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Raum für Visionen

Von Sarah Holthausen

Wissenschaftler, die Neues abseits der Hauptforschungslinien ihres Faches erforschen wollen, stoßen bei der Suche nach einer geeigneten Finanzierung oft an die Grenzen der Möglichkeiten von Forschungsorganisationen. Die Reinhart Koselleck-Projekte, die die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) im Jahr 2008 als neues Förderinstrument aufnahm, wollen diese Lücke im deutschen Wissenschaftsfördersystem auf unkonventionelle Weise schließen. Welche Erfahrungen hat die DFG bislang damit gemacht?

Raum für Visionen© misterQM - Photocase.com
Ein Schützenfisch schießt ein Insekt über einer Wasseroberfläche mit einem gezielten Wasserstrahl ab, den er aus seinem Maul presst. Zielsicher und schnell bewegt der Fisch sich an die Stelle, an der die Beute ins Wasser fallen wird, um sie zu verspeisen. Professor Stefan Schuster, Inhaber des Lehrstuhls für Tierphysiologie der Universität Bayreuth, untersucht unter anderem, wie ein so kleines zelluläres Netzwerk, wie das im Gehirn eines solchen Fisches, zu derartig komplexen Entscheidungen in der Lage ist.

Vom tierischen Jagen zum menschlichen Töten: Eine Hypothese im Forschungsprojekt von Thomas Elbert, Professor für klinische Psychologie und Neuropsychologie an der Universität Konstanz, besteht darin, dass neben ethnisch-religiösen oder ideologischpolitischen Konflikten, Kämpfen um materielle Ressourcen und dem Streben nach Profit auch die Tat des Tötens anderer Menschen an sich Anreize bietet. Ihn beschäftigt die Frage, ob sich daraus insbesondere bei Männern und Jungen eine Lust am Töten entwickelt. Untersucht werden diese und andere in dem Projekt zu überprüfende Hypothesen unter anderem in Felduntersuchungen in verschiedenen Krisenregionen der Welt, zum Beispiel in Ruanda, Uganda, Somalia und Sri Lanka. Von Krisenregionen und dem Kampf ums Überleben zum Kampf gegen Wohlstandsprobleme: Adipositasassoziierte Erkrankungen wie Diabetes sind weit verbreitet.

Neue Studien zeigen, dass vor allem die Entzündungsprozesse im Fettgewebe Ursache für die Folgekrankheiten wie Diabetes sind. Professor Triantafyllos Chavakis von der Medizinischen Klinik und Poliklinik III des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus sowie vom Institut für Physiologie der Medizinischen Fakultät der TU Dresden möchte in einem Forschungsvorhaben zelluläre und molekulare Komponenten identifizieren, die zu einer Entzündung des Fettgewebes beitragen können. Die Ergebnisse der Forschung sollen unter anderem zu neuen Therapiemöglichkeiten für Fettleibigkeit-Folgekrankheiten führen.

Mut zum Risiko

Allen drei genannten Forschern ist gemein, dass sie mit ihren Projekten neue Wege beschreiten und insofern Mut zum Risiko haben. Sie denken nonkonformistisch und bewegen sich damit fernab der mainstream-Forschung. Um Bahnbrechendes zu erreichen, sind sie bereit, bei Erkennen einer Sackgasse im Laufe ihrer Arbeit die Richtung vollkommen zu ändern oder gar das große Risiko eines Misserfolgs in Kauf zu nehmen. Die drei vorgestellten Projekte sind allesamt hoch innovativ und risikoreich. Im Erfolgsfall führen sie zu richtungsweisenden neuen Erkenntnissen. Wissenschaftler, die sich auf unbekanntes Terrain vorwagen und Ideen wahr machen möchten, die im Erfolgsfall eigene Maßstäbe setzen, stoßen bei ihrer Suche nach einer geeigneten Finanzierung oftmals an die Grenzen des Förderportfolios von Wissenschaftsförderorganisationen. Nicht nur in Deutschland, auch im Ausland ist die mit solchen Projekten grundsätzlich einhergehende Gefahr des Misserfolgs eine Bremse für Innovation. Die Reinhart Koselleck-Projekte, die die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) im Jahr 2008 als neues Förderinstrument aufnahm, schließen diese Lücke im deutschen Wissenschaftsfördersystem und bieten den dringend gebrauchten Raum für Visionen.

Neue Wege

Namensgeber für diese Art von Projekten ist der im Jahr 2006 verstorbene Historiker Reinhart Koselleck. Er gehört zu den Begründern der modernen Sozialgeschichte. Eine seiner herausragenden Fähigkeiten war, stets über die Grenzen seines Fachs hinaus zu denken. Er ist daher ein passender Namensgeber für diese Art innovativer Forschung. Forschungsprojekte, bei denen vollkommen neue Wege beschritten werden sollen, sind in der Regel wenig planbar. Gerade das Unvorhersehbare macht sie aus. Um der Ungewissheit des Verlaufs der Forschungsarbeiten Rechnung zu tragen, reicht für ein Reinhart Koselleck-Projekt eine fünfseitige Projektskizze aus. Für die Projekte mit fünfjähriger Laufzeit können Mittel zwischen 500 000 und 1,25 Mio. Euro beantragt werden.

Aufgrund der besonderen Art der Projekte setzt die Förderung eines solchen Forschungsvorhabens einen Vertrauensvorschuss in den besonnenen Umgang mit Fördergeldern voraus. Um diesen zu rechtfertigen, ist ein herausragender wissenschaftlicher Lebenslauf der Antragsteller unabdingbar. Dabei zeigt unter anderem der oben genannte Fall von Triantafyllos Chavakis, dass die Reinhart Koselleck-Projekte nicht nur für "alte Hasen" gedacht sind, sondern auch junge Wissenschaftler durchaus über einen herausragenden Lebenslauf verfügen können. Chavakis wurde im Jahr 2001 promoviert und im Dezember 2010 wurde ihm das Reinhart Koselleck-Projekt bewilligt. Sein "wissenschaftliches Alter" zum Zeitpunkt der Bewilligung war also entsprechend jung.

Auch Stefan Schuster, der sich, wie eingangs kurz ausgeführt, unter anderem mit den zellulären Netzwerken in den Gehirnen von Schützenfischen beschäftigt, ist sicher als junger Wissenschaftler anzusehen. Er wurde im Jahr 1996 promoviert und war zum Zeitpunkt der Bewilligung seines Reinhart Koselleck-Projekts im Dezember 2008 Heisenberg-Stipendiat der DFG. Herr Schuster erhielt kurze Zeit darauf, im Jahr 2009, einen Ruf an die Universität Bayreuth.

Frauen mit Visionen gesucht

Von Dezember 2008 bis heute wurden in der Deutschen Forschungsgemeinschaft 169 Anträge auf Reinhart Koselleck- Projekte entschieden. Die drei eingangs vorgestellten Forschungsprojekte gehören zu 31 Anträgen auf Förderung, für die nach einem aufwendigen Begutachtungs- und Entscheidungsprozess Bewilligungen ausgesprochen wurden. Auf die Ergebnisse dieser und aller anderen Reinhart Koselleck-Projekte dürfen wir gespannt sein. Nur eines der 31 bislang bewilligten Projekte wird von einer Frau bearbeitet, Margit Zacharias, Professorin für Nanotechnologie an der Universität Freiburg. Sie möchte im Rahmen ihres Projekts vollkommen neuartige und verallgemeinerungsfähige Wege der Nanodotierung aufzeigen. Es geht dabei darum, stabile Strukturen im Nanobereich für die Realisierung von Nanobauelementen zu schaffen. Eine Lösung des Problems wäre unter anderem von zentraler Bedeutung für die Anwendung von Nanodrähten in einer möglichen zukünftigen Nanoelektronik. Wünschenswert wäre sicherlich, dass sich vermehrt Frauen trauen, ihre Forschungsvisionen in die Tat umzusetzen, und sich um eine Finanzierung im Rahmen der Reinhart Koselleck-Projekte bemühen.


Über die Autorin
Dr. Sarah Holthausen betreut in der Geschäftsstelle der DFG in der Gruppe Qualitätssicherung und Verfahrensentwicklung die Reinhart Koselleck-Projekte.


Aus Forschung und Lehre :: Juni 2011

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