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Regeln ohne Wenn und Aber

Die Fragen stellte MARTIN SPIEWAK

Transplantationsmediziner Eckhard Nagel über die Ursachen des Organmangels in Deutschland und mögliche Auswege.

Regeln ohne Wenn und Aber© uchar - iStockphoto.comBesonders in Deutschland werden Organe benötigt, doch das Vertrauen in die Organtransplantation ist erschüttert
DIE ZEIT: Sie sind Transplantationsmediziner und Mitglied im Deutschen Ethikrat. Angesichts der aktuellen Diskussion um die Organspende fragt man sich: Geht beides zusammen?

Eckhard Nagel: Das geht sehr wohl zusammen, und schon die Frage erschüttert mich. Aber sie zeigt, wie weit der Vertrauensverlust durch die nun aufgedeckten Manipulationen reicht. Für mich, der sich seit mehr als 20 Jahren für die Organspende einsetzt, bringt das den Boden zum Wanken.

ZEIT: Nun sagen alle Transplantationsmediziner, sie hätten sich eine Manipulation von Patientendaten, um besser an Organe heranzukommen, nicht vorstellen können. Ist dieses Unwissen glaubwürdig?

Nagel: Egal, was jetzt in der öffentlichen Diskussion über unsere Zunft gemutmaßt wird - ich persönlich habe tatsächlich nicht geglaubt, dass so etwas in Deutschland passiert. In meinen Vorträgen zur Organtransplantation habe ich immer stolz darauf hingewiesen, dass wir in Deutschland auch vor dem ersten Transplantationsgesetz von 1997 keine Fälle von Organhandel oder von Manipulation bei der Verteilung von Organen hatten. Jetzt muss ich anerkennen: Zu glauben, dass so etwas bei uns nicht vorkommen kann, war unrealistisch.

ZEIT: Sie kannten den verdächtigen Arzt, der die Vorwürfe allerdings bestreitet. Er hat wie Sie und ein großer Teil der heute führenden Transplantationsmediziner sein Handwerk in Hannover gelernt.

Nagel: Richtig, bei Rudolf Pichlmayr. Pichlmayr war nicht nur ein außergewöhnlicher Chirurg - auf ihn geht ja die Einführung des Begriffs der Transplantationsmedizin in Deutschland zurück. Er war ein äußerst reflektierter und zurückhaltender Mediziner, der diese Haltung auch an seine Schüler weitergegeben hat. Lange Zeit hat er es trotz vielfachen Drucks abgelehnt, bei Kindern Nierentransplantationen durchzuführen, weil er die Spätfolgen für die Transplantierten fürchtete. Erst als er alle Probleme für ausreichend durchdacht hielt, hat er diesen Schritt gewagt. Den jetzt geäußerten Verdacht, in Hannover habe man es mit der Ethik nicht so genau genommen, muss ich scharf zurückweisen. Es zeigt sich aber, dass nicht alle mit dem persönlichen Erfahrungsschatz gleich umgehen.

ZEIT: Auch Sie gehen von einem Einzelfall aus?

Nagel: Man muss es immer wieder sagen: Bislang gibt es nach meiner Kenntnis nur den Fall, den wir jetzt diskutieren.

ZEIT: Aber ganz allein kann niemand Patientenakten fälschen. Half das Hierarchiedenken, das in der Universitätsmedizin noch immer vorherrscht? Gerade bei Chirurgen ist es stark ausgeprägt.

Nagel: Die Organisation der Universitätschirurgie ist entwicklungsfähig, was Mitbestimmung und auch Kritikfähigkeit angeht. Dass Mitarbeiter jedoch wegschauen, wenn ethisch nicht vertretbare Handlungen stattfinden, dürfte die Ausnahme sein. Gerade in der Transplantationsmedizin arbeiten Menschen, die eine hohe persönliche Hingabe für die Patienten haben ...

ZEIT: ... die sie vielleicht ja gerade anfällig dafür macht, zu manipulieren, damit der Kranke ein neues Organ bekommt.

Nagel: Die Spannung, helfen zu wollen, aber wegen des Organmangels nicht helfen zu können, ist natürlich groß. Das belastet emotional, weil es oft um Leben und Tod geht. Aber auch in der Onkologie oder in der Palliativmedizin benötigen Ärzte eine besondere professionelle Distanz. Die kann man lernen, und das ist in der Transplantationsmedizin nicht schwieriger als in anderen Bereichen. Die Not des einzelnen Patienten, der ein Organ benötigt, kann niemals eine Entschuldigung für Manipulation sein.

ZEIT: Ist die Reaktion von Öffentlichkeit und Politik unangemessen?

Nagel: Nein, ich kann das gut verstehen. Gerade in der Transplantationsmedizin müssen die Menschen das Gefühl haben, dass die Regeln ohne Wenn und Aber eingehalten werden. Da können schon ein, zwei einzelne Missbrauchsfälle das Vertrauen erschüttern. Wenn aber von Politikern, die es besser wissen, Sonderstaatsanwaltschaften gefordert werden, die den Sumpf der Transplantationsmedizin trockenlegen sollen, dann verschlägt es mir doch die Sprache.

ZEIT: Man hat eben den Eindruck, die Ärzte seien mit der Selbstkontrolle bei der Transplantationsmedizin überfordert und zur Transparenz nicht fähig.

Nagel: Wir müssen unsere Arbeit und das Vorgehen bei der Organverteilung ohne Frage besser erklären. Aber der Eindruck, es gebe in der Transplantationsmedizin überhaupt keine Transparenz, ist falsch. Jeder Fall wird detailliert dokumentiert, damit nachvollzogen werden kann, welches Organ warum an welchen Patienten geht. Auf kaum einem anderen Feld der Medizin, weder in der Tumorchirurgie noch in der Frühgeborenenbehandlung, haben Sie solche Daten.

ZEIT: Aber es wäre für die Ärzte selbst vielleicht eine Entlastung, wenn der Staat eine größere Rolle in der Transplantationsmedizin spielte.

Nagel: Wir brauchen stärkere Kontrollen und schärfere Sanktionen, das hat der aktuelle Verdacht gezeigt. Ob eine Bundesbehörde die Verteilung jedoch besser organisieren könnte, bezweifele ich. Die Gefahr, dass die Entscheidungen weit weg vom Patienten gefällt werden, halte ich für recht groß. Eine juristische Betrachtung eines Falles kann die ärztliche Entscheidung nicht ersetzen. Beispiel Warteliste: Es gibt nur medizinische Kriterien, die eine Entscheidung über die Aufnahme in diese beeinflussen können. Ein Richter kann hier kaum helfen.

ZEIT: Dürfen Mediziner, die viele Organverpflanzungen vornehmen, wie in Göttingen durch einen Bonus belohnt werden?

Nagel: Auf konkrete Fälle bezogene persönliche Anreize für einen einzelnen Arzt sollte es nicht geben.

ZEIT: Wer nicht mit einem Bonus belohnt wird, wird aber womöglich durch den Controller seiner Klinik bestraft, wenn er nicht genug operiert.

Nagel: Wirklich bestraft wird niemand, aber der ökonomische Druck ist da, und er wächst. Als ich vor 30 Jahren studierte, spielte Geld in der Medizin bei den Entscheidungen über Diagnostik und Therapie keine Rolle. Heute wird jede Behandlung mit einer Fallpauschale abgerechnet, einem Instrument übrigens, das wir Anfang 1990 erstmals in der Transplantationsmedizin getestet haben. Vielleicht müssen wir nun wieder beginnen, die Fallpauschalen auszusetzen und die Zentren global zu bezahlen.

ZEIT: Ist das Problem der Transplantationsmedizin, dass es hier um besonders viel Geld geht?

Nagel: Nein, die Dialyse ist teurer als eine Nierentransplantation. Auch ein Krebspatient, der eine aufwendige Chemotherapie benötigt, ist, in diesen Kategorien gedacht, nicht günstiger als ein Patient, der ein neues Organ bekommt. Ein Problem ist hingegen, dass es vergleichsweise wenige Transplantationen in Deutschland gibt, aber recht viele Transplantationszentren. In Nordrhein-Westfalen allein gibt es zehn Krankenhäuser, die Organe verpflanzen. Ob das nötig ist, möchte ich bezweifeln. Es schafft offensichtlich eine ungute Konkurrenz um ein knappes Gut.

ZEIT: In Deutschland ist der Mangel an Organen besonders groß. Warum eigentlich?

Nagel: Das ist eine entscheidende Frage, die mich schon lange beschäftigt. Als Arzt ist es hart, einem Patienten gegenüberzusitzen und zu wissen, dass er in Österreich oder Spanien eine Überlebenschance hätte, im eigenen Land aber wahrscheinlich sterben muss. Seit fast 20 Jahren diskutieren wir nun, wie wir mehr Menschen zur Organspende bewegen können. Leider weitgehend vergeblich.

ZEIT: Aber warum?

Nagel: Sicherlich werden ethische Fragen hierzulande intensiver diskutiert als in den USA oder England. Manchmal habe ich auch das Gefühl, dass wir Deutschen die Auseinandersetzung mit dem eigenen Sterben - und darum geht es ja bei der Organspende - besonders scheuen.

ZEIT: Verdrängen ist menschlich.

Nagel: Aber das Verdrängen der Frage, ob ich Spender werde oder nicht, ist keine rein persönliche Sache. Das Thema hat potenzielle Auswirkungen auf andere Menschen und ist damit eine Frage der - um ein großes Wort zu gebrauchen - Solidarität. Ich frage mich, warum das in Deutschland so schwer zu vermitteln ist. Selbst eine klare Entscheidung gegen die Organspende ist hilfreich, weil sie den Angehörigen eine schwere Entscheidung in einer höchst schmerzhaften Situation abnimmt.

ZEIT: Nun soll aber bald jeder von seiner Krankenkasse aufgefordert werden, sich zu entscheiden. Das müsste Sie freuen.

Nagel: Das neue Gesetz fußt ja auf einer Empfehlung des Ethikrates. Ich hätte mir eine Entscheidungspflicht nach umfassender Information gewünscht. In der nun gültigen Form des Gesetzes muss sich niemand entscheiden. Gerade nach den aktuellen Vorfällen und den vielen Vorwürfen, die gegen die Transplantationsmedizin im Raum stehen, gibt es vielleicht jetzt Menschen, die sagen: Mit dem Ganzen will ich mich nicht mehr beschäftigen. Eine solche Haltung wäre fatal. Sie würde uns allen schaden, nicht nur denjenigen, die auf ein Organ warten.


Über den Autor
Christiane Gaehtgens war bis 2008 Generalsekretärin der Hochschulrektorenkonferenz (HRK). Heute ist sie in der strategischen Hochschulberatung tätig.

Aus DIE ZEIT :: 16.08.2012

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