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Rezepte für die Weltelite

Das Gespräch führte ANDREAS SENTKER

Was kommt nach dem Exzellenzwettbewerb? Peter Gruss, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, hätte da so einige Ideen.

Rezepte für die Weltelite© MPG/Axel GrieschPeter Gruss, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, zur Zukunft der Hochschullandschaft nach der Exzellenzinitiative
DIE ZEIT: Was kommt nach der Exzellenzinitiative? Die Fortsetzung der Exzellenzinitiative?

Peter Gruss: Das kann ich mir nicht vorstellen. Wir haben gerade vermutlich die letzte Entscheidungsrunde erlebt. Aber die Initiative hat zu einer sichtbaren Differenzierung der Hochschullandschaft geführt. Diese Sichtbarkeit tut uns im Ausland gut. Und im Inneren hat der Wettbewerb eine enorme Dynamik freigesetzt.

ZEIT: Bisher sollten die Hochschulen in allen Bundesländern gleiche Bildungschancen gewährleisten, darum mussten sie als gleich gut gelten.

Gruss: Das stimmt. Die Wahrnehmung der Unterschiede war politisch nicht erwünscht. Jetzt aber ist ein Paradigmenwechsel initiiert worden, der langfristige politische Konsequenzen hat, vor allem für die Länder. Die müssen eine Universität, die in der Forschung dauerhaft exzellent sein soll, anders fördern als eine Universität, die sich auf eine hochwertige Ausbildung konzentriert.

ZEIT: Das ist doch gerade einer der Kritikpunkte am Exzellenzwettbewerb: Er fördert vor allem die Forschung, die Lehre bleibt außen vor.

Gruss: Wir dürfen Forschung und Ausbildung nicht gegeneinander ausspielen. Beides ist elementar für ein leistungsstarkes Wissenschaftssystem. Wichtig ist, dass die Exzellenzinitiative nicht allein steht. Sie ist neben dem Pakt für Forschung und Innovation und dem Hochschulpakt eine von drei Säulen. Gerade der Hochschulpakt zielt auf eine Verbesserung der Ausbildungssituation an den Universitäten ab. Mit dem Hochschulpakt sollten Universitäten belohnt werden, die viel in die Lehre investieren.

ZEIT: Gibt es künftig sowohl Forschungs- als auch Ausbildungsuniversitäten?

Gruss: Ich sehe drei Gruppen: vier bis fünf Spitzenuniversitäten, die zur absoluten Weltelite aufsteigen können. Etwa 20 Profiluniversitäten, die international sichtbare Exzellenz auf bestimmten Forschungsfeldern besitzen. Die dritte Gruppe von Universitäten hat vielleicht gelegentlich Spitzenleistungen in der Forschung vorzuweisen, sie ist aber vor allem in der Ausbildung gut.

ZEIT: Was bedeutet das für die Hochschulförderung nach dem Exzellenzwettbewerb?

Gruss: Wir können nicht jedes Mal neuen Universitäten einen Titel verleihen und anderen den Titel wieder aberkennen. Wir müssen Farbe bekennen. Wollen wir fünf Hochschulen wirklich an die Spitze führen? Welche könnten das sein? Und was ist dazu notwendig? Auf jeden Fall ein langfristiges Engagement von Bund und Ländern.

ZEIT: Die internationale Spitze wird von Universitäten eines ganz bestimmten Typus markiert, der so in Deutschland nicht zu finden ist.

Gruss: Stimmt. Es sind vor allem die US-amerikanischen Elitehochschulen: privat finanziert, wenige Studenten, stark in der Forschung. Deutschland verlangt aber von seinen Universitäten breite Ausbildung und starke Forschung - mit demselben Personal.

ZEIT: Sie haben ausgerechnet, dass die Max-Planck-Gesellschaft - wenn man sie als Universität betrachten würde - im Shanghai-Ranking der weltweit besten Universitäten den fünften Platz belegen würde. Die Antwort der deutschen Universitäten auf solche Rechnungen liegt nahe: Die Max-Planck-Institute müssen ja auch nicht ausbilden.

Gruss: Wenn wir deutsche Universitäten in die Top Ten der Welt bringen wollen, ist der Erfolg am wahrscheinlichsten, wenn wir Strukturen wie an den US-amerikanischen Spitzenuniversitäten etablieren, mit wenigen Studenten und vielen Professoren. Diese Struktur haben Max-Planck-Institute bereits. Wir bilden ja durchaus Doktoranden und Postdoktoranden aus. Wenn uns die Politik den Status einer Graduierten-Universität verleihen würde, hätte Deutschland sofort eine Universität in den Top Ten.

ZEIT: Welchen Vorteil sollte das haben, wenn die Max-Planck-Institute zu einer Graduierten-Universität werden?

Gruss: Wir würden die Sichtbarkeit des Standortes Deutschland für junge Nachwuchstalente erhöhen. Und die deutschen Universitäten würden uns auf Augenhöhe begegnen. Aber wir müssten natürlich viel investieren, etwa in die Entwicklung von Curricula.

ZEIT: Hat Sie der Verlauf des Exzellenzwettbewerbs in diesem Plan eher bestärkt?

Gruss: Durchaus. Der Erfolg der Exzellenzinitiative ist ja nicht allein darauf zurückzuführen, dass die Universitäten mehr Geld bekommen haben. Entscheidend war der Aufbau der Exzellenzcluster, der Schulterschluss zwischen universitären und außeruniversitären Partnern. Und bisher sind an 70 Prozent der erfolgreichen Cluster Max-Planck-Institute beteiligt. Wir müssen dringend darüber nachdenken, wie wir diesen Erfolg verstetigen.

ZEIT: Andererseits hat gerade das Karlsruhe Institute of Technology (KIT) seinen Titel verloren, obwohl es zuvor als modellhafter Zusammenschluss eines Helmholtz-Zentrums mit der Universität gefeiert wurde.

Gruss: Helmholtz-Institute sind zum überwiegenden Teil vom Bund finanziert. Ein Durchleiten solcher Mittel in den Verbund mit einer Universität ist nicht im Sinne der Wissenschaft, wenn keine wissenschaftliche Exzellenz dahintersteht. Das KIT hat einen Gesamtetat von etwa der Hälfte der Max-Planck-Gesellschaft - und ist jetzt im Wettbewerb gescheitert.

ZEIT: Ist damit das Modell des Verbundes Helmholtz/Hochschule gescheitert?

Gruss: In Berlin sieht die Situation beispielsweise anders aus. Der angestrebte Verbund aus der Charité und dem Max-Delbrück-Centrum ist durchaus von großem wissenschaftlichen Interesse. Zu einer leistungsstärkeren Forschungslandschaft kommen wir aber nicht allein mit solchen punktuellen Fusionen. Wir müssen Finanzierungsstrukturen finden, die es generell ermöglichen, starke Partner regional miteinander zu vernetzen.

ZEIT: Dann könnte man doch die Säule der Exzellenzinitiative, die solche Cluster fördert, einfach fortsetzen.

Gruss: Dann fehlt mir aber immer noch eine langfristige Verbindlichkeit, die den Universitäten erlaubt, auch ihre Infrastruktur weiterzuentwickeln.

ZEIT: Deutschland war in der Forschung einmal weltweit führend, seit Jahrzehnten dominieren jetzt die USA. Welche Nation wird der nächste Forschungsweltmeister? China?

Gruss: Der Wissenschaftshistoriker Rogers Hollingsworth bezweifelt, dass es in Zukunft überhaupt eine führende Forschungsnation geben wird, stattdessen konkurrieren Forschungsräume. Wo wird denn in den USA Spitzenforschung betrieben? Doch nicht landesweit, sondern in bestimmten Clustern wie in der Region um Boston, in der Bay Area, im Cluster New York ...

ZEIT: Kann man so etwas gezielt aufbauen?

Gruss: Schauen Sie sich doch einmal einen der Gewinner der aktuellen Exzellenzrunde an: Dresden. Das ist für mich ein Beispiel, wie man innerhalb von zwanzig Jahren eine Struktur erzeugt, die langfristig erfolgreich sein kann.

ZEIT: Das Erfolgsrezept heißt kritische Masse, also der Schulterschluss starker Partner mit unterschiedlichem Profil. Bisher aber hat sich die Politik eher um Interessenausgleich bemüht: Bekommt Bayern etwas, muss auch Niedersachsen etwas haben. Wird in München ein Institut eröffnet, gehört das nächste nach Regensburg.

Gruss: Das darf in Zukunft nicht mehr geschehen. Und Forschung eignet sich auch nicht als Mittel im Länderfinanzausgleich.

ZEIT: Bezogen auf Europa bringt eine solche Konzentration aber auch drastische Ungleichgewichte hervor. Zentren wie Berlin, München, Paris oder London entsprechen den Ballungen an der Ost- und Westküste der USA. Griechenland oder Italien ähneln dem Mittleren Westen Amerikas, Spitzenforschung ist hier selten zu finden.

Gruss: Ich teile Ihre Analyse. Aber auch in diesen Regionen schlummern Talente. Die müssen wir fördern. Wir diskutieren auf europäischer Ebene bereits entsprechende Programme.

ZEIT: 2015 endet der Pakt für Forschung und Innovation, 2017 die Exzellenzinitiative, 2020 der Hochschulpakt. Die Max-Planck-Gesellschaft profitiert vor allem vom ersten Pakt, der ihr jedes Jahr einen Budgetzuwachs von fünf Prozent garantiert. Sind Sie politisch darauf abonniert?

Gruss: Wir müssen Politik und Gesellschaft immer wieder aufs Neue überzeugen. Die vergangenen Jahre zeigen aber, dass das Geld gut investiert ist. Im globalen Innovationsranking sind wir von Platz zehn auf Platz vier aufgestiegen. Das Ranking misst ökonomischen Erfolg, der beruht am Ende auch auf her vorragender Grundlagenforschung. Und die Sicherung exzellenter Grundlagenforschung ist eine staatliche Aufgabe.

ZEIT: Dennoch sind fünf Prozent angesichts knapper Finanzmittel sehr viel. Hochschulen können davon ja nur träumen.

Gruss: Drei Prozent benötigen wir allein, um angesichts steigender Kosten, die unter anderem durch notwendige Bausanierungen, gestiegene Energiekosten oder Tariferhöhungen im öffentlichen Dienst entstanden sind - den Status quo aufrechtzuerhalten. Fünf Prozent benötigen wir, wenn wir auch Neues gründen wollen. Wir eröffnen jetzt in Nordrhein-Westfalen mit Hannelore Kraft ein Institut für chemische Energiekonversion. Wir müssen, das ist eine der Herausforderungen der Energiewende, in Zukunft in großem Maße Energie speichern können. Das geht nur auf chemischem Weg. Aber hier muss noch viel Grundlagenforschung geleistet werden.

ZEIT: Energiewende, Klimawandel - sind das die neuen Argumente für die Förderung von Grundlagenforschung?

Gruss: Wir wollten eine kurzfristige Gefahr eliminieren - die Kernkraft. Die vermutlich weitaus größere, langfristige Gefahr des Klimawandels wollen wir nicht sehen. Diese Gefahr verstehen und ihr begegnen zu wollen, das ist eine unserer Antworten auf die Frage, warum wir auch zukünftig fünf Prozent Zuwachs brauchen.

Aus DIE ZEIT :: 21.06.2012

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