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Prof. Dr. med. Plagiat

Von MARTIN SPIEWAK

In medizinischen Doktorarbeiten gibt es besonders viele Plagiate. Daran sind oft die Doktorväter mit schuld.

Professor Dr. Med. Plagiat© mclo - photocase.deDoppelverwertungen der Inhalte bringen die Medizinpromotion in Verruf
Eigentlich dachte Ivonne Spallek, sie hätte das Kapitel längst abgeschlossen. Als sie jedoch den Brief der Universität Duisburg-Essen (UDE) in ihrem Briefkasten fand, kam alles wieder hoch. Die Auseinandersetzungen mit ihrem Professor, der niemals Zeit hatte. Die quälenden Abende vor den Erhebungsbögen nach der Arbeit in der Klinik. Das Thema der Dissertation, das sie anödete, ihr aber die begehrten Buchstaben vor dem Namen einbrachte.

Zehn Jahre lang durfte Dr. med. Ivonne Spallek* ihren Titel tragen. Jetzt ist er weg. Ihre Doktorarbeit, so hieß es in dem Schreiben der medizinischen Fakultät der Universität, sei nicht mehr als eine »gut gelungene Übersetzung« eines englischsprachigen Fachartikels ihres Doktorvaters. Die Dissertation »stellt damit ein Plagiat dar«. Die Ärztin fühlte sich ertappt - und gleichzeitig war sie empört. Denn eigentlich sei es doch umgekehrt gewesen, rechtfertigte sich Spallek gegenüber der Universität: Der Professor habe mit ihren Forschungsdaten ohne ihr Wissen einen Aufsatz veröffentlicht. Als sie ihn zur Rede stellte, habe er darauf hingewiesen, dass dies in der Medizin durchaus üblich sei. Sie solle - quasi zum Ausgleich - beim Abfassen ihrer Dissertation den Zeitschriftenartikel als Grundlage nehmen. Geholfen hat diese Erklärung der Ärztin nicht. Denn der Aufsatz ihres Professors war zuerst erschienen, ihre Dissertation somit ein Plagiat. Leider konnte sich der Doktorvater im Nachhinein auch an keine dubiosen Ratschläge mehr erinnern. Dabei hätte er das angebliche Plagiat seiner Doktorandin doch leicht erkennen müssen. Schließlich war es doch sein eigener Aufsatz, vom dem sie eins zu eins kopiert hatte. Noch seltsamer: Auch drei weitere Doktoranden des Professors flogen auf, sie sollten ihre Promotion nach ähnlichem Muster angefertigt haben. Er sei wohl etwas überarbeitet und unkonzentriert gewesen, begründete der Doktorvater seine Unachtsamkeit.

Es gibt so manche Wunderlichkeit bei medizinischen Promotionen. Während Studenten anderer Disziplinen ihre Forschungsarbeit in Ruhe nach dem Examen anfertigen, verfassen Mediziner ihre Dissertation in der Regel neben dem Studium zwischen Hörsaal und Krankenbett. Wofür Historiker, Chemiker oder Ingenieure mindestens drei Jahre benötigen, dafür brauchen Ärzte wenige Monate. Entsprechend übersichtlich ist der Erkenntnisgewinn. Meist entspricht er gerade einmal dem Ertrag einer Masterarbeit in anderen Fächern. Dennoch werden die Nachwuchsmediziner wie alle anderen mit dem höchsten akademischen Titel belohnt. Auf einem Feld aber sahen sich die Ärzte auf der sicheren Seite: Plagiate seien in der Medizin die »absolute Ausnahme«. So tönte der Medizinische Fakultätentag (MFT), die Vertretung der Hochschulärzte, als sich die Wissenschaft im Zuge der Guttenberg-Enthüllung vor einigen Jahren zur Selbstreflexion gezwungen sah. Da die meisten Doktoranden ihre Dissertationen auf Behandlungsdaten oder Experimente stützten, bringe das Abkupfern wenig, so der MFT.

In diesem Punkt freilich scheinen die Oberdoktoren die Kreativität der Studenten und Professoren unterschätzt zu haben. Die »absolute Ausnahme« sind die Mediziner offenbar in anderer Weise, als der MFT meint - nämlich in Bezug auf die Häufigkeit, mit der im Fach geschummelt wird. Das legen zumindest bislang unveröffentlichte Daten der Plattform VroniPlag Wiki nahe. Die Erhebung ist nicht repräsentativ, aber von den insgesamt 151 dokumentierten Plagiatsfällen bei Dissertationen und Habilitationen stammen 84, also mehr als die Hälfte, aus der Medizin oder Zahnmedizin. Mal hatten die Promovenden die Einleitung oder den theoretischen Teil kopiert, mal ganze Datensätze mitsamt Grafiken übernommen. Häufig konnte man mehrere überführte Doktoranden dem gleichen Professor zuordnen. Dabei ließ sich - ähnlich wie im Fall der Universität Duisburg-Essen - nicht immer zweifelsfrei klären, wer sich bei wem bedient hatte. »Es könnte durchaus sein«, sagt Debora Weber-Wulff, die bei VroniPlag aktiv ist, »dass erst der Professor die Forschungsergebnisse seines Doktoranden für eine Publikation übernommen hat, die der Doktorand dann wiederum für seine Arbeit benutzte.«

An die Öffentlichkeit kommen solche Doppelverwertungen nur selten. Im Fall des Freiburger Sportmediziners Hans-Hermann Dickhuth aber passierte genau das. Große Teile seiner Habilitation waren identisch mit mehreren von ihm betreuten Dissertationen, gab der Untersuchungsausschuss der Universität 2011 bekannt. Der Streit zwischen Dickhuth und der Universität Freiburg zog sich über Jahre hin. Im Verlauf der Auseinandersetzungen fielen weitere verdächtige Übereinstimmungen von Dissertationen und Habilitationsschriften anderer Professoren auf. Zumindest Dickhuth wurde die Habilitation aberkannt. Solch harte Sanktionen verhängen die Universitäten allerdings nur ungern gegen einen der Ihren. In der Regel werden nur die Doktoranden für ihr Fehlverhalten belangt. So kam auch in Duisburg-Essen der Professor, mittlerweile Chefarzt einer Urologischen Klinik am Niederrhein, mit einer Rüge davon. Bevor er weitere Promotionen betreue, verlautbarte die Universität, müsse er seine »Kenntnis der Grundsätze für die Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis nachweisen«.

Dass bei solchen Streits in der Regel stets die Doktoranden das Nachsehen haben, sei juristisch kaum anfechtbar, sagt der Wissenschaftsrechtler Wolfgang Löwer. Wer gegen die eidesstattliche Verpflichtung, er habe seine Doktorarbeit selbst angefertigt, verstoße, müsse die Konsequenzen tragen. Dennoch herrsche gerade in der Medizin eine »verbreitete Unsicherheit«, wem die Forschungsergebnisse von Doktoranden gehörten. »Manche Wissenschaftler glauben, weil sie eine Promotion begleitet haben, dürften sie die Daten für ihre Publikationen beliebig nutzen«, sagt Löwer. Seit 2005 ist er Mitglied im Ombudsgremium der Deutschen Forschungsgemeinschaft, das sich der Selbstkontrolle der Wissenschaft verschrieben hat. Seit vier Jahren fungiert Löwer als Sprecher der Kommission. »In all der Zeit war die Medizin unser bester Kunde«, sagt er. Rund jeder zweite Fall, mit dem sich das Gremium befassen musste, stammt aus den Biowissenschaften, also der Biologie und der Medizin. Löwer: »Da kommen Sachen vor, die ziehen einem die Schuhe aus.«

Fehlende Kenntnisse wissenschaftlicher Standards, grassierende Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Doktoranden und Professoren, ein niedriges Niveau vieler Abschlussarbeiten und jetzt die Plagiate - die Probleme der Medizinpromotionen sind seit Jahrzehnten bekannt. Wieso aber versagt die Hochschulmedizin dabei, diese Missstände abzustellen? Warum schaffen es die medizinischen Fakultäten nicht, Promotionsverfahren für alle Doktoranden zu etablieren, die denjenigen anderer Fächer ebenbürtig sind? Und wie lange noch wollen sich die sonst so stolzen Hochschulmediziner vorführen lassen?

Der Wissenschaftsrats spricht bereits von »Pro-forma-Forschung« in der Medizin; der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, Horst Hippler, sieht den medizinischen Doktortitel »weniger als Abschluss eines Qualifizierungsverfahrens mit eigenständiger intensiver Forschung«, sondern eher als reine »Berufsbezeichnung«; die DFG beklagt, »dass die medizinischen Fakultäten angesichts der seit Langem geäußerten Kritik nur vereinzelt Anstrengungen zeigen, die Qualität zu verbessern«; und die Europäische Gemeinschaft erkennt den deutschen Dr. med. als einzigen Doktor nicht als Promotion an und erschwert Nachwuchsmedizinern den Zugang zu den Brüsseler Fördertöpfen. Eine solche Herabstufung sei »schon maximal demütigend«, sagt Kerstin Krieglstein, Medizindekanin der Universität Freiburg. Gerade für die wissenschaftlich ambitionierten Promovenden sei die große Zahl der Zweckdissertationen in ihrem Fach »sehr ärgerlich«. Denn auch die gibt es natürlich in der Medizin: Nachwuchswissenschaftler, die für ihr Forschungsthema brennen, die - ähnlich wie Kollegen anderen Disziplinen - Jahre im Labor oder am Schreibtisch verbringen und die Hauptergebnisse ihrer Promotion in einer Fachzeitschrift veröffentlichen.

Die Zahl solch engagierter Forscher dürfte sogar gewachsen sein. Universitäten wie Bonn, Freiburg oder Berlin haben in den vergangenen Jahren in der Medizin Graduiertenkollegs eingerichtet. Die Promovenden arbeiten hier experimentell und fassen nicht nur die bekannte Literatur zusammen oder werten Krankenakten aus wie viele Doktoranden sonst in der Medizin. In Kursen lernen sie von Grund auf das Handwerkszeug des Forschens sowie die Prinzipien integrer Wissenschaft und tauschen sich regelmäßig untereinander aus. An anderen Universitäten wie Hannover oder Duisburg-Essen können sich die Promovenden während des Studiums aus dem Semesterbetrieb ausklinken, um sich zumindest für ein oder zwei Semester ausschließlich ihrer Dissertation zu widmen. Spricht man mit den Verantwortlichen der medizinischen Fakultäten, berichten sie viel von derartigen Anstrengungen, um die Qualität der Promotion zu steigern. »Da verändert sich gerade eine Kultur«, sagt etwa Joachim Fandrey, Prodekan für Lehre an der Medizinischen Fakultät in Essen. Die Promovenden im sogenannten Elan-Programm der Universität Duisburg-Essen werden von zwei Professoren betreut; sie erhalten ein Stipendium und dürfen für einige Wochen in einem Labor im Ausland forschen.

Doch in Wirklichkeit forscht nur eine Minderheit der Promovenden unter solch guten Bedingungen. Für die meisten Doktoranden in der Medizin hat sich so gut wie nichts geändert. Die große Mehrheit der Abschlussarbeiten entspricht bis heute nicht den Ansprüchen einer Promotion in anderen Fächern.

»Die Spannweite ist riesig: von Zweimonatswerken bis zu hervorragenden Forschungsarbeiten«, sagt Gerlinde Sponholz. Die Medizinerin und Biologin gibt an mehreren medizinischen Fakultäten Einführungskurse in die Prinzipien guter Wissenschaft. Am Anfang des Kurses fragt Sponholz die Doktoranden stets, warum sie promovierten. In einer Graduiertenschule lautet die Antwort so gut wie immer: aus Interesse an der Wissenschaft. Im normalen Studienbetrieb hingegen nennen rund achtzig Prozent der Doktoranden als Motiv den »Doktortitel« oder »ein besseres Gehalt«. Wäre es da nicht sinnvoll, Masse und Klasse voneinander zu trennen? Der Wissenschaftsrat hatte diese Idee bereits vor zehn Jahren zur Diskussion gestellt. Alle Studenten, so der Vorschlag, sollten eine kleine, nicht experimentelle Abschlussarbeit anfertigen und sich mit der Approbation automatisch »M. D.« (Medical Doctor) nennen dürfen. Der »Dr. med.« dagegen sollte allein die große Forschungsarbeit nach dem Studium belohnen und damit den Eintritt in eine Forscherkarriere bahnen. Doch sowohl die Studenten als auch die Mehrheit der Professoren möchten von einem solchen Vorschlag bislang nichts wissen. Die einen wollen nicht auf den schönen Titel auf dem Türschild verzichten, die anderen fürchten um die Forschung. Schon jetzt dauere die Medizinerausbildung inklusive Spezialisierung zum Facharzt zehn Jahre, argumentiert etwa der Vorsitzende des Fakultätentages, Heyo Kroemer. Eine zusätzliche Promotionsphase würde das Studium um weitere Jahre verlängern. »Das würde die Zahl der Nachwuchswissenschaftler eher reduzieren«, fürchtet Kroemer. Was er nicht sagt: Für viele seiner Kollegen sind Doktoranden billige Arbeitskräfte, aus deren wissenschaftlichen Brosamen sich die eine oder andere Publikation backen lässt.

Langsam indes bröckelt die Front der Gegner. Im vergangenen Jahr plädierte die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin für eine Zweiteilung der Promotion. Auf dem Fakultätentag im Juni rief die Freiburger Dekanin Krieglstein ihre Kollegen dazu auf, »Türschilddissertationen« nicht mehr anzunehmen. Aus ihrer Sicht machen diese etwa zwei Drittel aller Arbeiten aus. Und auch die Hochschulrektorenkonferenz will sich kritisch mit dem Thema befassen. Intern heißt es: Man könne nicht einerseits das Promotionsrecht gegen die Begehrlichkeiten der Fachhochschulen verteidigen und andererseits zulassen, dass die Kollegen Flachforscher in der Medizin den Doktortitel diskreditierten. An den deutschen Patienten geht der Streit der Fakultäten ohnehin vorbei. In der Praxis und am Krankenbett werden Ärzte auch in Zukunft Herr und Frau Doktor bleiben - egal, ob sie promoviert oder nicht promoviert haben, ob ihr Name mit zwei Buchstaben versehen daherkommt oder nackt.

* Name geändert

Aus DIE ZEIT :: 24.09.2015

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