Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Professor zweiter Klasse

VON ANANT AGARWALA

An den Universitäten fehlen Dozenten. Abhilfe schaffen könnten Lehrprofessuren. Doch die sind schrecklich unbeliebt - warum?

Professor zweiter Klasse© ohneski - photocase.deLehrprofessur - Eine vollwertige Professur ohne Forschung?
Wenn von Leuten die Rede ist, die wie Menschen zweiter Klasse behandelt werden, geht es meist um Flüchtlinge oder Hartz-IV-Empfänger. Um Menschen, die ausgeschlossen sind und von niedrigem gesellschaftlichen Rang.

Professoren gehören, für gewöhnlich, nicht in diese Kategorie. Es sei denn, sie sind Lehrprofessoren. Also Professoren, die weniger Zeit zum Forschen haben, weil sie statt der üblichen acht bis neun Wochenstunden zwölf im Hörsaal stehen.

Drei Stunden weniger Forschung die Woche - das klingt für Nichtwissenschaftler nun erst mal nicht dramatisch. Zugegeben: Jede Nettostunde Lehre kostet durch Vor- und Nachbereitung mindestens zwei Bruttostunden. Aber jede zusätzliche Stunde für Vorlesungen und Seminare erscheint auch sinnvoll, ächzen die deutschen Unis doch unter der Last der Lehre, die in den letzten Jahren entstanden ist: durch doppelte Abiturjahrgänge, die Abschaffung der Wehrpflicht und immer höhere Studierendenzahlen.

Während die Zahl der Studenten seit 2000 von rund 1,8 Millionen um 50 Prozent auf knapp 2,7 Millionen gestiegen ist, wuchs die Zahl der Professuren nur um circa 20 Prozent - von etwa 37.800 auf etwas über 45.000. Es besteht also ein enormer Bedarf an Wissenschaftlern, die sich nicht nur um Spitzenforschung kümmern, sondern vor allem um Studenten.

Was nach rationalen Argumenten für Lehrprofessuren klingt, ist an den Unis nicht mehrheitsfähig. Im Gegenteil: Innerhalb des deutschen Hochschulsystems sind Lehrprofessoren schrecklich unbeliebt. Seitdem der Wissenschaftsrat 2007 die Einführung dieser Personalkategorie gefordert hat, um auf den Lehrbedarf zu reagieren, weigern sich die meisten Unis, Professuren mit einem Lehrschwerpunkt zu schaffen. 20 Prozent der Professuren sollten mittelfristig mit einem Lehrdeputat von zwölf Wochenstunden ausgestattet werden und 30 Prozent ihrer Zeit für Forschung aufwenden können, hieß es damals vom Wissenschaftsrat. An dieser Zielsetzung sind die Unis - willentlich - grandios gescheitert. Die rechtlichen Voraussetzungen sind bundesweit gegeben, doch nur in wenigen Bundesländern, zum Beispiel in Bayern und Berlin, gibt es überhaupt Lehrprofessoren.

Bei der bislang einzigen Studie zum Thema fand das Institut für Hochschulforschung 2013 ganze 46 Lehrprofessoren in Deutschland. Das sind höchst insignifikante 0,1 Prozent. Lehrprofessoren wirken wie ein Fehler im System. Aber warum wird der Lehrprofessor so geächtet? Die Unis verweisen auf das Humboldtsche Ideal der Einheit von Forschung und Lehre. Damit Deutschlands Studenten nicht Erkenntnisse von gestern vermittelt werden, müssten Profs halt so viel forschen, wie sie forschen. Was für höhere Bachelorsemester und den Master stimmen mag, trifft auf die vielen Grundlagen jedoch nicht zu, die in den ersten Semestern vermittelt werden. Dieses Wissen ist oft Lehrbuchwissen, größtenteils seit Jahrzehnten unverändert. So gut wie kein Professor berichtet hier von den neuesten Erkenntnissen aus Labor oder Bibliothek.

Ein zweites Argument der Unis lautet, dass Lehrprofessuren ein Zweiklassensystem schaffen würden. Ein System, in dem die Lehrprofessoren ausgeschlossen seien von der Spitzenforschung und deshalb innerhalb der Wissenschafts-Community von niedrigem Rang. Sie sehen in den Lehrprofessuren eine Sackgasse für ambitionierte Wissenschaftler.

Wegen ein paar Stunden weniger Forschung zum Paria der Wissenschaft? Es klingt überzogen, weist aber auf ein generelles Problem innerhalb des deutschen Hochschulsystems hin: Die Lehre wird wie ein ungeliebtes Stiefkind behandelt. Viele Rektoren scheren sich eher um den internationalen Ruf als forschungsstarke Uni als um die Belange der Studenten. Um leere Hörsäle müssen sich die Unis keine Sorgen machen, um ihre Finanzierung schon. Und gute Lehre bringt keine Drittmittel.

Auch die Mehrheit der Professoren empfindet die Lehre als lästiges Übel. Wer lehren muss, der forscht nicht, und wer nicht forscht, der ist nicht. Denn eigentlich ist es mit dem Humboldtschen Ideal an den Unis nicht weit her. »Die Karriere innerhalb der Wissenschaft vollzieht sich ausschließlich über die Forschung«, sagt Sabine Behrenbeck vom Wissenschaftsrat.

Reputation erlangen Wissenschaftler über Publikationen ihrer Forschungsergebnisse, nicht über ihre Leistungen in den Hörsälen. Ob sie gute Dozenten sind und ihre Studenten wirklich etwas lernen, ist nahezu egal. Schlechte Bewertungen der Profs von Studenten haben nur selten Konsequenzen.

Ulrike Beisiegel, Vizepräsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, sagt: »Bildung ist eine Kernaufgabe der Universitäten. Aber das schlägt sich nicht in der Anerkennung für Leistungen in der Lehre nieder.« Die Hochschulwelt sei in Bezug auf die Einführung von Lehrprofessuren gespalten. Unter ihren Rektorenkollegen gebe es zum Teil große Vorbehalte gegenüber Karrieren, die auf die Lehre ausgerichtet sind: »Sie sehen die Forschung als den wichtigsten Karrieremotor.« Dabei gebe es viele junge Wissenschaftler, die sich gern stärker der Lehre verschreiben würden, sagt Sabine Behrenbeck. Aber weil die Unis den Lehrprofessor so kategorisch ablehnten, bliebe faktisch kaum eine andere Wahl, als sich auf die Forschung zu konzentrieren. Nur dann bestünde die Chance auf eine Professur. Eine unbefristete Alternative gibt es kaum: Wer seinen Fokus auf die Lehre lenkt, rutscht im Prinzip sehenden Auges ins Prekariat der Wissenschaft ab. Das Ergebnis: Das System erhält sich selbst, wer lehren will, hat Pech gehabt. Der ausbleibende Erfolg des Modells Lehrprofessor scheitert also vor allem an einem Mentalitätsproblem des akademischen Betriebs. Kein Wunder, dass unter Rektoren häufig nicht von Lehrprofessoren, sondern abwertend von »Lehrknechten« die Rede ist.

Einer dieser Aussätzigen ist Bernhard Stahl, Lehrprofessor für Internationale Politik an der Uni Passau. Sein Lehrdeputat beträgt 14 Wochenstunden - zwei über der empfohlenen Obergrenze des Wissenschaftsrats. Ob er sich wie ein Prof zweiter Klasse fühlt? »Nein. Mir macht die Lehre Spaß. Dass manche Kollegen vielleicht denken: >Für eine volle Professur hat es nicht gereicht<, nehme ich sportlich.« Offene Geringschätzung würde er als Lehrprofessor nicht erleben, eher Mitgefühl. »Meist heißt es nur: >O je, wie forschst du denn dann?<« Er muss erwidern: Im Prinzip kaum. »Für originäre Forschung bleibt mir wenig Zeit. Ich muss mich auch auf die Forschungsarbeit anderer verlassen, etwa von meinen Doktoranden

Stahl lehrt die ganze Palette internationaler Politik, von der Rolle des Westens im Syrien-Krieg über Tunesien im Wandel bis zur Entwicklung der Nato nach dem Kalten Krieg. »Die erhöhte Lehrbelastung erfordert, in zig Themen auf der Höhe zu bleiben. Das ist eine Herausforderung«, sagt Stahl. Aber für ihn, der sagt, nicht jeder könne am nächsten Nobelpreis arbeiten, sei die Lehrprofessur ein großer Glücksfall. Er kennt allerdings auch Kollegen, die verheimlichen, dass sie Lehrprofessoren sind. Manche sorgen dafür, dass sie auf den Websites der Institute nicht als Lehrprofessoren betitelt werden - aus Sorge um ihren Ruf. »Wenn man ehrlich ist, sind wir Lehrprofessoren im forschungsorientierten System, das wir aktuell in Deutschland haben, wie Fremdkörper«, sagt Stahl. Das Humboldtsche Ideal sei ein Feigenblatt: »Das Dogma heißt: Forschung versus Lehre, nicht Forschung und Lehre. Und die Lehre hat keinen großen Wert.«

Es ist ein grundsätzlicher Kulturwandel nötig. Sabine Behrenbeck vom Wissenschaftsrat erkennt dafür immerhin erste allmähliche Anzeichen: Zunehmend entwickele man Lehrkonzepte an den Hochschulen, auch Preise für gute Lehre seien ein Schritt in die richtige Richtung. Am einfachsten aber wäre es, die Unis schüfen mehr Lehrprofessuren. Sichtbarkeit schafft Akzeptanz. »Die deutsche Hochschullandschaft muss einsehen, dass es Professuren mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen geben sollte: in der Forschung oder in der Lehre. Und beide sind gleichwertig,« sagt Behrenbeck. Das könnte die Betreuungsrelationen verbessern und zugleich jungen Wissenschaftlern, die sehr gut lehren, aber nicht herausragend forschen, Karrierewege ermöglichen.

Der Wissenschaftsrat hat im vergangenen Jahr einen Bedarf an 7.500 neuen Professoren ermittelt. Ginge man von den ursprünglich geforderten 20 Prozent an Lehrprofessuren aus, wären das 1.500 mit einem Schwerpunkt in der Lehre. Es blieben 6.000 mit einem Forschungsschwerpunkt. Wilhelm von Humboldt wäre damit wohl einverstanden.

Aus DIE ZEIT :: 09.07.2015

Ausgewählte Stellenangebote