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Prüfung am Beginn des Lebens

VON MARTIN SPIEWAK

Bundesrichter erlauben Gentests für Retorten-Embryonen. Die künstliche Befruchtung braucht neue Regeln.

Prüfung am Beginn des Lebens© osman safi - iStockphoto.comUmstritten: Gentests an Embryonen
Wer auf natürliche Weise kein Kind zeugen kann, sucht oft erst spät Hilfe beim Fertilitätsmediziner - und verschweigt dies. Denn künstliche Befruchtung ist mit Scham besetzt. Auch in der Politik gilt: Nur nicht an das heikle Thema rühren! Das deutsche Embryonenschutzgesetz, eines der strengsten der Welt, stammt von 1990, quasi aus dem Mittelalter der Reproduktionsmedizin. Schon damals blieb aus politischer Uneinigkeit Wichtiges ungeregelt. Seitdem hat sich die Medizin rasch entwickelt. Heute stehen neue Techniken bereit, um unfreiwillig Kinderlosen zu helfen oder um schwerwiegende Erbkrankheiten im Vorfeld festzustellen.

Zwar haben Betroffenenverbände und Ethiker, Juristen und Mediziner die alten Regelungen immer wieder als »widersprüchlich«, »patientenfeindlich« und »völlig veraltet« kritisiert. Doch alle Versuche, ein Fortpflanzungsmedizingesetz auf Höhe der modernen Heilkunst zu erlassen, sind bislang im Sande verlaufen - letztlich aus politischer Scheu. Seit zwei Jahrzehnten. Nun könnte ein Gerichtsurteil die Politik zwingen, sich der Thematik grundsätzlich zu widmen. Am Dienstag sprach der Bundesgerichtshof in Leipzig einen Arzt frei - und widersprach damit diametral der vorherrschenden Rechtsauslegung, wonach die Untersuchung auf Erbschäden bei künstlich befruchteten Keimlingen gegen das deutsche Embryonenschutzgesetz verstoße. Zwar liegt die ausführliche schriftliche Begründung des BGH noch nicht vor. Doch schon jetzt ist klar: Die Entscheidung ist ein Paukenschlag in einer der langwierigsten Ethikdebatten der Bundesrepublik. Ein heute 47-jähriger Berliner Gynäkologe hatte Präzedenzfälle geschaffen und bei drei erblich vorbelasteten Paaren Gentests an Embryonen vorgenommen. Anschließend pflanzte er den Frauen nur jene Embryonen ein, die keinen Erbdefekt aufwiesen.

Ein solcher Gencheck (Präimplantationsdiagnostik, kurz PID) war nach Auffassung der meisten Juristen und Ärzte in Deutschland verboten. Zwar wird die PID im Embryonenschutzgesetz gar nicht erwähnt, denn es datiert aus einer Zeit, als die Technik noch kaum bekannt war. Generell verbietet das Gesetz aber alles, was bei einem in vitro erzeugten Embryo auf einen »nicht seiner Erhaltung dienenden Zweck« abzielt. Das ist ebenso abstrakt wie interpretationsbedürftig. Die Richter im Fünften Senat des obersten deutschen Strafgerichts haben entschieden, dass die Embryonenauswahl durchaus erlaubt ist. Seit Jahren hatten liberale Experten dies propagiert, solange die Ärzte sich an gewisse Regeln halten. Die wichtigste Voraussetzung: Man darf für die Chromosomenanalyse keine »totipotenten Zellen« benutzen, die selbst noch die Fähigkeit haben, zu einem Menschen zu werden. Vielmehr gilt es - wie der beschuldigte Berliner Arzt es getan hatte -, einige Tage zu warten, bis der Embryo aus »pluripotenten Zellen« besteht. Aus einer von ihnen können sich zwar noch verschiedene Gewebe und Organe entwickeln, jedoch kann kein vollständiger Embryo mehr entstehen. Deshalb dürfe man hier straffrei eine Zelle abtrennen und auf Unregelmäßigkeiten untersuchen. Stelle sich dann heraus, dass der Embryo belastet ist, könne keine Frau gezwungen werden, ihn auszutragen.

Diese Ansicht vertrat unter anderem Monika Frommel, Direktorin des Instituts für Sanktionsrecht und Kriminologie an der Universität Kiel, die den Angeklagten beraten hatte. Eine solche großzügige Auslegung wird durch das neue BGH-Urteil gedeckt. Zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen hat der BGH damit die Autonomie von Patienten gestärkt. Erst Ende Juni hatte er verfügt, es sei nicht nur rechtens, sondern sogar geboten, eine laufende medizinische Behandlung abzubrechen, sobald diese gegen den Willen des Betroffenen verstößt. Diesem Grundsatzurteil zum Lebensende schließt sich nun eine fundamentale Entscheidung zum Lebensbeginn an. Denn die Konsequenz aus dem Richterspruch kann nur sein: Der Schutz für einen Embryo ist - anders, als viele glaubten - keinesfalls absolut. Vielmehr muss auch er abgewogen werden gegenüber den Interessen, ja Rechten der betroffenen Paare.

Gleichzeitig zeigt der Fall einen eklatanten Widerspruch der biorechtlichen Praxis auf - und das macht ihn politisch so heikel. Denn die Problematik ist verschränkt mit der sehr emotional geführten Abtreibungsdebatte. Während nämlich die mikroskopisch kleine Zellmenge der Blastozyste im Labor unantastbar war, darf ein Fötus im Mutterleib bis zur zwölften Woche straffrei abgetrieben werden - in besonderen Notlagen, wie etwa bei schwersten Behinderungen, gar bis kurz vor der Geburt. Und vor der Einnistung in die Gebärmutter ist herkömmlich gezeugtes Leben sogar völlig schutzlos, lässt es sich doch mit der »Pille danach« beenden.


Schon das Berliner Landgericht, dessen Urteil vom Mai 2009 nun im Prinzip bestätigt wurde, hatte gefragt: Warum ist eine »Schwangerschaft auf Probe« im Mutterleib erlaubt, aber eine Befruchtung auf Probe im Labor verboten? Dabei belastet eine Abtreibung die Patientinnen viel stärker als die Vorauswahl der Embryonen im Labor. Mit ihrem Urteil haben die Leipziger Richter nun de facto eine Gleichbehandlung zwischen genetischer Untersuchung im Mutterleib (Pränataldiagnostik, PND) und der PID bei Embryonen hergestellt. Augenscheinlich haben sich die Richter nur wenig von Warnungen beeindrucken lassen, die PID leiste der Diskriminierung Behinderter Vorschub oder begünstige gar die Selektion von Menschen nach bestimmten Eigenschaften. Die bisherige Entwicklung im Ausland bietet dafür auch kaum Anlass. Nach Untersuchungen der Europäischen Gesellschaft für menschliche Reproduktion und Embryologie wird per Gencheck in der Mehrzahl nach einigen wenigen chromosomalen Störungen oder genetischen Krankheiten gefahndet: etwa Mukoviszidose, schweren Stoffwechseldefekten, Muskel- oder Bluterkrankungen. Viel mehr als hundert PID-Fälle jährlich gibt es weder in England noch in Frankreich oder Belgien. Als die Technik neu war, hatten Ethiker noch vor einem Dammbruch gewarnt. Er blieb bislang aus, wohl auch weil die PID teuer, langwierig und komplex ist. Jede Frau, die sie in Anspruch nimmt, muss sich zuvor der Eizellentnahme für eine künstliche Befruchtung unterziehen, die körperlich und seelisch äußerst belastend sein kann. Sogar viele Paare, die eine Erbkrankheit tragen, schrecken davor zurück.

»Die PID hat die Medizin oder gar die Gesellschaft viel weniger beeinflusst, als die lange Zeit emotional geführte Debatte vermuten ließ«, fasst Irmgard Nippert vom Institut für Humangenetik der Universität Münster die Erfahrung aus rund 20 Jahren zusammen. Dennoch wäre es falsch, von dem einen Extrem, dem totalen Verbot, nun ins andere Extrem zu verfallen - die völlige Liberalisierung der PID. Für ausreichende Rechtssicherheit, wie am Dienstag vorschnell vermeldet wurde, hat das Urteil keinesfalls gesorgt. So sprechen die Richter von »schwerwiegenden genetischen Schäden«, die mit dem Embryonentest ausgeschlossen werden dürften. Aber welche Krankheiten betrifft das: solche, die schon im Mutterleib oder kurz nach der Geburt den Tod nach sich ziehen? Oder auch Genveränderungen, die nur ein späteres Risiko (etwa für Brustkrebs) mit sich bringen?

In jedem Fall dürfte es weiterhin verboten bleiben, dass Eltern eines schwer kranken Kindes mithilfe der PID ein weiteres Kind zeugen - als Knochenmark- oder Stammzellspender. In Spanien oder Großbritannien ist das erlaubt. Jeden Einzelfall von vornherein festzulegen ergibt allerdings wenig Sinn. Wahrscheinlich wäre es angebrachter, über PID-Anträge individuell zu entscheiden. Den Ärztekammern könnten dabei Kommissionen helfen, zum Beispiel aus Medizinern, Patienten und unparteiischen Experten. Auch sollte gewährleistet sein, dass Paare, die eine PID wünschen, eine fachkundige Beratung erhalten, die nicht der behandelnde Fertilitätsmediziner erteilen darf. All dies kann nur ein neues Fortpflanzungsmedizingesetz regeln. Gleichzeitig müsste es die Zulässigkeit weiterer biomedizinischer Verfahren klären. Zwei Beispiele:
  • So erwähnt das alte Embryonenschutzgesetz die Samenspende mit keinem Wort. Zwar haben auf diesem Weg gezeugte Kinder einen Anspruch darauf, ihre genetische Herkunft zu erfahren. Wie sie diesen einlösen, ist aber ungeregelt. Denn die Spender beharren auf Anonymität, um Unterhalts- und Erbansprüche zu vermeiden.
  • Die Eizellspende ist bislang nicht erlaubt. Dass die genetische Mutter wichtiger sei als der genetische Vater, gilt aber als überholt. So hat im April der Europäische Gerichtshof das Verbot der Eizellspende als diskriminierend bezeichnet. Geklagt hatte ein Paar aus Österreich, aber die Gesetzeslage in Deutschland ist identisch. Würde die Politik die Spende erlauben, könnte sie für sinnvolle Rahmenbedingungen sorgen, nämlich für eine hochwertige Betreuung der beteiligten Frauen. Diese ist im Ausland nicht immer garantiert.
Das BGH-Urteil bietet insofern eine große Chance, die Reproduktionsmedizin in Deutschland neu zu ordnen. Die ethischen Debatten um ein neues Fortpflanzungsmedizingesetz werden allerdings schwierig und langwierig sein. Doch diese Kontroverse darf sich die Republik nicht ersparen, sonst dauern in vielen Fällen Unsicherheit und Diskriminierung weiter an. Das ist in einer so zentralen Angelegenheit wie dem Beginn des Lebens inakzeptabel.

Aus DIE ZEIT :: 08.07.2010

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