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Promotion: Trennung von Betreuung und Begutachtung? - Contra

von Tassilo Schmitt

Der Wissenschaftsrat empfiehlt in seinem Positionspapier zur Qualitätssicherung der Promotion von 2011 die Trennung von Betreuung und Begutachtung der Dissertation.

Promotion: Trennung von Betreuung und Begutachtung? - Contra© GiZGRAPHICS - Fotolia.com Ein Gutachter, der auch als Betreuer der Promotion agiert, ist mit der Thematik vertraut und kann als Experte urteilen
"Niemand sei Richter in seinen Angelegenheiten." Aus diesem fundamentalen Rechtssatz könnte man die Forderung ableiten, dass in Promotionsverfahren niemand, der als Betreuer an der Entstehung einer Dissertation beteiligt war, dann auch noch Gutachter sein darf. Wer so argumentiert, versteht ein Promotionsverfahren als Prüfungsverfahren, die Dissertation als eine Art höhere Examensarbeit und unter Qualität die Einhaltung von Standards.

Damit wäre aber die Spezifik von Dissertationen verkannt, die als Anspruch niemals aufgegeben werden darf: Dissertationen sollen Neues enthalten. Damit ist nicht gemeint, dass grundsätzlich Bekanntes noch einmal an einem Gegenstand nachgewiesen wird, an dem das bisher nicht erfolgt war, sondern dass die Wissenschaft insgesamt unabhängig von dem jeweiligen Gegenstand voran gebracht wird. Das Ergebnis ist zunächst unbekannt und emergent und grundsätzlich nicht planbar. Es wird am Ende eines Bildungsprozesses erzielt und vorgelegt, in dem Betreuung vor allem darin besteht, die Überlegungen des Doktoranden in Frage zu stellen und zu diskutieren. Der Betreuer begleitet den Doktoranden in ein unbekanntes Feld und hilft ihm mit seiner eigenen Fachexpertise einzuschätzen, wohin man gelangt ist, welche Perspektiven es gibt, welche andere Forschung nun relevant würde.

Als Gesprächspartner beim Entstehungsprozess der Dissertation dient er aber nicht nur dem Doktoranden, sondern kann grundsätzlich auch besser beurteilen und in der Wissenschaft erläutern, welche Bedeutung die dann vorgelegte Untersuchung hat. Auf diese Unterstützung sollte sich ein Doktorand gerade dann verlassen können, wenn er riskant denkt und sich weit vorwagt. Wirkliche Innovationen treffen oft auf Widerstand. Wer sie will, muss die Möglichkeit schaffen, dass Forscher sich im engen Austausch mit einem Betreuer zu einer eigenständigen wissenschaftlichen Persönlichkeit bilden - im Vertrauen darauf, dass ihm die Erfahrung des Betreuers sowohl bei der Entstehung der Arbeit als auch dann hilft, wenn es darum geht, diese in der Wissenschaft zu positionieren. Diese Form der Sicherung von Qualität als Innovation ist gewiss nicht die einzig richtige, aber erprobt und mindestens als Variante unverzichtbar.

Wenn man die Begutachtung vollständig von der Betreuung trennt, nimmt man der Wissenschaft überdies die Chance, eine fachliche Einschätzung von einem Experten zu bekommen, der wie kein anderer mit der Thematik vertraut ist. Die Verhältnisse sind offen und transparent. Fremden Gutachtern mag man auf den ersten Blick größere Unabhängigkeit zubilligen. Überprüfen lässt sich das oft genug nicht, weil die Vielfalt von Beziehungen, Vorlieben und Abhängigkeiten gar nicht transparent gemacht werden kann.

Wer wollte bestreiten, dass die Verhältnisse zwischen Betreuer und Doktoranden als oft sehr persönliche auch prekär sind? Um das Risiko für den Doktoranden zu minimieren, sind die Fakultäten an ihre kollegiale Verantwortung zu erinnern, dass aus Betreuungsverhältnissen keine Herrschaftsverhältnisse werden. Zum Schutz der Wissenschaft ist darauf zu bestehen, dass der zweite Gutachter kein Zweitgutachter ist, der vor allem das erste Gutachten zu lesen hätte, sondern jemand, der sich ebenfalls intensiv und unabhängig mit der Dissertation auseinandersetzt.

Wenn die Gutachten zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen kommen, muss die Promotionskommission die Möglichkeit haben, ein weiteres, wiederum selbstständiges und unabhängiges Gutachten einzufordern. Das Kolloquium schließlich ist der Ort, wo die Dissertation sich zu bewähren hat. Erst hier fallen die Entscheidungen, am besten in einem Gremium, in dem alle Gutachter Sitz und Stimme, aber keine Mehrheit haben.

Als Gutachter ist ein Betreuer also kein Richter in eigener Sache, wenn die Prüfung der Dissertation und das Urteil über sie mehrheitlich in der Verantwortung anderer liegen. Deren Engagement und deren Unbefangenheit sind wichtige Kriterien zur Sicherung der Qualität des Verfahrens. Eine engagierte Betreuung, die das differenzierte Eintreten für die Ergebnisse eines wissenschaftlichen Bildungsprozesses einschließt, ist als eine Möglichkeit zu bewahren, Qualität im Sinne von Innovation in der Wissenschaft hervorzubringen und durchzusetzen.


Über den Autor
Tassilo Schmitt ist Professor für Alte Geschichte an der Universität Bremen und Vorsitzender des Philosophischen Fakultätentages.

Aus Forschung & Lehre :: Juni 2013

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