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Raus aus den heimischen Netzwerken!


Die Fragen stellte JAN-MARTIN WIARDA

Deutschlands Universitäten haben die Internationalisierung verschlafen, sagt Enno Aufderheide, der neue Generalsekretär der Humboldt-Stiftung. Er erklärt, wie er die Zahl der ausländischen Professoren erhöhen will.

Raus aus den heimischen Netzwerken!© Michael Jordan - Alexander von Humboldt-Stiftung"Wir wollen die Besten an unsere Universitäten holen, und zwar die Besten aus der ganzen Welt"
DIE ZEIT: Die Humboldt-Stiftung will mehr ausländische Wissenschaftler ins Land locken. Warum eigentlich? Ein ausländischer Pass macht einen Hochschullehrer nicht automatisch besser.

Enno Aufderheide: Automatisch nicht. Wenn Sie jedoch davon ausgehen, dass Exzellenz wie Intelligenz weltweit gleich verteilt sind, ist sehr wohl anzunehmen, dass nicht alle Spitzenleute bereits bei uns sind. Und dann ist es sehr wohl ein Problem, dass nur sechs Prozent unserer Professoren aus dem Ausland stammen - und von denen wiederum ein Drittel aus Österreich und der Schweiz. Wir wollen die Besten an unsere Universitäten holen, und zwar die Besten aus der ganzen Welt.

ZEIT: Hört sich toll an. Wenn man sich das Flagschiffprogramm Ihrer Stiftung, die sogenannten Humboldt-Professuren, anschaut, fällt jedoch auf: Die kommen zwar von ausländischen Universitäten nach Deutschland, sind aber auch größtenteils Deutsche oder deutschsprachig. Widerspricht das nicht Ihrer eigenen Logik?

Aufderheide: Wir wollen auf keinen Fall, dass der Eindruck entsteht, die Humboldt-Professuren seien ein Rückkehrerprogramm für deutsche Wissenschaftler, das wäre fatal.

ZEIT: Aber offenbar ist es so.

Aufderheide: Rund die Hälfte sind auch jetzt schon »echte« Ausländer. Das Problem ist jedoch, dass die deutschen Universitäten die Bewerber um die Humboldt-Professuren auswählen, nicht wir. Wenn wir dann aber erst eine Bewerbung von einer exzellenten Deutschen aus den USA auf dem Tisch liegen haben, können wir doch nicht sagen: Als echte Amerikanerin würden wir sie nehmen, als Deutsche aber nicht.

ZEIT: Anders formuliert: Die deutschen Hochschulen denken zu provinziell, zu national.

Aufderheide: Nicht provinziell. Aber sie denken und akquirieren noch zu sehr in deutschen Netzwerken. Das wollen wir ändern. Gerade ein Preis mit der Strahlkraft der Humboldt-Professur kann dabei helfen. Ein höherer Ausländeranteil unter den Preisträgern wäre ein weltweit sichtbares Zeichen dafür, dass auch Universitäten - wie etwa die Max-Planck-Gesellschaft schon seit Langem - internationale Topforscher anzuziehen vermögen, auch wenn die keine kulturelle oder sprachliche Nähe zu Deutschland haben.


Die Stiftung

Die Geschichte der Alexander von Humboldt-Stiftung reicht bis ins 19. Jahrhundert zurück. 1953 wurde sie von der Bundesregierung neu gegründet, seitdem hat sie mehr als 20 000 Wissenschaftlern aus aller Welt einen Aufenthalt in Deutschland ermöglicht. Die Stiftung hat auch 3000 Deutsche an ausländische Universitäten und Forschungseinrichtungen geschickt. Anders als der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD), der sich auf den internationalen Studenten- und Doktorandenaustausch spezialisiert hat, setzt die Förderung der überwiegend vom Auswärtigen Amt finanzierten Humboldt-Stiftung erst nach der Promotion an. Es gibt diverse Stipendienprogramme, über die pro Jahr mehr als 700 ausländische Nachwuchswissenschaftler vorübergehend nach Deutschland eingeladen werden. Das Aushängeschild der Stiftung sind aber die Alexander von Humboldt- Professuren, die das Bundesforschungsministerium spendiert und von denen pro Jahr maximal zehn vergeben werden, für eine Dauer von mindestens fünf Jahren. Sie sind mit bis zu fünf Millionen Euro dotiert und sollen den chronisch klammen Universitäten helfen, im Wettbewerb um die besten Forscher aus aller Welt mithalten zu können. Der neue Generalsekretär Enno Aufderheide, 52, ist promovierter Biologe. Nach einigen Jahren in der Forschung wechselte der gebürtige Bochumer ins Wissenschaftsmanagement, zunächst ans Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Zuletzt leitete er die Abteilung Forschungspolitik und Außenbeziehungen der Max- Planck-Gesellschaft.
ZEIT: Warum kommen die Hochschulen nicht selbst auf die Idee, internationaler zu werden?

Aufderheide: Weil die meisten von ihnen bislang nicht das Geld für teure Stars hatten und auch nicht die Erfahrung, sie anzuwerben. Hinzu kommt, dass die Politik nicht nur keine Anreize gesetzt hat, sie hat im Gegenteil mit immer neuen Reformen, von der statistisch gebundenen Mittelzuweisung bis zum Bologna- Prozess, die Hochschulen auf Trab gehalten und so den Blick aufs Wesentliche ein Stück weit verstellt.

ZEIT: Liegt die geringe Ausländerquote nicht auch an den Fremdenfeindlichkeiten, mit denen Gastwissenschaftler vor allem außerhalb der Hochschulen klarkommen müssen?

Aufderheide: Das ist ein Problem. Zwar berichten unsere Stipendiaten nur selten von negativen Erfahrungen. Aber es reicht ja schon, wenn einige, die in Deutschland waren, nach ihrer Rückkehr erzählen, was ihnen bei der Wohnungssuche passiert ist oder welche Sprüche in der Straßenbahn sie sich anhören mussten. Das wirkt ganz sicher abschreckend. Für mich folgt daraus: Wir müssen den ausländischen Wissenschaftlern rundum erstklassige Bedingungen bieten. Beruflich gelingt uns das, etwa mithilfe der Humboldt-Professuren, die den Wissenschaftlern mit jeweils bis zu fünf Millionen Euro Fördermitteln eine immense Freiheit und der Gasthochschule ein großes Renommee bieten. Wir müssen aber dafür sorgen, dass sich die Wissenschaftler auch privat wohl bei uns fühlen.

ZEIT: So oder so werden die jährlich gerade mal zehn neuen Humboldt-Professuren für die Internationalisierung der deutschen Hochschullandschaft kaum reichen.

Aufderheide: Die Professuren sind ein Einstieg, weil sie Vorbilder nach Deutschland holen, wirkliche Weltstars der Forschung. Für den internationalen Nachwuchs haben wir die Stipendien, und das sind fast 700 pro Jahr.


ZEIT: In den vergangenen Jahren hat der Bund die Förderung der Humboldt-Stiftung massiv ausgeweitet. Jetzt schlägt die Wirtschaftskrise auf die Staatseinnahmen durch, der Geldsegen dürfte insofern bald vorbei sein. Was bedeutet das für Sie?

Aufderheide: Das sorgt uns. Wir müssen dringend die Sätze für die Humboldt-Stipendien erhöhen. Denn in diesem Bereich sind wir international nicht mehr konkurrenzfähig.

ZEIT: Und wenn es keine Erhöhung gibt?

Aufderheide: Dann wollen wir die Zahl der Stipendiaten verringern und trotzdem die Sätze erhöhen. Das ist nicht populär, aber unvermeidbar.

ZEIT: Ihr großer Bruder im internationalen Wissenschaftsaustausch, der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD), hat eine neue Präsidentin. Von Sabine Kunst wird erwartet, dass sie das Problem von Doppelstrukturen in den Förderprogrammen verschiedener Austauschorganisationen angehen wird. Fürchten Sie eine Kampfansage in Richtung Humboldt-Stiftung?

Aufderheide: Nein, überhaupt nicht. Die Zusammenarbeit und Arbeitsteilung zwischen uns funktioniert gut. Der DAAD fördert Wissenschaftler bis zum Ende der Promotion, wir setzen danach an.

ZEIT: Wer sollte eher bluten, wenn gespart werden muss, der große DAAD mit seinen jährlich vielen Tausend Stipendiaten oder die kleine, feine Humboldt-Stiftung?

Aufderheide: Was wir bieten, ist Wohlstandssaatgut. Und Saatgut wird man als Letztes verfrühstücken. Die Spitzen bestimmen das Leistungspotenzial des Gesamten. Ihre Förde rung muss auch in Zeiten knapper Kasse erhalten bleiben.

Aus DIE ZEIT :: 26.08.2010

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