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Reglementiert und eingeengt?

Von Tino Bargel

Mit dem Innenleben und den Einstellungen der Studierenden kennt sich Tino Bargel gut aus. Wieviel Revoluzzertum steckt in den Studierenden, wofür kämpfen sie, was treibt sie um? Ein Blick in die verunsicherte Seele der heutigen Studentengeneration.

Reglementiert und eingeengt?© René Mansi - iStockphoto.com
Forschung & Lehre: Die Studenten haben in den vergangenen Monaten demonstriert, Hörsäle besetzt und Veranstaltungen gestört. Liegt der Vergleich mit '68 nahe?

Tino Bargel: Ein solcher Vergleich wird zwar gern angestellt, bringt aber wenig, führt eher in die Irre. Denn die Ausgangslage und politische Konstellation ist gänzlich anders. Heute geht es den Studierenden um Verbesserungen der Studiensituation und ihrer Qualifizierung für den Arbeitsmarkt, sie stellen nicht die Autorität der Professoren in Frage, erinnern sie eher an ihre Verantwortlichkeit. Sie stellen keineswegs die gesellschaftliche System- oder Machtfrage, sie wollen vielmehr Lösungen für die Probleme an den Hochschulen und für ihre Zukunft erreichen. Auch finden sie mit ihren Einwänden und Forderungen in den Medien wie bei den Verantwortlichen und Lehrenden an den Hochschulen viel mehr Resonanz, ja Zustimmung, man setzt sich mit Ihnen zusammen und sucht öfters gemeinsam nach Lösungen.

F&L: Aber es geht doch auch um allgemeinere Themen?

Tino Bargel: Ja, der Protest der Studierenden betrifft auch allgemeinere Themen wie soziale Gerechtigkeit, die Zukunft der jungen Generation, der Stellenwert von Bildung. Es wird daher viel davon abhängen, wie die Verhandlungen mit den Studierenden verlaufen und wie ihre Vorschläge berücksichtigt werden, z.B. was das BAFöG oder die Studiengebühren anbetrifft. Bleibt es bei politischen Sonntagsreden, ohne dass Entscheidendes voran gebracht wird, kann der studentische Protest durchaus stärkere und breitere Wellen schlagen.

F&L: Muss die Politik die Studierenden fürchten?

Tino Bargel: Weder die Politik noch die Hochschulen müssen die Studierenden fürchten. Studierende neigen zwar zum Protest und sind dabei keineswegs zimperlich: die Protestformen reichen bis hin zu Nötigung und grobem Unfug. Aber in der demokratischen Gesellschaft gehören Konflikt, das Einbringen von Interessen und die harte Auseinandersetzung zum Alltag. Außerdem sind Furcht und Angst keine guten Ratgeber in der Politik, weder für Politiker noch für Studierende.

Für die allermeisten Studierenden sind zudem aggressive Gewalt oder eine außerparlamentarische, gar subversive Opposition keine möglichen Optionen des politischen Handelns, jedenfalls bislang nicht. Noch sehen sie genug Chancen, ihre Anliegen über Verbände und Gespräche erfolgreich einzubringen. Und die Hochschulen wie die Professoren signalisieren ihnen, dass sie gehört und beachtet werden, etwa bei den Reparaturen zum Bologna-Prozess, bei Fragen der Akkreditierung, der Gestaltung der Module oder der Anlage von Prüfungsformen.

F&L: Gern werfen Kritiker den heutigen Studenten vor, keine Ideale oder Visionen mehr zu haben. Stimmt das?

Tino Bargel: Ideale, noch mehr Visionen sind den Studierenden heute eher fremd, jedenfalls weit mehr als früheren studentischen Generationen. Es muss nicht gleich der rebellische Idealismus eines jungen Schiller sein, aber etwas mehr pragmatischer Idealismus, etwas mehr Engagement für die Allgemeinheit und etwas mehr Bemühungen um Konzepte für die Zukunft, all das täte den Hochschulen und Studierenden gut. Bedenklich erscheint mir, dass die Bereitschaft zur politischen Meinungsbildung unter den Studierenden geringer geworden ist. Ihre Zurückhaltung ist weniger ein Ausweis von Toleranz, sondern mehr von Gleichgültigkeit und Beliebigkeit. Die Studentenschaft ist in großen Teilen durch "Ratlosigkeit" und "Verunsicherung" gekennzeichnet. Die Studierenden sind sich weithin darüber im Unklaren, wie die gesellschaftliche Entwicklung weiter gehen soll, für was sie sich einsetzen könnten. Bei all dem sind sie aber sehr aufgeschlossen und unvoreingenommen, orientieren sich international und bleiben misstrauisch gegen einfache Parolen. Die einst ausgeprägte kontroverse Lagerbildung unter den Studierenden hat nachgelassen, etwa zwischen Juristen und Ökonomen auf der einen, Sozialund Geisteswissenschaftlern auf der anderen Seite. Es werden weniger Feindbilder produziert, auch nach außen im Verhältnis zu anderen Kulturen.


F&L: Was bedeuten der heutigen Studentengeneration Bildung und Kritikfähigkeit? Was ist ihr wichtig?

Tino Bargel: Fragen der Zugehörigkeit und der sozialen Sicherheit, nicht zuletzt eines stabilen Arbeitsplatzes, haben für die Studierenden einen weit höheren Stellenwert bekommen. Auch der wärmende Wert der Herkunftsfamilie ist deutlich gestiegen. Die öffentliche Sicherheit ist ihnen heute ebenfalls wichtiger als Mitbestimmung oder Solidarität. "Bildung" im Sinne von kultureller Aufgeschlossenheit und Aktivität hat etwas an Wichtigkeit eingebüßt, die "Qualifikation" für eine Tätigkeit steht mehr im Vordergrund. Bildung wird weniger mit Kreativität und Eigensinn angefüllt, vielmehr mit allgemeinen Kompetenzen wie Kommunikation oder Präsentation. Daher wird "Kritikfähigkeit" eher in einem instrumentellen Sinne als "Schlüsselqualifikation" für den Beruf verstanden und nachgefragt. Weniger gemeint ist damit ein grundsätzliches Infragestellen der Verhältnisse oder der Mut zu einer abweichenden Ansicht. Das Engagement für die Lösung gesellschaftlicher Ungerechtigkeiten oder ökologischer Probleme als Teil von Kritik finden immer weniger Anklang.

F&L: Haben die Studenten das inzwischen öffentlich permanent beschworene Leistungsprinzip besser verinnerlicht als uns lieb sein kann?

Tino Bargel: Im Grunde haben die Studierenden das Leistungsprinzip stets geteilt, selbst wenn das studentische Leben mit Parties und Feiern nicht immer danach aussieht. Als gesellschaftliches Kriterium für Aufstieg und Anerkennung wird das Leistungsprinzip von den Studierenden am meisten befürwortet; vielen erscheint es aber in der Gesellschaft nicht angewandt, zwar beschworen, aber ohne Geltung. Daher ist der Eindruck von sozialer Ungerechtigkeit weit verbreitet; offenbar wächst das Unbehagen, faire Aufstiegschancen gingen zurück.

Die eigene Bewährung im Studium, das Erfüllen der Anforderungen ist den Studierenden durchweg sehr wichtig. Die Anstrengungsbereitschaft und Effizienzorientierung hat sich sogar vermehrt: wie man an der Absicht zu kürzerer Studiendauer ablesen kann. Die Studierenden wollen aber ihren Einsatz möglichst selber steuern, das Ergebnis kontrollieren und die Folgen beeinflussen können. Das ist für sie immer weniger im Studium und beim Berufsübergang gegeben, was entscheidend zur Irritation dieser Studentengeneration beiträgt. Daher äußern sie das Verlangen nach mehr Rückmeldungen zum Leistungsstand im Studium und nach mehr Beratung und Unterstützung bei der Berufsfindung. Generell haben die Studierenden den Eindruck, dass sie nicht mehr "Autor" ihrer Geschichte sind, weil Regularien und Anforderungen sie einengen, sie in undurchschaubaren Abhängigkeiten stehen und sie ihren zukünftigen Weg wenig durch eigene Leistung oder Wollen beeinflussen, geschweige denn gestalten können.

F&L: Die Universität als ein - geschützter - Raum für Andersartigkeit und anderes Denken, für ein Experimentieren mit den eigenen Möglichkeiten: Ist das endgültig vorbei?

Tino Bargel: Die Hochschule als Elfenbeinturm, abgeschirmt gegen das raue Erwerbsleben, und das Studium als Moratorium der eigenen Entwicklung sind schon seit längerem Vergangenheit. Die Studierenden verlangen und realisieren den Bezug zur Praxis, sie befürworten die Kooperation mit der Wirtschaft und richten sich beim Studium mehr an den beruflichen Erfordernissen aus. Die überwiegende Mehrheit der Studierenden hat Erfahrungen mit dem Erwerbsleben, ein größerer Teil muss vermehrt erwerbstätig sein, um das Studium zu finanzieren. Nur selten wird die Zeit des Studiums als Phase der Erprobung und der Suche nach Alternativen genutzt. Den meisten Studierenden ist sogar unklar, was als "alternativ" zu verstehen ist, wie beispielsweise der Vorrang der Selbstverwirklichung, der Widerstand gegen berufliche Zwänge, der Verzicht auf materiellen Wohlstand oder das Einlassen auf autonome Lebens- und Arbeitskollektive.

Mit der Einführung des Bachelor ist das Studium vielerorts sehr strikt gefasst und standardisiert worden. Oftmals ist es auf die Berufsbefähigung einseitig ausgerichtet, muss zügig ohne Um- oder Nebenwege durchlaufen werden. Das geht nun sogar den Studierenden zu weit. Daher fordern sie mehr Zeit zum Nachdenken, Diskutieren und Experimentieren; auch um breitere Erfahrungen, etwa im Ausland, zu sammeln. In diesem Begehren sollten sie unterstützt werden, indem die Ausbildungsziele und die Lehre wieder stärker auf Bildung und Idealismus, auf Internationalität, demokratische Teilhabe und öffentliches Engagement ausgerichtet werden. Eine solche Studienqualität käme nicht nur der heutigen Studentengeneration zugute, sondern auch den Hochschulen und der Gesellschaft.


Über den Autor
Tino Bargel arbeitet in der AG Hochschulforschung der Universität Konstanz und ist Mitherausgeber des regelmäßig erscheinenden Studierendensurveys.


Aus Forschung und Lehre :: Juli 2010

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