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Qualitätskriterien notwendig - Eine Kritik der Wissenschaftskommunikation

von GEORG RUHRMANN

Wissenschafts-PR und Wissenschaftskommunikation verfolgen nicht unbedingt die gleichen Ziele. Damit weniger die Vermarktung und mehr die Vermittlung im Vordergrund steht, braucht es professionelle Qualitätsstandards. Sie müssen aus der Wissenschaft heraus entwickelt werden.

Qualitätskriterien notwendig - Eine Kritik der Wissenschaftskommunikation© knallgrün - photocase.deFür eine nachhaltig verständliche Vermittlung von Wissen benötigt die Wissenschaftskommunikation Standards
Wissenschaftskommunikation boomt. Manager, Medien und Ministerien sprechen von der "Bedeutung" der Wissenschaft. Sie sei strategisch wichtig, sichere und verstetige unser Wirtschaftswachstum. Ob München, Heidelberg oder für die Medizin Berlin: die Leuchttürme der Wissenschaft strahlen hell ins Land. Man glaubt, dass aus verwertbaren Forschungsergebnissen marktreife Innovationen entstehen. Und unter bestimmten Bedingungen geschieht dies auch. Wissenschaftskommunikation verbreitet diese Erfolgsstories.

Sie kann uns aber auch mit möglichen Folgerisiken technisch-medizinischer Innovationen bekannt machen. Sie sucht dazu seit einigen Jahren auch verstärkt den Kontakt mit dem besorgten und als "technikkritisch" eingestuften Bürger: "Wissenschaft im Dialog" heißt das Motto. Im Unterschied zu den 1980er und 1990er Jahren präsentieren viele Medien, ganz voran das Fernsehen und die bunten Magazine - wie Studien der empirischen Medienforschung zeigen - vor allem Berichte über Chancen und Nutzen. Gleichwohl reicht das einzelnen Firmen und Verbänden der Industrie nicht: sie schalten Werbefilme oder lassen aufwändige Zeitungsbeilagen produzieren. Diese kommen wie journalistisch geprüfte Beiträge daher.

PR-Profis sind hier am Werk. Sie machen das, was Wissenschaftler häufig nicht oder angeblich nicht gut können: Sie präsentieren Wissenschaft, Forschung und Medizin anschaulich, interessant und verständlich. Es wird also kommuniziert. Und diese Kommunikation erfolgt im Unterschied zur Alltags- oder Laienkommunikation forciert, intentional und vor allem effektiv organisiert. Wirtschaft, Politik und Verbände wollen viel: Neben der regulären Vermittlung von Forschungsinhalten kommt jetzt das "Wissenschaftsmarketing" ins Spiel. Wissenschaftsmarketing?

Bildung und Wissenschaft als kontroverses öffentliches Thema

Die fortschreitende Ökonomisierung und die Auswirkungen der Banken- und Finanzkrise - so viel lässt sich erkennen - beeinflussen auch Medien und Wissenschaft. Sommer 2014: Vor dem Hintergrund der massiven Unterfinanzierung der deutschen Universitäten und ihrer Forschung sowie eines tiefgreifenden Umbruchs der Medienlandschaft - Stichwort Digitalisierung - veröffentlicht die Leopoldina eine in zwei Jahren ausgearbeitete kritische Stellungnahme mit Empfehlungen an Wissenschaft, Politik, gesellschaftliche Akteure sowie Medien für eine adäquate Wissenschaftskommunikation.

Nach Auffassung der Stellungnahme begünstigen finanzielle Abhängigkeiten im Wissenschaftssystem ein New Public Management: Staatliche Forschungseinrichtungen und Hochschulen werden wie Unternehmen gesehen. Sie richten ihre Strategien, etwa im Bereich der Drittmittel-Beschaffung, an Auftraggebern aus. Wie auf Märkten werden Einrichtungen und einzelne Forscher mit mehr oder weniger validen Kennziffern bewertet.

Entsprechende medial kommunizierte Rankings befördern eine öffentliche Kommunikation über Konkurrenz. Zudem sollen sie sogenannte Profilbildungen innerhalb und zwischen den wissenschaftlichen Einrichtungen befördern. Und Forscher sollen, was sie sowieso schon tun, ihre Ergebnisse nicht nur international sichtbar publizieren. Sie sollen sie auch verstärkt über die Massenmedien kommunizieren. Die eingangs geschilderten industriepolitischen Leitbilder kontrastieren indes auch die praktizierte Sparpolitik der Bundesländer. Die Länder können ihre universitäre Forschung und Lehre nur noch mit Anstrengungen "auskömmlich" finanzieren. Uni-Kliniken, Studiengänge und Institute geraten ins Spar-Radar. Betrieben von einer weniger ökonomisch motivierten, sondern auf das Sparen fixierten Ministerialbürokratie. Der Begriff der Investition ist jedenfalls eher selten zu hören. Und kritische Fragen zu den möglichen Folgen der Sparpolitik, was die Kreativität, Loyalität und Motivation der Forschenden und Lehrenden betrifft - Fehlanzeige.

Was kann und soll Wissenschaftskommunikation leisten?

Wer nun jenseits der eingangs geschilderten lauten Wissenschafts-PR verstehen will, was Wissenschaft tatsächlich leistet und umtreibt, wie sie sich selbst versteht und wie sie öffentlich wirkt, der ist auf wissenschaftliche Akteure angewiesen. Die Akademien, die institutionalisierte Forschungsförderung und die Universitäten haben ihr Thema entdeckt: die Wissenschaftskommunikation.

Aufgaben der Wissenschaft

Vertrauenswürdige Wissenschaftskommunikation und entsprechende Pressearbeit brauchen vor allem Qualitätskriterien. Das Prinzip wissenschaftlicher Redlichkeit und Selbstkritik im Kontext evidenzorientierter Wissenschaft ist zu kommunizieren. Journalisten und Medien sollen dieses Prinzip respektieren, Evidenzbasierung und wissenschaftliche (Selbst)Kritik auch verstehen. Dazu hat soeben das DFG-Schwerpunktprogramm 1409 "Wissenschaft und Öffentlichkeit" interessante empirische Forschungsergebnisse vorgelegt. Konfligierende Evidenz im Forschungsprozess und die Fragilität der Expertenurteile - so ein Ergebnis - werden bisweilen zu einer Kontroverse in der Wissenschaft inszeniert bzw. hochgeschrieben. Eine explizite Kommunikation wissenschaftlicher Ungesichertheit bzw. konfligierender Evidenz kann durchaus dazu beitragen, dass einzelne Bevölkerungsgruppen die kulturelle Autorität der Wissenschaft differenzierter einschätzen können, wie es kürzlich auf einer internationalen Konferenz an der Universität Stellenbosch (Südafrika) diskutiert wurde.

Wenn Wissenschaftler komplexes wissenschaftliches Wissen mit riskanten Folgen kommunizieren, können sie nicht unterstellen, dass dies umstandslos verstanden und akzeptiert wird. Laien verfolgen in ihren Lebenswelten andere und jeweils recht spezifische alltagsrationale Kalküle. Sie sind - wie man heute wissen kann - nicht einfach mit technisch, wissenschaftlicher oder ökonomischer Rationalität zu verrechnen. Gerade auch dann nicht, wenn Bürger im Netz ihre Aussagen zu wissenschaftlichen Themen, in einer für alle User offenen Beobachtung, mit dem Ziel kommunizieren, sie umgehend öffentlich(er) zu machen, mit anderen zu teilen, kritisch zu diskutieren und zu bewerten.

Beitrag der Politik

Die Politik kann dazu beitragen, Anreize für Wissenschaftskommunikation zu setzen. Sie kann sich für die Erforschung von Qualitätsjournalismus einsetzen und versuchen, entsprechende neue Studiengänge an Universitäten einzurichten. Einige Stiftungen könnten hier verstärkt initiativ werden, indem sie einschlägige Projekte und Stipendien fördern. Bereits in der schulischen Bildung, in Curricula und Lehramtsstudiengängen können Grundkenntnisse über argumentatives Denken, wissenschaftliche Erkenntnisse und der kompetente und kommunikative Umgang mit Evidenz verankert werden. Wenn in der empirischen Bildungsforschung gefragt wird, ob angehende Lehrkräfte lernen können, wissenschaftliche Forschungsergebnisse für berufsrelevante Fragen zu nutzen, spricht nichts dagegen, dies auch auf die Ausbildung für Wissenschaftsjournalismus zu übertragen.

... und die Medien

Erst in den letzten Jahren sind Inhalte und Wirkungen der medialen Berichterstattung systematischer und empirisch analysiert worden. Dabei zeigt sich, dass sich nur wenige größere Redaktionen auf Wissenschaft spezialisieren konnten. Die Notwendigkeit entwickelter professioneller Qualitätsstandards wurde erst allmählich erkannt. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk sah sich durch Initiativen des privatkommerziellen Rundfunks gezwungen, die Legitimität von Online-Angeboten zu "testen". Administrativ wird u.a. geprüft, ob die Angebote demokratischen, sozialen und kulturellen Bedürfnissen der Gesellschaft entsprechen, zugleich aber qualitativ den publizistischen Wettbewerb stärken. Zu beobachten ist, dass vermehrt über Wissenschaft berichtet wird, vor allem unterhaltungsorientiert.

In lustigen Quizshows geht es dann um die allein richtigen Antworten auf populärwissenschaftliche Fragen - zu vorgerückter Stunde. Die häufig kontextlose Popularisierung von Wissenschaft und Wissen aller Art kann zwar die Quote bringen. Ob dadurch die Öffentlichkeit relevantes wissenschaftsbasiertes Wissen nachhaltig versteht, darüber lässt sich angesichts der Befunde, die Psychologen und Kommunikationsforscher zum Verständnis konfligierender Evidenz erarbeitet haben, trefflich debattieren. Aktuell plädieren nicht nur einzelne Wissenschaftler, sondern auch die Akademien und einzelne journalistische Berufsverbände für eine finanzielle, institutionelle und redaktionelle Stärkung von Wissenschaftsjournalismus. Die Hochschulen können und sollten auch hierzulande Stellen- und Studienangebote etablieren und damit zur Entwicklung qualitätsorientierter journalistischer Ausbildungs- und Weiterbildungsstandards beitragen.


Über den Autor
Georg Ruhrmann ist Professor für Grundlagen medialer Kommunikation und Medien wirkung an der Friedrich-Schiller Universität Jena. Sein aktueller Forschungsschwerpunkt liegt im Bereich der Risiko- und Wissenschaftskommunikation.

Aus Forschung & Lehre :: November 2015