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Professor Unrat

VON MARION SCHMIDT

Uwe Kamenz jagt Plagiatoren - mit zweifelhaften Methoden. Den SPD-Politiker Frank-Walter Steinmeier hat er zu Unrecht verdächtigt. Nun wird der Professor selbst zum Gejagten.

Professor Unrat© ktsimage - iStockphoto.comDie, von Professor Uwe Kamenz eingesetzte, Software ist in der Szene der Plagiatsjäger umstritten
Uwe Kamenz ist jemand, der weiß, wie man Dinge größer macht als sie tatsächlich sind. Und er weiß, wie man sich selbst und das, was man tut, am besten verkauft. Von »Marketing« versteht Professor Kamenz allerhand - kein Wunder, er lehrt das Fach an der Fachhochschule in Dortmund. Auch die wissenschaftlichen Kunstfehler des SPD-Fraktionschefs Frank-Walter Steinmeier hat der Marketingspezialist zum Skandal vergrößert.

Kamenz ist der Mann, der den Politiker Ende September öffentlich als Plagiator angeprangert hat. Eine von ihm entwickelte Software hatte in der Doktorarbeit von Steinmeier »umfangreiche Plagiatsindizien« gefunden. Ein Abgleich mit der verwendeten Literatur sollte an über 500 Stellen »problematische Übereinstimmungen« ergeben haben. Ein harter Vorwurf. Davon ist aber am Ende wenig geblieben. Die Universität Gießen, an der Steinmeier promoviert wurde, hat die Arbeit inzwischen überprüft: Sie weise Zitierfehler auf, das seien aber lediglich handwerkliche Schwächen. Irgendeine Täuschungsabsicht konnten die Prüfer der Uni Gießen in der Dissertation nicht erkennen. Steinmeier darf seinen Doktortitel also behalten. Kamenz aber, der den Politiker falsch verdächtigt und öffentlich beschädigt hat, ist weiter als Plagiatsjäger am Werk.

Der Fall hat eine neue Debatte ausgelöst über die Plagiatssuche und den Umgang mit solchen Vorwürfen. Seit dem Fall Guttenberg vor zweieinhalb Jahren werden pausenlos zum Teil jahrzehntealte Politiker-Dissertationen nach Verfehlungen durchforstet. Nicht nur Karl-Theodor zu Guttenberg ist wegen Tricksereien vom Amt des Verteidigungsministers zurückgetreten, auch Bundesbildungsministerin Annette Schavan verlor ihren Job - klagt aber gegen den Titelentzug. Weitere Politiker wie der Bundestagspräsident Norbert Lammert oder der ehemalige sächsische Kultusminister Roland Wöller gerieten ebenfalls in Verdacht. Sie wurden öffentlich gebrandmarkt und dann doch von ihrer Alma Mater rehabilitiert. Man sieht: Der Grat zwischen Aufklärung und Denunziation ist schmal.

Uwe Kamenz dürfte sich inzwischen mehr in Richtung Denunziation bewegt haben. Selbst in der Szene der digitalen Plagiatsjäger - die durchaus nicht zimperlich mit ertappten Schummlern umgeht - gilt er als unerwünscht. Zum einen, weil er seine Absichten und Funde marktschreierisch verkauft, zum anderen, weil er sich für die Suche nach Plagiaten bezahlen lässt. Doch warum tut er das? Ein Besuch in Münster, Stiftsherrenstraße 4. Dort steht ein hübsches kleines Haus, außen gelber Putz, innen alte Holzbalken. Hier soll es sein, das ProfNet-Institut für Internet-Marketing, in dem Uwe Kamenz seine Plagiatssuche betreibt. Aber da gibt es kein Institut, kein Türschild, kein Sekretariat. Es gibt nur ein Privathaus, darin wohnt Kamenz, sein Name steht am Briefkasten. Wenn man klingelt, macht er gleich selber auf. Er trägt einen Wollpullover und lederne Hausschuhe. Innen gibt es zwei Arbeitszimmer, eines davon ist mehr eine Rumpelkammer. Papierstapel, Bücher und alte elektronische Geräte verteilen sich hier über alle Tischplatten. Dazwischen zwei Scanner, mit denen Bücher digitalisiert werden können. Die braucht Kamenz, um Textstellen per Computer abzugleichen. Dieses Setting als Institut zu verkaufen und vorzugaukeln, man verfüge über ein ganzes Netz willfähriger Unterstützer, ist schon ein tolles Marketing. Oder Schummelei.

Ende der 1990er, als das Internet gerade so richtig Fahrt aufnahm, hat Kamenz sein Institut gegründet. Damals waren noch weitere Professoren dabei. Heute ist er allein. Fragen nach Mitarbeitern weicht er aus. Er redet und schreibt zwar von »wir« und »uns«, aber es gibt bloß ihn. Und manchmal einen freiberuflichen Programmierer, der an der Mosel sitzt und Aufträge erhält, wenn Kamenz Geld dafür hat. Bisweilen kommt ein Student und scannt ein paar Bücher ein, für zehn Euro die Stunde. Seit fünf Jahren beschäftigt sich der 56-jährige Professor mit Plagiaten. Wie es dazu kam, kann er nicht so recht erklären. Mit seinem ProfNet-Institut, sagt er, habe er damals diverse Ideen entwickelt zur Verbesserung des Hochschulsystems. Darunter die Plagiatssuche. Die erste Version seiner Software habe ein Student programmiert. So, wie er es erzählt, klingt das, als sei eine Jungfrau zum Kind gekommen. Durch Zufall, einfach so.

Das Thema muss für Kamenz über die Jahre eine erhebliche Eigendynamik entwickelt haben, heute bestimmt es sein ganzes Handeln. Er ist ein Einzelkämpfer. Er prüft nicht - wie beispielsweise die Plagiatsjäger bei VroniPlag Wiki - im Schwarm. Er allein verfolgt eine Mission: Deutschland soll plagiatfrei werden. Durch ihn, Kamenz. »Ich will alle Plagiate abschaffen«, sagt er, »ohne öffentlichen Druck passiert an den Hochschulen nichts.« Kamenz schwebt vor, dass alle Hochschulen sämtliche Abschlussarbeiten so lange mit seiner Software kontrollieren lassen, bis sich niemand mehr traut abzuschreiben. Ein Gedanke, bei dem es Wissenschaftler wie Debora Weber-Wulff, Professorin für Medieninformatik und Mitglied bei der Plagiats-Plattform Vroniplag Wiki, schüttelt: »Wir brauchen eine Kultur des wissenschaftlichen Arbeitens, keine Einschüchterung und Abschreckung. Das ist schädlich für die seriöse Plagiatssuche.«

Noch schädlicher dürfte sein, dass Kamenz sich für diese Suche von interessierter Seite bezahlen lässt. Nicht von Studenten oder Hochschulen, sondern von sogenannten Sponsoren, die das Einscannen, Recherchieren und die Software seines »Instituts« finanzieren. Um Gönner zu finden, muss Kamenz sich und sein Projekt öffentlich vermarkten. Und genau dafür braucht er die Dissertationen von prominenten Politikern. Er weiß genau, die Medien berichten nur dann über den Jäger, wenn das erlegte Wild groß genug ist. »Nur bei Politiker-Dissertationen bekommt man die nötige Aufmerksamkeit«, sagt er ganz unverblümt. Das stimmt.

Auch der Fall Steinmeier hat Kamenz ziemliche Aufmerksamkeit beschert, allerdings keine gute. Und wer sind Kamenz' Sponsoren? Zum Beispiel das Magazin Focus, das die Vorwürfe gegen Frank-Walter Steinmeier publik gemacht hat. Das Blatt hat ihm insgesamt 1.600 Euro bezahlt. Dafür hat er eine Liste mit 20 bekannten Politikern geliefert, deren Doktorarbeiten er mit seiner Software überprüft hatte. Steinmeiers Arbeit wies dabei eine sehr hohe Zahl »kritischer Stellen« auf, heißt es beim Focus. Der Computer hatte eine »Gesamtplagiatswahrscheinlichkeit« von 63 Prozent errechnet. Die Redaktion glich einzelne Textpassagen dann noch einmal mit Bücherstellen ab und entschloss sich, den Prüfbericht zu veröffentlichen. Kamenz habe ohnehin die Uni Gießen informieren wollen. »Wenn die Dissertation eines hochrangigen Politikers offiziell überprüft werden soll, ist dies für ein Nachrichtenmagazin ein berichtenswerter Vorgang«, sagte ein Verlagssprecher auf Nachfrage.

»Der Bericht ist viel zu schnell rausgehauen worden«, sagt Weber-Wulff, »die Fußnoten sind nicht genau geprüft worden.« Auch VroniPlag Wiki hat auf jeder vierten Seite in Steinmeiers Dissertation bedenkliche Stellen oder ungenügende Quellenangaben entdeckt und dokumentiert. Ihm den Titel zu entziehen, empfehlen die Verfasser indes nicht.

2010 hat Weber-Wulff die Software des Herrn Kamenz selbst getestet. Ihr Befund: »untauglich«, die Ergebnisse seien »undurchdringlich«, es bedürfe erheblichen Aufwands, um sie zu interpretieren. Auch der Bremer Politikwissenschaftler und Jurist Stephan Leibfried hat die angeblichen Plagiate von ProfNet überprüft. In der FAZ nahm er Kamenz' Bericht auseinander und kommt zu einem vernichtenden Ergebnis: Von den 163 vermeintlichen Plagiatsstellen im Haupttext sind beispielsweise nicht weniger als 50 Gesetzestexte, Urteilsverkündungen oder schlichte Redewendungen. Den Satzeinschub »um mit Ernst Bloch zu sprechen« etwa sollte Steinmeier - laut Software - aus der Regierungserklärung von Helmut Kohl am 13. Oktober 1982 abgeschrieben haben. Wer will solchen Unfug noch einsetzen? Wer lässt sich freiwillig mit so was überprüfen, welche Hochschule will damit arbeiten?

Die Öffentlichkeit, die Uwe Kamenz suchte, wendet sich nun gegen ihn. Von allen Seiten, aus Politik und Wissenschaft, wird er heftig angegriffen. Der Essener Kulturwissenschaftler Claus Leggewie bezeichnet Kamenz als »Kopfgeldjäger«. Seine Plagiatsjagd sei »unprofessionell, kommerziell und auf politische Skandale aus«. Weber-Wulff hält Kamenz für »geltungssüchtig«. Doch so sehr Uwe Kamenz die Medien auch lieben mag, er ist keine schillernde Figur, kein Selbstdarsteller. Er wirkt unscheinbar, ruhig, die Kritik perlt an ihm ab. Dass er selber Teile seines Lehrbuchs zur »Einführung in die Marktforschung« abgeschrieben haben soll, wie ein Autor des Tagesspiegels ihm vorwirft, lässt ihn völlig kalt. Wenn Kamenz Zeit und Geld habe, werde er das nachprüfen. Aber selbst wenn in seinem Werk drei Stellen nicht korrekt sein sollten - mit Steinmeier sei das nicht vergleichbar. Kritik wischt er vom Tisch. »Meine Software funktioniert.« Es klingt fast trotzig.

Mittlerweile liegt der Professor auch mit seiner Hochschule im Clinch. Es ist nicht ohne Ironie, dass die FH Dortmund, an der er seit 1994 als Professor lehrt, ihm »nicht genehmigte Nebentätigkeiten« vorwirft. Ausgerechnet ihm! Kamenz hat 2007 gemeinsam mit dem Berater Martin Wehrle das Buch »Professor Untat« veröffentlicht, in dem er auf Dozenten losgeht, die sich mehr um eigene lukrative Projekte kümmern als um Studenten. Jetzt sieht es so aus, als ob Kamenz selbst zur Untätigkeit neigt. An der Hochschule lässt er sich nur noch zwei Tagen in der Woche blicken, er hält seine Marketingvorlesungen und eine einstündige Sprechstunde ab und fährt zurück nach Münster, wo er seiner Berufung frönt: Plagiate aufstöbern.

Kamenz begreift das nicht als genehmigungspflichtige Nebentätigkeit sondern als Forschung, für die er private Drittmittel einwirbt. »Das ist mein gutes Recht als Professor«, stellt er ungerührt fest, »ich habe das Institut gegründet, um meine Forschung zu finanzieren, und nicht, um Geld zu verdienen.« Sein Institut sei ein Verein und keine Firma. Mit der Hochschule, sagt er, gebe es wegen seiner Aktivitäten juristische Auseinandersetzungen. »Aber die werden mich nicht los, ich bin Beamter.« Auch wenn man ihm seine Internetvorlesung bereits »weggenommen« und den Antrag auf ein Forschungssemester in Australien sechs Mal abgelehnt habe. Die FH Dortmund bestätigt auf Anfrage bloß, dass die Vorlesung gestrichen wurde, aber es seien im Zuge einer Umstrukturierung auch andere Veranstaltungen weggefallen. Mehr möchte man dazu nicht sagen.

Kamenz jagt derweil unbeirrt weiter: Auf seiner Website profnet.de fordert er Bürger auf, Namen von Politikern zu nennen, deren Dissertation er überprüfen soll. Dafür verlangt er mindestens 100 Euro, er müsse für jede Doktorarbeit mindestens zehn Bücher einscannen, Literatur, mit der er die Arbeit vergleicht. Ein Rechtsanwalt aus Münster, sagt Kamenz, habe ihm 1.000 Euro gegeben, um die örtliche Polizeihochschule bei der Plagiatssuche zu unterstützen. Wer der Kunde ist und warum er so etwas tut, behält Kamenz für sich. Angeblich gibt es einen noch großzügigeren Sponsor, einen Unternehmer in Berlin, der so viel Geld spendiert, dass alle Studenten der Hauptstadt ihre Abschlussarbeiten kostenfrei mit der ProfNet-Software von Kamenz checken lassen können. Die Nachfrage, muss Kamenz zugeben, ist momentan gering. Nur wenige Studenten nutzen das Angebot.

Aus DIE ZEIT :: 12.12.2013

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