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Professor Hes Zitate-Farm

VON CHRISTOPH DRÖSSER

Wie zuverlässig sind wissenschaftliche Zeitschriften? Der Impact Factor soll es messen - doch er ist wenig aussagekräftig und zudem manipulierbar.

Professor Hes Zitate-Farm© o-zero - Photocase.comKann die Qualität wissenschaftlicher Zeitschriften tatsächlich zuverlässig gemessen werden?
Es ist verlockend, komplizierte Dinge auf eine einfache Zahl zu bringen, vor allem in den Medien. Fernsehmacher messen ihren Erfolg an der Quote, Onlineredakteure schauen auf die Klickzahlen, Zeitungsmacher auf die Auflage. Ist die Zahl hoch, hat man gute Arbeit geleistet. Aber kann man diese Zahl mit Qualität gleichsetzen? Für die über 100 000 wissenschaftlichen Zeitschriften auf der Welt gibt es auch so ein magisches Maß: den sogenannten Impact Factor. Er soll die Bedeutung eines Journals wiedergeben. Der Gedanke hinter diesem Faktor ist ein ähnlicher wie der hinter dem Reihenfolge der Google-Suchergebnisse: Wichtig ist, worauf sich viele andere beziehen. Bei Google stehen Webseiten oben, zu denen Links von vielen anderen Seiten führen, eine wissenschaftliche Zeitschrift bekommt einen hohen Impact Factor, wenn ihre Artikel häufig von Wissenschaftlern zitiert werden. Der Faktor gibt an, wie oft im vergangenen Jahr ein Artikel aus den beiden vorangegangenen Jahren durchschnittlich zitiert wurde.

Weil die Landschaft der akademischen Zeitschriften immer unübersichtlicher wird, ist der Impact Factor zu einer Art Standardwährung geworden. Forscher publizieren in Journals mit hohem Impact, um gelesen zu werden. Bibliothekare entscheiden anhand der Zahl, welche Zeitschriften sie abonnieren. Und der Impact Factor färbt von der Zeitschrift auf den Autor ab - bei Berufungen hat größere Chancen, wer in Journals mit hohem Faktor publiziert. Das Schielen auf den Impact Factor treibt bisweilen absurde Blüten: Das International Journal of Algebra and Computation warb damit, dass sich sein Faktor von 0,414 im Jahr 2007 auf 0,421 im Jahr 2008 verbessert habe - »Glückwunsch an die Herausgeber und Autoren«! Rechnet man nach, bedeutet der Erfolg genau ein zusätzliches Zitat aus einem der 145 Artikel, die in den vergangenen zwei Jahren in der Zeitschrift erschienen.

So wie im Intenet getrickst wird, um einen möglichst hohen Platz auf der Google-Trefferliste zu bekommen, so treiben manche Zeitschriftenherausgeber ihren Impact Factor künstlich in die Höhe. Einen besonders dreisten Fall hat nun der amerikanische Mathematiker Douglas Arnold, Präsident der Society for Industrial and Applied Mathematics (Siam) näher untersucht. Sein bisher unveröffentlichter Fachartikel liegt der ZEIT vor. Mathematische Journals haben im Vergleich zu anderen Disziplinen einen eher niedrigen Impact Factor. Das liegt vor allem an der Beschränkung der Zitationsbeobachtung auf zwei Jahre - mathematische Wahrheiten sind langlebiger als etwa neue Verfahren in der Biomedizin, die Artikel werden auch noch nach vielen Jahren zitiert. In der angewandten Mathematik liegt der Faktor daher meist zwischen 0,5 und 3, keine Zeitschrift hat mehr als 4 - bis auf eine: das International Journal of Nonlinear Science and Numerical Simulations (IJNSNS). Impact Factor 2008: 8,91! Doch nur wenige Mathematiker kennen das Blättchen, es wird in der Zunft als drittklassig eingeschätzt. Wie kam es zu diesem hohen Wert?

Arnold schaute genauer hin: Wer zitierte diese Zeitschrift im Jahr 2008? Die meisten Zitate kamen von Ji-Huan He, dem Herausgeber selbst. Am zweitfleißigsten war ein weiteres Mitglied des Herausgebergremiums. Und auf Platz drei ein Name, der ZEIT-Lesern nicht unbekannt ist: Mohamed El Naschie, der nicht nur Mitherausgeber des IJNSNS ist, sondern auch bis Ende 2008 die obskure Zeitschrift Chaos, Solitons & Fractals (CS&F) verantwortete. El Naschie verlor seinen Job, als er die Seiten seiner Zeitschrift mit wissenschaftlich fragwürdigen Artikeln aus eigener Feder füllte. Auch zitierte er mit Vorliebe seine eigenen Werke und trieb damit den Impact Factor von CS&F in die Höhe. Der Elsevier-Verlag trennte sich zwar im Unfrieden von seinem Herausgeber - mit dem Impact Factor von 3,315 bewirbt die Firma die Zeitschrift aber heute noch. Beim IJNSNS sorgten die drei Herausgeber zusammen schon für ein knappes Drittel aller Zitate. Weitere 20 Prozent stammten aus einem Sonderband des Journal of Physics, herausgegeben anlässlich einer Konferenz, die Ji-Huan He an seiner Heimatuniversität in Shanghai veranstaltete. Der Tagungsband, verantwortet von He, warf 294 Zitate ab, 30 davon in einem dünnen dreiseitigen Artikel, den He auch noch selbst verfasst hatte. Und insgesamt 154-mal verwies El Naschies CS&F auf Hes Zeitschrift.


Und so verwundert es kaum, dass Ji-Huan He auch einen Herausgeberposten bei CS&F innehatte - so wie bei knapp 30 weiteren wissenschaftlichen Zeitschriften, von der Zeitschrift für Naturforschung A bis zum Iranian Polymer Journal. Insgesamt, schätzt Doug Arnold, stammen etwa 70 Prozent der Zitate, die in den Impact Factor des IJNSNS des Jahres 2008 eingegangen sind, aus diesem seltsamen Netzwerk von Herausgeberschaften - unter dem Motto: Zitierst du mich, zitier ich dich. Im Internet nennt man Websites, die nur erstellt werden, um auf andere zu verweisen, »Linkfarmen«. Hier könnte man mit Fug und Recht von einer »Zitate-Farm« reden. Natürlich fielen bei all diesen Manipulationen auch viele Zitate für Ji-Huan He selber ab. Der Forscher verweist stolz darauf, dass seine Arbeiten mehr als 6800-mal zitiert worden sind. Die Website ScienceWatch.com, betrieben von dem Medienkonzern ThomsonReuters, der die Impact-Statistiken erstellt, hat Ji-Huan He schon mehrmals in Artikeln als rising star der Informatik gewürdigt. Fragt man dagegen Informatiker nach ihm, erntet man meist nur ein Achselzucken. Und langsam dämmert auch den wissenschaftlichen Verlagen, wie der umtriebige Chinese an seine eindrucksvollen Impact-Werte gekommen ist - mindestens 13 seiner Herausgeberposten hat er im vergangenen Jahr verloren.

Um nicht nur Anekdoten zu sammeln, wollte Doug Arnold zusammen mit der Bibliothekarin Kristine Fowler zumindest für die mathematischen Journals auf breiterer Basis ergründen, ob der Impact Factor wirklich mit Qualität einhergeht. Die beiden verglichen für 170 Zeitschriften aus der angewandten Mathematik den Impact Factor mit einem Ranking des Australian Research Council, das die Journals aufgrund des Urteils von Fachleuten in vier Klassen, von A* (»eines der besten seines Fachs«) bis C (»erfüllt nicht die Kriterien für Exzellenz«) einsortiert. Ihr Fazit: »Als Annäherung an die Expertenmeinung schneidet der Impact Factor schlecht ab.« Viele C-Journals haben einen ähnlichen Faktor wie die A*-Zeitschriften, und der Quotenkönig IJNSNS liegt als B-Journal bestenfalls im Mittelfeld.

Die Mathematiker, denen gern Zahlenverliebtheit unterstellt wird, sind nun die ersten Wissenschaftler, die den Unsinn mit dem wenig aussagekräftigen Faktor nicht mehr mitmachen wollen. Auf Arnolds Anregung hin haben sie inzwischen erste Schritte beschlossen, um zumindest für ihr eigenes Fach eine Alternative zu schaffen. Auf ihrer Versammlung im indischen Bangalore beschloss die Internationale Mathematische Union (IMU) im August, zusammen mit dem Internationalen Rat für Industrielle und Angewandte Mathematik (ICIAM) nach neuen Wegen zu suchen. »Eigentlich weiß jeder Mathematiker, welche Journals die wirklich wichtigen sind«, sagt Arnold. Deshalb sollen in Zukunft menschliche Experten die Qualität von Zeitschriften beurteilen. Insbesondere wolle man sich gegen den »unangemessenen Gebrauch des Impact Factor und ähnlicher manipulierbarer Indizes« schützen, so die IMU. Mathematiker wissen eben, dass eine Zahl nur so seriös ist wie die Methode, mit der sie gewonnen wurde.

Aus DIE ZEIT :: 16.09.2010

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