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Frau Doktor Hebamme

Von Friederike Lübke

Wie die FH Osnabrück um die Ausbildung von Doktoranden ringt.

Frau Doktor Hebamme© igor - Fotolia.comFachhochschulen müssen Universitäten um Doktorstellen für Studenten bitten
»Stellen Sie sich vor, Sie fahren Auto, und alles wird gemessen«, sagt Volker Lüdemann. Die Augenbewegungen des Fahrers, sein Blutdruck, wie laut er Musik hört. Wie schnell er fährt und wohin. Das Auto der Zukunft wird das können. Für Polizei, Autofirmen und Versicherungen wäre es interessant, diese Daten zu kennen. Aber ob das erlaubt sein sollte?

Das ist die Frage, die sich Volker Lüdemann stellt. Der Professor für Wirtschaftsrecht an der Fachhochschule Osnabrück leitet seit 2012 das fee, ein interdisziplinäres Forschungszentrum mit Projekten zu Energiewirtschaft, Energiemanagement und Energierecht. Die Forschung soll »Praxisprobleme« lösen. Das vernetzte Auto ist eines davon. Ein anderes sind kluge Energiesysteme, die den Stromverbrauch messen. All die gesammelten Daten geben viel vom Leben ihres Benutzers preis. Deshalb ist es sinnvoll, wenn sich Juristen wie Volker Lüdemann damit auseinandersetzen. Vor wenigen Jahren noch wäre er als forschender Fachhochschulprofessor ein Paradox gewesen. Heute ist er einer von mehreren an der Hochschule Osnabrück. Die Fachhochschule in Niedersachsen gehört zu jenen, die sich auch mit Forschung einen Namen machen wollen.

Neben Energiesystemen und der Frage, wie sich Osnabrück zum Beispiel mit regenerativen Energien versorgen ließe, forscht die FH an innovativen Materialien oder an Technik für die Landwirtschaft. Möglich ist das nur, weil Professoren an der Fachhochschule ihren Lehrauftrag reduzieren lassen können. Sonst müssen sie mehr unterrichten als ihre Kollegen an der Universität. Volker Lüdemann hält nur noch dienstags Vorlesungen. Sein Arbeitsplan ist voll mit Abgabeterminen für Aufsätze, Kongressen und Treffen. Lüdemann ist gefragt. Seit den Snowden-Enthüllungen ist Datenschutz ein Thema in den Medien. Allein in den vergangenen drei Monaten hat er mit dem stern, der Frankfurter Rundschau und der Berliner Zeitung gesprochen. Manche Uni-Kollegen sehen das nicht gern. Genauso wenig wie die Nähe zur Wirtschaft, die Fachhochschulprofessoren traditionell haben.

Bevor Lüdemann Professor wurde, hat er als Syndikusanwalt und Geschäftsführer beim Volkswagen-Konzern gearbeitet. Die Verbindungen zu VW sind immer noch eng. Hin und wieder holt er einen ehemaligen Kollegen in die Vorlesung. Wesentlich schwieriger dagegen gestaltet sich die Zusammenarbeit mit den Universitäten. Genau diese brauchen die Fachhochschulen aber, um auch ihren Studenten eine Promotion zu ermöglichen. Wenn Lüdemann einen vielversprechenden Studenten hat, muss er bei anderen Universitäten fragen, ob sich ein Professor findet, der bereit ist, die Promotion mitzubetreuen. »Betteltour« nennt er das.

Und eigentlich müsste er dafür nicht weit laufen, denn in Osnabrück liegen Universität und Fachhochschule auf dem Campus Westerberg direkt nebeneinander. Auf dem Lageplan sind alle Gebäude mit farbigen Punkten gekennzeichnet. Rot steht für Uni, Blau für FH. Manche Punkte sind zweifarbig. »Wir teilen uns die Mensa, aber nicht die Doktoranden«, sagt Lüdemann. Dabei ist er mit Juristen der Uni Osnabrück sogar gut befreundet. Aber sobald es um die Promotion geht: keine Chance. Die Universitäten wollen verhindern, mit dem Promotionsrecht ihr letztes Alleinstellungsmerkmal zu verlieren. Außerdem befürchten sie, dass man das Promotionsrecht auch außeruniversitären Instituten nicht mehr verweigern könne, wenn die Fachhochschulen dazu befugt seien. Früher bildete die Fachhochschule die Praktiker aus und die Universität die Theoretiker. Wer forschen wollte, musste an die Uni. Heute lassen sich die Grenzen nicht mehr so klar ziehen. Jede Hochschule bemüht sich um ein eigenes Profil. Manche Fachhochschulen werben gewaltige Drittmittel ein. Bei der Hochschule Osnabrück sind es aktuell mehr als elf Millionen Euro. »Wir haben das Geld, wir haben die Themen, wir brauchen auch den Nachwuchs für die Forschung«, sagt Lüdemann. Und sieht auch die Gefahr, im bisherigen System die klügsten Köpfe an die Universitäten zu verlieren.
An der FH Osnabrück studieren 13.000 Studenten, es gibt aber aktuell nur 112 Doktoranden.

Fachhochschulprofessoren forschen anwendungsbezogen, auch in Fächern, die es an Universitäten nicht gibt. So wie Friederike zu Sayn-Wittgenstein, Professorin für Pflege- und Hebammenwissenschaft. In diesem Jahr ist sie Mitglied im höchsten wissenschaftspolitischen Gremium der Republik geworden, dem Wissenschaftsrat. Ihr Lebenslauf zeigt, wie eine Praktikerin in die Forschung kommt. Sayn-Wittgenstein ist Hebamme mit Harvard-Abschluss. Fünf Jahre lang hat sie nach ihrem deutschen Hebammenexamen in ihrem Beruf gearbeitet, unter anderem in Südostasien, wo es nicht selbstverständlich ist, dass Mutter und Kind die Geburt überleben. Schnell merkte sie, dass ihr die Arbeit allein nicht reichte. Sie wollte weiterlernen. Zwei Masterabschlüsse machte sie in den USA, arbeitete bei der Weltgesundheitsorganisation in der Schweiz, promovierte in Harvard über die Gründe für die niedrige Geburtenrate in Deutschland. In den USA waren die Gesundheitswissenschaften bereits ein etabliertes Fach. In Deutschland wurde die erste Professur für Pflege- und Sozialwissenschaften 1987 eingerichtet - an der Fachhochschule Osnabrück. Sayn-Wittgenstein hat das Fach in Deutschland mit aufgebaut und die akademische Entwicklung der Hebammenwissenschaften weiter angeschoben. In ihren Forschungsarbeiten beschäftigt sie sich mit der Frage, wie man Frauen während und nach der Schwangerschaft besser versorgen kann. Was brauchen Familien? Was kann die Hebamme leisten? Wie muss Gesundheitsvorsorge aussehen? Das ist nicht nur medizinisch relevant, sondern auch sozialwissenschaftlich.

Inzwischen kann man in Osnabrück das Fach Hebammenkunde studieren - und dazu auch promovieren.
Vor drei Jahren haben die ersten Studenten ihre Doktorandenstellen angetreten, mittlerweile sind es zwölf Doktoranden. Betreut werden sie gemeinsam mit der privaten Universität Witten/Herdecke. Das bedeutet viel Organisation für die Professorin. Da der Status »Doktorand« an der FH Osnabrück ursprünglich nicht vorgesehen war, musste etwa geregelt werden, dass die Doktoranden auch die Bibliothek der FH benutzen dürfen. Mittlerweile werden für sie sogar Seminare zum akademischen Schreiben und zum Publizieren angeboten. Man tut, was man kann, um die Forschung voranzutreiben und die Qualität der Promotion zu garantieren, auch wenn man den Titel selbst gar nicht verleihen darf.

Aus DIE ZEIT :: 16.04.2015

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