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Promovieren im Fach Biotechnologie

Von Anke Wilde

Beide promovieren sie in der Krebsforschung - sie darüber, wie bestimmte Wirkstoffe sich per Impfung am besten in ein Tumorgewebe transportieren lassen, er darüber, wie man eben diese Wirkstoffe und ihre biochemischen Reaktionen über ein mathematisches Modell beschreiben kann. Sie wollte schon immer bei einem Pharmariesen unterkommen, er träumt davon, an seiner Heimatuniversität einen Fachbereich für Systembiologie zu gründen. Zwei Wege, in der Biotechnologie eine Promotion abzuschließen.

Promovieren im Fach BiotechnologieXin Lai, Promovend der Biotechnologie an der Uni Rostock, möchte an seiner Heimatuniversität einen Fachbereich für Systembiologie gründen
Xin Lai kann endlich ein wenig durchatmen. Gerade hat der 29-jährige Chinese an der Universität Rostock seine Doktorarbeit abgeschlossen. Es war schon mitten in der Nacht, als er die letzten Korrekturen vorgenommen, das Dokument gespeichert und in den Druck geschickt hatte. Jetzt kommt erst einmal ein Wochenendtrip mit der Ehefrau nach Kopenhagen, dann steht wieder die Forschung auf dem Plan.

Anna Maria Städtler hat das alles noch vor sich. Die 26-Jährige hat vor einem Jahr mit ihrer Promotion bei der Bayer Pharma AG begonnen, die sie im Rahmen eines durch das BMBF geförderten Verbundprojektes absolviert. An die ersten Tage dort kann sie sich noch sehr gut erinnern - sehr straff durchorganisiert seien die gewesen, es sei ihr, der Neuen, sehr leicht gemacht worden, sich in die neue Arbeitsumgebung einzufinden. Dann sei eine längere Lektürephase gekommen, in der sie sich ausschließlich dem aktuellen Forschungsstand in ihrem Thema gewidmet hat.

Forschungsziel: Medikamente gegen den Krebs

Ihr Thema umfasst die Evaluierung von Nanotransportsystemen für sogenannte small interfering RNAs, kurzkettige Ribonukleinsäure-Moleküle, die direkt in die Tumorzellen eingeschleust werden. Dort schalten sie - genregulierenden Prozessen sei Dank - gezielt die Gene ab, die dafür sorgen, dass die Zellen sich ungebremst teilen können und damit bösartige Wucherungen verursachen. Problematisch ist allerdings, diese Moleküle zielgerichtet dorthin zu transportieren, wo sie wirken sollen. An sich sind RNA-Moleküle in der freien Blutbahn nämlich nicht vorgesehen, sie werden abgebaut. Auch das Immunsystem erkennt sie als feindliche Eindringlinge und reagiert darauf. Deshalb braucht es eine Art schützendes Transportsystem, so Anna Maria Städtler. "Das sind in unserem Fall neue sehr verzweigte Moleküle, die die RNA binden und in die betroffenen Zellen einschleusen, wobei das Tumorwachstum zum Stillstand gebracht werden kann."

Zwei Transportsysteme, die vom Verbundpartner, der Arbeitsgruppe Haag der Freien Universität Berlin synthetisiert worden sind, seien mittlerweile erfolgversprechend in vivo, das heißt im Mausorganismus getestet worden. Ein drittes, das in vitro, sprich im Reagenzglas, bereits gut funktioniert, soll nun ebenfalls in vivo untersucht werden. "Das ist alles sehr anwendungsbezogen", sagt Städtler begeistert. "Es geht eben darum, am Ende ein Medikament zu entwickeln, das einem Patienten neue, lebensverlängernde Therapieoptionen eröffnet." Diese Anwendungsbezogenheit beim Promovieren, der Transfer von Wissenschaft in eine medizinische Therapie, sei ihr sehr wichtig, und den finde man eher in einem Unternehmen als an der Universität.

Promovieren im Fach Biotechnologie Anna Maria Städtler promoviert im Rahmen eines BMBF-geförderten Verbundprojektes bei der Bayer Pharma AG

Forschungsziel: Modelle für das Verhalten von Molekülen

Auch Xin Lai befasst sich mit kleinen RNA-Schnipseln, die Tumorzellen von ihrem bösartigen Treiben abbringen sollen. Sein Ansatz ist allerdings ein komplett anderer. In seiner Heimatstadt Chengdu in Zentralchina hatte er Informatik studiert, und in seiner Doktorarbeit ging es darum, ein mathematisches Modell zu schaffen, welches das Wirken der in die Zelle eingeschleusten RNA präzise beschreibt. Zu den Parametern, die in ein solches Modell einfließen, gehört beispielsweise die Reaktionsgeschwindigkeit, eben wie schnell ein Protein verarbeitet oder in ein anderes Molekül umgewandelt wird.

Ist ein solches Modell gut, dann kann man ganz ohne Tests im Reagenzglas oder auch an Mäusen vorhersagen, wie eine Zelle sich unter bestimmten Umständen verhalten wird. "So ein Modell muss dann natürlich auch auf seine Tragfähigkeit überprüft werden", sagt Xin Lai. In seinem Fall übernimmt das eine Arbeitsgruppe aus Leipzig, die in dem Forschungsprojekt mit der Universität Rostock zusammenarbeitet. "Man muss sich das so vorstellen: Aus der Literatur und aus den Experimenten der Kollegen holt man sich alle verfügbaren Daten. Die fügt man in das Modell ein, und dann wird wieder im Experiment untersucht, ob sich die Voraussagen des Modells auch wirklich erfüllen." Wenn nicht, wird das Modell korrigiert.

Promovieren in der Industrie oder in der freien Forschung - ein Gegensatz?

Eine Industriepromotion oder eine Doktorarbeit an der Universität oder einem Forschungsinstitut - beide Varianten haben ihre Verfechter und ihre Gegner. Doktoranden in der akademischen Forschung halten der Industrieforschung fehlende Freiheiten und eine zu große Ausrichtung auf lukrative Projekte vor. Umgekehrt besteht die Kritik, die öffentlich geförderten Forschungsinstitute seien schlechter ausgestattet und achteten zu wenig auf praktische Anwendbarkeit der Forschungsergebnisse.

Anna Maria Städtler findet die Kritik an einer Promotion in einem forschenden Unternehmen unbegründet. Sie erfahre bei Bayer eine sehr gute fachliche Betreuung und werde ermutigt, ihre Forschungsergebnisse auch auf Konferenzen und in Publikationen der wissenschaftlichen Öffentlichkeit zu präsentieren. "Natürlich muss ich vorher absprechen, ob damit patentrelevante Themen angeschnitten werden", räumt sie ein. Aber das sei an den Universitäten nicht anders - wer sich an seinen neu entwickelten Technologien ein Patent sichern wolle, spreche vorher auch nicht öffentlich darüber.

Auch Xin Lai ist mit den Rahmenbedingungen seiner Promotion zufrieden. Er konnte an vielen Konferenzen teilnehmen und musste seine Arbeit nicht durch endlose Verwaltungsakte unterbrechen, sagt er. Und auch wenn seine Arbeit zunächst die Grundlagenforschung voranbringe, so sei der Anwendungsbezug ja dennoch gegeben. "Schließlich können solche Modelle helfen, Therapien gegen bislang unheilbare Krankheiten zu entwickeln", gibt er zu bedenken.

Die fachliche Expertise gibt den Ausschlag

Und was sagen die Personaler? Claudia Israel ist Recruiting Managerin bei der Firma Qiagen im nordrhein-westfälischen Hilden. Deutschlandweit sind in dem Biotechnologie-Unternehmen etwa 1.400 Mitarbeiter angestellt, weltweit sind es 4.000. Von den promovierten Bewerbern in ihrer Firma haben die meisten den Doktortitel an der Universität erworben, sagt sie. Inzwischen aber beobachtet sie, dass die Industriepromotion allmählich an Bedeutung gewinnt. "Das liegt einfach daran, dass die Unternehmen gut qualifizierten Nachwuchs möglichst frühzeitig entdecken und an sich binden wollen", meint sie. Aus ihrer Sicht ist es jedoch nicht so wichtig, ob der Titel an einer renommierten Universität oder bei einem führenden Unternehmen erworben wurde - das Worüber, die erworbenen Kompetenzen und fachlichen Methoden wögen deutlich schwerer. Studienabsolventen rät sie deshalb, sich genau zu überlegen, was ihr Karriereziel ist, und entsprechend den Weg dahin zu wählen.

Anna Maria Städtler hatte schon lange mit einer Karriere bei dem international operierenden Pharmaunternehmen geliebäugelt, und darum hatte sie sich auch vor über einem Jahr bei Bayer beworben. Xin Lai dagegen will im akademischen Sektor forschen und am liebsten in seiner Heimatstadt Chengdu an der Universität ein eigenes Forschungslabor gründen oder eine Abteilung für Systembiologie. Gemessen an den Zielen, die sie erreichen wollen, haben wohl beide die richtige Sprosse auf ihrer persönlichen Karriereleiter erklommen.

academics :: Oktober 2012

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