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Prof. Dr. Mutlos

von ANNA-LENA SCHOLZ

Geisteswissenschaftler gelten als verkopft und verzagt. Stimmt das wirklich? Gerade trafen sich Tausende Historiker, Germanisten und Soziologen auf ihren großen Kongressen. Anna-Lena Scholz fuhr hin und brachte zehn Antworten mit.

Prof. Dr. Mutlos© aerogondo - Fotolia.comWie sehen die Tagungen der Historiker, Germanisten und Soziologen aus?

Deutscher Historikertag

Universität Hamburg

1. Die Beunruhigten wollen beunruhigen
»Haben Sie Fragen?«, steht in Türkis auf den T-Shirts der studentischen Hilfskräfte. Sie bewachen den Eingang zu diesem Hörsaal an der Universität Hamburg. Als wolle die Geschichtswissenschaft beim Historikertag, dem größten geisteswissenschaftlichen Kongress Europas, klarstellen: Mitmachen darf nur, wer neugierig ist! Wer die Tür passiert, kann dem Göttinger Sozialgeschichtler Ravi Ahuja über den Demokratisierungsprozess Indiens zuhören. Er schließt mit dem Satz: »Ich möchte beunruhigen.« Der Satz ist verheißungsvoll. Zu lange waren die Historiker selbst die Beunruhigten. Die Welt wurde größer, die deutsche Geschichtswissenschaft immer kleiner. Der Orientierungssinn strauchelte, weil der weiße Westen nicht mehr das Maß aller Dinge war. Jetzt aber gerät das Denken wieder in Bewegung. Indien ist das Partnerland des Kongresses, als erstes Land außerhalb Europas und Nordamerikas. »Für mich ein völlig neues Feld«, sagen viele. Auch mit dem Tagungsthema holt man sich die Beunruhigung über die eigene Identität gewollt ins eigene Haus: »Glaubensfragen«; sie sind Selbstbefragungen: Was glauben wir eigentlich, wer wir sind?

2. Die Zeit der alten Männer ist vorbei
»Die Geschichtswissenschaft ist keine Veranstaltung der alten Männer mehr«, sagt die Mittelalterhistorikerin Hedwig Röckelein (Göttingen). Stimmt das? Hängt davon ab, durch welche Tür man geht. Hörsaal M, graue Anzüge, beige Studienratswesten, lichte Scheitel, weiße Haut. Die Luft steht, das Fernsehen ist da. Thema: »Hitler. Eine historische Vergewisserung«. Ulrich Herbert (Freiburg) zückt sein iPhone und liest die Titel neuer Bücher vor: Hitler privat, Hitler als Philosoph, Hipster Hitler. Erheiterung. Männerzirkel, auf und hinter der Bühne, gibt es in den Geisteswissenschaften immer noch zuhauf. Sie tummeln sich da, wo sich symbolisches Kapital angehäuft hat (Hitler-Forschung), und sie sind in ihrer Forschung und Lehre geneigt, zu vergessen, dass seit Anbeginn der Zeiten auch Frauen Weltgestalter sind. Das hat Tradition. Die Geschichtswissenschaft ist die einzige Disziplin, die vollkommen unironisch von sich selbst als »Zunft« spricht. Man weiß was, man kann was - und verwaltet das schon Gewusste. Hörsaal G, hier tagt die Zukunft: Die Jungen, die Frauen, die Anderen ziehen mit der Public History ein neues Forschungsfeld auf und twittern ihre Unlust an den Verkrustungen des Faches in die Welt hinaus.

3. Detailwissen ist okay
3.800 Historikerinnen und Historiker, 400 Veranstaltungen, Tausende Liter Kaffee, vibrierende Flure. Natürlich ist das alles too much. Zu viele Personen, Themen, Methoden, Theorien. Hinter jedem Hörsaal eine Welt. Feministische Lyrik der indischen Anti-Kasten-Bewegung trifft auf jüdische Religionslehrbücher des 19. Jahrhunderts. Überblick zwecklos, Stimmung gut. Die Geisteswissenschaften, zeigt sich hier, haben sich verwickelt. Erst zogen sie jahrzehntelang gut gelaunt in alle Nebenfächer aus; plötzlich konnte man nicht mehr einfach »Geschichte« studieren, dafür Gender-, Verfassungs- oder Vergleichende Kulturgeschichte. Diese »Dissoziierung« tut der Geschichtswissenschaft besonders weh, denn Zuspruch von der Öffentlichkeit gibt es meistens nur für dicke Bücher im Welterklärerton: der Erste Weltkrieg, die Reformation, der lange Weg nach Westen. Die großen Fragen werden in Hamburg durchaus diskutiert: Populismus in Europa, die Aushöhlung der Demokratie, die Geschichte der Migration und die Zukunft der Integration. Das große weltgeschichtliche Ganze immer noch zur Norm der intellektuellen Erkundung zu machen ist unnötig. Man kann das interdisziplinäre Knäuel nicht zurückwickeln. Die Geschichtswissenschaft, sagt Martin Schulze Wessel (München), »schult das Denken in Alternativen«. Ohne spezialisiertes Detailwissen geht das nicht.

Deutscher Germanistentag

Universität Bayreuth

4. Verzagtheit nervt
An einem Sonntagabend verkrümelt sich die germanistische Fachcommunity - knapp 800 Leute sind angereist, bei den Historikern waren es fünfmal so viele - auf den Campus der Universität Bayreuth und schaut sich beim Zweifeln zu. Auch der Hörbuchsprecher Christian Brückner ist da; der Mann mit dem Reibeisen im Hals soll über die Bedeutung der »Stimme des Erzählers« reden. Brückner schiebt sich ein Törtchen in den Rachen und sagt: »Das Selbstmitleidige hier überrascht mich.« Die Verzagtheit ist zum Verzweifeln. Die Germanistik ist mit 90.000 Studierenden eines der größten Fächer an deutschen Universitäten. Die Germanisten sind neugierig, forschen über Film, Comic, Computerspiel. Ihre linguistische Expertise - Mehrsprachigkeit! Deutsch als Fremdsprache! - macht sie wirklich relevant. Jedenfalls theoretisch. Praktisch bekommt man davon nicht viel mit. Man forscht und murmelt so vor sich hin. Eine in Gesellschaft und Wissenschaftspolitik hörbare Stimme wird man so nicht. Martin Huber vom Germanistenverband irritiert dieser Vorwurf. »Soll ausgerechnet der Vorsitzende des Deutschen Germanistenverbandes eine große Stimme sein, die unser partikulares Fachwissen übersteigt? « Nun ja - warum eigentlich nicht?

5. Nichtbeachtung erzeugt Nichtbeachtung
Über den Historikertag gab es Medienberichte in dreistelliger Zahl. Beim Germanistentag gibt es keine Fernsehkabel, über die man stolpert, keine Kollegin, die einem in der Pressekonferenz die Frage vorwegnimmt. »Der Historikertag wird automatisch besucht, der Germanistentag wird automatisch nicht besucht«, sagt Huber. Ausgerechnet das Fach, das über die Macht der Sprache forscht, traut der Macht ihrer eigenen Worte wenig zu: Die Pressearbeit des Verbands ist schüchtern; der Germanistentag selbst, der nur alle drei Jahre stattfindet und sich zum sinnstiftenden Event hochjazzen ließe, findet in den sozialen Medien - hallo, Germanisten, da entstehen heute Identitäten! - nicht statt. Eine Facebook-Seite existiere, sagt Huber, gibt aber zu: »Wir tun uns nicht leicht, das zu produzieren, was Sie erwarten.« Leider ist das eine Fehleinschätzung. Die Öffentlichkeit erwartet von der Germanistik schon lange nichts mehr, weil die Germanistik denkt, von der Öffentlichkeit nichts erwarten zu können.

6. Man kann nicht nicht politisch sein
»Erzählen« ist das Thema der Germanistentagung. Moritz Baßler (Münster) erklärt, dass wir, »episch gesehen, im Zeitalter des Fantasy leben«: Harry Potter, Tintenherz, Game of Thrones, Orphan Black - allesamt Bollwerke der »Eigenweltlichkeit« gegen die Zumutungen der Moderne. Über die Tagespolitik wolle er allerdings nicht reden, sagt Baßler. Dabei liegt hier das dramatische Moment: Auch die radikal simple Erzählung einer homogenen Nation, einer staatlich wie erotisch leicht unter Kontrolle zu haltenden Kleinfamilie, wie Pegida und AfD sie vortragen, ist eine Eigenwelt gegen die Zumutungen der Moderne. Wie kann man darüber nicht laut und hörbar reden? »Man darf unsere Wörter nicht unterschätzen«, sagt ein routinierter Alexander Kluge bei seinem noch routinierteren Vortrag am Eröffnungsabend. Es sei die Aufgabe der Literaturwissenschaften, das Unsagbare der Geschichten, die uns umgeben, herauszulesen. Wenn aber Erzählen etwas mit Politik zu tun hat, dann ist eine entpolitisierte Germanistik einfach keine Option.

Deutscher Soziologiekongress

Universität Bamberg

7. Die Soziologie ist wieder Leitwissenschaft
6.30 Uhr, ein Café am Bahnhof, Zufallsbegegnung. Am Nebentisch erhebt der Kleine Mann die Stimme. Er ist eine Kleine Frau, sie selbst nennt sich so. Sie spricht erst über die Aufzucht einer Fichtelgebirgstanne, dann über raffgierige Großkonzerne und ihre Stromrechnung, dann kommt sie zu den Flüchtlingen, »die wir durchfüttern müssen«. Der Zug kommt, und die Kleine Frau ruft zum Abschied: »Denken Sie an meine Worte!« Die Soziologen tun nichts anderes. In tausend Vorträgen widmen sie sich bei ihrem Großkongress über »Geschlossene Gesellschaften« allem, was auch die Kleine Frau umtreibt. »Wir wissen viel über die Themen, die uns auf den Nägeln brennen «, sagt Olaf Struck, der den Kongress vorbereitet hat: Sozialsysteme, Arbeitsmarkt, Rente, Migration, Geschlechter. Keine andere geisteswissenschaftliche Disziplin tritt - jedenfalls da, wo sie sich nicht in statistischer Erbsenzählerei verliert - so nahbar auf wie die Soziologie. Der Vertrauensverlust der Ökonomie, von der in Sachen Wirtschaftskrise nicht viel zu hören war, hat ein Vakuum geschaffen, das die Soziologen besetzen wollen. Leitwissenschaft!

8. Komplexität ist dem Menschen zumutbar
Im Audimax zückt man Karl Poppers Die offene Gesellschaft und ihre Feinde von 1945, dann geht es an die Arbeit. Wie kann die liberale Gesellschaft gerettet werden? Es folgen drei Stunden herrlichste Weltverkomplizierung. Heißt es nicht immer: Wir brauchen mehr Differenzierung und mehr Tiefe? Bitte schön, hier ist all das. Aber will die Welt überhaupt hören, was im Audimax durchdacht wird? Paula-Irene Villa (LMU München) spricht über die Ressentiments gegen die Geschlechterforschung. »Gender«, sagt sie, »steht für die reflexivierte Prekarisierung ontologisierter sozialer Ordnung.« Hinter so einem Satz, sosehr er dem Klischee vom Soziologendeutsch entspricht, stehen 30 Jahre Wissenschaftsgeschichte, aber für Beatrix von Storch (AfD) ist er, wie überhaupt die Genderstudies, Zitat: »intellektueller Wohlstandsmüll«. Die Versuche, mit Wissenschaftsfeindlichkeit Politik zu machen, ob in Fragen der Migration, der Geschlechter oder der Europäischen Union, kitzelt die sozialwissenschaftliche Ehre hervor: »Öffnet euch unseren Fragen!«

9. Wissenschaft muss sprechen lernen
Und wie gelangt all das kluge Tagungswissen in die Welt? Heinz Bude (Kassel) muss es wissen. Er hat soeben den »Preis für herausragende Leistungen auf dem Gebiet der öffentlichen Wirksamkeit der Soziologie« bekommen. Er sagt: »Wir müssen mit griffigen Metaphern Geschichten erzählen, die in größere Rahmen eingepasst sind. Die Leute wissen dann, dass es dahinter noch eine Begründungsdimension gibt.« Klingt gut. Olaf Struck sagt aber, viele Wissenschaftler hätten Angst, dass sich ihr Wissen »verformt und vagabundiert«, sobald es journalistisch aufbereitet wird. Sie scheuten die Medien, statt in Schulungen und Workshops zu erlernen, wie man für hochkomplexe Theorien die richtigen Worte findet. Wissenschaft aber hat eine Bringschuld. Der Deal lautet: Wir hören zu, wenn ihr verständlich sprecht.

10. Party hard!
Nochmals Auftritt Heinz Bude und Paula-Irene Villa. Sie legt auf, er gleitet lässig über die Tanzfläche. Highway to Hell. Die Historiker und Germanistinnen hielten sich bei Empfängen an feinen Sektgläsern fest, die Soziologen zappeln sich die Anstrengungen des Denkens aus dem Leib. Es wird getrunken, getanzt, geliebt. Leitwissenschaft sein, das heißt ja am Ende vor allem eines: wissen, dass Wissenschaft rockt.



Wo sich Forscher treffen
Ende September, wenn die Ferien vorbei sind, aber das Semester noch nicht angefangen hat, treffen sich Wissenschaftler zu ihren großen Tagungen. Dort zeigt sich mitunter auch die eigentümliche Tagungskultur, die der junge Professor Daniel Hornuff kritisiert hat: Junge Forscher verzwergen sich selbst, alte Professoren spielen ihre Macht aus.

Aus DIE ZEIT :: 06.10.2016

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