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Rechnen macht reich

Das Gespräch führte Peter Wagner

Gefährden schlechte Mathematiknoten unsere Zukunft? Ein Gespräch mit dem amerikanischen Bildungsökonomen Eric Hanushek und seinem deutschen Kollegen Ludger Wößmann.

Rechnen macht reich© stocksnapper - iStockphoto.comBildungsökonomen sehen einen Zusammenhang zwischen gutem Mathematikverständnis und dem Wirtschaftswachstum einer Nation
ZEIT: Herr Hanushek, Herr Wößmann, wenn zwei angesehene Bildungsökonomen auf die Bühne klettern und davor warnen, dass schlechte Mathekenntnisse das Wohlergehen einer Nation gefährden, hören viele hin. Aber warum sind Sie gar so sehr auf Mathe fixiert?

Ludger Wößmann: Ich bekomme eine nahezu perfekte Vorhersage der künftigen wirtschaftlichen Entwicklung einer Nation, wenn ich mir die Testergebnisse von Schülern dieses Landes in Mathe und Naturwissenschaften anschaue.

ZEIT: Sie könnten sich doch auch anschauen, wie zum Beispiel Lesekenntnisse mit der wirtschaftlichen Entwicklung verknüpft sind.

Eric Hanushek: Das Testen von Lesefähigkeiten ist im internationalen Vergleich nicht so zuverlässig wie Mathe. Ich kann hier einen englischen Text vorlesen und Sie einen deutschen. Wie sollen wir sagen, wer von uns beiden besser liest? Mathematik und Naturwissenschaften bieten die Möglichkeit, genau zu messen, wie es um die Fähigkeiten von Schülern steht. Außerdem kann ich Sie beruhigen. Selbst wenn wir die Lesefähigkeiten mit in die Auswertung nehmen - unsere Rückschlüsse auf das Wirtschaftswachstum ändern sich dadurch nicht.

ZEIT: Auf Seite 61 Ihres soeben in Amerika erschienenen Buches Endangering Prosperity zeigen Sie eine Kurve, die von links nach rechts steigt (siehe Abbildung). Ich kann sehen, wie sich das Bruttoinlandsprodukt der USA in den nächsten achtzig Jahren verändern würde, wenn die amerikanischen Schüler in Mathe und Naturwissenschaften so gut würden wie jene in Kanada oder Singapur. Da scheint es ganz schön viel Potenzial zu geben. Wie sind Sie auf diesen Zusammenhang gekommen?

Hanushek: Wir haben uns angeschaut, wie Schüler weltweit bei Tests abschneiden, die mit Pisa vergleichbar sind. Wenn man über mehr als 40 Jahre hinweg die Testergebnisse und das Wirtschaftswachstum in einem Land ins Verhältnis setzt, bekommt man ein verblüffendes Ergebnis: Das Bildungsniveau der Schüler hat ganz klar einen Effekt auf das Wirtschaftswachstum. Mit diesem Wissen haben wir simuliert, welchen Effekt eine Schulreform in den USA auf die Wirtschaft haben könnte. Herausgekommen ist die Abbildung, von der Sie sprechen.

ZEIT: Herr Wößmann, gilt die Kurve auch für Deutschland?

Wößmann: Absolut. Vor gut zwölf Jahren, bei den ersten Pisa-Ergebnissen, lagen wir noch deutlich hinter den Amerikanern. Seitdem haben wir sie überholt. Nach allem, was wir wissen, hat diese Verbesserung eine Auswirkung auf das Wirtschaftswachstum. Wenn die besseren Matheschüler auf den Arbeitsmarkt kommen, werden sie innovativer sein und Fähigkeiten haben, die der Wirtschaft helfen. Doch Kanada und Finnland sind auch uns immer noch voraus. Es gibt noch viel zu tun.

ZEIT: Der Bildungsreformer Wilhelm von Humboldt wünschte sich einst eine Bildung, die nicht von der Wirtschaft gelenkt wird. Finden Sie nicht, dass es ein Armutszeugnis ist, wenn uns die Aussicht auf ein höheres Bruttoinlandsprodukt zum Lernen motivieren muss?

Wößmann: Moment! Humboldt kritisierte nicht die alltägliche Nützlichkeit von Bildung, sondern die Spezialisierung der Menschen auf nur einen Beruf. Er wünschte sich mehr Allgemeinbildung. Wenn wir den Leuten mehr generelle Fähigkeiten beibringen, so seine Ansicht, dann sind sie nicht mehr nur auf einen Beruf festgelegt und können vielleicht später noch wechseln. Und einige unserer jüngsten Forschungen gehen genau in diese Richtung: Die deutsche Fokussierung auf die berufliche Ausbildung birgt Gefahren.

Rechnen macht reich © ZEIT-GRAFIK/Quelle: »Endangering Prosperity« Prognose der US-amerikanischen Wirtschaftsleistung in Abhängigkeit von den Matheleistungen der Schüler
ZEIT: Kritisieren Sie das berühmte duale Ausbildungssystem?

Wößmann: Ich will sagen, was wir wissen. Wenn Menschen Anfang fünfzig arbeitslos werden und bleiben, dann hat das häufig damit zu tun, dass sie eine sehr spezielle Ausbildung genossen haben. Ihnen fällt es wesentlich schwerer, sich auf einem sich verändernden Arbeitsmarkt anzupassen.

ZEIT: Nun sind in Südeuropa gerade besonders viele anpassungsfähige, junge, gut gebildete Menschen arbeitslos. Die Occupy-Bewegung in den USA entstand, weil gut ausgebildete Menschen keine adäquaten Jobs fanden. Ein Problem mit schlecht ausgebildeten Menschen gibt es doch gerade nicht, oder?

Wößmann: Oh doch: Selbst in Spanien ist die Arbeitslosigkeit bei jungen Menschen ohne Ausbildung mehr als doppelt so hoch wie bei jungen Hochschulabsolventen. Die öffentlichen Diskussionen ignorieren allzu oft die Tatsachen. Aber wir beschäftigen uns in unserem Buch nicht mit Konjunkturzyklen oder der Finanzkrise. Wir denken darüber nach, was langfristig getan werden muss.

ZEIT: Sie haben die Zahlen aus dem amerikanischen Schülerleistungstest mit den Pisa-Daten zusammengebracht, um einen noch genaueren Stand der USA im weltweiten Vergleich zeigen zu können. Warum diese Mühe?

Hanushek: Anders als in anderen Ländern ist es in den USA sehr schwierig, den Leuten klarzumachen, dass wir ein Problem mit dem Schulsystem haben. Die neuen Zahlen zeigen, dass wir mit unseren Fähigkeiten in Mathematik gerade einmal Litauen hinter uns lassen.

Wößmann: Die USA stehen mit der Leistungsfähigkeit ihrer 15-jährigen Schüler in Mathematik im internationalen Vergleich zwischen Portugal und Italien auf Platz 32.

Hanushek: Uns war bewusst, dass ein solcher Vergleich in einer Diskussion über das Schulsystem mehr Wirkung erzeugt.

ZEIT: Eine Zahl, die Sie ganz besonders zu erschüttern scheint, ist der Wert von sieben Prozent. Erklären Sie bitte, was es mit der Sieben auf sich hat.

Hanushek: Der amerikanische Leistungstest sortiert die Schüler in die Gruppen »fortgeschritten«, »kompetent« und »basic«. Wir haben umgerechnet, wie viele Schüler in anderen Nationen in der Spitzengruppe wären, wenn man dieses dreiteilige System auf die ganze Welt umlegen würde. Das Ergebnis ist ernüchternd. Nur sieben Prozent der amerikanischen Schüler würden zur besten Gruppe gehören. In Deutschland ist die Zahl fast doppelt so hoch. In Taiwan ist sie fast dreimal so hoch. Und nur 32 Prozent unserer Schüler schaffen es in die Gruppe der »kompetenten« Schüler - das ist nicht einmal ein Drittel!

ZEIT: Wann bin ich kompetent?

Hanushek: Nehmen wir an, Sie haben drei Tennisbälle mit einem Radius von je drei Zentimetern vor sich. Wie hoch muss eine Tennisballdose sein, die alle Bälle aufnehmen kann? Wenn Sie eine derartige Aufgabe in der achten Klasse beantworten können, sind Sie »kompetent«.

ZEIT: Deutschland ist im vergangenen Jahrzehnt in Mathe schon ein bisschen besser geworden. Wirkt sich das bereits auf das Wirtschaftswachstum aus?

Wößmann: Nein. Die Kinder, die beim letzten Pisa-Test 15 Jahre alt waren, sind jetzt 19 Jahre und vielfach noch gar nicht auf dem Arbeitsmarkt.

Hanushek: Wenn Deutschland bei Pisa noch einmal so gut aufholen würde, wie es das bisher getan hat, dann würde sich das Durchschnittseinkommen der Deutschen in den nächsten 80 Jahren um zwölf Prozent erhöhen.

ZEIT: Das hört sich gut an, aber 80 Jahre sind eine lange Zeit.

Wößmann: Die meisten Politiker leben nicht einmal lange genug, um die Früchte einer solchen Reform sehen zu können.

Hanushek: Es ist wie bei der globalen Erwärmung. Wir müssen die Menschen davon überzeugen, dass es gefährlich ist, wenn sie nicht handeln.

ZEIT: Immer noch drängen Schüler aus aller Welt an amerikanische Hochschulen. Das Land erinnert an Real Madrid: Dort spielen einige der besten Fußballer der Welt. Der eigene Nachwuchs wird darüber vergessen.

Hanushek: Und es wird künftig immer mehr Vereine auf der Welt geben, die sich um die besten Spieler kümmern. Das Niveau steigt. Die USA hatten einmal das beste Bildungsangebot der Welt. Das ist Vergangenheit.

ZEIT: Sie beide stören sich an der geringen Zahl der Schüler mit sehr guten Mathekenntnissen. Geht es nicht vor allem darum, die schlechten Schüler zu fördern?

Wößmann: In unserem Buch zeigen wir, dass bessere Schüler durchweg dafür sorgen, dass die Wirtschaft schneller wächst. Wir haben geschaut, in welchem Ausmaß der Prozentsatz der sehr guten und der schlechteren Schüler das Ergebnis beeinflusst. Beide Gruppen sind wichtig. Man muss sowohl die einen als auch die anderen fördern.

Hanushek: Wir hatten hier in den USA ein Bildungsprogramm namens »No Child Left Behind«. Ziel war es, jeden Schüler auf einen bestimmten Bildungslevel zu heben. Die Bundesstaaten, die es geschafft haben, die schlechten Kinder zu fördern, haben auch die Topschüler gefördert. Wenn der Wasserpegel steigt, werden alle Boote hochgehoben.

ZEIT: Ein schönes Bild. Aber woher soll das Wasser kommen?

Hanushek: Ein super Lehrer kann selbst an einer schwierigen Schule in einem Jahr den Stoff von eineinhalb Jahren Schule vermitteln, während schlechte Lehrer gerade einmal den Stoff eines halben Jahres unterkriegen. Wir brauchen ein System, das jedem Schüler einen super Lehrer garantiert.

ZEIT: Sie wollen die Lehrerausbildung verbessern?

Hanushek: Es geht nicht um die Ausbildung, es geht um eine bessere Auswahl. Wir müssen genauer und besser entscheiden, wer Lehrer werden darf.

ZEIT: Der britische Bildungsexperte Ken Robinson kritisiert, dass Schulen oft noch im Geist der Industrialisierung funktionieren würden: Schüler würden wie standardisierte Produkte für die Bedürfnisse der Wirtschaft ausgebildet, anstatt sie individuell und interessengeleitet zu fördern. Es kommt einem so vor, als hätten Sie nur die Qualitätssicherung dieser Fabriken im Auge.

Hanushek: Aus unserer Sicht ist es wichtig, dass die Schule elementare Kenntnisse vermittelt, auf denen alles Weitere aufbaut. Dass wir die Ergebnisse dieser Arbeit messen, finde ich ganz normal. Es gibt kein System und keine Reform, die wir kennen, die ohne eine Ergebnismessung funktionieren würde.

ZEIT: Glauben Sie, Ihr Weckruf wird in den USA etwas ändern?

Hanushek: Es geschieht schon etwas. In vielen Staaten wird das Abschneiden der Schüler verglichen. Zwölf Bundesstaaten haben Reformen angestoßen, durch die man Lehrer besser aussuchen und auch bewerten kann. Für die Eltern wurde die Wahl der Schule erleichtert. Die Lehrergewerkschaften werden kooperationsbereiter, weil sie sehen, dass sie Rückhalt in der Bevölkerung verlieren.

ZEIT: Sie schreiben: »Nur was man misst, kann man verbessern.« Sie beide sind schon große Testfans, nicht wahr?

Wößmann: Als die erste Pisa-Studie kam, hatten nur sieben von 16 Bundesländern ein Zentralabitur. Jetzt gibt es nur noch ein Land ohne zentrales Abitur, und wir sind in Pisa besser geworden. Warum? Wer Ergebnisse extern prüft, bekommt bessere Schülerleistungen.

Hanushek: Ein System wird nicht besser, wenn man nicht weiß, was am Ende rauskommt.


Über die Interviewten
Eric Hanushek, Jahrgang 1943, gilt als führender Bildungsökonom der USA. Er forscht an der Universität Stanford und saß dem National Board for Education Sciences vor. Bekannt wurde Hanushek durch seine Erkenntnis, dass die Qualität der Lehrer den Lernerfolg von Schülern bestimmt - und nicht die finanzielle Ausstattung der Schulen.

Ludger Wößmann wurde 1973 geboren. Er leitet das Zentrum für Bildungs- und Innovationsökonomik am ifo Institut für Wirtschaftsforschung in München und ist Professor für Bildungsökonomik an der Ludwig-Maximilians-Universität. Er ist Gründungsmitglied des Aktionsrats Bildung und war Gastprofessor an den Universitäten Harvard und Stanford.

»Endangering Prosperity - A Global View of the American School«. Das Buch von Eric Hanushek, Ludger Wößmann und Paul Peterson ist soeben in den USA erschienen.

Aus DIE ZEIT :: 26.09.2013

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