gesunden, umweltverträglichen Feldfrüchten erleichtert? Es regt mich auf, mit welcher Unvernunft diese neuen Verfahren in Forschung und Praxis politisch bekämpft werden.

Dabei hat Deutschland eine hervorragende Tradition in landwirtschaftlicher Grundlagenforschung. Die Methode, fremde Gene in Pflanzen zu übertragen, also die Basis der grünen Gentechnik, hat Jeff Schell am MPI für Züchtungsforschung entwickelt. Dort und in anderen Max-Planck-Instituten findet praktisch keine Forschung mehr statt, die zur Anwendung in der Landwirtschaft führen könnte. Die Gesetzgebung schränkt die Forschungsfreiheit dermaßen ein, dass den Forschern die Lust vergangen ist.

Drei Aspekte sind für den Einsatz gentechnischer Methoden von großer Bedeutung:

Erstens die Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung.

Zweitens die Qualität unserer Nahrungsmittel. Haltbarkeit, Geschmack, Nährwert kann optimiert werden.

Drittens der Naturschutz. Die durch den Anbau gentechnisch modifizierter Pflanzen eingesparten Herbizide und Pestizide würden sich positiv auf den Artenreichtum und die Schönheit unserer Landschaften auswirken.

International garantiert die Verwendung gentechnisch hergestellter Sorten hervorragende Fortschritte auf dem Weg zu einer nachhaltigen, vernünftigen und umweltschonenden Form der Landwirtschaft. Es gibt zahlreiche Forschungsprojekte mit dem Ziel, Pflanzen zu züchten, die besser an ungünstige Wachstumsbedingungen, Salzböden, Karst, Trockenheit angepasst sind, um verödetes Land wieder fruchtbar zu machen. Meine Vision ist die Anwendung solcher Sorten und Anbaustrategien im ökologischen Landbau, um die Vorteile beider Verfahren zum Schutz unserer Natur zu verbinden.

Der Mangel an Akzeptanz wirkt sich direkt auf das Gentechnikgesetz aus, das den Anbau gentechnisch veränderter Feldfrüchte faktisch unmöglich macht. Dabei sind solche inzwischen weltweit auf Anbauflächen erprobt, die das Vielfache der Gesamtfläche Deutschlands betragen. Zahlreiche Untersuchungen zeigten keine schädlichen, dafür viele nützliche Effekte für Mensch, Tier und Umwelt. Die gesetzlichen Regeln gelten somit nicht der Eindämmung irgendwelcher Gefahren. Vielmehr schränken Freisetzungsverbote, Haftungsregeln, viel zu geringe Schwellenwerte und aufwendige Genehmigungsverfahren sowie die ungestrafte Zerstörung von Feldern genehmigten Anbaus durch fanatische Umweltschützer die Forschungsfreiheit gravierend ein.

Das Misstrauen, das eine solch restriktive Gesetzgebung den Forschern entgegenbringt, ist verletzend und unwürdig. Unwürdig ist auch, dass die Politiker sich offenbar durch die Meinungen von Umweltorganisationen eher lenken lassen, als auf die Gemeinde der Wissenschaftler zu hören. Forschung ist international; Einschränkungen hierzulande verhindern ja nicht den Fortschritt weltweit, sondern klinken die deutschen Forscher und Pflanzenzüchter aus dem internationalen Wettbewerb aus.

Erinnern wir uns an die Geschichte der roten Gentechnik. Die Tübinger Biochemiker Peter Seeburg und Axel Ullrich hatten in San Francisco die menschlichen Gene für Insulin und Wachstumshormon isoliert. Das Unternehmen Genentech in USA stellte dann seit dem Jahr 1982 Humaninsulin gentechnisch her. In Deutschland brauchte Hoechst anschließend 14 Jahre für die Herstellungsgenehmigung. Inzwischen ist die Anwendung der Gentechnik in der Medizin kein Thema mehr, hier ist Vernunft eingetreten. Aber statt aus den Fehlern zu lernen, werden sie wiederholt.


Über den Autor
Christiane Nüsslein-Volhard hat Biochemie studiert und in Genetik promoviert. Seit dem Jahr 1985 ist sie wissenschaftliches Mitglied der Max-Planck-Gesellschaft und Direktorin am Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie in Tübingen. 1995 erhielt sie den Nobelpreis für Medizin.


Aus Nachrichten aus der Chemie» :: Juni 2012

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