Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Rechtschaffen notenhörig

VON PETER WAGNER

Warum das Jurastudium auch weiter ohne Bachelor auskommt - und was sich trotzdem ändert.

Rechtschaffen notenhörig© TimToppik - Photocase.comFür Juristen wird der Erfolg im Berufsleben sehr stark von der Note ihres Staatsexamens bestimmt
Hört man Anna-Maria Pawliczek zu, wie sie von ihrem Rechtsstudium an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) erzählt, dann klingt das zunächst richtig gut gelaunt. Die Viadrina und die Zweigstelle der Universität Posen pflegen eine Kooperation, weshalb Anna-Maria, gebürtige Polin, recht häufig den kurzen Fußweg über die Grenze zum Collegium Polonicum geht, um dort Seminare in der Sprache ihrer Eltern zu hören. Begeistert spricht sie auch von ihrem Schwerpunkt in Europarecht, von ihrem Auslandsjahr im englischen Essex, sie taucht das ganze Studium in leuchtende Farben. Bis die 27-Jährige von ihrem ersten Staatsexamen erzählt. »Das hat mich geprägt, das prägt jeden. Bei der Vorbereitung geht man an seine Grenzen.« Ein Jahr lang geht Anna-Maria morgens um neun Uhr in die Bibliothek und abends um neun Uhr wieder raus, ihr Leben ordnet sich der großen Prüfung unter. Die Mühe lohnt sich: Anna-Maria Pawliczek bekommt im Examen 9,7 von 18 möglichen Punkten.

Das ist in Juristenkreisen eine tolle Note, weil die Skala nach oben hin so gut wie nie ausgeschöpft wird. Das Wohl und Wehe eines Jurastudenten spielt sich seltsamerweise in einem engen Punktekorridor ab. Wer mit sechs Punkten nach Hause geht, hat zwar locker bestanden, kann aber trotzdem Probleme haben, einen Job zu finden. Vieles ist in den Rechtswissenschaften anders als in anderen Studienfächern. Wer an einer der 43 deutschen juristischen Fakultäten sein Studium aufnimmt, tritt immer noch in eine besondere Gemeinschaft ein. Herausragende Absolventen werden für ihren Lernfleiß und ihre Zähigkeit mit Anerkennung und Geld geadelt. Professor Martin Löhnig ist Studiendekan an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Regensburg. Sein Fach habe gerade Konjunktur, sagt er, es kämen mehr Abiturienten ins Studium. »Die Studierenden glauben, dass sie mit Jura eine Qualifikation bekommen, die ihnen ein abgesichertes Leben ermöglicht «, sagt Löhnig. Aber für viele erfülle sich die Annahme nicht. Löhnig stellt eine grobe Rechnung auf, die viele seiner Kollegen an anderen deutschen Unis im Kern bestätigen: Etwa ein Drittel der Studenten falle durch das Staatsexamen, ein weiteres Drittel erreiche ein ausreichendes Examen, und ein Drittel sei besser als ausreichend. »Das Drittel mit dem ausreichenden Examen muss hart kämpfen. Die arbeiten im Backoffice von Anwaltskanzleien für Stundenlöhne, die sie auch im Frittenverkauf bekommen würden«, sagt Löhnig. Nach wie vor hänge der Erfolg von der Note im Staatsexamen ab.

Woher diese Notenhörigkeit kommt? Die Rechtswissenschaft ist neben der Medizin einer der letzten Monolithe in der deutschen Studienlandschaft. Selbst nach zehn Jahren Hochschulreform steht das Fach fast unverändert da. Noch immer gilt der Anspruch, an allen Universitäten die gleiche Ausbildung zum Einheitsjuristen anzubieten. Wenn die Landesjustizverwaltungen Ausschau nach künftigen Richtern und Staatsanwälten halten, interessieren sie vor allem die Noten in den Staatsexamina. »Daran wird sich nichts ändern«, prophezeit Professor Henning Radtke vom Deutschen Juristen-Fakultätentag. Auch große Anwaltskanzleien wollen vor allem die Note sehen. Jene 15 Prozent der Absolventen, die, wie Anna-Maria Pawliczek, mehr als neun Punkte erreichen, sind begehrt. In manchen Kanzleien verdienen sie 80 000 bis 120 000 Euro im ersten Jahr. Das Beharren auf dem Staatsexamen und einem Notensystem, in dem die Skala nie ausgeschöpft wird, weil - so argumentieren manche Professoren - ein Student während seines Studiums nie die ganze Komplexität des Faches durchdringen könne, wirkt wie eine Schrulle. Aber nur diese Beharrlichkeit, sagen die Professoren, erhalte die Qualität der Ausbildung. Und die Vermittlung einer breiten Wissensgrundlage liegt den Rechtslehrern am Herzen. »Durch die Art der Ausbildung sind die Studenten in der Lage, sich in jede unbekannte Materie einzuarbeiten. Wir lehren einen sehr systematischen Rechtszugang«, sagt Professor Radtke. Die Spezialisierung solle erst im Berufsleben geschehen.

Nun darf man nicht vergessen, dass es vor fünf Jahren bereits eine für die Verhältnisse des Faches erhebliche Reform gab. Seitdem gibt es im ersten Staatsexamen einen Staatsanteil von 70 Prozent und einen Universitätsanteil von 30 Prozent. In Letzterem können Studenten Schwerpunkte in bestimmten Fächern setzen. Professor Radtke erlebt, dass besonders sein Fach, das Strafrecht, viel Nachfrage erfährt. Fast 40 Prozent der Studenten in Hannover wählen die Kriminologie als Schwerpunkt. Das Fallmaterial ist anschaulich, und die Tatsache, dass im Fernsehen viel gemordet wird, erzeugt noch mehr Interesse. Häufig aber wählen Studenten ihren Schwerpunkt nicht nach eigenen Interessen, sondern nach der Reputation eines Professors. Bei allem Willen zur Gleichwertigkeit gibt es aber immer noch Unterschiede zwischen den Fakultäten, wie das neue Ranking des Centrums für Hochschulentwicklung» belegt. Am besten schneidet die Bucerius Law School mit Sitz in Hamburg ab, an der nur ausgewählte Studenten genommen werden, die hohe Studiengebühren zahlen. Die Distanz zu Fakultäten wie Regensburg ist immens. Professor Löhnig weiß das. Er spürt manchmal den Erfolg der Hamburger im Nacken. »Die Bucerius Law School bringt uns gegenüber unseren Studenten in Rechtfertigungsdruck.

Die bringen alle ihre Studenten in das oberste Drittel. Das zeigt: Wenn man eine bessere Betreuung hätte, könnte man den Studenten mehr beibringen.« In Regensburg liegt die Relation bei 1 : 90. »Wir machen Massenausbildung«, gibt Löhnig zu und beschreibt Vorlesungen vor 300 Studenten im Allge meinen Verwaltungsrecht, in denen man schon rein akustisch nur die erste Hälfte des Hörsaals erreiche. Die Regensburger Fakultät zählt 2000 Studenten und erlebt dieses Jahr den doppelten Abiturjahrgang in Bayern. Man sei vorbereitet, sagt Löhnig, das Personal sei aufgestockt worden: »Es ist schon möglich, mit Lehrenden in Kontakt zu kommen.« Man müsse nur Initiative zeigen. Immerhin sind die Regensburger noch weit von Fakultätsgrößen wie in Köln entfernt, wo die Betreuungsrelation bei 1 : 200 liegt. Gut betreut fühlen sich - laut Ranking - die Studenten etwa in Halle-Wittenberg mit einer Relation von 1 : 60. Dort habe man, so Dekan Professor Christian Tietje, schon Ende der Neunziger einen Master in Wirtschaftsrecht (LL.M. oec.) angeboten, der sich vor allem an deutsche Studierende richtete. Heute gibt es Masterstudiengänge in Medizin-Ethik- Recht und Wirtschaftsrecht. »Die Toparbeitgeber verlangen Zusatzqualifikationen«, sagt Tietje, »im Idealfall einen Doktor und einen Master.«

Seine Fakultät hat die Studienreform von 2006 genutzt, um ihr Profil zu schärfen. Statt der verbreiteten Schwerpunkte in Zivil- oder Europarecht bietet Halle-Wittenberg nun Forensische Praxis, Transnationales Recht und Kriminalwissenschaften. Kleine Dinge ändern sich also im deutschen Jurastudium, die großen Dinge bleiben jedoch, wie sie sind. Ein Bachelorstudium im Fach Jura wird es an den deutschen Hochschulen wohl auf absehbare Zeit nicht geben, allerdings gibt es verwandte Studiengänge, die mit dem Bachelor abschließen. In vielen Unternehmen finden beispielsweise Wirtschaftsrechtler oder Rechtsinformatiker eine interessante Position, für die sie kein Staatsexamen brauchen. Wer dagegen Richter oder Staatsanwalt werden will, wird auch in Zukunft, wie Anna-Maria Pawliczek, an seine Lern- und Leistungsgrenzen gehen müssen. Zwar treffen sich am 18. und 19. Mai die Justizminister der Länder an der Universität Halle- Wittenberg, um über eine etwaige Reform des Jurastudiums zu beraten. Aber nach allem, was man hören kann, steht das Votum der Minister schon so gut wie fest: Die Dinge bleiben, wie sie sind. Ohne Bachelor.

Aus DIE ZEIT :: 04.05.2011

Ausgewählte Artikel