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Prof auf der Bude

VON LEONIE ACHTNICH

Der Vizepräsident der Goethe-Universität Frankfurt zieht ins Studentenwohnheim.

Prof auf der Bude© Johann Wolfgang Goethe-Universität FrankfurtProf. Dr. Manfred Schubert-Zsilavecz ist Vizepräsident der Goethe-Universität in Frankfurt am Main
Der Baustaub hängt noch in den Ritzen, noch hat niemand Liebesschwüre an die Aufzugwand gepinselt. Das Studentenwohnheim am Wiesenhüttenplatz ist erst im Juli eröffnet worden. An der Tür von Apartment 1A im Erdgeschoss steht: »Prof. Dr. Schubert-Zsilavecz«. Hinter der Tür finden sich 19 Quadratmeter Studentenbude, eine Küchenzeile, ein Schreibtisch, darüber das Hochbett. Dort wird der Vizepräsident der Goethe-Universität Frankfurt in diesem Sommer für vier Wochen nächtigen. Er zahlt 340 Euro für das Zimmer, wie seine Mitbewohner. Wenn er abends nach Hause kommt, und seine Flurnachbarn sind noch wach, dann setzt er sich manchmal noch mit ihnen in einen kleinen Garten, am Ende seines Flurs. Mit den Studenten teilt er sich neben dem Gemeinschaftsraum auch den spätnächtlichen Partylärm und das laute Türenschlagen.

Professor Manfred Schubert-Zsilavecz ist Beauftragter für Studium und Lehre. Von seinem Büro im zehnten Stock des Juridicums hat er einen schönen Ausblick auf ein bisschen Grün und ein bisschen Skyline. Was aber die Studenten bewegt, die unten ein- und ausgehen, lässt sich schwer erkennen. Ebendeswegen, erklärt Schubert-Zsilavecz, ziehe er einmal im Jahr ins Wohnheim. »Dort kann ich mir ein Bild machen vom Studentenalltag, ich bekomme mit, wie sie leben, woran es ihnen mangelt.« Das tut er gern im Sommer, weil seine Familie dann ohnehin in Österreich Urlaub macht. Die Idee dazu kam ihm, als er in Stanford das amerikanische Modell des Lebens auf dem Campus kennenlernte. Es ist nicht das erste Mal, dass der 50-Jährige Chemiker die 130 Quadratmeter seines Hauses gegen ein Studentenzimmerchen tauscht. Schon in den vergangenen zwei Jahren hat er sich vom Studentenwerk ein Zimmer in einem Frankfurter Wohnheim zuweisen lassen, nach dem Zufallsprinzip, letztes Jahr war es in der Ginnheimer Landstraße. Dort hatte er einen Balkon direkt über den Mülltonnen. Finanzierbarer Wohnraum für Studenten, daran mangelt es in Frankfurt.

»An dieser Situation muss sich langfristig etwas ändern«, sagt Schubert-Zsilavecz, »dafür versuche ich das Bewusstsein zu schärfen.« Deswegen habe er einmal die Präsidiumssitzung in den Gemeinschaftsraum des Wohnheims verlegt, um den »Mitgliedern zu zeigen, wie attraktiver und günstiger Wohnraum für Studenten aussehen kann«, meint er. Schade nur, so der Asta, dass sich diese Einstellung nicht immer mit den Entscheidungen des Senats deckt. Dort kennt man den Vize als den Entertainer, der gerne auch mal mit den Studenten kocht oder als DJ auflegt und »der auch sichtlich Spaß daran hat«, wie die Vorsitzende Jessica Lütgens sagt. Präsent zu sein, das ist eine Sache. Die Ergebnisse dann auch wirklich zu nutzen, das ist eine andere. Bis jetzt ist nicht viel passiert. »Es ist nett gemeint, dass er Nähe zu den Studierenden zeigt«, sagt Lütgens, »aber was das an den Problemen ändern soll, die er so entdecken möchte, ist unklar.« Schubert-Zsilavecz indes fühlt sich wohl in dem frisch renovierten Wohnheim. Das Haus war früher eine alte Polizeiwache, der Finanzminister hatte das Gebäude dem Studentenwerk geschenkt. Die haben es renoviert.

»Das ist schon fast luxuriös«, sagt Schubert-Zsilavecz. Außer dem gelegentlichen Lärm störe ihn nichts. Im Prinzip, sagt er, seien die Studenten von heute so wie die Studenten früher, in seiner Zeit, als er in Graz Chemie studierte. Bei der Eröffnungsfeier für das Wohnheim haben die Bewohner sich um Verpflegung und Getränke selbst gekümmert. Auf der Liste hat sich Schubert-Zsilavecz für den Rotwein eingetragen, »da habe ich einen Wissensvorsprung«, sagt er und lacht. Er hat den Eindruck, dass die Studenten seine Aktion gut finden. Neulich saßen sie zusammen im Gemeinschaftsraum und haben Fußball geschaut. Viel Zeit zum Kennenlernen werden der Vize und seine Mitbewohner außerhalb solcher Aktionen allerdings nicht haben. Schubert-Zscilavezc steht früh auf und geht zeitig ins Bett, hat sein Auto in der Tiefgarage und eine große Auswahl gebügelter weißer Hemden, die ihm das Waschen im Gemeinschaftswaschraum ersparen. »Schubertwer?«, fragen deswegen seine neuen Hausgenossen, wenn man sie auf den prominenten Zimmernachbarn anspricht.

Aus DIE ZEIT :: 04.08.2011

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