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Richtige Doktoren - Was für die Wissenschaft aus der Causa von der Leyen folgt

von MANUEL J. HARTUNG und MARTIN SPIEWAK

Was wäre eigentlich passiert, wenn die Medizinische Hochschule Hannover der Bundesverteidigungsministerin den Doktortitel entzogen hätte?

Richtige Doktoren - Was für die Wissenschaft aus der Causa von der Leyen folgt© dommy.de - photocase.deDie Qualität medizinischer Doktorarbeiten ist häufig dürftig
Ursula von der Leyens Ruf als Miss Perfect der deutschen Politik wäre angekratzt, doch zurückgetreten wäre sie nicht. Anders als die frühere Bildungsministerin Annette Schavan ist von der Leyen nicht für die Wissenschaft zuständig (sieht man von den Bundeswehr-Unis ab). Anders als bei ihrem Vorvorgänger Karl-Theoder zu Guttenberg hatte ihre Arbeit im empirischen Kern, sagen Fachleute, Erkenntnisgewicht. Anders als andere Politiker, deren Doktorarbeiten wegen Plagiatsverdacht überprüft wurden, hat von der Leyen kommunikativ alles richtig gemacht: defensiv, demütig, betont zerknirscht.

Über die Medizinische Hochschule indes, ja über die Wissenschaft insgesamt wäre Empörung hereingebrochen: »Professoren entdecken plötzlich Qualitätsstandards, die sie selbst lange ignorierten« oder »Statt im eigenen Haus aufzuräumen, schieben Professoren die Verantwortung für verlotterte Sitten ihrer Disziplin auf frühere Doktoranden ab«, wäre der Tenor gewesen - und das völlig zu Recht.

Seit Jahrzehnten ist bekannt, dass viele der neben dem Studium verfassten medizinischen Dissertationen so dünn wie dürftig sind und, wie es der Wissenschaftsrat 2011 offiziell feststellte, »in der weit überwiegenden Zahl der Fälle nicht den Standards der Doktorarbeiten anderer naturwissenschaftlicher Fächer« entsprechen. Hätte man der Ministerin den Doktortitel aberkannt, hätte man Tausenden Dr. med.s ihre Titel auch entziehen müssen - allen, die wie von der Leyen nach den schwachen Standards ihres Fachs gearbeitet hatten.

Bei der Entscheidung für von der Leyen hat die Uni den richtigen Maßstab angelegt. Die Begründung - die Plagiate seien Fehler, aber kein Fehlverhalten - war indes verbal akrobatisch und inhaltlich abenteuerlich. Die ehrliche Version hätte gelautet: »Dr. von der Leyen hat an einigen Stellen unwissenschaftlich gearbeitet. Da dies in der Medizin aber weitverbreitet ist, wäre es unfair, ihr den Titel zu entziehen.«

Warum die Hochschulrektorenkonferenz nun erklärt, Plagiate und die Qualität medizinischer Promotionen seien »unbedingt getrennt zu betrachten«, ist daher rätselhaft. Promotionspraxis und Promotionsstandards sind untrennbar miteinander verbunden; dass ein Arzt zu einfach Dr. wird, ist eine Systemfrage. In der Vergangenheit waren große Wissenschaftsorganisationen zum Thema Plagiate sehr beredt; im Vorfeld der Schavan-Entscheidung gingen sie sogar mit einer dezidierten Erklärung in die Öffentlichkeit. Dass einige nun auf Anfrage der ZEIT wortkarg ablehnen, die Causa von der Leyen zu kommentieren, ist eine vertane Chance. Endlich sollte es eine Reform der medizinischen Dissertationskultur geben: Ein richtiger Dr. für den Doktor!

Aus DIE ZEIT :: 17.03.2016

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