Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Riskante Schieflage

Das Gespräch führte MARTIN SPIEWAK

Peter Strohschneider, der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, über Macht, den Trend zum Großprojekt und zu viele Publikationen.

Riskante Schieflage© DFGPeter Strohschneider, Germanist und seit Anfang des Jahres Präsident der DFG
DIE ZEIT: Herr Strohschneider, in der Wissenschaft geht es um das Wahre und Schöne, dachten wir. Wenn man zurzeit mit Vertretern der Wissenschaftsorganisationen spricht, reden sie viel von Macht und Geld. Erklären Sie uns das.

Peter Strohschneider: Wissenschaftsmanager organisieren die Räume, in denen die methodische Suche nach Wahrheit stattfinden kann. Diese Räume werden gerade neu geordnet. Da muss über Strukturen und Finanzausstattungen geredet werden. Es geht um immerhin vier Milliarden Euro pro Jahr alleine bei den drei großen Vereinbarungen zwischen Bund und Ländern - der Exzellenzinitiative, dem Pakt für Forschung und Innovation und dem Hochschulpakt. Im Grunde geht es aber noch um viel mehr, nämlich um die gesamte Grundausstattung der Hochschulen.

ZEIT: Sehen Sie die in Gefahr?

Strohschneider: In Politik wie Gesellschaft gibt es einen breiten Konsens über die herausragende Bedeutung von Wissenschaft; die Nachfrage nach akademischer Bildung steigt von Jahr zu Jahr. Unsere Forschung hat ein historisch hohes Niveau. Die Frage ist, wie wir dieses Niveau halten und steigern können.

ZEIT: Also weiter so mit noch mehr Geld?


Strohschneider: Mehr Geld ist meistens gut, ein Weiterso nicht. Denn das Wissenschaftssystem ist in eine riskante Schieflage geraten. Während die außeruniversitäre Forschung dank der Fördermittel des Bundes auskömmlich finanziert ist, darben viele Universitäten. Ihre festen Einnahmen aus den Länderhaushalten stagnieren oder sinken, frisches Geld bekommen sie nur als Drittmittel. Dabei ist die Universität das Herzstück unseres Wissenschaftssystems.

ZEIT: Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) selbst ist doch der wichtigste Drittmittelgeber. Sie müssten froh sein über Ihren Zuwachs an Einfluss.

Strohschneider: Es soll ja nicht unser Einfluss wachsen. Die DFG versteht sich als Zusatzfinanzier qualitätsvoller Grundlagenforschung. Wenn diese jedoch ohne Drittmittel kaum mehr möglich ist, verändert sich unsere Rolle.

ZEIT: Was stört Sie daran?

Strohschneider: Dass Drittmittel immer mehr zu einer Art Währung im Wissenschaftssystem werden. Daher entscheidet die DFG indirekt über Gehaltszulagen von Professoren, Reputation oder inneruniversitäre Macht mit. Das hat den Nebeneffekt, dass die Zahl der Anträge stetig steigt und die Erfolgsquoten trotz unseres wachsenden Budgets sinken. Das macht auch den Ton rauer.

ZEIT: Inwiefern?

Strohschneider: Der Kampf um Drittmittel wird härter, und damit wächst der Ärger, wenn die DFG einen Antrag ablehnt. Wir entscheiden immer weniger darüber, ob jemand mit Drittmitteln unter besseren Bedingungen forschen kann, sondern ob er überhaupt forschen kann.

ZEIT: Die Hauptkritik am Drittmitteldruck kommt aus den Geisteswissenschaften. Für die spielen externe Forschungsgelder keine große Rolle.

Strohschneider: In der Medizin oder bei den Ingenieuren, die auf Mitarbeiter, Labore oder teure Apparaturen angewiesen sind, geht ohne Drittmittel nur noch wenig. Viele Geisteswissenschaftler dagegen treibt eher die symbolische Dimension der Drittmittel und die mit ihnen verbundene universitäre Strukturmacht um.

ZEIT: Am Ende der Diskussion entscheidet der Drittmittelkönig?

Strohschneider: So simpel ist es selten. Aber bei Diskussionen über zukünftige Schwerpunkte einer Universität spielt die Frage, wo sie externe Forschungsgelder akquirieren kann, schon aus Gründen der Finanznot eine wichtige Rolle.

ZEIT: Plädiert der Präsident der DFG jetzt gegen Drittmittel?

Strohschneider: Das wäre ja bizarr! Die Konkurrenz um Drittmittel muss aber in einem vernünftigen Ordnungsrahmen stattfinden, und der wird zurzeit überdehnt. Eigentlich sollten Wissenschaftler eine Forschungsfrage haben und dann schauen, woher sie das Geld bekommt, um die Frage zu beantworten. Es steigt aber die Versuchung, dass im Gegenteil nach den Fördertöpfen geschielt und dann überlegt wird, welche Forschungsidee dazu passt.

ZEIT: Noch mal: Inwiefern ist die DFG für den Drittmitteldruck mitverantwortlich? Sie selbst hat in den vergangenen Jahren stark auf Forschungsverbünde gesetzt.

Strohschneider: Wenn Sie die Struktur der Materie erforschen wollen oder eine neues Forschungsschiff brauchen, haben große Förderformate ihren Sinn. Es gibt aber einen Trend zur wachsenden Projektgröße, der sich verselbstständigt hat und nicht wissenschaftlich zu begründen ist. Viele Kollegen, gerade auch aus den Naturwissenschaften, haben mich vor meinem Amtsantritt gebeten, die Förderung der einzelnen Wissenschaft lerinnen und Wissenschaftler zu stärken.

ZEIT: Was treibt diesen Trend an?

Strohschneider: Vor allem eben Finanznot. Einem Universitätsrektor erleichtern viele erfolgreiche Einzelanträge die Arbeit weit weniger als ein großer Sonderforschungsbereich. Aber auch die Politik fördert den Trend.

ZEIT: Inwiefern?

Strohschneider: Ganz simpel: Wenn ein Philosoph ein Buch schreibt, kann niemand bunte Bänder durchtrennen wie bei der Einweihung eines neuen Forschungsgebäudes. Ich will indes betonen: Auch wenn die DFG heute mehr Cluster, Forschergruppen oder Sonderforschungsbereiche finanziert als vor zwanzig Jahren - sie fördert darum nicht weniger einzelne Wissenschaftler.

ZEIT: Fördert die DFG vielleicht zu viele Forschungsvorhaben? Die Klage darüber, dass niemand die unzähligen Aufsätze, Kongressbeiträge oder Bücher, die veröffentlicht werden, mehr lesen kann, ist allgegenwärtig.

Strohschneider: Richtig ist, dass niemand mehr den Forschungsfortschritt seiner Gesamtdisziplin überblicken kann. Deshalb werden die Spezialisierungen immer enger. Man begreift tendenziell nicht mehr die Soziologie überhaupt als sein Fachgebiet, sondern vielleicht die Soziologie schwarzer Familien im Süden der USA.

Peter Strohschneider

Der Germanist (Spezialgebiet: mittelalterliche Literatur) ist seit Anfang des Jahres Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Zuvor hatte Strohschneider den Vorsitz des Wissenschaftsrates inne. Bis 2002 war der 57-Jährige Professor an der TU Dresden. Dort richtete er den ersten geisteswissenschaftlichen Sonderforschungsbereich in den neuen Bundesländern ein.

Die DFG ist der wichtigste Förderer von Forschung in Deutschland. Sie hat einen Etat von 2,5 Milliarden Euro und hat mit dem Wissenschaftsrat die Exzellenzinitiative organisiert.
ZEIT: Wird also zu viel geforscht?

Strohschneider: Es wird jedenfalls zu viel publiziert. Daher darf kein Forscher seinem Förderantrag bei der DFG mehr eine lange Publikationsliste beilegen. Eine kleine Auswahl der wichtigsten Veröffentlichungen muss reichen.

ZEIT: Wird auch zu viel promoviert?

Strohschneider: Es täte der Qualität der Dissertationen gut, wenn in Deutschland deutlich weniger promoviert würde als heute. Nicht jedes Promotionsvorhaben führt ja zu einer Karriere in der Wissenschaft. Für die Qualität von Promotionen ist es oft sehr vorteilhaft, wenn sie in strukturierten Programmen wie den DFG-Graduiertenkollegs stattfinden. Deshalb schlagen wir vor, dass die Mittel aus der Exzellenzinitiative für die Graduiertenschulen dauerhaft in das Portfolio der DFG übergehen.

ZEIT: Wie stellt sich die DFG die Zukunft der Exzellenzcluster vor?

Strohschneider: Sie sollten mit den DFG-Forschungszentren zusammengeführt und ebenfalls in das Programm der DFG integriert werden. Die 2012 neu eingerichteten Exzellenzcluster könnten so im Rahmen eines Qualitätswettbewerbs weiter finanziert werden. Zugleich könnte die DFG das Förderinstrument zur strategischen Entwicklung bestimmter Forschungsfelder einsetzen.

ZEIT: Ihnen schwebt eine Art DFG-Institut vor?

Strohschneider: Nein, eine institutionelle Förderung schließe ich aus. Man könnte sich aber vorstellen, die Zeiträume der Förderung zu verlängern, wenn wissenschaftliche Gründe dafür sprechen.

ZEIT: Aber die Idee zum Schwerpunkt käme von der DFG?

Strohschneider: Der inhaltliche Impuls muss immer aus der Wissenschaft kommen, die sich ja in der DFG organisiert, und nicht von der Politik. Das ist für uns konstitutiv.

ZEIT: Betonen Sie das, um sich von der Helmholtz-Gemeinschaft abzugrenzen, die ja stärker von der Politik abhängig ist? Diese will neuerdings nicht nur die Großforschung organisieren, sondern wie die DFG Drittmittel verteilen. Fürchten Sie neue Konkurrenten?

Strohschneider: Nein, unsere Kritik am Vorstoß der Helmholtz-Gemeinschaft hat systematische Gründe: Universitäten und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen, auch die Helmholtz-Zentren, kooperieren und konkurrieren miteinander. Dieses wissenschaftlich produktive Verhältnis wäre gefährdet, wenn einer der Partner beim anderen Drittmittel einwerben müsste. Deshalb plädieren wir mit Nachdruck dafür, dass die Trennung von Forschungs- und Förderorganisationen beibehalten wird.

Aus DIE ZEIT :: 13.06.2013

Ausgewählte Artikel