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Prüfen statt basteln

VON MARTIN SPIEWAK

An Bildung soll nicht gespart werden? Falsch! Man muss nur wissen, wo. Ein Standpunkt zum Bildungsgipfel.

Prüfen statt basteln© Joshua Hodge Photography - iStockphoto.comJeder in die Frühförderung investierte Euro rentiert sich bis zu sieben Mal
Es gibt nur eines, was auf die Dauer teurer ist als Bildung: keine Bildung. Das sagte John F. Kennedy. Am Wochenende schien es, als säße der amerikanische Präsident dabei, als die Bundesregierung zur Sparklausur zusammenkam. Viele Minister müssen zur Haushaltssanierung etwas abgeben, nur eine Ressortchefin darf sogar mehr ausgeben: Annette Schavan. Sie plant, in den nächsten vier Jahren zwölf Milliarden Euro zusätzlich in Forschung und Bildung zu investieren. An diesem Donnerstag wollen Bund und Länder beim Bildungsgipfel zudem bestätigen, dass Deutschland im Jahr 2015 zehn Prozent seiner Wirtschaftsleistung für diesen Zweck aufwendet. Gelingt dies, steht Kitas, Schulen, Universitäten und Forschungseinrichtungen so viel Geld zur Verfügung wie niemals zuvor. Was aber machen mit den Mitteln - und was besser nicht?

Die Frage ist nicht trivial. Bildung bringt Wohlstand. Das haben hier mittlerweile alle verstanden. Weil wir kaum Rohstoffe besitzen und hohe Löhne beziehen, während die Bevölkerung schrumpft, benötigen wir hochspezialisierte Arbeitskräfte, kreative Forscher und technologische Innovationen. Umgekehrt gilt die Gleichung jedoch keineswegs: Mehr Geld bringt nicht unbedingt mehr Bildung. Das haben leider noch nicht alle begriffen. Der Trichter ist in der Bildungspolitik kein geeignetes Instrument. So wie ein Schüler nicht automatisch etwas lernt, wenn man oben viel Wissen hineinschüttet, so mehrt nicht automatisch die Bildungserträge eines Landes, wer möglichst große Summen in Schulen und Universitäten steckt. Das zeigten etwa die internationalen Pisa-Vergleiche.

Die ostasiatischen Staaten liegen mit ihren Leistungen stets an der Spitze, mit ihren Ausgaben jedoch eher im Mittelfeld. Die USA lassen sich die Bildung relativ viel kosten, ihre Schüler schneiden nur mittelmäßig ab. »Man kann viel Geld ausgeben«, resümiert der Münchner Volkswirtschaftler Ludger Wößman, »ohne dass sich an den Bildungsergebnissen - und nur darauf kommt es an - etwas verbessert.« Zum Beispiel, indem man in kleinere Klassen investiert. Politiker versprechen das bei jeder Wahl, zuletzt Jürgen Rüttgers in Nordrhein-Westfalen. Die Argumente für eine Verringerung der Schülerzahl im Klassenraum scheinen schwer zu widerlegen. Der Lehrer hat die Möglichkeit, sich stärker um jeden Einzelnen zu kümmern. Schüler kommen häufiger dran, schüchterne Kinder wagen es eher, sich zu melden. Lärm und Unruhe stören weniger den Unterricht als im Massenbetrieb. Da müssen die Schüler doch einfach mehr lernen. Denkt man - und irrt, wie unzählige wissenschaftliche Studien zeigen, zuletzt die Grundschuluntersuchung Iglu.

Denn nur weil ihnen weniger Köpfe gegenübersitzen, wechseln Lehrer nicht ihren Unterrichtsstil. Viele beschallen ihre Schüler weiterhin frontal, weil sie es kaum gelernt haben, sie nach Leistung und Interesse individuell zu fördern. Daran ändert sich wenig, wenn die Klassenstärke in allen Schulen, sagen wir, von 30 auf 25 Schüler sinkt. Selbst mit besser ausgebildeten Lehrern würden sich die Lernergebnisse nur verbessern, wenn man die Schülerzahl viel radikaler verkleinerte. Die Kosten schon einer minimalen Klassenschrumpfung jedoch wären immens. Zehntausende neuer Lehrer müssten eingestellt werden, was jedes Jahr zusätzliche Milliarden kosten würde. Um die Nerven von Lehrern zu schonen, kann eine geringere Klassenfrequenz nützlich sein. Um die Leistungen der Schüler zu heben, sollten Bildungspolitiker das Geld besser woanders einsetzen.


Mehr Bafög wäre sinnvoller als Stipendien für Begüterte

Fehlinvestition Nummer zwei: Die kostenlose Kitabetreuung, wie sie immer mehr Bundesländer in Aussicht stellen. Die Gebührenfreiheit ist extrem teuer, erhöht weder die Chancengerechtigkeit, noch hebt sie das Bildungsniveau. Sie ist vielmehr vor allem eines: ein Geschenk an den Mittelstand. Mehrere Tausend Euro pro Jahr sparen Professoren, Ärzte und Journalisten, wenn sie für ihr Kind in der Kita nicht mehr bezahlen müssen.

Zwar gilt die Gebührenpflicht auch für Bedürftige. Manche Eltern lassen ihr Kind zu Hause, weil sie selbst den Mindestbeitrag nicht bezahlen können. Sehr viele sind das jedoch nicht. Als Berlin das letzte Kitajahr beitragsfrei stellte, lockte das nur 500 Kinder zusätzlich in die Einrichtungen - die Stadt kostete das zwölf Millionen Euro. In Rheinland-Pfalz ließ das Gratisjahr die Betreuungsquote von 93 auf 99 Prozent ansteigen. Einen ähnlichen Effekt hätte man jedoch auch dann gehabt, würde der Gebührenerlass nur für Kinder aus einkommensschwachen Familien gelten - und es wäre sehr viel billiger gekommen.

Das frühe Lernen in der Kita nutzt nämlich vor allem Kindern aus bildungsfernen Familien. Für sie rentiert sich jeder investierte Euro bis zu siebenmal, wie der amerikanische Ökonom und Nobelpreisträger James Heckman in Langzeitstudien errechnet hat. Für sie kann eine gute Kita sogar eine schicksalskorrigierende Wirkung haben. Denn wer gut gebildet ist, wird seltener arbeitslos, lebt zufriedener und gesünder, landet weniger häufig im Gefängnis - und kostet damit die Gemeinschaft weniger Geld. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung bestätigt die Ergebnisse für Deutschland: So schaffen Kinder, die eine Krippe besucht haben, eher das Abitur als solche, die zu Hause bleiben - wenn sie aus einer benachteiligten Familie stammen. Ein Lerneffekt auf Kinder der Mitteloder Oberschicht ist dagegen nicht nachgewiesen. Deshalb sollten deren begüterte Eltern weiterhin einen Anteil der Kitakosten tragen, anstatt allein die öffentliche Hand zur Kasse zu bitten.

Das staatliche Geld lässt sich effektiver für andere Ziele einsetzen: für eine bessere Ausbildung von Erziehern und Lehrern, für Sprachunterricht von Migrantenkindern, für eine intensive Elternarbeit in sozial schwierigen Familien und damit für die Förderung der Schüler am unteren Ende des Leistungsspektrums. Denn hier zeigt sich am deutlichsten das Versagen des deutschen Bildungssystems. Gut zwanzig Prozent der 15-Jährigen lesen und rechnen nur auf Grundschulniveau. Wenn sie die Schule verlassen, haben sie keine Chance auf einen Ausbildungsplatz. Für die Jugendlichen ist das eine Katastrophe, für die Sozialkassen eine Belastung, für die Volkswirtschaft eine Gefahr. Schon jetzt finden viele Unternehmen keine geeigneten Auszubildenden, mangelt es der Industrie an Fachkräften. Währenddessen drehen Hunderttausende Jugendliche in Warteschleifen aus Förderkursen und Nachqualifizierungen ihre Runden, weil sie als nicht ausbildungsfähig gelten. Fast drei Milliarden Euro kostet dieses sogenannte Übergangssystem pro Jahr. Hier ließe sich viel Geld sparen, wenn man früher eingriffe.

Die Parole »Bei der Bildung darf man nicht sparen« ist deshalb falsch. Kürzungen sind sogar geboten, wenn sich das Geld anderweitig sinnvoller anlegen lässt. Gehaltserhöhungen bei Lehrern, die allein die Länge der Amtszeit belohnen, spornen keinen Pädagogen an, besser zu arbeiten. Das von der Bundesregierung geplante Stipendienprogramm soll besonders begabten Studenten zugutekommen. Dabei stammen diese ohnehin meist aus begüterten Familien und benötigen die Beihilfen gar nicht. Eine stärkere Erhöhung des Bafögs wäre sinnvoller. Und wer die Studiengebühren abschaffen und die Ausfallsummen ganz dem Staat aufbürden will, hat nicht verstanden, dass ein Studium auch eine private Investition ist. An seinen Kosten sollte sich jeder Akademiker beteiligen, der es finanziell vermag, ob während oder nach dem Studium. Die abschreckende Wirkung des Bezahlstudiums ist nach bisherigen Erkenntnissen gering.


Niemand überprüft, ob Schüler in 12 Jahren so viel lernen wie in 13

Gerade in Zeiten knapper Kassen müssen Kultusminister, die nach mehr Geld verlangen, beweisen, dass die Steuermittel auch ihr Ziel erreichen. Diesen Beleg jedoch bleiben sie in vielen Fällen schuldig. Nur selten lassen Bildungspolitiker systematisch auswerten, wie ihre Weisungen in den Schulen und Hochschulen wirken. Dem Furor, mit dem sie die Einrichtungen verändern, steht ein krasses Desinteresse an den Resultaten ihrer Reformen gegenüber. »Wir probieren viel aus, aber die Effekte und Wirkmechanismen kennen wir meist nicht«, kritisiert Petra Stanat, die neue Leiterin des Instituts für Qualitätssicherung im Bildungswesen. Häufig werde sie gefragt, was diese oder jene Neuerung denn bringe: »Die ehrliche Antwort muss oft lauten: Wir wissen es nicht.« So möchte man beispielsweise gern erfahren, ob unter der Verkürzung der Schulzeit von 12 auf 13 Jahre das Lernniveau gelitten hat oder ob es gleich geblieben ist. Man wird es wohl nicht erfahren. Eine Auswertung des pädagogischen Großversuches war niemals geplant. Das Gleiche gilt für die Bologna-Reform, die Umstellung der Studiengänge auf Bachelor und Master. Eine Einrichtung, welche die größte Neuordnung des Studiums seit Wilhelm von Humboldt wissenschaftlich wie administrativ begleitet und auswertet, meinten sich die Kultusminister sparen zu können.

Damit haben sie nicht nur dazu beigetragen, die Reform zu diskreditieren. Zugleich kostete die stümperhafte Bologna-Bastelei die Professoren unzählige Arbeitsstunden, die sich, umgerechnet in Euro, auf viele Millionen und Abermillionen summieren. Zum Vergleich: Als die Bundesregierung die Hartz-Reformen auf den Weg brachte, wurde das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung beauftragt, die Wirkungen des neuen Gesetzes zu bewerten. Mehr als 20 Forschungsprojekte lieferten Ergebnisse, auf deren Grundlage die Sozialpolitik zumindest punktuell nachsteuerte. Die Bildungspolitik leidet dagegen noch immer unter ansteckender Experimentitis: Man probiert mal hier und mal da etwas aus, geht in dem einen Bundesland diesen Weg und in dem Nachbarland jenen. Welche Spur am Ende zum Ziel führt, bleibt offen, weil niemand die Ergebnisse prüft.

Selbst die Sprachförderung leidet darunter, dass bislang niemand die Effekte der verschiedenen Bemühungen, Migrantenkindern besseres Deutsch beizubringen, wissenschaftlich valide miteinander verglichen hat. Was bringt am meisten? Stützkurse neben dem Unterricht, Lesestunden am Nachmittag, das Eintauchen ins »Sprachbad« in der Kita? Auch hier ist zu befürchten, dass viele Millionen Euro im System versickern, etwa weil Lehrer, die eigentlich Einwandererkinder unterrichten sollen, bevorzugt für Vertretungsstunden herangezogen werden.

Als Roland Koch verlangte, man dürfe Kitas, Schulen und Universitäten beim Sparen nicht ausnehmen, schlug ihm Widerspruch entgegen. Das muss nicht so bleiben. Noch besitzt die Bildungspolitik einen Popularitätsbonus, der nicht verspielt werden sollte. Denn schädlicher als fehlende sind falsche Bildungsinvestitionen. Die zukünftigen Generationen müssten für sie doppelt bezahlen: als Leidtragende einer schlechten Reform und als Steuerzahler, die für Milliarden an Staatsschulden geradestehen müssen.

Aus DIE ZEIT :: 10.06.2010

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