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Promovieren im Ausland: Materialwissenschaft in England

Von Leonard Henrichs

Eine Möglichkeit, Auslanderfahrungen zu sammeln, bietet die Promotion. Die Initial Training Networks der europäischen Kommission fördern die internationale Mobilität von Doktoranden und unterstützen sie mit Stipendien. Autor Leonard Henrichs promoviert in einem solchen Netzwerk und hat sich für die Universität Leeds als Arbeitsort entschieden.

Promovieren im Ausland: Materialwissenschaft in England© Leonard HenrichsLeonard Henrichs hat seine Entscheidung für eine Promotion im Rahmen des ITN nicht bereut
Seit Mai 2012 lebe ich mit meiner Frau und meinen beiden Kindern in Leeds in Nordengland. Dort promoviere ich als Stipendiat innerhalb des Initial Training Networks Nanomotion am Institut für Materialwissenschaften der Universität. Ein Initial Training Network, ITN, ist ein Ausbildungsnetzwerk der europäischen Kommission und setzt sich aus Hochschulen aus mindestens drei EU-Ländern zusammen, forschende Unternehmen können sich ebenfalls beteiligen.

Am ITN Nanomotion arbeiten zwölf Doktoranden und ein Postdoc, und zwar an acht Hochschulen und Unternehmen aus fünf Ländern Europas: aus Spanien, Portugal, England, Irland und Deutschland. Die Kooperationspartner arbeiten in der Regel an materialwissenschaftlichen Forschungsinstituten oder solchen, die Nanotechnik als Schwerpunkt haben. Die ITNs haben zum Ziel, Forscher eines Themengebiets zu Experten auszubilden und innerhalb Europas zu vernetzen. Die Stipendiaten in einem ITN forschen an ähnlichen Themen und absolvieren während ihrer Promotion gemeinsame Termine wie Workshops und Projekttreffen.

Beim ITN Nanomotion geht es um Bewegung auf der Nanoskala, und dabei spielt der piezoelektrische Effekt eine Rolle. Das Netzwerk befasst sich sowohl mit gemeinsamen Methoden - ein Schwerpunkt ist die Rastersondenmikroskopie - als auch mit gemeinsamen Themen, darunter Multiferroika, biologische Piezoelektrika oder Lithiumionenbatterien. Meine Arbeit in Leeds dreht sich um magnetoelektrische Kopplung in einphasigen Multiferroika.

Internationale Mobilität gefordert

Nach meiner Diplomarbeit am Forschungszentrum Caesar in Bonn wurde ich auf eine Stellenausschreibung von Bosch aufmerksam, die für das ITN Nanomotion einen Doktoranden suchte. Seltsam fand ich zunächst, dass sich die Ausschreibung nur an Ausländer richtete. Dann habe ich mir dieses ITN, die Projekte im Ausland und die Stellenausschreibungen dazu genauer angesehen. Für die Wissenschaftler, die in einem ITN arbeiten, gilt eine Mobilitätsregel. Nach der dürfen sie keine Stelle in dem Land annehmen, in dem sie in den letzten drei Jahren hauptsächlich gelebt haben. Je mehr ich darüber nachdachte, desto interessanter und aufregender fand ich den Gedanken, im Ausland zu promovieren. Schließlich verloren meine Frau und ich die Furcht vor dem Leben im Ausland und sahen es als Chance zur persönlichen Weiterentwicklung.

Was an einer Promotion in einem ITN anders ist

Wissenschaftliches Niveau und zeitlicher Rahmen einer englischen Promotion in Chemie ähneln der deutschen. Allerdings sind Doktoranden in Deutschland stärker in die Lehre einbezogen, während in England Lecturer Aufgaben wie Vorlesungen und Seminare übernehmen. Ein Unterschied der Promotion in einem ITN zu einer regulären Promotion sind zunächst die Projektziele. Diese werden vor Beginn der Arbeiten festgelegt und stehen bereits im Projektantrag, der an die EU-Kommission geht. Sie sollen die Teilnehmer zum zielgerichteten Arbeiten anhalten. Diese Ziele sind zwar nicht starr, legen aber das Grundkonzept der Promotion fest.

Außerdem stimmen sich die Projektleiter über Forschungsaufenthalte der Doktoranden und Post-Docs an den Partnerinstitutionen ab. Dies soll sicherstellen, dass ein Stipendiat unterschiedliche Methoden und unterschiedliches Fachwissen kennen lernt. Obwohl die Forschungsaufenthalte bereits im Projektantrag stehen, wird dieser Punkt flexibel gehandhabt. Einen Forschungsaufenthalt habe ich bereits an der Universität Duisburg-Essen an der ingenieurwissenschaftlichen Fakultät absolviert und werde noch an der Universität Aveiro, Portugal, an einem Forschungszentrum für Keramik und Kompositmaterialien arbeiten.

Stipendien für Doktoranden in einem ITN

Doktoranden, die in einem Initial Training Network arbeiten, erhalten ein Stipendium von 38.000 Euro im Jahr. Hinzu kommen eine Mobilitäts- und bei eigenen Kindern oder Ehepartner eine Familienvergütung. Dieser Betrag wird an das Preisniveau des jeweiligen Ziellandes angepasst. Für Forschungsmittel und Reisen stehen großzügige Budgets zur Verfügung. ITNs gibt es auch im neuen Forschungsrahmenprogramm der EU, Horizont 2020, sie heißen jetzt Innovative Training Networks.

Mehr Informationen unter: www.humboldt-foundation.de
Während der ersten Zeit hatte ich das Gefühl, dass die Promotion im Netzwerk sich nicht von einer Arbeit ohne das Netzwerk unterscheidet. Die Kooperationen liefen nur schleppend an, es stand eher das soziale Miteinander im Vordergrund. Später begriff ich, dass dieses Miteinander, das Knüpfen von Kontakten, der wichtigste Aspekt des Netzwerks ist. Durch die gemeinsamen Termine lernen sich die Wissenschaftler des Netzwerks besser kennen, als dies beispielsweise am Rande einer Konferenz möglich ist. Wir tauschen uns immer mehr untereinander aus und profitieren von den Erfahrungen und vom Wissen der anderen und deren Kollegen. Es ist, als habe ich neben meinem eigenen Arbeitskreis einen weiteren, der sich über Europa verteilt. Vermutlich hält dieser Effekt länger an, als der durch die unmittelbaren Kooperationen durch das ITN während der Promotion. In dem ITN Nanomotion stammen sieben Teilnehmer aus Europa, aus Österreich, Frankreich, Portugal, Irland sowie aus Serbien und Russland, ich bin der einzige Deutsche. Alle anderen kommen aus Indien, Costa Rica, Iran, Vietnam und Pakistan. Somit stammen lediglich 5 von 13 Teilnehmern aus EU Staaten.

Leben und arbeiten in England - die Sprache

Die Sprache spielte eine große Rolle bei der Entscheidung, nach Leeds zu gehen. So musste ich nicht während der Promotion eine weitere Fremdsprache erlernen. Darüber hinaus gefiel mir das Thema sehr gut und ich verstand mich von Anfang an gut mit dem Betreuer. Trotz meiner Sprachkenntnisse war der Anfang in England nicht leicht. So war ich oft unsicher ob ich in einer Gesprächssituation zu pingelig oder taktlos war. Es dauerte etwa sechs Monate, bis ich herausfand, dass der kulturelle Unterschied nicht allzu groß ist. Es reicht aus, offen und freundlich aufzutreten. Dies gilt nicht nur im Umgang mit Briten, sondern auch mit Kollegen aus anderen Ländern.

Der Ausländeranteil unter den Forschern dort ist hoch, sie kommen überwiegend aus Indien, Pakistan, China, aus arabischen Ländern, Ost- und Südeuropa. Größere Probleme hatte ich mit dem Alltagsenglisch und dem Dialekt in Nordengland. Beides klingt gegenüber dem Schulenglisch wie eine andere Sprache. Zudem konnte ich mich oft selbst nicht gut genug ausdrücken und musste lange überlegen, um meine Gedanken präzise in Worte zu fassen. Daher verloren viele das Interesse an längeren Gesprächen mit mir.

Meinem älteren Sohn, der bereits in Deutschland in den Kindergarten ging, fiel es anfangs schwer, im englischen Kindergarten zurecht zu kommen oder mit anderen Kindern zu spielen. Inzwischen spricht er beide Sprachen fließend. Kinder erhalten zwar 15 kostenlose Kindergartenstunden pro Woche, sobald sie drei Jahre alt sind. Ganztägige Kinderbetreuung kostet in England aber um die 1.000 Euro im Monat und ist für uns unerschwinglich, daher geht meine Frau nicht arbeiten. Dafür gibt es viele Krabbelgruppen, sodass es ihr leicht fiel, über die Kinder Anschluss zu finden. Nach einem guten Jahr liefen Alltagsgespräche endlich reibungslos, und ich konnte auch präzise Fachgespräche führen. Dieses Erfolgserlebnis und die damit verbundene Selbstsicherheit sind für mich die wichtigsten Aspekte an einem längeren Auslandsaufenthalt. Ich kann nur wärmstens empfehlen, diesen Schritt zu wagen.


Über den Autor
Leonard Frederic Henrichs, Jahrgang 1987, hat in Bonn studiert und dort im Jahr 2012 seine Diplomarbeit in physikalischer Chemie abgeschlossen. Seine Promotion an der Universität Leeds wird er voraussichtlich im Mai 2015 fertig stellen.

Aus Nachrichten aus der Chemie» :: August 2014

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