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Raus auf die Baustelle

Von Julia Nolte

Entwerfen allein genügt nicht. Neben dem künstlerischen Anspruch sollte ein Architekturstudium vor allem die Realität des Bauens vermitteln.


Raus auf die Baustelle© Guillermo Perales Gonzalez - iStockphoto.com"Gefragt ist, wer auf der Baustelle brilliert"
Wenn am Abend die letzte Vorlesung endet und die Studenten der anderen Fächer nach und nach den Campus verlassen, geht Philipp Böhm-Christl noch einmal ins Atelier. »Am Montag war ich bis 3 Uhr nachts an der Uni, Dienstag bis 12, heute bleibe ich bis 10«, sagt er. Seit sieben Monaten studiert der 21 Jahre alte Berliner Architektur an der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) - an die späten Arbeitszeiten hat er sich schon gewöhnt. Architekten seien Nachtschwärmer, heißt es. Besonders bevor sie Pläne und Modelle abgeben müssen, arbeiten Philipp Böhm-Christl und seine Studienkollegen bis tief in die Nacht, »aber eigentlich drängt immer irgendetwas. Man hat immer viel zu tun.«

Die Studenten hören Baugeschichte und Architekturtheorie, lernen Bauphysik, Baurecht und Kostenplanung - eine Mischung aus Geistes- und Ingenieurwissenschaften, Recht und Wirtschaft. Doch den größten Anteil am Studium, ungefähr ein Drittel, hat das Fach Entwerfen. Hier sollen sie zum Beispiel Ein- Raum-Häuser gestalten, Sitzmöbel oder eine Werkzeugbox bauen. »Man muss gut im Team arbeiten können, weil man immer jemanden um sich hat und Ideen austauscht«, sagt Philipp Böhm-Christl. Außerdem geht es nicht ohne künstlerisches Geschick, auch wenn eine Eins in Kunst keine Voraussetzung ist. Zeichenstift, Cutter, Lineal, Schneidematte und Holzkleber gehören zum Arbeitsmaterial jedes Architekturstudenten. Wesentlich sei vor allem »ein Gespür für Proportionen«, sagt Charlotte Frank. Die Architektin hat unter anderem das Bundeskanzleramt in Berlin entworfen. Wenn sich Studenten oder Absolventen bei ihr bewerben, achtet sie nicht auf Noten. Sie schaut sich deren Entwürfe an.

Der Entwurf gilt den Architekten als Königsdisziplin. Doch was sich Studienanfänger vielleicht nicht so klar machen: Nach dem Abschluss werden sie kaum noch entwerfen - es sei denn, sie arbeiten in einem der ausgesprochen seltenen reinen Entwurfsbüros. Der Berufsalltag eines Architekten besteht für gewöhnlich nur zu höchstens zehn Prozent aus Gestaltung. Der Rest sind Beratung des Bauherrn, Ausführungsplanung, Ausschreibung und Vergabe von Aufträgen an Bauunternehmer und Handwerker, Bauüberwachung und Abrechnung - Tätigkeiten, die an den Hochschulen kaum eine Rolle spielen. Es werde zu viel darüber nachgedacht, wie ein Dach aussehen könne, und zu wenig darüber gesprochen, was es koste und dass es nicht durchregnen dürfe, sagen Kritiker der universitären Ausbildung.

Rund 16 000 Frauen und 14 000 Männer studieren derzeit in Deutschland Architektur. Die Hochschulen bilden Architekten aus, die der Markt seit Ende des Baubooms gar nicht mehr aufnehmen kann. »Seit fünfzehn Jahren verlassen doppelt so viele Architekten die Hochschulen wie gebraucht werden«, sagt Thomas Welter, Wirtschaftsreferent der Bundesarchitektenkammer. Allmählich reagieren die Hochschulen, indem sie einen Numerus clausus einführen und weniger Bewerber annehmen. »Wir müssen die Anzahl der Ausgebildeten verändern«, sagt Karen Eisenloffel, Prodekanin der Fakultät für Architektur an der BTU Cottbus, »aber nicht die Ausbildung an sich.« Die Professorin hält das Entwerfen für unverzichtbar: »Nur dadurch lernt man, was architektonische Qualität ist.« Der Entwurf sei eine gute Art der fächerübergreifenden Lehre, bei der auch Themen wie Baukonstruktion und Tragwerkslehre behandelt würden.


Künstlerischer Anspruch und die Realität des Bauens sind nicht immer vereinbar. Rolf Neddermann ist Architekturprofessor an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung in Konstanz und sagt: »Der Ruf der Architekten ist ziemlich ruiniert, was die Einhaltung von Bauzeiten und Baukosten betrifft.« Das will er mit seinen Lehrveranstaltungen in Bauwirtschaft und Baumanagement ändern. Seine Studenten sollen »kostensicherer« werden und mit dem Geld des Bauherrn umgehen, als sei es das eigene. Es sei unrealistisch, mit dem Ziel an die Uni zu kommen, Entwurfsarchitekt zu werden und nichts anderes in Betracht zu ziehen. Die Bundesarchitektenkammer gibt ihm recht: Chancen für junge Architekten werden dort eher in der Immobilienverwaltung oder der Organisation von Bauvorhaben gesehen. »Gefragt ist, wer auf der Baustelle brilliert«, sagt Thomas Welter.

Die Hochschulen unterscheiden sich aber nicht nur in der Gewichtung der Inhalte, sondern auch in der Länge ihrer Studiengänge: Der Bachelor kann auf sechs oder acht Semester ausgelegt sein. Doch nur der Achtsemestrige wird von den Architektenkammern anerkannt. Zusätzlich müssen die Absolventen zwei bis drei Jahre Berufserfahrung nachweisen, damit sie sich als Architekten selbstständig machen dürfen. Wer hingegen nur sechs Semester studiert hat, kann einen Master anschließen oder »sich auf ein Berufsleben einstellen, in dem man als Mitarbeiter in einem Architekturbüro weniger Verantwortung trägt, weniger verdient und nicht entwirft. Auch solche Leute werden gebraucht«, sagt Karen Eisenloffel. Sie beobachtet einen Trend zum achtsemestrigen Bachelor in der Architektur.

Derzeit wird er nach Angaben der Hochschulrektorenkonferenz von vier Universitäten (München, Siegen, Stuttgart, Universität der Künste Berlin) und acht Fachhochschulen (Anhalt, Bochum, Bonn, Coburg, Dortmund, Mainz, Würzburg-Schweinfurt, Zittau/Görlitz) angeboten. Auch Konstanz plant eine Ausweitung auf acht Semester. Eine längere Regelstudienzeit führt allerdings nicht dazu, dass die Studenten diese Studiengänge als besonders gut bewerten. Im aktuellen Hochschulranking des Centrums für Hochschulentwicklung ist beispielsweise die TU München trotz des achtsemestrigen Angebots im Fach Architektur in der Schlussgruppe gelandet, was die Arbeitsplätze, die Betreuung der Studenten und ihre Zufriedenheit mit der Studiensituation betrifft. Die BTU Cottbus und die Hochschule Konstanz mit ihren sechssemestrigen Bachelorstudiengängen hingegen sind bei Studenten vergleichsweise beliebt: Sie zählen der Umfrage zufolge zur Spitzengruppe.

Tabea Huth studiert im zehnten Semester Architektur an der TU Darmstadt - wie Philipp Böhm- Christl gehört sie zu denen, die sich durch düstere Prognosen (und den Mathe- und Physikanteil des Studiums) nicht abschrecken lassen. »Architektur prägt das Zusammenleben der Menschen und hat viel mit der technischen Entwicklung zu tun, das finde ich spannend.« Im Studium hat die 24 Jahre alte Potsdamerin sich mit energieeffizientem Bauen beschäftigt, nach dem Abschluss will sie möglicherweise noch den Lehrgang zum »Energieberater« in Darmstadt machen. Auf der Suche nach Nischen hat sich der Beruf des Architekten stark verändert. Philipp Oswalt, Direktor der Stiftung Bauhaus in Dessau, führt dies auch auf den gesellschaftlichen Wandel zurück. Im Informationszeitalter gewinne der virtuelle Raum zunehmend an Bedeutung, sodass Architekten heute zum Beispiel auch Computerspiele oder Bühnenbilder für Filme und Fernsehserien entwerfen. Längst seien sie nicht mehr nur »die, die Häuser in die Gegend stellen«.

Aus DIE ZEIT :: 01.07.2010

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