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Professional Schools an öffentlichen Hochschulen


von Felix Streiter und Simone Weske

Eine verbindliche Definition von "Professional Schools" gibt es noch nicht. Unter dem Stichwort gibt es in Deutschland derzeit sehr verschiedene Einrichtungen. Die Stiftung Mercator hat dies zum Anlass genommen, eine Umfrage durchzuführen.

Professional Schools an öffentlichen Hochschulen© Sergey Nivens - Fotolia.comProfessional Schools ermöglichen Hochschulen die Chance sich auf dem lukrativen Weiterbildungsmarkt zu etablieren
Hochschulen sehen sich heute mit einer Vielzahl von Erwartungen konfrontiert: Sie sollen einer wachsenden und zunehmend heterogenen Studierendenschaft angemessene Studienbedingungen bieten, die Voraussetzungen für international sichtbare Spitzenforschung verbessern und zur Lösung gesellschaftlicher Fragen beitragen. Unter den Bedingungen knapper Ressourcen kann dabei nicht jede Hochschule allen diesen Anforderungen in vollem Umfang genügen. Um das deutsche Hochschulsystem insgesamt leistungsfähig zu halten und die Einzelinstitution vor Überforderung zu schützen, ist Differenzierung - im Sinne eines größeren Variantenreichtums institutioneller Selbstentwürfe - notwendig. Dieser Variantenreichtum umfasst sowohl die Entwicklung neuer Hochschultypen jenseits der traditionell binären Hochschultypologie (z.B. Duale Hochschulen) als auch neue Organisationsformen innerhalb von Hochschulen.

Empfehlungen des Wissenschaftsrats

Mit Blick auf die Binnendifferenzierung hat der Wissenschaftsrat im November 2010 in seinen "Empfehlungen zur Differenzierung der Hochschulen" unter anderem die verstärkte Einrichtung von Professional Schools an öffentlichen Hochschulen angeregt. Während das Modell Professional School nach US-amerikanischem Vorbild anfänglich vor allem von privaten Hochschulen aufgegriffen wurde, ist in den letzten Jahren auch im staatlichen Hochschulsektor eine erhebliche Dynamik zu beobachten. Im Zuge der Bologna-Reform haben zahlreiche öffentliche Hochschulen mit der Einrichtung von Professional Schools auf die Forderung nach einer stärkeren "employability" ihrer Absolventen reagiert. Umbenennungen bestehender Fachbereiche oder Neugründungen von Professional Schools findet sich sowohl in klassischen professionsbezogenen (z.B. Jura, Medizin, Lehramt) als auch in modernen, interdisziplinär ausgerichteten Studiengängen (z.B. Governance). Daneben stellen Hochschulen unter dem Label Professional School - im Sinne einer Schule für Berufstätige - zunehmend Angebote in den Bereichen Weiterbildung und Wissenstransfer bereit. Eine tiefergehende Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten und Grenzen dieses Strukturmodells für das deutsche Wissenschaftssystem hat bislang jedoch kaum stattgefunden. Die Stiftung Mercator hat dies zum Anlass für eine empirische Bestandsaufnahme genommen. Im Sommer 2012 hat sie die ca. 30 durch eigene Recherche sowie Befragung der zuständigen Landesministerien als Professional Schools an öffentlichen Hochschulen identifizierten Einrichtungen zur Teilnahme an einer Umfrage eingeladen, um mehr über die formalen Rahmenbedingungen und das Selbstverständnis der Schools zu erfahren. Die Ergebnisse der Umfrage sind in einem Reader veröffentlicht (www.stiftung-mercator.de/profschool) und im Dezember 2012 in einem Workshop mit knapp 20 Experten diskutiert worden.

Keine verbindliche Definition

Die Bestandsaufnahme zeigt, dass sich eine verbindliche Definition bislang noch nicht etabliert hat. Unter der Bezeichnung "Professional School" bzw. "School of..." existieren in Deutschland gegenwärtig funktional und organisatorisch sehr heterogene Einrichtungen.

Folgende charakteristische Merkmale lassen sich vom US-amerikanischen Modell ableiten:
  • eigenständige Lehr- und Organisationseinheit
  • enge Verbindung mit einem Fachbereich
  • besonders hoher Qualitätsanspruch
  • Problem- und Anwendungsorientierung in Forschung und Lehre
  • Interdisziplinarität in Forschung und Lehre
  • Kombination von Ausbildung und Forschung mit eindeutigem Bezug zur gesell-schaftlichen Praxis bzw. zu einem konkreten beruflichen Tätigkeitsfeld
  • Studierende der Post-Bachelor-Phase als Hauptzielgruppe

Keine der gegenwärtig in Deutschland an öffentlichen Hochschulen unter dem Label Professional School existierenden Einrichtungen entspricht vollumfänglich diesem US-amerikanischen Bezugsmodell. Die bestehenden Professional Schools setzen dessen funktionale Merkmale nur selektiv um. Vor allem die Fokussierung auf eine problem- und anwendungsorientierte Ausbildung, Lehre und Forschung eint die bestehenden Einrichtungen in Deutschland und das amerikanische Vorbild. Gemeinsam haben beide weiterhin den besonders hohen Qualitätsanspruch an Studierende, Lehrende und Studienbedingungen sowie die Fokussierung auf Masterstudierende. Die vorhandenen Daten zur Struktur der bestehenden Einrichtungen in Deutschland sprechen ferner für ein relativ hohes Maß an Eigenständigkeit. Bei anderen Faktoren gibt es zwischen den einzelnen Einrichtungen und Fachbereichen erhebliche Unterschiede (z.B. ist Interdisziplinarität für Schools of Governance wichtig, in Law Schools jedoch kaum vorhanden).

Chancen und Gefahren

Die Bestandsaufnahme bestätigt die Vielfalt und Dynamik innerhalb des Hochschulsektors. Auch wenn häufig (noch) nicht von einer substanziellen strukturellen Innovation gesprochen werden kann, haben Professional Schools doch das Potenzial, mehr als ein reines Marketinginstrument zu sein. Aus hochschulpolitischer Sicht lassen sich insbesondere vier Schlussfolgerungen ziehen:

1. Die vorhandene Unschärfe kann als Chance begriffen werden, die im Sinne des eingangs erwähnten Variantenreichtums kreative Entwicklungen "von unten" zulässt. Sie bricht die binäre Struktur des deutschen Hochschulsystems auf und bietet Raum für bedarfsorientierte und reaktionsschnelle Neuentwicklungen.

2. Den Begriff der Professional School umgibt eine "Exzellenzaura". Da Professional Schools bereits dem Namen nach einen starken Anwendungsbezug suggerieren und in der Regel ein besonderes Gewicht auf gute Lehre legen, bilden sie ein Gegengewicht zum stark durch Forschungsexzellenz geprägten hochschulpolitischen Diskurs. Dies gilt insbesondere für traditionell eher theorielastige Fächer, wie z.B. die Politikwissenschaft. Die häufig vorherrschende Logik, ein hoher Praxisbezug korreliere mit eher geringen Lehr- und vor allem Forschungsleistungen, wird ins Gegenteil verkehrt: Es gelingt der Imagetransfer von der reklamierten Professionalität zu einem ganzheitlichen anwendungsfokussierten Bildungs- und Forschungskonzept und einer Aufwertung der Lehre.

3. Die begriffliche Unschärfe und die daraus resultierende Intransparenz bergen zugleich die Gefahr der Inhaltsleere: Wird das Pathos der Professionalität überhöht, ohne dass erkennbare Unterschiede zu herkömmlichen Studiengängen und Fakultäten bestehen, verkommt die "Exzellenzaura" zur bloßen Hülle.

4. Auf Weiterbildung ausgerichtete Professional Schools erschließen für öffentliche Hochschulen den lukrativen Weiterbildungsmarkt mit interessanten Möglichkeiten zur Quersubventionierung des regulären Hochschulbetriebs. Angesichts der steigenden Bedeutung lebenslangen Lernens und einer zunehmenden Akademisierung von Berufsbildern stellt dies einen Wachstumsmarkt dar, der allerdings nicht von allen Schools gleichermaßen erschlossen werden kann. So sprechen z.B. Business Schools weiterbildungsinteressierte Unternehmen und ihre Mitarbeiter an - und damit eine potenziell zahlungswilligere Zielgruppe als etwa Schools of Education.

Die Autoren danken Christoph Kintzinger für seine Unterstützung bei Recherchen zum Thema dieses Artikels.


Über die Autoren
Dr. Felix Streiter, LL.M., ist Stellvertretender Leiter des Kompetenzzentrums Wissenschaft und Leiter der Rechtsabteilung der Stiftung Mercator.

Dr. Simone Weske ist Projektmanagerin im Kompetenzzentrum Wissenschaft der Stiftung Mercator.

Aus Forschung & Lehre :: Februar 2013

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