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Querdenker und Grenzgänger sind gefragt


Das Gespräch führte Andreas Sentker

Wissenschaft und Wirtschaft müssen enger vernetzt werden, fordert Joachim Milberg. Er selbst hat als Grenzgänger gute Erfahrungen gemacht.

Querdenker und Grenzgänger sind gefragt: Vernetzung Wissenschaft und Wirtschaft© acatechJoachim Milberg, Präsident von acatech
DIE ZEIT: Innovation heißt Um- und Aufbruch. Haben Sie Sorge, dass in Zeiten einer drohenden Weltwirtschaftskrise das Innovationsklima in Deutschland schlechter wird?

JOACHIM MILBERG: Die jüngsten Zahlen, die uns zum Thema Forschungs- und Entwicklungsausgaben in Deutschland vorliegen, sind gut. Die Unternehmen haben mehr Geld in Forschung und Entwicklung investiert und schaffen dort Arbeitsplätze. Wir müssen aber vermeiden, dass es jetzt zu einer Trendwende kommt. Gerade in Zeiten der Krise müssen wir den Nachwuchs fördern. Wenn sich die wirtschaftliche Lage beruhigt hat, müssen wir wieder durchstarten. Und das Wachstum der Zukunft kann sich nur aus Forschung und Entwicklung speisen. Die Finanzkrise könnte auch eine positive Seite haben: Junge Menschen mit Sinn für Zahlen und Technik, die sich bislang Richtung Bankenwelt orientieren wollten, werden vielleicht wieder mehr Lust auf "reale Innovationen" bekommen.

ZEIT: Für den Bürger signalisieren die Schlagzeilen aus den großen Unternehmen etwas anderes. Da ist von Produktionsstopp die Rede, von Kurzarbeit. Die Boulevardzeitungen fragen stellvertretend für ihre Leser: Wie sicher ist mein Job? Dass Unternehmen kontinuierlich forschen und in diesem Bereich Nachwuchs suchen, wird kaum sichtbar.

MILBERG: Dahinter steckt auch ein Mentalitätsproblem, das die gesamte Gesellschaft betrifft. Ist uns eigentlich allen in ausreichendem Maße klar, wie sehr unser Wohlstand von diesem Bereich, von Investitionen in die Zukunft, von Forschungs- und Entwicklungsausgaben, aber auch von Investitionen in die Bildung abhängt?

ZEIT: Wie lautet Ihre Einschätzung?

MILBERG: Die Antwort muss wohl nein lauten.

ZEIT: Warum werden diese Chancen, diese Arbeitsplätze in der Öffentlichkeit so wenig wahrgenommen?

MILBERG: Die Menschen wissen, dass in Deutschland viele Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung gesteckt werden. Aber eine persönlich motivierende Vorstellung der damit verbundenen Chancen haben die wenigsten. Beim technischen Nachwuchs bekommen wir die Konsequenzen zu spüren. Wir bilden weniger Menschen aus, als wir für die Bestandssicherung brauchen. Wenn wir wachsen wollen, stehen wir auch angesichts der demografischen Entwicklung vor einer gewaltigen Herausforderung.

ZEIT: Zeichnet sich eine Lösung ab?

MILBERG: Das ist ein systemisches Problem, das wir auf vielen Ebenen angehen müssen. Wir haben in einer Studie zum Beispiel herausgefunden, dass die Weichen für die Berufswahl sehr früh gestellt werden, oft im Alter von zehn oder zwölf Jahren. Wenn wir also für Wissenschaft und Technik begeistern wollen, müssen wir damit schon viel stärker in Kindergarten und Grundschule beginnen. Uns fehlen auch Frauen in den technischen Studiengängen und Berufen. Das liegt unter anderem daran, dass den Abiturientinnen Vorbilder fehlen, die sie für einen solchen Weg begeistern.

ZEIT: Ist die Bedeutung des Themas Innovation in Deutschland auch den politisch handelnden Akteuren klar?

MILBERG: Wenn Bundesforschungsministerin Annette Schavan gerade in diesen Tagen mehr Mittel für die Bildung ankündigt, ist das ein sehr gutes Signal. Aber - und das ist eine der zentralen Erkenntnisse nach sechs Jahren acatech - wir müssen alle mehr in diesem Bereich tun, von den Unternehmen über die Politik bis hin zum Wandel des gesellschaftlichen Bewusstseins.

ZEIT: Seit Anfang des Jahres ist acatech die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften - eine nationale Akademie. Was wollen Sie unter diesem Titel erreichen?

MILBERG: Unser Anspruch ist ganz klar, die Kette Bildung, Innovation, Beschäftigung, Wohlstand zu stärken.
ZEIT: Was heißt das für das neueste Projekt der Akademie, die Beratung der Regierung auf dem Gebiet der Innovation und Technologie?

MILBERG: Unser Auftrag lautet: ein Konzept zu entwickeln, wie man die Politikberatung im Bereich Innovation weiter verbessern kann. Das ist besonders wichtig, weil es gerade jetzt nicht zu einer Trendwende im Bereich Innovation und Bildung kommen darf. Die Bundesregierung erwartet von uns einen Dialog über die wichtigen Fragen der Zukunft. Diese Fragen müssen wir finden und definieren.

ZEIT: Das bedarf aber der Unabhängigkeit von den politischen Kräften, die um Rat bitten, also etwa eines Gremiums, das nicht nach jeder Legislaturperiode gewechselt wird.

MILBERG: Wenn wir uns den wichtigen Fragen zuwenden und die Antworten wie den Prozess auch evaluieren wollen, muss diese Arbeit über Legislaturperioden hinausgehen.

ZEIT: Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Ansätze der Innovationspolitik? Steuerliche Vorteile für Forschungsinvestitionen nutzen auch und vor allem Großunternehmen, die bereits große Gewinne ausweisen.

MILBERG: Es gibt viele mögliche Instrumente. Ein Start-up-Unternehmen hat andere Bedürfnisse als ein mittleres Unternehmen oder ein global agierender Konzern. Tatsächlich muss man aus meiner Sicht über steuerliche Anreize nachdenken und über die Förderung von Risikokapital. Aber auch der Staat als Erstanwender spielt eine große Rolle. Wir müssen diesen Werkzeugkasten zusammenstellen und richtig und differenziert einsetzen.

ZEIT: Ist neben staatlichen Investitionen und Subventionen auch die Förderung der Zusammenarbeit von Unternehmen und Forschungseinrichtung ein wichtiges Instrument?

MILBERG: Absolut. In der Vernetzung von Wissenschaft, Wirtschaft und Politik liegt noch viel Potenzial.

ZEIT: Sie selbst haben in Ihrer Biografie mehrfach zwischen Tätigkeiten in Wissenschaft und Wirtschaft gewechselt, waren unter anderem Vorstandsvorsitzender von BMW und Professor an der TU München. Sind solche Übergänge in Deutschland durchlässig genug?

MILBERG: Insgesamt nein! Dabei ist der Transfer über Köpfe die beste Möglichkeit, verschiedene Bereiche miteinander zu vernetzen. Für mich persönlich war es eine große Chance, mehrfach die Perspektive zu wechseln. Diese Chance haben noch zu wenige.

ZEIT: Woran liegt das?

MILBERG: Die Belohnungs- und Karriere systeme sind sehr unterschiedlich und wenig kompatibel. Dabei wäre in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik ein Einblick in die jeweiligen Handlungsmöglichkeiten des Gegenübers sehr sinnvoll.
ZEIT: Das zeigt sich besonders bei neuen Herausforderungen. Zum Beispiel beim Thema Klima wandel: Gibt es eine Verständigung zwischen Politik, Wissenschaft und Wirtschaft, die aus dem Angstthema Klima eine Herausforderung macht, der man produktiv begegnen kann?

MILBERG: Nach den zwei Klimaforschungsgipfeln des vergangenen Jahres bin ich optimistischer, dass wir von der Angststarre zu echtem Gestaltungswillen kommen werden. Auch in der Klimafrage sind wir auf neue Technologien, Produkte und Verfahren angewiesen. Das kann der deutschen Wirtschaft am Ende weltweite Chancen verschaffen.

ZEIT: Wenn Sie jetzt Geld und Zeit hätten, sich einer der angesprochenen großen Fragen als Forscher zu stellen, welche wäre das?

MILBERG: Das Nachwuchsthema wäre wohl mein größtes Anliegen. Das ist ein echtes Querschnittsthema, das alle Bereiche betrifft.

ZEIT: Da trifft es sich sehr gut, dass direkt nach der Geburtstagsfeier von acatech der Bildungsgipfel von Bund und Ländern stattfindet.

MILBERG: Genau!

Aus DIE ZEIT :: 16.10.2008

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