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Prof. Abenteuer

VON KATJA SCHÖNHERR

Erwin Emmerling hat den Lehrstuhl für Restaurierung, Kunsttechnologie und Konservierungswissenschaft an der TU München inne. Wenn er nicht lehrt, hilft er beispielsweise beim Wiederaufbau der Bamiyan-Buddhas in Afghanistan.

Prof. Abenteuer© Carl Montgomery - Wikimedia CommonsIn Afghanistan hilft Erwin Emmerling beim Wiederaufbau berühmter Denkmäler
Erwin Emmerling führt ein Doppelleben. Er leitet den Lehrstuhl für Restaurierung, Kunsttechnologie und Konservierungswissenschaft an der Architekturfakultät der TU München - und sooft es geht, büxt er aus. Er reist dann nach China, um sich um die Restaurierung der Terrakotta-Armee zu kümmern, oder er macht sich auf den Weg nach Afghanistan, um im Bamiyan-Tal beim Wiederaufbau der berühmten Buddhastatuen zu helfen. Weil er Denkmäler liebt und weil seine Studenten von seinen Mitbringseln und seinen Erfahrungen lernen können. »Das mag sich pathetisch anhören, aber ich glaube, dass dort, wo Kulturdenkmäler verloren gehen, auch die gesellschaftliche Entwicklung aufhört und eine Verrohung einsetzt.«

Emmerling, 1952 in Würzburg geboren, ist ein großer Mann mit schmalem Gesicht, braunen Haaren und Seitenscheitel. Seine Stimme ist tief, und er spricht so, wie er wohl auch als Restaurator arbeitet: Er legt nur vorsichtig etwas frei, ganz akkurat. Es sitzt jeder Satz. Von seinen Fernreisen bringt er den Münchner Studenten oft einige ganz besondere Stückchen Erde mit. Dann untersuchen die angehenden Restauratoren Lehmputzpartikel und erhalten so Einblicke in die Arbeit, die ihr Professor verrichtet und die sie selbst vielleicht auch einmal ausüben werden. Rund achtmal im Jahr macht Emmerling sich auf zu den zerstörten Buddhastatuen in einer der fruchtbarsten Regionen Afghanistans. Nie käme er jedoch auf die Idee, seine Studenten mitzunehmen: »Das Sicherheitsrisiko ist einfach zu hoch. Aber wenn sich jemand nach dem Studium dazu entschließt, uns vor Ort zu helfen, freue ich mich natürlich.«

Seine Studenten arbeiten später in Schlössern und Museen, Landesdenkmalämtern oder anderen Forschungseinrichtungen. Viele Absolventen jobben auch auf freiberuflicher Basis, reisen von Projekt zu Projekt. Viele wird die Arbeit vermutlich wie Emmerling ins Ausland führen, wo sie dann als Spezialisten versuchen, Kulturdenkmäler der Menschheit zu retten. Wie schnell jahrtausendealte Schätze zerstört werden können, zeigte sich 2001 auf besonders schmerzhafte Weise: In jenem Traumajahr wurden in der zentralafghanischen Senke die beiden Statuen zerstört, die längst zum Unesco-Weltkulturerbe gehört hatten. 53 und 35 Meter waren sie hoch; im 6. Jahrhundert waren sie in der großen Felswand an der Nordseite des Tals errichtet worden. »Sie hatten in der buddhistischen Welt die Bedeutung, die Rom für uns als antike, heilige Stadt hat«, erklärt Emmerling.

Er ist froh, dass er nun seinen Beitrag zum Wiederaufbau leisten kann: Nach dem Ende der Talibanherrschaft hatte die Unesco eine Erhebung der Lage in dem Tal vorgenommen. Nach und nach durften verschiedene Restauratorenteams auf das Gelände. Emmerling ist seit 2004 dabei. Seitdem ist viel passiert: Die Überreste am Felsmassiv wurden gesichert, Felsfragmente geborgen, Wandmalereien konserviert und die Füße des »großen Buddhas« wieder freigelegt. Erwin Emmerling analysiert die Buddhateile, die er gemeinsam mit anderen Restauratoren aus dem Schutt birgt. Kleinere Elemente bringt er mit nach Deutschland, wenn ihm vor Ort die Geräte zur genauen Untersuchung fehlen. Er analysiert - mit der Hilfe seiner Studenten - die Partikel auf Farbreste und Bindemittel, denn zur Befestigung an der Wand wurde der Lehm mit Ei, Pflanzenfasern oder Tierhaaren angereichert. »Um wiederaufbauen zu können, müssen wir uns über die Zusammensetzung der Materialien im Klaren sein.«


Rasterelektronenmikroskop, Neutronenquelle oder Röntgenanlage - mit solchem Gerät wird in München gearbeitet, um die komplexen Zusammenhänge in Kunstwerken, also etwa im Material eines Gemäldes, zu verstehen. Einer der Schwerpunkte am Institut ist die Verwendung von Farbmitteln. Mehrere Projekte untersuchen und dokumentieren, wie die Künstler in verschiedenen Jahrhunderten Pigmente einsetzten. Die Studenten erforschen die spezifische Qualität der Färbung, sie analysieren die Maltechniken und die Veränderung der Farben. Denn erst wenn man Detailkenntnisse über den Urzustand eines Objekts besitzt, kann man ihn auch wiederherstellen oder für die Zukunft konservieren. Das erfordert eine enge Zusammenarbeit mit Naturwissenschaftlern, etwa Chemikern. Interdisziplinarität wird großgeschrieben. »Unser Ziel ist es, eigenverantwortliche Restauratoren auszubilden«, sagt Emmerling, der derzeit rund 70 Studenten betreut.

Wer Restaurierung, Kunsttechnologie und Konservierungswissenschaft studieren will, muss eine Aufnahmeprüfung bestehen und den Nachweis über mindestens zwölf Monate Praktikum in einer Restaurierungswerkstatt erbringen, etwa in einem Museum oder einem Denkmalamt. »Schließlich gehört zum Beruf eines Restauratoren viel Handwerkszeug, das nicht an der Universität vermittelt werden kann«, sagt Emmerling. Er selbst hat 1977 in Stuttgart sein Diplom als Restaurator gemacht, danach hat er lange freiberuflich gearbeitet und war später als leitender Restaurator im Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege tätig. 1998 bekam er einen Ruf als Professor an die TU München.

Restauratoren wie er müssen aber nicht nur wissen, woraus Kunst im Innersten besteht - sie müssen auch mit den äußeren Umständen der Orte zurechtkommen, an denen sich Denkmäler eben befinden. In Afghanistan kann das allerlei Einschränkungen bedeuten: Das Hotel im Tal der Stauen zum Beispiel hat oft nur eine Stunde Strom am Tag - »wenn's gut läuft«. Und als gehöre es zur Allgemeinbildung, erzählt Emmerling, dass man nur laufen dürfe, wo es auch Menschen- oder Tierspuren gibt. »Die Entminungsarbeiten sind zwar abgeschlossen, aber hundertprozentig sicher ist das Gebiet wohl nie.« Derartige Vorsichtsmaßnahmen kennt der Professor spätestens, seit er kurz nach dem Bürgerkrieg begonnen hatte, bei Restaurierungsarbeiten in Kroatien mitzuwirken. Für seine Objekte ist er bereit, sich in Gefahr zu begeben, denn die Kulturschätze der Mensch heitsgeschichte sind für Erwin Emmerling einfach mehr als Objekte der Arbeit. »Andere mögen sich für Autos und Motorräder interessieren - und ich lebe eben für Denkmäler.«

Aus DIE ZEIT :: 26.08.2010

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