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Revolution!

von MARION SCHMIDT

Deutsche Hochschulen tun sich schwer mit der digitalen Lehre. Doch einzelne Professoren treiben die Entwicklung voran.

Revolution© dem10 - iStockphoto.comDigitale Vorlesungen, kostenlos und für jeden zugänglich, revolutionieren die akademische Welt
Ein digitaler Tsunami. The next big thing. Eine Revolution. Kaum ein Begriff ist groß genug, um das zu beschreiben, was da gerade, aus den USA kommend, über die akademische Welt hereinbricht. Elite-Unis wie Stanford und Harvard stellen einen Teil ihrer Vorlesungen ins Netz, kostenlos und für jeden überall zugänglich. Diese sogenannten massive open online courses (Moocs) werden die Lehre gravierend verändern, sagen Professoren, Bildungsexperten und Kapitalgeber, die die Entwicklung eng begleiten.

Ob zum Besseren oder Schlechteren, ist offen. Tatsache aber ist: In den USA sind die Umwälzungen bereits in vollem Gange. (Lesen Sie auch: "Harvard für alle"). Etwa drei Millionen Menschen haben sich bereits für derlei Onlinekurse angemeldet. Staatliche Hochschulen wie etwa die kalifornische San José State University ersetzen damit Einführungsveranstaltungen - um mehr Menschen mit akademischer Bildung zu erreichen und gleichzeitig Geld zu sparen. Erste Studien zeigen, dass es ihnen mit webbasierten Vorlesungen sogar gelingen kann, die Durchfallquoten zu senken. Investoren stecken Millionen in Onlineplattformen wie Coursera und Udacity, auf denen Professoren Erklärvideos veröffentlichen können.

Harvard und das Massachusetts Institute of Technology (MIT) haben 60 Millionen Dollar in den Aufbau ihrer Plattform EdX gesteckt. Noch fließt davon kaum etwas zurück, aber die Hoffnungen, mit Moocs nicht nur die Lehre zu verbessern, sondern auch Geld zu verdienen, sind groß. Und in Deutschland? Im Vergleich zu dem Tsunami, der über amerikanische Unis hinwegfegen mag, ist hierzulande bislang eher ein laues Lüftchen zu spüren. Es gibt einzelne Professoren, die solche digitalen Möglichkeiten für sich und ihre Studenten zu nutzen wissen. Doch die meisten Unis tun sich schwer mit dem Thema. Sie haben derzeit mit ganz anderen Problemen zu kämpfen, mit der unzureichenden Finanzierung etwa und mit hohen Studentenzahlen. Zudem sehen viele für sich keine Vorteile in den Kursen, sie fürchten eher hohe Anlaufkosten. Es gibt, zumindest im Moment, für viele Unis weder den Druck noch den Anreiz zu handeln.

»Beobachten und abwarten« scheint daher die Devise vieler Hochschulleitungen zu sein. »Man muss nicht jeden kurzlebigen Trend mitmachen«, sagt der Kanzler der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Bernd Klöver. Moocs allein würden den Ansprüchen einer am Studienerfolg ausgerichteten Lehre kaum gerecht werden. Ungeklärt sei etwa, wie die Qualität der Angebote gesichert werden kann und ob und wie virtuell erbrachte Leistungen für ein Präsenzstudium anerkannt werden können. Die Skepsis gegenüber digitalen Lernformen sitzt tief. Manch ein Lehrender erinnert sich an den Hype um das E-Learning zur Jahrtausendwende, als Politik und Wirtschaft Millionen investierten, um virtuelle Hochschulen aufzubauen. Die Erfahrungen waren ernüchternd, auch weil die Technik noch nicht ausgereift war.

Das allerdings ist heute anders. Tablet-Computer und schnelle, kabellose Internetverbindungen sind weit verbreitet und ermöglichen das Lernen zu jeder Zeit an jedem Ort. Wer heute studiert, ist mit dem Internet aufgewachsen und nutzt es selbstverständlich, um sein soziales Leben zu organisieren. Studenten fragen sich, warum sie sich in einen Hörsaal mit 800 Leuten setzen sollen, um sich eine langweilige Vorlesung anzuhören - wenn sie sich das gleiche Wissen auch aus dem Netz holen und dort sofort mit Kommilitonen diskutieren können. Die Digitalisierung ist aktuell wohl die wichtigste Entwicklung in der Hochschulbildung. Vor allem international konkurrierende Spitzenuniversitäten werden sich dem Trend auf Dauer nicht verweigern können. Die TU München und die Universität München stellen bereits einige Onlinekurse auf der Plattform von Coursera bereit - pro Land nimmt das kalifornische Unternehmen nur fünf Spitzen-Unis in sein exklusives Netzwerk auf. Andere Hochschulen werden ihr Engagement dagegen nur vorantreiben, wenn sie sich davon konkrete Vorteile versprechen. Das könnte die Erschließung neuer Zielgruppen sein oder der Ausbau der Weiterbildung.

Angebote im Netz

Iversity

Die Idee, eine Art Soziales Netzwerk für Vorlesungen zu gründen, hatte Hannes Klöpper, der Geschäftsführer von Iversity, schon vor fünf Jahren. Doch erst jetzt gibt es die Plattform, auf der, ähnlich wie beim US-Anbieter Coursera, Hochschulen und Professoren ihre Kurse online stellen können.

OpenHPI

Die interaktive Bildungsplattform OpenHPI wurde vom Hasso-Plattner-Institut an der Uni Potsdam entwickelt. Auf OpenHPI laufen seit September 2012 ausschließlich eigene Inhalte wie etwa ein Kurs zu Datenbanktechnologie. Die Kurse sind zeitlich begrenzt, und ihr Schwerpunkt liegt auf IT. Sie werden in Englisch und Deutsch angeboten.

Telekom/TU9

Die Deutsche Telekom hat eine cloudbasierte Lernumgebung entwickelt, die im Wintersemester an der privaten Steinbeis-Hochschule in Berlin getestet wurde. Jetzt soll das Modell auch anderen Hochschulen angeboten werden. Nach Informationen der ZEIT verhandelt die Telekom mit dem Verbund der neun führenden technischen Universitäten (TU9) über eine Kooperation mit dem Arbeitstitel »German Engineering«.
Immerhin ist nun an einigen Unis etwas in Bewegung geraten. Das zeigt die erste Auswertung des Wettbewerbs, den der Stifterverband für die deutsche Wissenschaft ausgelobt hat. Die zehn besten Moocs werden dabei mit jeweils 25.000 Euro prämiert. Von den bis Ende Mai eingereichten 255 Bewerbungen kommen 189 von deutschen Professoren. Und es gibt auch jetzt schon eine ganze Reihe von Initiativen, die das Potenzial haben könnten, die Entwicklung hierzulande nach vorn zu bringen, und zwar mit eigenen Modellen, ohne den Amerikanern hinterherzurennen.

Jörn Loviscach beispielsweise hält vieles von dem, was US-amerikanische Professoren im Netz präsentieren, für »Volkshochschule«. Er selbst macht vor, wie sich digitale Kurse für die Präsenzlehre nutzen lassen. Einen Hörsaal hat der Professor für Mathematik und Informatik seit Jahren nicht mehr betreten. Auch Vorlesungen hält er keine mehr. Trotzdem lernen täglich Tausende Menschen bei ihm Vectoranalysis. Und wer an der Fachhochschule Bielefeld, an der Loviscach lehrt, eingeschrieben ist, diskutiert und vertieft das Wissen bei ihm in Übungen. Er hat Mitte 2009 als erster deutscher Hochschullehrer damit begonnen, Massenvorlesungen ins Internet auszulagern. Loviscach stellt »keine 90-Minuten-Klopfer« online, sondern er teilt seine Veranstaltungen in zehnminütige Wissenshappen auf, die mit Aufgaben gemischt werden und in interaktiven Foren oder an der Hochschule nachbearbeitet werden können. Inverted classroom nennt sich das, umgekehrtes Klassenzimmer: Anders als üblich, eignet man sich das Wissen außerhalb der Uni an und vertieft es dann in Präsenzseminaren. »Das rein passive Zuhören«, sagt Loviscach, »ist die ineffektivste Art zu lernen.«

Diejenigen, die sich auf das internationale digitale Parkett wagen, tun dies durchaus selbstbewusst. Am Hasso-Plattner-Institut (HPI) an der Uni Potsdam hat man im vergangenen Jahr sogar eine eigene Plattform entwickelt, OpenHPI (siehe Kasten), auf der bislang vier selbst produzierte Onlinelehrgänge laufen. Gleich der erste Kurs auf OpenHPI, den SAP-Gründer Hasso Plattner selbst gibt, erreichte mehr als 15.000 Teilnehmer. Dabei war das Thema eher etwas für Computerfreaks: Es ging um In-Memory-Datenbanktechnologie. Immerhin rund 2.100 Teilnehmer absolvierten die Abschlussprüfung erfolgreich und erhielten ein Zertifikat. »Wir haben uns gesagt: Wenn wir so etwas machen, dann machen wir es selbst«, sagt Christoph Meinel, Direktor des HPI. »Wir haben den Ehrgeiz, und wir haben die Leute, die das können.«

Aus DIE ZEIT :: 06.06.2013

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