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Margit Szöllösi-Janze: Professorin für Neuere Geschichte an der Universität Köln


Protokoll: Jan-Martin Wiarda

Professoren erzählen, wie Filme, Fernsehserien und Werbung ihre Lehre verbessern.

Wenn ich Ausschnitte aus Heimatfilmen zeige, merken meine Studierenden zuerst nicht, dass sie es mit historischen Quellen ersten Ranges zu tun haben. Waldwinter von 1956 zum Beispiel erzählt, wie die soziale Marktwirtschaft der frühen Bundesrepublik in ein Dorf von Vertriebenen einzieht. Zu Beginn werden verschiedene Modelle kapitalistischen Wirtschaftens gezeigt: der verbrecherische Ausbeuterkapitalismus, eine vormoderne patriarchalische Wirtschaftsweise, sogar die Unternehmensgründung durch eine Frau.

Sie alle gefährden die ökonomische Fortexistenz des Dorfes. Die Lösung bringt ein heimkehrender geschäftstüchtiger junger Baron, der aber erst die entscheidende Lektion lernen muss: dass Kapitalismus dann akzeptabel ist, wenn er Verantwortung für die Gemeinschaft übernimmt. Gerade aus künstlerisch zweitrangigen Filmen erschließt sich Historikern ein Fundus geschichtlichen Materials, denn sie transportieren umso eindrücklicher zeitgenössische Wertvorstellungen: vom Geschlechterbild bis zum Erhardschen Wirtschaftsmodell.

Auch Arztfilme haben einen hohen Quellenwert. Sauerbruch oder Der Arzt von Stalingrad handeln von politisch unbelasteten alten Männern und ihrer großväterlichen Autorität: Sie waren in den Fünfzigern als Vorbilder gefragt. Der Griff zum wissenschaftlichen Buch liegt den Studierenden heute eher fern, über Filmausschnitte kann man sie einfangen. Danach recherchieren sie begeistert, etwa über Adenauers Moskaureise, als er die Kriegs gefange nen heimholte. Wie die Zeitungen ihn porträtierten? Als gütigen Großvater natürlich.

weiter: Tobias M. Böckers, Professor für Anatomie

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Aus DIE ZEIT :: 07.01.2010

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