Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Reden, bis es besser wird.

VON FRIEDERIKE LÜBKE

Als Psychiaterin in einer Klinik hat Johanna Rönfeldt Zeit für ihre Patienten. Die braucht sie auch. Denn zu ihr kommen die härtesten Fälle.

Reden, bis es besser wird© nailiaschwarz - photocase.deWer mit der Psyche arbeitet, hat ein ganzes Spektrum an Berufen zur Auswahl
Als Erstes an diesem Morgen verschreibt Johanna Rönfeldt ein Antidepressivum. Es ist neun Uhr, in ihrem Büro sitzt eine junge Frau. Mit Kuli zeichnet Johanna Rönfeldt eine Skizze für sie. Drei, vier blaue Striche, die an einen Schaltkreis erinnern und illustrieren sollen, wie im Gehirn Informationen weitergegeben werden. Die Mitte kreist Rönfeldt ein: Hier wird das Medikament ansetzen. Ihre Patientin ist erst Anfang zwanzig, aber schon schwer depressiv. Sie kennt sich aus. Johanna Rönfeldt sagt zu ihr: »Sie wissen, es verändert nicht den Charakter. Sie wissen, es macht nicht abhängig. Aber die Wirkung setzt erst in einigen Wochen ein, die Nebenwirkungen innerhalb von einer halben Stunde.« Dann zählt Rönfeldt all diese Nebenwirkungen auf, von Durchfall bis zur schwindenden Lust auf Sex. Das Gespräch soll nicht nur informieren, es soll auch die Therapie unterstützen, indem es die Patientin dazu bringt, selbst zu entscheiden, was für ein Medikament sie nehmen will - anstatt einfach irgendetwas zu schlucken, was verschrieben wurde. Eine Entscheidung auf Augenhöhe. Für psychisch Kranke sei das besonders wichtig, sagt Rönfeldt.

Johanna Rönfeldt ist eine schmale Frau mit klarer Stimme. Seit einem Jahr arbeitet die 34-Jährige als Stationsärztin und Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie auf einer Station für junge Patienten mit Essstörungen und Depressionen in der Asklepios-Klinik Nord in Hamburg-Ochsenzoll. Außer ihr arbeiten noch vier Psychologen und zwei Ernährungswissenschaftler auf der Station. Doch für die medizinische Betreuung ist Rönfeldt allein zuständig. An diesem Tag wird sie ein Mittel gegen erhöhte Schilddrüsenwerte verschreiben, einen Verdacht auf Gehirntumor überprüfen und nach der Ursache für eine Pilzinfektion forschen. Johanna Rönfeldt hat in Hamburg Medizin studiert und anschließend eine fünfjährige Facharztausbildung abgeschlossen. Psychiater behandeln Körper und Geist. Doch obwohl sie auch Medikamente verschreiben dürfen, haben sie als Mediziner einen schweren Stand.

»Psychiatrie machen nur die, die selbst einen an der Klatsche haben, oder die, die nichts können«: Diesen Satz hat Johanna Rönfeldt während des Studiums häufig gehört. Eine Frau, die schnell geht und schnell arbeitet und dabei so wirkt, als könnte sie auch ein Segelschiff durch einen Sturm steuern. Natürlich wollte auch sie weder für verrückt noch für unfähig gehalten werden. Doch dann arbeitete sie während ihres praktischen Jahres in der Psychiatrie. »Ich habe gemerkt: Ich kann was tun. Es gibt Leute, die brauchen dich«, sagt sie. Sie war begeistert. Auch wenn sie nun damit leben muss, dass ehemalige Kommilitonen schon mal zu ihr sagen: »Johanna? Scheiße, was machst du denn in der Psychiatrie?«

Wenn unter ihrem Bürofenster plötzlich wilder Gesang ausbricht, amüsiert sie das

Die Skepsis verwundert nicht, denn es sind die besonders schweren Fälle, die in einer Klinik wie in Ochsenzoll landen: chronisch Kranke, Patienten mit Wahnvorstellungen und Menschen, die nackt durch die Straße gelaufen sind. Schwere Fälle schrecken Rönfeldt nicht ab. Wenn unter ihrem Bürofenster, wo sich der Garten der geschlossenen Psychiatrie befindet, plötzlich wilder Gesang ausbricht, amüsiert sie das eher. Rönfeldt hat mehr Angst vor der Routine. »Das klingt jetzt komisch, aber ich mag auch die psychiatrischen Akutfälle.«

Rund 500 Mediziner erhalten jedes Jahr die fachärztliche Anerkennung als Psychiater und Psychotherapeuten. Etwa 13.500 Ärzte gibt es in Deutschland im Bereich Psychiatrie und Nervenheilkunde. Die meisten sind zwischen 50 und 59 Jahre alt. Es sind zu wenige, und sie sind zu alt. Gesucht werden Ärzte derzeit vor allem auf dem Land, und zwar sowohl in Kliniken als auch in Praxen, sagt Iris Hauth, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde. »Berlin ist gut versorgt, ebenso wie andere attraktive Großstädte. In den neuen Bundesländern oder in Flächenländern wie Niedersachsen sieht es anders aus.« Dabei steigt der Bedarf. Nicht weil mehr Menschen psychisch krank werden, aber weil die Betroffenen häufiger Hilfe suchen. »Angststörungen und Depressionen sind Volkskrankheiten«, sagt Iris Hauth. Anfang Juni hat ihre Organisation daher eine Nachwuchsinitiative gestartet, um Jüngeren den Beruf nahezubringen. Dazu gehört auch, die Vorteile der Therapeuten-Arbeit herauszustreichen. Denn als Psychiater mag man vor allem für die medikamentöse Behandlung zuständig sein. Wer aber auch als Psychotherapeut arbeitet, führt häufig Patientengespräche. Damit haben Psychiater das, was sich viele Medizinstudenten vom Arztberuf erhoffen: einen persönlichen Kontakt zu den Patienten. Und da man nicht von OP- oder Untersuchungsterminen abhängt, kann man sogar in der Klinik in Teilzeit arbeiten.

Die Ärzte auf der Station nennen den Plan für Essgestörte nur: Das »Knastprogramm«

Eine Stunde dauert das Aufnahmegespräch, das Johanna Rönfeldt heute mit einer Patientin führt. Die junge Frau war schon einmal wegen Essstörungen da. Geholfen hat es nichts. Inzwischen wiegt sie nur noch 46 Kilo und möchte »wieder ins Essen reinkommen«. Rönfeldt geht routiniert und zügig mit ihr die Aufnahmefragen durch: »Wie viel haben Sie abgenommen?«, »Wie ist das, wenn Sie sich im Spiegel sehen?«, »Haben Sie Suizidgedanken?«. Dann besprechen die beiden den Wochenplan. Die junge Frau wird das absolvieren, was Rönfeldt und ihre Kolleginnen »Knastprogramm« nennen: Bis sie zwei Kilo zugenommen hat, muss sie sich an strenge Regeln halten. Ihr Essen wird zubereitet und portioniert, sie muss es unter Aufsicht essen und sich anschließend eine Stunde vor die Fensterscheibe der Aufnahme setzen, damit sie nicht heimlich erbricht oder Kalorien verbrennt, indem sie etwa Treppen läuft. Johanna Rönfeldt ist realistisch. »Wenn jemand zum ersten Mal in die Klinik kommt, kann man viel erreichen.« Nach mehreren Klinikaufenthalten sei die Wahrscheinlichkeit geringer. Die essgestörten Patienten können sich jederzeit selbst entlassen.

Auch dass sie ihre Medikamente absetzen, kommt häufig vor. Oder sie tricksen beim Essen. Erst heute Morgen hat sich einer der unkontrollierten Esser am Käse bedient. Insgesamt hat Rönfeldt aber trotzdem das Gefühl, etwas zu bewirken. Deshalb arbeitet sie gern hier. Einige Kollegen fänden die Psychiatrie belastender als die Notaufnahme. »In der Psychiatrie kann man sich nicht hinter einem Arztkittel verstecken.« Die Patienten müssen ihr vertrauen, damit sie von Missbrauch oder Ängsten erzählen können. Deshalb spricht sie nicht nur während der offiziellen Gespräche mit ihnen, sondern lässt sich etwa von einem Patienten erklären, was die düsteren Bilder an der Wand seines Patientenzimmers bedeuten, die er dort aufgehängt hat.

Die Station hat Platz für 28 Patienten, im Durchschnitt bleiben sie sechs Wochen. Rönfeldts Büro liegt mitten zwischen den Zimmern. Oft steht ihre Tür offen. Sie hört Gesprächsfetzen und Türenklappern. Mittags weht der Essensgeruch herein. Jeden Donnerstag sitzt sie mit der Oberärztin, den Psychologen, den Ernährungswissenschaftlern und den Pflegekräften der Station zusammen in einem Stuhlkreis, spricht über alle Patienten und klärt Fragen wie: Wäscht er sich? Warum hat sie nur ein T-Shirt? Soll man den Katheter ziehen? Was hat die Blutuntersuchung ergeben? Kommt das Schwitzen von den Drogen? 40 Stunden die Woche dauert ihr Dienst, Überstunden nicht mitgerechnet.

Sie hätte es einfacher haben können. Johanna Rönfeldt ist die Einzige von 60 Ärzten ihres Ausbildungsjahrgangs, die nach der Facharztausbildung auf eine Station wollte. Alle anderen sind in die Psychiatrische Ambulanz gewechselt, wo es keine Nachtdienste gibt und man selbstständiger arbeitet. Aber sie hatte diese Abteilung schon während ihrer Facharztausbildung kennengelernt und wollte unbedingt in das Team. Die Hierarchie ist flach, der Kontakt ist gut. Mittags geht das Team gemeinsam in die Kantine. Wenn es einer Kollegin schlecht geht, werden Blumen geschickt. Und so hat die Arbeit auf der Station auch Johanna Rönfeldt selbst verändert. Als sie mit dem Beruf angefangen habe, erzählt sie, habe sie immer davon geträumt, Oberärztin zu werden. Aber dann wäre sie wieder Einzelkämpferin, nicht mehr Teil ihres Teams. Und das mag sie sich dann doch nicht mehr vorstellen.

Aus DIE ZEIT :: 30.06.2016