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Qualifiziert für Wirtschaft und Wissenschaft - Fragen zur Promotion in den Ingenieurwissenschaften

von MICHAEL HOFFMANN

Eine der Besonderheiten einer ingenieurwissenschaftlichen Promotion ist die enge Verzahnung zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Davon können sowohl die Promovierenden als auch die kooperierenden Unternehmen profitieren. Ein Interview über den Weg zum Doktor-Ingenieur.

Qualifiziert für Wirtschaft und Wissenschaft© Michael HoffmannProfessor Michael Hoffmann lehrt am Institut für Mikrowellentechnik der Universität Ulm und ist Leiter der 4ING-Arbeitsgemeinschaften "Promotion" und "Qualifikationsrahmen"

Forschung & Lehre:

Bei der Promotion bestehen deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen. Welche Spezifika kennzeichnen die Ingenieurpromotion?

Michael Hoffmann:

Ingenieurpromotionen unterscheiden sich tatsächlich deutlich von Promotionen anderer Disziplinen. Dies wird daran sichtbar, dass sich die Mehrheit aller Doktor-Ingenieure im Gegensatz zu Promovierten vieler anderer Disziplinen nicht für die wissenschaftliche Karriere entscheidet, sondern direkt oder relativ kurz nach der Promotion die Universität verlässt, um in der freien Wirtschaft zu arbeiten. Darin unterscheidet sich übrigens die Ingenieurpromotion des deutschsprachigen Raumes auch von der in fast allen anderen Ländern. Auch die überwiegende Zahl der Berufungen auf Ingenieurprofessuren geht an in der Industrie arbeitende Doktor-Ingenieure, nachdem sie in mehrjähriger Praxis habilitationsäquivalente Leistungen erbracht haben.

Doktor-Ingenieure erwerben während der Promotionsphase besondere Fertigkeiten und Kompetenzen, welche weit über eine "simple" Vertiefung von Fachkenntnissen hinaus gehen. Dies wird so auch von wichtigen Wirtschaftsverbänden, etwa dem Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), gesehen. Dass dies möglich ist, liegt ganz wesentlich daran, dass in den Ingenieurwissenschaften die Promotionsphase ein erster Schritt in der Entwicklung einer beruflichen Karriere ist: Das eigentliche wissenschaftliche Studium ist mit dem Erwerb des Mastergrades oder einer dazu äquivalenten Qualifikation abgeschlossen.

F&L:

Welches Anforderungsprofil hat die Ingenieurpromotion?

Michael Hoffmann:

Promovierte Ingenieure müssen laut 4ING in der Lage sein,
- selbstständig neue Wissensquellen ihrer Fachgebiete verfügbar zu machen,
- dieses Wissen selbstständig durch Anwendung wissenschaftlicher Methoden (in Forschung und Entwicklung) weiter zu entwickeln,
- es in geeigneter Form an andere weiter zu geben,
- weniger Qualifizierte anzuleiten und im Team zu führen,
- und finanzielle und ideelle Mittel zur Unterstützung der eigenen technischen oder wissenschaftlichen Vorhaben zu akquirieren.

Dies wird dadurch erreicht, dass Ingenieur-Doktoranden in der Regel ein Forschungs- oder Grundlagenentwicklungsprojekt eigenverantwortlich durchführen. Sie leiten kleine Teams von Mitarbeitern und erwerben dabei personale und soziale Kompetenzen durch Personalführung, Projektmanagement, Problemanalyse und kreative Lösungsstrategien, welche sie für Führungspositionen qualifizieren. Gleichzeitig wird neues Wissen geschaffen und die Fähigkeit erworben, dieses an andere zu vermitteln. Dabei ergeben sich meist neue Fragestellungen, die Ideen zu neuen Projekten liefern, welche dann vom Doktoranden zur Akquisition der Finanzierung dieser Projekte genutzt werden.

Doktor-Ingenieure haben somit in der Regel genau die Kompetenzen, welche für die Leitung erfolgreicher Labore oder kleiner Abteilungen in der Industrie gefordert werden.

F&L:

Die Ingenieurpromotion findet häufig in Zusammenarbeit mit Industriepartnern statt. Welche Bedeutung kommt ihr für den Wissens- und Technologietransfer zwischen Wissenschaft und Wirtschaft zu?

Michael Hoffmann:

Das Spektrum der Dissertationsthemen für Doktor-Ingenieure reicht von Themen reiner Forschung bis hin zu Themen brandaktueller Herausforderungen der Industrie, welche nur mittels neu zu entwickelnder Methoden gemeistert werden können. Kern der Promotionsarbeit ist in jedem Fall die eigene, selbstständige und originäre Forschungsleistung, die wesentlich zum Erkenntnisfortschritt beiträgt.

Der Transfer dieses Fortschritts ist eine der herausragenden Aufgaben der Doktoranden. Besonders gut funktioniert dies natürlich bei Kooperationen mit industriellen Partnern. Firmen können dabei das Risiko von Vorentwicklungsaufgaben mit nicht abschätzbaren Ergebnissen oder von solchen Aufgaben, die nicht unmittelbar zu produktreifen Ergebnissen führen, sondern "nur" dem Erwerb von Wissen und der Erarbeitung der Grundlagen neuer Technologien dienen, nach außen verlagern. Dabei finanzieren sie durch eine oder mehrere Personalstellen die erste berufliche Phase der zukünftigen Doktor-Ingenieure und stellen diesen Geräte und Arbeitsplätze zur Verfügung, welche so an Forschungsinstituten oft nicht oder nicht in dem gewünschten Umfang zu haben wären.

So entsteht eine doppelte Gewinnsituation: Firmen minimieren ihr finanzielles Risiko und Doktoranden erhalten Arbeitsmöglichkeiten, welche ihnen sonst verschlossen bleiben würden. Es ist nicht zuletzt diese fruchtbare Kooperation und der damit verbundene Wissens- und Technologietransfer zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, die der deutschen Industrie zu vielen Erfolgen verhelfen.

F&L:

Welche Rolle spielen Graduiertenkollegs und Graduiertenschulen?

Michael Hoffmann:

Einrichtungen, welche graduierte Ingenieure zur Promotion führen sollen, gibt es in Europa und anderen Kontinenten in vielfältigen Formaten und Qualitäten.

Um den Qualitätsbegriff zu präzisieren, hat 4ING "Grundsätze zur Promotion in Ingenieurwissenschaften und Informatik an deutschen Universitäten" formuliert. Darin sind wesentliche Prinzipien aufgeführt, die sicherstellen sollen, dass promovierte Ingenieure und Informatiker tatsächlich auch dem hohen Standard entsprechen, den Wirtschaft und Wissenschaft zu Recht erwarten. Einrichtungen an Universitäten, die alleine das Promotionsrecht haben und sich diese Grundsätze zu eigen machen, können hilfreich bei der Strukturierung der Promotionsphase sein. Zielgerecht vorbereitete Graduiertenkollegs können daher eine sehr sinnvolle Ergänzung sein, da mit ihnen eine höhere Planungssicherheit für Angebote der beruflichen Fortbildung an Doktoranden erreicht wird.

F&L:

Wie wird in den Ingenieurwissenschaften die kumulative Promotion bewertet?

Michael Hoffmann:

Bei der Promotion mit kumulativer Dissertation reicht der Doktorand eine wissenschaftlich kommentierende, zusammenfassende Schrift eigener, in wissenschaftlichen Journalen veröffentlichter, fachlich zusammenhängender Publikationen als Dissertationsschrift ein. Im Gegensatz dazu steht die Promotion mit einer Monografie als Dissertation, in der alle vom Doktoranden als relevant angesehenen Fakten und Auswertungen in einer Gesamtdarstellung seiner Forschungsarbeit zusammengefasst und kritisch gewürdigt werden.

Als Vorteil wird von den Befürwortern der kumulativen Dissertation angeführt, dass nicht nur die Gutachter der Schrift die Ergebnisse sehen, sondern auch die Gutachter und Leser der wissenschaftlichen Journale, in denen die Doktoranden während der Promotionsphase publizieren. In den Ingenieurwissenschaften ist es allerdings schon lange üblich, dass die wesentlichen, in der Dissertation dargestellten Resultate in wissenschaftlichen Journalen eingereicht werden, in den letzten Jahren mehr und mehr bereits während der Promotionsphase, um technische Prioritäten sicherzustellen, und auch um die Qualität des eigenen Forschungsinstituts sichtbar zu machen.

Im Gegensatz zur kumulativen Dissertation wird in der monografischen Dissertation ein kompletter, wissenschaftlich bis ins Detail genauer Bericht des eigenen Forschungsprojekts gegeben, dessen Wert für Nutzer des Wissens erheblich höher ist als der stark verkürzter Journalpublikationen. Hinzu kommt, dass die Beurteilung der geistigen Urheberschaft des erarbeiteten Wissens auf Basis von kumulierten Publikationen schwierig ist, weil hier fest gestellt werden muss, welche Anteile dem Promovenden zuzurechnen sind.

Aus diesen Gründen wird in den Ingenieurwissenschaften an Universitäten des deutschsprachigen Raums die monografische Dissertation bevorzugt. Dennoch wird auch an diesen Universitäten die kumulative Dissertation nicht kategorisch ausgeschlossen, solange sie nur die folgenden Kriterien erfüllt:
- Sie basiert auf einem ausgewiesenen Forschungsprojekt;
- Sie trägt signifikant zur Generierung neuen Wissens bei;
- Sie umfasst eine auf wissenschaftlichen Forschungsergebnissen beruhende fundierte Dissertationsschrift;
- Sie muss veröffentlicht werden;
- Sie basiert nicht lediglich auf Standardwissen.

F&L:

Welche Bedeutung kommt der kooperativen Promotion in den Ingenieurwissenschaften zu?

Michael Hoffmann:

Diese ist nicht mit der kumulativen Promotion zu verwechseln. Bei der kooperativen Promotion handelt es sich um ein Promotionsverfahren, bei dem Doktoranden ein Forschungsprojekt bearbeiten, das in Kooperation zwischen Universität und (Fach-)Hochschule, meist in Zusammenarbeit mit der Privatwirtschaft entstanden ist. Durch die Kooperation werden Wissenschaftlichkeit und Praxisbezug in besonderer Weise garantiert.

Da kooperative Promotionsprojekte in der Regel auf der Initiative von (Fach-)Hochschulprofessoren beruhen, sind es auch in der Regel Graduierte dieser Hochschulen, welche als Doktoranden in kooperativen Promotionen agieren und oftmals zu den Besten ihrer Abschlussjahrgänge gehören. Probleme ergeben sich hin und wieder, wenn die im Vergleich zu den Universitäten zwar gleichwertige, aber nicht gleichartige Form der Wissensvermittlung an Hochschulen und damit die Kompetenzprofile der Doktoranden noch nicht optimal auf die wissenschaftliche Arbeit während der Promotionsphase abgestimmt sind. Damit die Promotionsphase dennoch zum Erfolg führt, sprechen Promotionsausschüsse in solchen Fällen Auflagen aus, die sicher stellen sollen, dass die Kompetenzprofile angeglichen werden können.

F&L:

Auf europäischer Ebene wird darüber diskutiert, die Ingenieurpromotion in ein akademisches und ein industriegetriebenes Promotionsformat aufzuspalten. Wäre diese Zweiteilung sinnvoll?

Michael Hoffmann:

Im Gegensatz zum europäischen Ausland gibt es im deutschsprachigen Raum eine enge Kooperation zwischen Wirtschaft und Wissenschaft im Bereich der Ingenieurwissenschaften. Während die von deutschsprachigen Universitäten promovierten Ingenieure seitens der Wirtschaft hohe Anerkennung genießen und dort auch in der Regel ihre erste Anstellung nach der Promotionsphase finden, werden Doktor-Ingenieure des weiteren europäischen Raumes als im Wesentlichen für wissenschaftliche Institutionen ausgebildet angesehen.

Die von deutschsprachigen Unis promovierten Ingenieure entsprechen damit von ihrem Profil her in hohem Maße den Anforderungen der Wirtschaft, was über promovierte Ingenieure konkurrierender Promotionsformate so nicht gesagt werden kann. Aus fachlichen Gründen ist daher ein Splitting der Formate an deutschsprachigen Universitäten nicht begründbar.

In der Wirtschaft und dem öffentlichen Leben ist der Doktortitel oft aus anderen Gründen, wie beispielsweise der Reputation ihrer Träger, von Bedeutung. Beispiele sind die Gepflogenheiten in der chemischen Industrie und der Medizin. Wer in der Industrie aus Reputationsgründen einen Titel benötigt, aber nicht die hohen Ansprüche an eine Ingenieurpromotion erfüllt, sollte sich um einen anderen Titel bemühen. Das wäre redlicher.

F&L:

Wo sehen Sie Verbesserungsmöglichkeiten bei der Ingenieurpromotion? Gibt es neue Ideen für den Weg zur Promotion?

Michael Hoffmann:

Auch Gutes kann verbessert werden. Das trifft sicher auch auf die Ingenieurpromotion zu. Eine sehr ausführliche Studie mit Empfehlungen zur Zukunft der Ingenieurpromotion wurde von acatech, der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften, herausgegeben.

Die ingenieurwissenschaftlichen und informatischen Fakultätentage mit ihrer Dachorganisation 4ING, die bereits diese Studie begleitet haben, haben sich zur Aufgabe gemacht, realisierbare Verbesserungsvorschläge zu erarbeiten.

Unter anderem werden Anregungen erarbeitet, welche die Promotionsdauer verkürzen sollen, ohne das Anforderungsprofil zu verwässern. Andere Vorschläge betreffen Regeln zur Verbesserung der Promovendenbetreuung, ohne Verantwortlichkeiten in die Anonymität zu verlagern.

Neue Ideen zum Zugang zur Promotion betreffen insbesondere die Möglichkeiten, potenzielle Doktoranden, die nicht von wissenschaftlichen Hochschulen kommen, auf die Promotionsphase vorzubereiten. Auch hier ist eine weitere Aufarbeitung durch die Fakultätentage im Gange.

Aus Forschung & Lehre :: August 2012

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