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Rettet die Fachhochschulen!

VON OLAF WINKEL

Die Politik ist dabei, die Uni-Konkurrenz finanziell auszutrocknen. Ein Mahnruf.

Rettet die Fachhochschulen!© Frog 974 - Fotolia.comDie Einkünfte der Fachhochschulen nehmen stetig ab und damit auch Ihre Konkurrenzfähigkeit
Gerade einmal 3890 Euro pro Student. So viel Geld erhielten die deutschen Fachhochschulen im Jahr 2009 durchschnittlich von den Ländern. Bei den Universitäten war es mit 8540 Euro pro Student mehr als doppelt so viel.

Diese Differenz von 4650 Euro stellt den vorläufigen Höhepunkt einer einseitigen Verteilungspraxis dar, von der man auch im Bologna-Prozess nicht abgerückt ist. Bis zum Haushaltsjahr 2005 betrugen die durchschnittlichen Grundmittel im Fachhochschulbereich noch etwas mehr als die Hälfte des Volumens, das für die Universitäten bereitgestellt wurde, 2006 sanken sie erstmals unter diese Marke, die sie auch in den Folgejahren nicht mehr erreichten. Die Fachhochschulen mussten - und hier wird das katastrophale Ausmaß der Fehlentwicklung deutlich - ihre immens angewachsenen Aufgaben 2009 mit Grundmitteln erfüllen, die nominal dem 1995 erhaltenen Betrag entsprachen; wie stark die Mittel gefallen sind, wird erst klar, wenn man den Betrag um in vierzehn Jahren angefallene Inflationsverluste bereinigt. Die exklusiv für Universitäten vorgesehene Exzellenzinitiative führt zu weiteren Wettbewerbsverzerrungen zulasten der Fachhochschulen.

Auch ein Vergleich mit den Verwaltungsfachhochschulen - die exklusiv für die öffentliche Verwaltung, den Polizeidienst oder die Finanzbehörden ausbilden und anders in das Hochschulsystem eingebunden sind - lässt die regulären Fachhochschulen alt aussehen. Noch 1995 waren die durchschnittlichen Grundmittelzuweisungen für Verwaltungsfachhochschulen ähnlich hoch wie die für reguläre Fachhochschulen. Im Jahr 2000 gab es bereits eine Differenz von 2150 Euro pro Student, im Jahr 2007 bekamen die Verwaltungsfachhochschulen 4800 Euro mehr. 2009 erreichte der Wert für die Verwaltungsfachhochschulen 8880 Euro, wodurch sogar der Betrag für die Universitäten übertroffen wurde.

Auch wenn die Zahlen für die Verwaltungsfachhochschulen teilweise durch abweichende Berechnungsgrundlagen nach oben verzerrt werden, fügen sie sich doch nahtlos ein in das Bild einer von Asymmetrien und Paradoxien geprägten Hochschulpolitik: Während die Politiker die regulären Fachhochschulen in einen Wettbewerb mit den Universitäten geschickt haben, um sie gleich darauf finanziell austrocknen zu lassen, sind die Ressourcenzuteilungen bei vielen Verwaltungsfachhochschulen sogar schneller gewachsen als im Universitätssektor. Viele Verwaltungsfachhochschulen könnten die Konkurrenz mit den Universitäten daher durchaus bestehen, aber zumeist müssen sie es gar nicht, weil ihnen Ausbildungsmonopole geschützte Bereiche garantieren.

Die durch Bologna ausgelöste Umstellung, Erweiterung, Ausdifferenzierung, Internationalisierung und Akkreditierung von Lehrprogrammen hat den Hochschulen viele neue Aufgaben beschert. Weil diesen Aufgaben im Fachhochschulsektor keine neuen Mittel gefolgt sind, können sie dort häufig nur um den Preis von Qualitätseinbußen in Lehre und Betreuung bewältigt werden. An vielen Fachhochschulen bedroht die Überlastung der Kollegien zudem die Forschung, was in doppelter Weise kontraproduktiv ist, weil sich eine aktuelle und anwendungsorientierte Lehre ohne ein Mindestmaß an Forschung nicht realisieren lässt.

Das politisch proklamierte Ziel ist, mehr Studienanfänger an die Fachhochschulen zu locken - auch um die Universitäten vom Studentenansturm zu entlasten. Wenn der Staat jedoch seine Fachhochschulen weiter so im Regen stehen lässt, wird er das genaue Gegenteil erreichen: ihr allmähliches Ausbluten. Nicht nur für Studenten, die auf eine engagierte, innovative Lehre hoffen, wäre das ein unwiederbringlicher Verlust.


Über den Autor
Olaf Winkel ist Professor an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin.

Aus DIE ZEIT :: 21.06.2012

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